36

Bündnis! Bündnis!«, rief Kimon. Er zog den Klang des Worts in die Länge, sodass es weiter und weiter ertönte, wie das Heulen eines Wolfs. Als alle Blicke auf ihn gerichtet waren, schickte er seine Stimme über die umstehenden Reihen hinweg.

»Mein Vater stand bei Marathon!«, rief Kimon.

Hinter ihm schwelten die Überreste des persischen Lagers, und in diesem Moment hätte er einer aus dieser gesegneten Generation sein können. Kimon blickte über alle hinweg, die an diesen Ort gerudert oder gesegelt waren. Er erkannte, dass er endlich wusste, was es bedeutete, seine Füße auf den Boden zu pflanzen und standzuhalten, mit Brüdern und Schwestern seiner Stadt, mit der ganzen Welt auf dem Spiel. Athen … Nein, hielt er gedanklich inne. Sie waren mehr als das. Er hatte nach den richtigen Worten gesucht. Auf einmal kamen sie ihm, so wie Wasser aus einem Becher floss, während ein persisches Heer einer Mauer gleich auf sie zumarschierte.

»Einige von euch, die heute hier sind, haben mit ihm standgehalten. Mit Miltiades und Xanthippos und Aristides und Themistokles – Männern wie wir. Sie kämpften auf dem Fenchelfeld, gegen ein gewaltiges Heer, bis sie Persien zurück ins Meer trieben. Das Reich kam, um zu verlangen, dass wir uns beugten, dass wir knieten. Wir sagten Nein … und erhoben Speer und Schild gegen sie.«

Er musterte die Reihen von in Bronze gerüsteten Hopliten, die Tausende mehr auf den Flanken. Sie waren völlig still, während sie warteten und sich anstrengten, jedes einzelne Wort zu hören. Und die ganze Zeit über marschierten und marschierten die Perser näher.

»Es war der größte Moment im Leben meines Vaters«, fuhr Kimon fort. Seine Brust schwoll an, als er Luft holte, um sie alle mit seiner Stimme zu erreichen. »So hat er es mir erzählt. Als er nach Hause kam, trugen seine Leute ihn auf ihren Schultern und drückten ihm Amarantblumen in die Hände. Sie sagten, Miltiades würde unsterblich sein. Die Erinnerung an ihn ist es.«

Über die Schlachtreihen hinweg nickten einige der Anwesenden. Junge Männer verstanden, während ältere Männer das nicht taten. Perikles fühlte, wie eine starke Gefühlsbewegung ihm den Hals zuschnürte. Noch nie hatte er Kimon so sprechen hören. Der Nauarch hielt sie alle verzückt und schweigend in seinem Bann, und Worte flossen aus ihm heraus.

»Ich habe bei Salamis gekämpft, als sie kamen«, fuhr Kimon fort. »Sie brachten ein Heer, das größer war als der Überrest, den ihr heute seht, größer als ganze Städte. Wir ruderten und enterten und setzten in Brand, den ganzen Tag lang, bis wir erschöpft waren. Aber wir brachen sie – an See, an Land. Ich war ein Athener.«

Er sah sich unter ihnen um.

»Heute bin ich mehr. Ich sehe Athener hier, wie an dem Tag bei Marathon, aber ich sehe auch Männer aus vielen anderen Städten, aus so weit entfernten Königreichen wie Ionien. Alle gemeinsam verbunden – in unserem großen Bündnis. Meine Freunde! Marathon und Platäa sind die Vergangenheit. Das hier ist unser Tag, unsere Zeit, unser Jahr. Das ist der Tag von Söhnen. An diesem Ort, bei dem Fluss. Sie kamen zu uns … jetzt sind wir zu ihnen gekommen. Hier werden wir sie aufhalten. Schaut auf die Menschen um euch herum – auf die Gesichter, die ihr kennt. Die Perser werden sich an uns brechen wie die See an einem Felsen.«

