35

Perikles fühlte, wie er gezogen wurde, seine Fersen verhakten sich immer wieder an etwas. Der Tag war dunkel geworden, Wolken bedeckten den nächtlichen Himmel. Wie lange war er bewusstlos gewesen? Er hatte ein Bild von Attikos vor Augen, der bei dem Zusammenprall neben ihm gestanden hatte, dann nichts mehr. Hatte der kleine Bastard ihn niedergeschlagen? Ein Verdacht keimte in ihm. Er versuchte, sich auf die Beine zu bemühen, und stellte fest, dass er mit Stricken gefesselt war. Er blickte nach links und rechts, und ihm sank das Herz. Perser. Selbst in der abendlichen Düsternis hätte er sie an ihren eingeölten Bärten wiedererkannt, die gelockt und zu dicken schwarzen Matten geflochten waren. Er versuchte, seine steigende Panik unter Kontrolle zu bekommen. Es gab Geschichten darüber, was mit Athenern geschah, die von den Persern gefangen genommen worden waren. Sie hatten so viel Mitleid wie die Spartaner, was so viel hieß wie: gar keine. Er konnte nur hoffen, dass die Einzelheiten übertrieben waren, so wie Männer von Geistern und Flüchen erzählten, um ihre Freunde zu erschrecken.

Perikles wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er schließlich zu Boden geworfen wurde oder stürzte, sodass frischer Schmerz in ihm aufflammte. Überall um sich herum konnte er ein Feldlager ausmachen, mit Zelten und Pfaden, die sich zu allen Seiten in die Ferne erstreckten. Er musste sich beinahe in der Mitte aufhalten.

Wo er sich befand, war ein halbes Dutzend Gefangener so gefesselt wie er. Einige lagen, ohne sich zu rühren, wohingegen andere wegen der Misshandlungen, die sie erlitten hatten, aufstöhnten. Während er sich umsah, befestigten seine Wachen Ketten an einer Art eisernem Pfosten. Ihre Absichten waren deutlich. Trotz seiner Schmerzen und der Erschöpfung, die drohte, ihm den Verstand zu rauben, begann Perikles langsam in die Dämmerung davonzurobben. Er kam sich dabei vor wie eine Schlange, die ihre Haut abstreifte.

Er hielt an, als eine der Wachen zu ihm herüberschlenderte und ihm hart in die Rippen trat. Neuer Schmerz ließ ihn den Atem einziehen, und der Perser lachte leise. Perikles erkannte endlich, dass er verwundet worden war, wenn er sich auch nicht daran erinnerte, wie es passiert war. Als der Mann zu seiner Arbeit zurückschlenderte, fühlte er Wut in sich wie Dampf hochkochen: Wut auf Attikos, darauf, dass seine eigenen Leute ihn allein gelassen hatten, Wut auf welchen Hurensohn auch immer, der ihn misshandelt hatte, während er hilflos gewesen war, sogar auf denjenigen, der gelacht und einen Mann getreten hatte, der sich nicht wehren konnte. Es fühlte sich gut an, viel besser als Angst. Er ließ die Wut ihren Weg durch sein Inneres brennen, was ihn zittrig und schwach zurückließ, aber weiterhin weniger von Furcht erfüllt.

Einer seiner Wächter hielt ihm ein Messer an die Kehle, während er seine Hände an eine dünne Sklavenkette band und sie an dem Pfosten befestigte. In seinem geschwächten Zustand erschien ihm all das als unnötige Vorsicht. Alles, was Perikles tun konnte, war, seine Beine zusammenzuziehen und sich aufzusetzen, wobei er sich im Lager seines Feindes umsah. Nach einer Weile musste er sich übergeben, auch wenn nichts als gelbe Galle in seinem Magen war. Sein Kopf schmerzte zum Zerspringen, und als er keuchend die Augen schloss, konnte er grelle Blitze vor sich wahrnehmen.

»Hat jemand Kimon gesehen?«, murmelte er.

Zwei der Gefangenen waren immer noch bewusstlos zusammengesackt. Ein weiterer schrak bei seinen Worten hoch und sah auf.