Er ließ einen wortlosen Moment verstreichen, weil er den Lochagoi signalisieren wollte, dass sie die Disziplinierung der Schlachtreihen übernehmen sollten. Sie sollten mit dem Einschüchtern und Drohen weitermachten, das die Männer von einem sich nähernden Feind ablenken würde. In dieser Stille begannen sie zu jubeln, ohne Worte, in schlichter Missachtung der herankommenden Perser. Wenn Kimon vorgehabt hatte, noch mehr zu sagen, ging es in dem unausgeformten Brüllen unter, dieser gemeinsamen Stimme, die anschwoll, bis der Boden erbebte, wenn das nicht an dem Marschieren des persischen Heers lag.

Perikles sah, wie Truppen in weißen Tuniken eine einzelne Front bildeten. Sie sahen stark aus, das Herz eines Reichs – und es waren so viele. In der Ferne sah er, wie eine kleine Gruppe von der herankommenden Masse fortritt und auf einen Hügel zuhielt, wo ein paar Bäume wuchsen. Das konnte nur ihr König sein, der gekommen war, um zuzusehen, so wie er einst am Ufer unten bei Piräus gesessen hatte, während über seinem Kopf ein weißer Pavillon sich im Wind blähte und knatterte.

Perikles rief jeden Fluch, den er kannte, auf Xerxes’ Haupt herab. Er mochte ihn so, wie Aischylos seine Zeilen geschrieben hatte: verzweifelt, vom Chor in die Schatten geführt. Das konnte nicht sein Sieg sein! Die Perser hatten ein Heer nach Griechenland gebracht, um sie dazu zu zwingen, vor ihnen zu knien. Kimon hatte seinen Vater an sie verloren, Perikles seinen Bruder. Jahrzehntelang war persisches Gold und Blut über sie hinweggewaschen und hatte sie verändert. Perikles schauderte bei dem Gedanken. Er und Kimon taumelten noch immer an das rote Ufer, an dem sich die große Welle brach.

 

Artabazos verbarg jedes Anzeichen von Furcht, als er die Flanke entlangritt. Er hatte zu viele Erinnerungen an Platäa, um jemals wieder mit Gemütsruhe eine Reihe von Hopliten anzublicken. Doch sie hatten nicht die Spartaner! Die roten Umhänge fehlten in ihren Schlachtreihen. Artabazos hatte sichergestellt, dass sich diese Nachricht unter seinen Truppen verbreitete. Doch die Athener hatten auch bei Platäa standgehalten. An sie erinnerte er sich ebenfalls. Sie waren nicht auseinandergebrochen.

Er fühlte, wie Verzweiflung an ihm nagte. Warum weigerten sich manche Menschen wegzusehen, während andere davonrannten? Die Griechen waren nicht stärker als seine Soldaten, auch nicht tapferer. Da war er sich sicher. Die Hellenen waren geschickte und rücksichtslose Krieger, aber das waren seine Männer auch. Was körperliche Ertüchtigung und Waffenübungen anging, hatte Artabazos sie härter trainiert, als sie es je erlebt hatten. Wenn er den Anblick der Unsterblichen als unbehaglich empfand, so schienen die Männer sie doch zu lieben. Warum konnten die Griechen nicht vor so vielen davonlaufen? Die Götter, denen sie folgten, waren nichts weiter als Echos, Gedanken im Verstand von Ahura Mazda, dem Herrn der Weisheit.

Artabazos biss die Zähne zusammen. Platäa war weit weg, zurückgelassen in Zeit und Stätte. Sein Schatten konnte sich nicht so weit erstrecken, da war er sich sicher. Seine Füße liefen auf persischem Staub, seit zehntausend Jahren gewässert mit dem Blut seiner Vorfahren. Persien hatte eine Zivilisation gekannt, als die Griechen noch in Höhlen gelebt und sich vor jedem vorbeiziehenden Sturm gefürchtet hatten.