»Er ist gekommen. Hat die Unsterblichen direkt zurückgetrieben. Sie haben mich geschnappt, als sie sich zurückgezogen haben. Zweifellos, um mehr über uns rauszufinden. Das sind Barbaren, weißt du. Für uns beide wird’s heiße Eisen geben.«

Perikles öffnete ein Auge, um die muntere Seele zu betrachten, neben der er angekettet war. Er fühlte sich nicht tapferer als der andere Mann, aber etwas in dessen besiegtem Ton entzündete seinen Spott.

»Dann haben wir’s wenigstens warm«, sagte er. »Ist doch auch etwas.«

Er fühlte, wie der andere Mann ihn anstarrte. Praotes war Gemütsruhe im Angesicht des Todes. Der Fremde kicherte leise in sich hinein.

»Mein Name ist Laodes«, sagte er. »Vom Kriegsschiff Penelope. Unter Strategos …«

»Ephialtes, ja. Ich kenne es. Ich hab gesehen, wie ihr heute gestrandet seid – oder besser zerschmettert. Als wir auf festen Boden getroffen sind, hab ich fühlen können, wie unser Kiel zerbrach.«

»Seid still da drüben!«, stieß eine Stimme hervor.

Überrascht, im Lager seines Feindes Griechisch zu vernehmen, sah Perikles auf. »Bring uns doch dazu«, sagte er.

»Du dummer …«, zischte Laodes. »Er kommt! Sag ihm nicht deinen wirklichen Namen.«

Sie sahen mit an, wie ein Mann in Hoplitenrüstung zu ihnen herüberkam und auf die elenden Kreaturen hinabstarrte, die an den Sklavenpfosten gekettet waren. An seinem Akzent erkannte Perikles bereits, dass er ein Makedonier war. Er beugte sich vor, spannte sich gegen die Einschränkung der Kette an und versuchte auszuspucken. Es war unmöglich. Sein Mund war so trocken wie die Erde um ihn herum.

»Wie lautet dein Name?«, wollte der Makedonier wissen.

»Mein Name? Laodes«, sagte Perikles. Er hörte, wie sein Gefährte ein ersticktes Geräusch von sich gab, und musste wider Willen grinsen.

Der Soldat stieß ihn mit seinem Stiefel an, hart genug, um klarzustellen, dass das noch um einiges schlimmer ging.

»Na, Laodes, du wirst der Erste sein, wenn General Artabazos kommt, um dich zu befragen. Ich schlag dir vor, du erzählst ihm alles, was er wissen will. Dann könnte er es schnell zu Ende bringen.«

»Was ist mit euch Makedoniern eigentlich los?«, fragte Perikles. »Du bist doch einer, stimmt’s? Dein König kam nach Athen. Hat uns angefleht, aufzugeben, Persien unseren Stolz haben zu lassen, so wie sie euch euren genommen haben. Wir haben ihn mit nichts fortgeschickt – und wir sind losgezogen, um die Perser bei Platäa zu treffen. Habt ihr in euren nördlichen Wäldern schon davon gehört?«

»Du armer Narr«, sagte der Mann, dessen Stimme vor Verachtung und Zorn triefte. »Du denkst, die Zukunft liegt in eurer kleinen Stadt? Ich habe ein Reich gesehen, das riesiger und stärker als alles ist, was du dir vorstellen kannst. Ich dachte, unsere großen Tage würden alle hinter uns liegen, bis wir zu Verbündeten von Persien gemacht wurden. Mein König hat gefühlt, aus welcher Richtung der Wind blies, das ist alles.«

»Nein, er hat euch verkauft«, sagte Perikles. »Er hat Makedonien verkauft, um zu den Füßen eines ausländischen Königs zu sitzen.«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich werde dich nicht töten, Laodes, falls es das ist, was du erreichen willst. Aber ich werde zuschauen, wenn sie dich befragen. Das wird mir Spaß machen.«

Widerstrebend brachte der Mann es fertig, wegzugehen. Perikles blickte ihm nach.