Er erinnerte sich an eine Redensart, die er Jahre zuvor wie ein Flüstern gehört hatte. Er und seine Männer waren der Sturm. Sie waren von den Hügeln heruntergebraust und sie würden die Griechen in einem großen Wind auseinandertreiben. Er betete dafür, als Xerxes und seine Leibwache wegritten und auf den Hügel zuhielten, den Artabazos ausgewählt hatte.

Er versprach sich selbst, dass diese königlichen Augen mitansehen würden, wie eine Generation sich reinwusch. Er schluckte, obwohl sein Hals staubtrocken war. Er konnte ihn auf seiner Zunge schmecken, als ob er immer noch bei Platäa sei. Er schüttelte den Kopf, weigerte sich, Furcht zu empfinden.

»Bogenschützen bereit!«, rief er.

Sie würden den ersten Schlag versetzen, wie sie es bei den Thermopylen getan hatten, würden Männer wie Kinder zusammenzucken und sich wegducken lassen. Das war der erste Donnerschlag, das erste Vergießen von Blut.

»Truppen! Unsterbliche! Macht euch bereit!«, brüllte Artabazos.

Seine Stimme konnte nicht so viele erreichen. Sein Befehl wurde die ganze Reihe entlang wiederholt, die Worte überlappten sich wie Poesie. Er schauderte und fühlte, wie sich ihm die Haare auf seinen nackten Armen aufstellten. Der Morgen war kalt, sagte er sich selbst, mit einem Wind, der aus der Richtung des Flusses her wehte. Es war nicht so, dass er auf seinen eigenen Tod zuritt.

Das Marschtempo nahm zu, sodass er sein Pferd traben lassen musste, um seine Position zu halten. Das war ein gutes Zeichen. Seine Männer hatten für das hier trainiert, obwohl sie erwartet hatten, dass sie den Griechen in einem anderen Land und in einem anderen Jahr begegnen würden. Doch vielleicht fühlten sie die gleiche Empörung über Hopliten auf ihrem eigenen Grund und Boden, über Schiffe, die immer noch entlang des Flusses brannten, oder über die Rauchfahnen, die vom Feldlager emporstiegen. In einem Tag und einer Nacht waren die Griechen als entsetzliche Zerstörer gekommen. Das war die Antwort darauf, die er gebracht hatte. Artabazos merkte, dass er vor sich hin murmelte, und biss sich auf die Lippe.

Er fühlte, wie sich ihm Gesichter zuwandten. Pfeile flogen nur auf sein Wort hin, und er hatte ein Dutzend Schritte damit vergeudet, den Feind anzustarren, als dieser so deutlich wurde, so nah!

»Bogenschützen! Schickt ihnen den Sturm!«, brüllte er über ihre Köpfe hinweg.

Zehntausend Bögen wurden durchgezogen und losgelassen. Der Schwarm erhob sich, und die Luft bewegte sich wie in einem Windstoß. Die Reihen der Griechen wogten, als sie ihre Schilde erhoben. Artabazos konnte ihre Angst fühlen, sich auf einem fremden Land zu befinden.

»Angriff! Für König Xerxes!«

Seine Stimme ging im Getrampel der Füße und dem Rucken der Bögen unter, aber die Worte wurden entlang der Schlachtreihe wiederholt. Sie fanden ihren Weg über die Gesichter der Truppen in deren Herzen. Sie vernahmen sie, und sie antworteten mit einem kehligen Brüllen, während sie hart vorwärtsdrängten.

Artabazos ging mit ihnen und hielt seine Stellung in der dritten Reihe. Er sah die Gesichter von Griechen, als sie von Pfeilen auf die Knie gezwungen Schilde über ihre Köpfe hielten. Viele würden von dem Hagel niedergeschmettert werden, da war er sich sicher. Er konnte nicht sehen, dass ihre Schlachtreihen schwankten, aber Männer verschwanden zwischen dem Schimmern der Schildschuppen, als hätte man sie ausgerissen. Er lächelte, dann stieg er von seinem Pferd ab und schickte es mit einem Schlag auf den Hintern davon.

Artabazos sah, dass ein paar seiner Männer wie als Antwort auf seinen eigenen wilden Gesichtsausdruck grinsten. Bei dem Anblick der angehäuften Frontlinien, die gegeneinanderkrachten, stieg ihm das Herz in die Höhe. Er wollte, dass die Griechen einfach einknickten, dass sie davonrannten.

Er hörte, wie persische Stimmen sich wütend erhoben, als Speere sie fanden, Rüstung durchstießen und rot zurückfuhren, wieder und wieder. Der erste Angriff auf diese verschränkten Schilde war hart. Die Bogenschützen hatten bei den Flanken mehr Glück, und Artabazos sah, wie dort mehr Männer fielen. Aber die Mitte hielt, obwohl die Griechen gehetzt und überfordert waren.

Er fühlte, wie sich erster Zweifel in ihn grub, als diese große Attacke ins Stocken geriet. Männer konnten nur an Geschwindigkeit zunehmen, wo auch Raum dafür vorhanden war. Als die Frontlinien gegen die griechischen Speere und Schilde gepresst wurden, konnten alle hinter ihnen nur vorwärtsdrängen, waren aber kaum dazu in der Lage, einen einzigen Schritt zu machen. Trotzdem nahm die Grausamkeit nur zu, und Männer starben zu Hunderten. Artabazos, der vom Zentrum der Schlacht entfernt war, konnte die Griechen ohne die goldene Rüstung sehen, die er von seinem Albtraum her kannte. Sie trugen Speere und Schwerter wie der Rest, aber ihre Schilde waren nur Holz und Seile, und sie trugen keine Helme.

Er gab neue Befehle aus, auf die Flanken einzupressen, und fühlte die Reaktion darauf, als sie sich zurückzubiegen begannen. Da brüllte Artabazos auf und ließ seine Männer ihn sehen. Mit jedem Schritt, den er gegen den Druck vorwärts machen konnte, jubelte er. Er machte ihnen Mut. Doch die Mitte hielt wie die Kante eines Keils, und all die Streitkräfte, die er hergebracht hatte, konnten sie nicht zurücktreiben. Stattdessen sah er, wie seine neuen Unsterblichen an Eisen und Bronze zerrieben wurden.

Einer der Offiziere des Feindes sah, dass die Flanken zurückgetrieben wurden, und schrie Befehle in deren Zungenschlag. Auf seine Schreie hin zog sich das gesamte griechische Heer zwanzig Schritte zurück. Die persischen Soldaten schrien, als sie in den freien Raum rannten und dabei übereinanderfielen. Artabazos, der eine Finte fürchtete, winkte mit den Armen und schrie gellend.

Echte Unsterbliche wären in guter Ordnung vorangeschritten, anstatt ihre Schlachtlinien aufzugeben. Diese aber trugen nur die Tuniken besserer Männer. Sie griffen an wie ein Mob, gerade als sich die Schlachtlinie der Griechen erneut gruppierte und schloss. Wieder stießen Speere zwischen den Schilden hervor, eine Schar von ihnen erfüllte den Anblick jedes Persers, der gegen sie anmarschierte. Zwei oder drei rasiermesserscharfe Spitzen trafen jeden Mann, der auf diese Schlachtlinie zurannte. Artabazos konnte die dumpfen Befehle seiner Feldherren hören, die jeden Schlag hinein und hinaus ausriefen – und hinein und zurück. Es war hässlich und handwerklich routiniert, aber es riss seinen Männern das Herz heraus. Egal, wie tapfer oder wie stark sie waren, sie waren Männer, die auf hoch und niedrig gehaltene Speere trafen. Obwohl sie versuchten, diese zur Seite zu stoßen, waren da noch mehr, die an ihnen vorbeistachen, um an Oberschenkeln, Armen und Schultern zu reißen und sie aufzuschlitzen, bis die Angreifer geschwächt und keuchend zurückfielen, um zu sterben.