Sein Kamerad spannte seine Kette an, um sich ihm zuzuwenden. »Warum hast du ihm meinen Namen genannt?«

Perikles lachte müde. »Es war der erste, der mir einfiel.«

In der Ferne konnte Perikles sehen, dass der Himmel blass wurde. Er blinzelte in die Dämmerung und begriff, dass er in seiner Benommenheit eine ganze Nacht verloren hatte. Ein Schlag auf den Kopf war eine scheußliche Sache. Er erinnerte sich, dass er an Land gesprungen war, aber der Rest kam und ging in kurzem Aufblitzen von Bildern.

Am gegenüberliegenden Horizont begann sich ein anderes Licht auszubreiten. Perikles drehte den Kopf nach Osten, dann wieder nach Westen, um die Helligkeit zu vergleichen, dann sah er eine Bewegung, die auf Flammen hindeutete. Innerhalb von Augenblicken war die nächtliche Ruhe durchbrochen. Hörner wurden als Warnung vor einem Angriff geblasen.

»Er steckt die Flotte in Brand«, flüsterte Laodes begeistert. »Schau dir das Licht an! Wie weit es reicht! Bei Ares, er muss wohl jedes Schiff verbrennen.«

Perikles betrachtete die Stricke, die seine Handgelenke gefesselt hielten – und die eisernen Glieder der Sklavenkette, die sich durch sie wand. Er ließ die Glieder zwischen seinen Fingern hin und her gleiten und befühlte ihre Stärke. Die Kette war zu stark, als dass er sie hätte sprengen können, zumindest solange er befürchten musste, eine Wunde aufzureißen. Doch überall in dem riesigen Feldlager erhoben sich nun Perser. Er glaubte nicht, dass sie die Gefangenen am Leben lassen würden, wenn sie dazu gezwungen wurden, auszurücken. Aus jedem Zelt sprangen Männer, die schrien, deuteten und losrannten, um ihre Rüstungen überzuziehen und die in der Nacht zuvor abgelegten Waffen aufzusammeln.

»Kimon kommt«, sagte Perikles befriedigt.

Er kannte seinen Freund. Er rückte näher an den Pfosten heran und packte ihn zwischen seinen Oberschenkeln. Während Laodes es mitansah, begann er seine Stricke vor und zurück über das raue Eisen zu ziehen, im Versuch, sie abzunutzen.

 

Das Licht der Dämmerung konnte nicht mit dem der Schiffe konkurrieren, die entlang des Flusses brannten, jedenfalls nicht zuerst. Als die Sonne sich über dem Horizont zeigte, konnte Xerxes eine Linie aus Feuer sehen, die sich so hoch wie die Schiffe selbst vom Wasser erhob. Männer schrien in diesem Glutofen, er konnte sie hören. Andere sprangen zu Tausenden in den Fluss und schwammen zu den Böschungen. Vom Sattel eines Schlachtrosses blickte er auf das Ende all seiner Hoffnungen hinab. Artabazos war auf seinem eigenen Pferd da. Seine dunklen Gesichtszüge erschienen wächsern, während er die Zerstörung betrachtete. Die Griechen, immer wieder die Griechen. Xerxes’ Pferd versuchte seinen Kopf ins Gras am Fluss zu tauchen. Zur Erwiderung zogen seine Hände die Zügel straffer, aber er hatte keine Worte, um seiner Wut Ausdruck zu verleihen.

»Können wir nicht zurückschlagen, General?«, fragte er. Selbst in seinen eigenen Ohren hörte sich seine Stimme wehleidig und schwach an. Xerxes räusperte sich und versuchte es noch einmal. »Sag mir einfach, wohin wir marschieren sollen, Artabazos! Wenn die Männer mich sehen, werden sie wieder Mut fassen, das weiß ich. Eine Flotte kann wieder aufgebaut werden.«

»Noch einmal? Was würde das nützen?«, hörte er Artabazos murmeln.

Überrascht blinzelte Xerxes ihn an. Der Mann war gewöhnlich das Modell eines perfekten Offiziers, respektvoll und still. Es schien, als hätte der Anblick der brennenden Schiffe seine Ruhe gestört.