Artabazos fühlte, wie sich Verzweiflung ausbreitete. Gute Männer konnten keinen Weg sehen, der an diesen Dornen vorbeiführte. Die Griechen hatten Hunderte, ja Tausende getötet und nur ein paar verloren. Bisher hielten sie noch immer mit erhobenen Speeren und überlappenden Schilden stand. Alles, was Artabazos sehen konnte, waren die beschatteten Helmschlitze, die Beinschienen darunter und die gemalten Gesichter auf den Schilden, die ihn auslachten.

Abermals stießen seine Heerscharen die griechischen Flanken zurück und zwangen die gesamte Schlachtlinie zum Zurückweichen. Artabazos bemerkte, dass er durch die verbrannten Überreste des Lagers trat, über Zeltfetzen und tote Männer, die alle in den weichen Boden gedrückt waren. Vielleicht konnte er sie in den Fluss treiben und dort die Flanken überwältigen. Mit fließendem Wasser im Rücken konnten sie sich nicht neu gruppieren – und er würde sie endlich haben. Er nickte. Xerxes sah es mit an. Er würde sie nach und nach erschöpfen.

Artabazos füllte seine Lungen, um neue Befehle auszugeben, doch einer der Griechen war schneller darin, seine Kommandos zu brüllen. Artabazos war nah genug an der Frontlinie, um seinen Kopf zu drehen. Er starrte mit offenem Mund, als er Kimon aus Zypern wiedererkannte. Und der an seiner Seite … er hatte seinen Namen nicht erfahren, aber er hatte das kleine Boot kommandiert, das die Griechen ans Ufer gerudert hatten, um Artabazos entkommen zu lassen. Er zögerte, und in diesem Moment stießen die griechischen Schildwälle zurück. Sie hatten gegen eine überwältigende Streitmacht ausgehalten, aber sie sahen ebenfalls die Gefahr, dass sie näher an den Fluss gerieten. Um sich Platz zu verschaffen, stürmte die gesamte Schlachtlinie zur gleichen Zeit voran. Die Griechen zogen ihre Speere zurück und benutzten ihre Schilde als Waffen, indem sie diese überall entlang den Reihen der Perser in deren Gesichter schlugen. Der Ausfall gewann ihnen ein paar Schritte, aber dann sah Artabazos etwas, das ihm das Herz herausriss.

In der Mitte wandte sich etwa ein Dutzend seiner Männer von dem jähen Vorstoß ab. Artabazos konnte nicht wissen, ob sie erschöpft waren und einfach ein paar Schritte zurückweichen mussten, um sich neu zu gruppieren, oder ob sie dachten, dass sie drauf und dran waren, getötet zu werden. Was auch immer es war, sie knickten ein und wandten sich zur Flucht, drängten zurück in die Reihen ihrer eigenen Leute. Furcht verbreitete sich wie Feuer über Grasland.

Artabazos sah, dass die Griechen nicht voranstürmten, wie es seine Männer getan hatten. Doch ihre Offiziere waren sich des plötzlichen Vorteils bewusst und stießen neue Befehle hervor. Die Speere wurden erneut zurückgezogen, und der gesamte Schildwall drängte in einem weiteren Ansturm vorwärts. Zuerst schlugen sie mit ihren Schilden zu, dann stießen sie ihre Speere durch jede Lücke in die Seiten und Gesichter der Männer, die noch schwankten. Die persische Mitte fiel wieder zurück, und Artabazos konnte sehen, dass sich etwas wie eine große Schale zu formen begann, als seine Schlachtlinie sich bog und streckte. Seine Männer konnten bei dem Zusammenstoß nicht reagieren. Sie fühlten sich völlig hilflos, und Panik brach unter ihnen aus.

»Standhalten! Haltet die Mitte! Für den König!«, brüllte Artabazos über sie hinweg.

Einige hörten ihn, aber über den Lärm des Zusammenstoßes entging das vielen. Sie wussten nur, dass ihre Reihe aufgrund eines Feindes, der plötzlich vorwärtsdrängte, zurückwich.

Viele versuchten um ihrer Ehre willen oder wegen des Titels »Unsterbliche« standzuhalten. Doch jeder Mann sah dem Tod auf seine Weise entgegen. Ob er sie einholte oder nicht, sie wandten sich von dessen unerbittlichem Antlitz ab, von Speeren, die zuschlugen und stießen und Blut über goldene Schilde spritzen ließen.

»Haltet stand!«, schrie Artabazos verzweifelt, aber sie konnten es nicht. Sie brachen auseinander, und das Gemetzel war furchtbar.

 

Xerxes sah entsetzt mit an, wie ein goldener Keil durch das Herz seiner Heerscharen fuhr, der selbst wie ein Speer aussah. Seine Leute konnten nicht standhalten, und er fragte sich, ob sein Leben verflucht war. Er war dem Sieg so nahe gewesen, nur um ihn wieder entrissen zu bekommen.

Er hob ein Bein, um auf sein Pferd zu steigen. Sein Gewicht kam auf die ausgestreckten Hände eines Leibsklaven herab. Er schwang sein Bein über den Rücken des Pferds und blickte zur Schlacht zurück, die immer noch weiterging. Bitterkeit erfasste ihn.

»Das reicht«, sagte er. »Besteigt eure Pferde und bringt mich weg von hier. Schnell, bevor sie kommen.«

Er sah, dass seine Wachen ihn immer noch anstarrten. Sie standen da, tätschelten untätig die Hälse ihrer Reittiere und beschatteten ihre Augen, um besser sehen zu können. Ärger wuchs in ihm, über das Versagen und all ihre einfältige Dummheit.

»Die Schlacht ist verloren!«, schrie Xerxes. »Steigt auf! Oder wollte ihr, dass euer König auch gefangen genommen wird?«

Der Ton seiner Stimme schien sie wieder zur Besinnung zu bringen. Von den vierzig Männern, die er an diesen Ort gebracht hatte, erröteten ein paar und räusperten sich, als sie um ihn herum auf ihre Pferde stiegen. Sogar dann noch sah er, wie sie den Fortschritt des Gemetzels aus den Augenwinkeln betrachteten, während sie ihre Pferde herumwandten. Xerxes schüttelte den Kopf. Schlachten wurden von Männern geführt, und Männer wuchsen in zahlreichen Städten wie Unkraut. Er würde wiederkommen, das Heer wiederaufbauen.

Der Befehlshaber seiner Leibwache war ein Mann, der seinem Vater gedient hatte. In Wahrheit war Hafez ein wenig alt für die Rolle, die er vor allem zeremoniell ausfüllte. Sein dicht gelockter Bart war grau und seine Haut wie Leder. Xerxes hatte ihn seit seiner Kindheit gekannt. Als der alte Mann sich räusperte, blickte der König auf.

»Eure Majestät, Ihr solltet absteigen«, sagte Hafez. Seine Stimme war freundlich, so als ob er zu einem Kind spräche.

»Was meinst du mit ›solltet‹?«, schnappte Xerxes. Hatte der alte Narr seinen Verstand verloren? Er konnte sehen, wie die Griechen jetzt jenseits des Schlachtfelds herumliefen und Leichen plünderten, während andere seinen Truppen hinterhersprangen. Seine Unsterblichen waren genauso tot wie alle anderen Männer.

Eine der Wachen legte seine Hand auf die Zügel von Xerxes’ Pferd und hielt das Tier an Ort und Stelle. Xerxes blinzelte. In einem jähen Zornesausbruch stieß er dem Pferd seine Hacken in die Flanken. Er hoffte zu sehen, dass sein Pferd sie versprengte. Doch die Wache drehte den Kopf des Pferdes und zwang es herum, während es wieherte und schnaubte. Xerxes griff nach einem juwelenbesetzten Schwert an seiner Seite und fühlte, wie tatsächlich sein Arm festgehalten wurde. Sie wagten es, ihn zu berühren!