»Was hast du zu mir gesagt, General?«

»Es tut mir leid, Eure Majestät. Ich meinte nur, dass sie gründlich vorgegangen sind. Schiffe auf beiden Seiten des Flusses sind in Brand gesteckt worden – und das Feuer hat sich ausgebreitet. Kiele und Planken der Schiffsrümpfe werden diesen Fluss auf Jahre hinaus blockieren. Es gibt keine Möglichkeit, diese Flotte wiederaufzubauen, nicht jetzt.«

Xerxes nickte, als erhielte er einen alltäglichen Bericht anstatt das Ende seiner Hoffnungen. Er versuchte die Panik zu verbergen, die in ihm aufflammte. Er wusste mehr als jeder andere, sogar mehr als Artabazos, dass die Nationen seines Reichs keinen weiteren Versuch erlauben würden. Er hatte Könige in Armut getrieben und Tausende von Sklaven zu Tode geschunden. Die Kosten in Gold und Blut überstiegen sogar seine Vorstellung, aber er hatte Persien an den Bettelstab gebracht – von Marathon über die Thermopylen und Platäa bis zu diesem letzten großen Wagnis. Die Linie aus Feuer, die mit der Sonne wetteiferte, stellte ein Ende dar.

Xerxes räusperte sich und versuchte, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. Er bemerkte, dass seine Hände zitterten. »Können wir den Feind sehen, General?«

Müde schüttelte Artabazos den Kopf. »Da ihre Schiffe noch schwimmen, gibt es nur wenig, was wir erreichen könnten, selbst wenn wir dazu in der Lage wären.«

Da war er wieder, dieser ungewohnte Ton. Bei einem anderen Mann hätte es Unverfrorenheit sein können. Der Großkönig runzelte die Stirn, als er ihn hörte, aber Artabazos stieg nicht ab, um sich vor ihm niederzuwerfen, so wie er es vielleicht früher getan hatte. Xerxes konnte nur überrascht blinzeln. Er dachte, dass er schwach aussehen würde, wenn er es einforderte.

Artabazos machte eine angewiderte Handbewegung in Richtung Fluss. Das Licht der Flammen offenbarte griechische Schiffe, die versuchten, ihren Weg durch die Flussmitte zu finden. Artabazos konnte sehen, wie ihre Besatzungen Eimer an Leinen hochzogen und ihre eigenen Decks begossen, um sie vor den Funken zu schützen, die dick und golden in der Morgenluft herumflogen. Zweifellos würden einige dieser Schiffe die Feuersbrunst, die sie begonnen hatten, nicht überstehen. Es war ein schwacher Trost.

Artabazos rieb sich das Kinn mit dem Handrücken und betrachtete den Fluss genauer.

»Eure Majestät …«, begann er, »wir haben unsere Truppen alarmiert, als die ersten Schiffe in Brand gesteckt wurden. Da hoffte ich noch, dass wir sie retten könnten. Aber es gab hier keine Massenlandung. Es sieht mehr so aus, als ob …«

In der Ferne erklangen Hörner, und der General fluchte und riss sein Pferd herum. Xerxes begann zu fragen, was geschah, aber ausnahmsweise einmal ignorierte ihn der General. Artabazos pfiff seinen Offizieren zu und deutete auf das Hauptlager.

»Das ist eine Ablenkung!«, schrie er. »Sie sind hinter uns.«

»Was passiert hier? General?«, stieß Xerxes hervor.

»Eure Majestät, die Griechen versuchen uns wegzulocken, indem sie unsere Schiffe verbrennen. Wir müssen zum Lager zurück. Jeder weitere Augenblick ist einer, den wir nicht verlieren dürfen. Bitte, Eure Majestät, reitet mit mir.«

Xerxes biss die Zähne zusammen und nickte knapp. »Also gut, Artabazos. Führ uns in den Krieg.«

 

Perikles sah einen Schildwall, den er so gut kannte wie das Gesicht seines Freundes. Kimon hatte alle Hopliten der Flotte für seinen Angriff auf das Hauptlager versammelt, so viel war klar. In Ehrfurcht blickte Perikles mit an, wie etwa sechstausend golden schimmernde Männer alle vor sich hertrieben. Speere glitzerten, und in plötzlicher Panik begriff er, dass er Gefahr lief, von ihnen aufgespießt zu werden.