Die Sklaven, die hinter ihm hergetrottet waren, hatten sich am Boden ausgestreckt und bewegten sich nicht. Die Blicke seiner Wachen waren hart. Xerxes zitterte, seine Stimme bebte.

»Lass mich vorbei, Hafez«, sagte er. »Du würdest nicht deinen Eid brechen. Den Eid, den du auf mich geleistet hast. Den du meinem Vater geleistet hast.«

»Steigt ab, Majestät«, sagte Hafez mit noch festerer Stimme.

Benommen tat Xerxes wie verlangt. Er schauderte, als ihre Hände ihn ergriffen.

»Reitet alle weg«, befahl Hafez. Seine Stimme war wie ein Peitschenhieb. »Das betrifft euch nicht. Geht nach Hause. Findet Frieden.«

»Jedem von euch, der willens ist, diesen Mann zu töten, werde ich eine Stadt geben«, sagte Xerxes deutlich.

Er sah auf, aber niemand erwiderte seinen Blick. Einer nach dem anderen gingen Wachen und Sklaven fort und ließen ihn zurück.

Am Ende stand Xerxes nur noch mit Hafez und einem anderen zusammen, dessen Sohn, wie er erkannte.

»Lass mich gehen«, sagte Xerxes. »Bitte. Ich kann ein anderes Heer aufstellen, eine andere Flotte.«

»Nein«, sagte Hafez bedauernd. »Nein, das könnt Ihr nicht.«

Der Klang eines sich nähernden Pferdes brachte der Szene auf dem kleinen Hügel eine neue und andere Spannung. Xerxes blickte ihm hoffnungsvoll entgegen, seine Augen weiteten sich, als er Artabazos erkannte.

»Artabazos! Rette mich vor diesen Verrätern. Halte deinen Eid auf mich in Ehren!«

Voller Hoffnung sah der junge König mit an, wie Artabazos sein Pferd auf der Stelle herumdrehte und auf das Gemetzel auf dem Schlachtfeld zurückschaute. Der Mann lächelte nicht, als er seinen König ansah. Stattdessen schüttelte er den Kopf und ritt weiter.

Xerxes sackte zusammen. Er hatte einen Dolch gezogen, als Artabazos die beiden Männer mit seinem Auftauchen abgelenkt hatte. Jetzt stürzte er sich auf Hafez. Der Mann ruckte zur Seite, sodass der Dolch über seine Rüstung schrammte, ohne dass Blut floss.

Der alte Mann nahm ihm die Klinge aus der Hand und schüttelte den König grob.

»Mein Vater hat dir vertraut«, sagte Xerxes vor Angst. »Er sieht dich jetzt.«

»Dann tut es mir leid«, sagte Hafez.

Er trieb den Dolch unter den Rippen des Königs aufwärts, zog die Klinge zurück und vor, bis er sicher war. Xerxes keuchte auf, und alle Stärke wich aus ihm. Langsam, regelrecht sanft ließ er ihn zu Boden gleiten und mit dem Rücken an einen Baumstamm ruhen.

Hafez und sein Sohn sahen einander bekümmert an. Ihre Pferde fraßen von dem Gras auf dem Hügel, und die Sonne ging schließlich unter und färbte den Fluss golden. Auf dem Feld des Blutes begannen Griechen auf ihre Stellung zuzumarschieren, da sie wissen wollten, wer die Männer waren, die auf dem Hügel ausharrten.

»Es ist erledigt«, murmelte Hafez. Er beugte sich nieder und untersuchte den jungen König, den er sein ganzes Leben lang geliebt hatte. »Er ist tot. Von diesem Moment an ist das Reich in Trauer. Komm, wir müssen seinen Körper nach Hause bringen.«