»Gefangene! Griechen!«, schrie er und hielt seine leeren Hände hoch. Er machte die Erfahrung, grimmige Gesichter unter bronzenen Helmen über riesigen Schilden und glänzenden Beinschienen darunter zu sehen, während die ganze Zeit über eiserne Speerspitzen auf ihn deuteten. Sie hörten seine Worte über das Trampeln von Füßen und den Lärm des bewaffneten Widerstands hinweg. Die Schlachtlinie teilte sich, und er stand wie ein Stein in einem Fluss. Perikles rief nach einem Messer, und einer der Männer hielt endlich an, als er begriff. Schnell durchschnitt er die Fesseln, mit denen Laodes immer noch gebunden war. Inzwischen waren alle Gefangenen bei Bewusstsein, wenn auch einer noch immer benommen war und von einem anderen gestützt wurde.

»Wo ist Kimon? Zenon? Anaxagoras? Epikleos?« Perikles schrie die Namen, obwohl er von seinen eigenen Leuten beschimpft und gestoßen wurde. Sie hatten sich auf Gewalt eingestellt und waren nicht erfreut darüber, dass er ihnen in die Quere gekommen war. Binnen Kurzem wurde Perikles wortreicher verwünscht, als es ihm in seinem ganzen bisherigen Leben passiert war. Es war eine Form von Bildung, dachte er, und begann zu lachen.

»Perikles!«, schrie eine Stimme zu seiner Linken. Es war Kimon, der mit den Besten des Bündnisses marschierte. Er war von einem Dutzend Boten umringt, und Perikles sah, dass Zenon einer von ihnen war. Der kleine Mann war immer schnell gewesen. Sie grüßten einander voll gegenseitiger Freude.

»Hier!«, wiederholte Perikles.

»Der Sohn von Xanthippos?«, fragte Laodes neben ihm.

Der Mann hatte sich aufgerichtet und rieb sich die Handgelenke. Als Perikles nickte, sah er erfreut aus. »Dein Vater war ein guter Mann. Es ist mir eine Ehre.«

»Alle Väter sind gute Männer«, sagte Perikles leichthin.

Laodes schüttelte den Kopf. »Du wärst überrascht. Trotzdem, ich freue mich sehr, frei zu sein. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir einen Schild und auch einen Speer finden könntest.«

Beide konnten vor sich Kampflärm vernehmen, die Hopliten strömten darauf zu. Sich entschuldigend, gingen sie gegen den Strom durch die vorbeikommenden Reihen, obwohl es ihnen weitere Flüche einbrachte, von denen einige so dermaßen schmutzig waren, dass Perikles rot angelaufen war, als er Kimon erreichte.

»Ich bin hier – und noch am Leben«, sagte Perikles.

Kimon nickte ihm zu. »Ich habe ihre Schiffe in Brand gesteckt. Wenn wir sie hier ausdünnen können, kehren wir um und stellen uns dem Rest.« Der Nauarch musterte Perikles’ verwundete und schmutzige Erscheinung und schüttelte den Kopf. »Du hast weder Schild noch Rüstung, Peri. Du solltest zurückgehen. Anaxagoras ist zusammen mit Epikleos an Bord des Flaggschiffs. Beide haben gestern Wunden davongetragen.«

»Weil sie mich retten wollten?«

Kimon zuckte die Achseln. »Sie haben versucht, dich zu erreichen. Wie auch immer, du kannst nicht bei mir bleiben.«

»Leih mir deine Kopis«, sagte Perikles. »Ich werde an deiner Seite stehen – wie schon auf Skyros und Zypern.«

Kimon biss sich auf die Unterlippe, dann aber händigte er ihm die Klinge ohne weiteren Protest aus. Er betrachtete den Fremden, der neben Perikles stand. »Hab ich nicht einmal gesehen, wie du ausgepeitscht wurdest?«, fragte er. »Für Diebstahl? Nein – fürs Angreifen eines Offiziers?«

Perikles warf Laodes einen Seitenblick zu und war überrascht, ihn so verlegen zu sehen wie einen Jungen in der Gegenwart eines Mannes, den er verehrte.

»Ich glaube … ja, Kyrios, das ist möglich. Zu meiner Verteidigung, er war ein richtiger Bastard.«

Kimon streckte den Arm aus und zog eine Klinge aus dem Gürtel eines der Männer um ihn herum. Der Hoplit protestierte nicht, wenn sein Blick auch alles genau verfolgte und sich merkte, wer seine Waffe bekam. Laodes verneigte sich, als er die Klinge annahm und losmarschierte.

»Mach deine Schande wieder wett«, sagte Kimon.

Er sah nicht das Glänzen von Tränen in Laodes’ Augen, ehe der Mann sie wegrieb, die Schultern rollte und sich dem Rest anschloss.

 

Artabazos ließ seine Truppen, so schnell er konnte, zurückmarschieren, wenn sein Herz auch mit jedem Schritt sank. Mit dem plötzlichen Alarm und dem Marsch zum Fluss hatten sie weder geschlafen noch gerastet, nur um sofort umzudrehen und über unwegsames Gelände zurückzukommen. Er hoffte, dass die Griechen in der Nacht ebenso aktiv gewesen waren und sich ausgelaugt hatten.

Der Morgen war kalt und klar genug angebrochen, daher konnte er weit in die Ferne sehen. Das Feldlager brannte an verschiedenen Stellen, Rauchfahnen erhoben sich in die Luft. Als er näher kam, konnte er sich das Gemetzel innerhalb seiner Grenzen vorstellen. Jetzt fanden keine Kämpfe statt, nicht während die Griechen sich neu formieren und auf sie warten konnten. Artabazos schluckte hart. Er erinnerte sich an Platäa.

Es fehlten nur die roten Umhänge, um die Szene zu vervollständigen. Eine Reihe von Schilden glitzerte in der Sonne, mit Zehntausenden an jeder Flanke. Er kannte den goldenen Stein, so wie er die kannte, die sein König unbedingt Unsterbliche nennen wollte, obwohl sie weder die Qualität noch die Kondition der persischen Elitekrieger besaßen. Soldaten in die Gewandung besserer Männer zu kleiden, brachte ihnen überhaupt nichts, dachte er, außer ihnen falsche Vorstellungen über sich selbst zu geben. Er hatte gesehen, wie sie in ihren weißen Tuniken herumstolziert waren, die sie sich nicht verdient hatten.

Artabazos atmete tief die kalte Nachtluft ein. In der Nähe war ein Hügel, und er schickte Boten aus, um Xerxes zusammen mit seiner ihn umgebenden Leibgarde darauf zuhalten zu lassen. Das Leben des Königs konnte nicht riskiert werden, wo verirrte Pfeile oder Speere flogen. Sein Leben war das einzige, das zählte. Artabazos fühlte, wie sich Missgunst in ihm regte, und erstickte sie rücksichtslos. Er hatte eine Aufgabe zu erfüllen und die Zahlen, um sie zu erledigen. Trotz all ihrer griechischen Kriegslisten, trotz des Gemetzels im Feldlager hatte er immer noch ein Heer, das zweimal so groß war wie das, dem er entgegentrat.

Artabazos beobachtete, wie Xerxes mit seinen Männern zu dem Hügel ritt. Er fragte sich, ob der König ihn am Leben lassen würde, selbst wenn sie siegten. Der Verlust der Flotte hatte ihnen allen eine Wunde zugefügt, und Artabazos wusste, dass er möglicherweise dafür bezahlen musste, egal, was passierte. Der Gedanke lenkte seine Aufmerksamkeit ab, während er auf das brennende Lager zumarschierte und die Griechen sich davor zum Kampf aufstellten.