Der König von Thasos war im Dunkeln aufgewacht und rührte sich. Er setzte sich auf, als sein Diener sich räusperte. Die Sonne ging auf, und dennoch hatte er schlecht geschlafen und gähnte. Zweimal war er in der Nacht aufgestanden, um in den Topf unter seinem Bett zu pinkeln. Als er seine Beine aus der Lagerstatt schwang, fühlte er dessen Kälte an seiner Ferse.
»Eure Majestät, ich bringe ernste Neuigkeiten«, sagte der Diener.
Er senkte seinen Kopf, während Hesiodos ihn anblinzelte. Die nackten Beine des Königs waren faltig, ihre Haut hing beinahe wie Stoff herab. Manchmal überraschte es ihn immer noch, sie so zu sehen. Einmal waren sie kraftvoll gewesen. Als junger Mann war er mit ihnen über Mauern gesprungen, wenn er hinter Feinden oder gelegentlich deren Töchtern her gewesen war. Seine eigene Frau war eine Beute gewesen, die er über der Schulter getragen hatte, während ihr Ehemann und ihre Brüder überall nach ihm gesucht hatten. Er rieb sich ein Auge und fühlte, wie er munter wurde. Das waren bessere Tage gewesen. Es war ihm nicht entgangen, dass sie für eine Reise gekleidet gewesen war, und auch nicht, dass ihre Brüder nie auch nur annähernd am richtigen Ort gesucht hatten. Es war trotzdem aufregend gewesen.
Sich an sie erinnernd, streckte er die Hand aus und tätschelte die Bettseite, auf der sie viele Jahre über gelegen hatte. Jetzt war sie fort. Er vermisste sie noch immer.
Langsam, so wie alle Dinge am Morgen langsam waren, erhob sich Hesiodos und trat in seinen Baderaum, wo man vor Anbruch der Dämmerung Bottiche mit Wasser für ihn geheizt hatte. Seine Sklaven bereiteten ihm ein Bad, das seine Gelenke um zwanzig Jahre verjüngte und ihn völlig aufwachen ließ. Er blickte zu dem Diener hinüber, der immer noch wartete. Hesiodos seufzte, während er abgetrocknet wurde. Als er sich ankleidete, schlug er Hände weg. So alt war er nun auch wieder nicht! Er erinnerte sich daran, dass seine Frau am Ende Hilfe gebraucht hatte, als ihr Gesicht auf einer Seite schlaff geworden war. Das war eine äußerst merkwürdige Sache gewesen, aber zumindest in dieser Hinsicht war er ihrer Schwäche entkommen.
Als der König sich sein Gewand und seine Sandalen angezogen hatte, begann ihm die Gegenwart seines Dieners auf die Nerven zu gehen. »Also gut! Was für Neuigkeiten hast du, dass du hier wie eine Fliege um mich herumschwebst? Und das, bevor ich überhaupt etwas gegessen habe.«
Der junge Mann, der überaus erleichtert war, die bedrückenden Neuigkeiten loswerden zu können, antwortete hastig. »Die Bündnisflotte ist zurückgekehrt, Eure Majestät. Sie haben Thasos umzingelt. Euer Admiral bittet um Anweisungen.«
König Hesiodos richtete sich zu voller Größe auf, sodass seine Schultern beinahe gerade waren. Einst war er ein Krieger gewesen, und er erinnerte sich nur zu gut an den Hochmut der Athener.
Er verließ sein Gemach und trottete einen langen Säulengang entlang zu einer Treppe, die sich zum höchsten Punkt der Insel erhob, dem Turm seines Palastes. Als er oben angekommen war, schmerzten ihn die Beine. Achtzig Stufen ließen Lichtblitze vor seinen Augen auftauchen, und er fragte sich, ob er ebenfalls niedergestreckt werden würde.
Wenn er nicht so heftig gekeucht hätte, dann hätte ihm vielleicht bei dem Anblick, der sich ihm bot, der Atem gestockt. Der Tag war warm und der Wind sanft, aber er stand wie vom Donner gerührt. Schweiß trat ihm auf die Stirn.
Tatsächlich hatten Hunderte von Schiffen Thasos umzingelt. Er kannte ihre Form und Art, ebenso wie er wusste, warum sie sich in seinen Gewässern aufhielten. Als Kimon zuvor gekommen war, hatte sich seine eigene Flotte außerhalb des Hafens befunden, was ihm gut gepasst hatte. Es war einfacher, zu argumentieren, dass er keine Abgabe oder ein Schiff für den Bund aufbringen konnte, wenn er nicht ein halbes Dutzend Schiffe in seinem eigenen Hafen liegen hatte.
Hesiodos stützte einen Ellbogen auf die steinerne Brustwehr und rieb sich das Kinn. Er merkte, dass er sich munter fühlte. Die Stufen hinaufzueilen hatte ihm gutgetan. Doch er konnte sehen, dass Boote an Land gingen – ohne seine Erlaubnis. Hopliten aus Thasos waren unten an den Kais, und es würde bestimmt Blutvergießen geben, wenn er nicht das Kommando übernahm. Der König fluchte und begann wieder die Stufen hinabzutrotten. Unten angekommen, hielt er inne und rief nach einem Boten. Es gab mehr als einen Weg, einen Krieg zu gewinnen.
Kimon ließ sein Flaggschiff neben eines steuern, das er nicht kannte, ein feines Schiff, das bei seinem letzten Besuch nicht im Hafen gelegen hatte. Es nagte an ihm, dass König Hesiodos nicht einfach zwei dieser feinen Kriegsschiffe hatte aushändigen können. Dann hätte es überhaupt keinen Disput gegeben. Die Flotte brauchte Gold und Männer – aber vor allem Schiffe. Kimon hatte am Eurymedon genug von ihnen verloren.
Ein Dutzend Männer in der Rüstung von Hopliten stolzierte an den Kais herum, als wollten sie ihn um alles in der Welt daran hindern, an Land zu gehen. Kimons Steuermänner waren geschickt genug, um ihn nahe heranzubringen, und er beschloss, laut das Wort an sie zu richten. Ausnahmsweise einmal geschah es ohne den neugierigen Blick von Ephialtes, der sich mit seiner ärmlichen Besatzung weit draußen am Rand der Flotte aufhielt. Kimon lächelte nicht bei dem Gedanken daran, dass Ephialtes vor Wut schäumte. Der Mann hatte sich selbst zu einer Bedrohung gemacht – und eine, die bisher noch nicht beseitigt war.
Das war es auch teilweise, weshalb Kimon nach Thasos zurückgekehrt war. Wenn die Untersuchung in Athen schlecht verlief, konnte er verbannt oder hingerichtet werden. Kimon wusste, selbst wenn man die meisten Anschuldigungen verwarf, konnte er womöglich dennoch den Befehl über die Flotte verlieren – und damit auch die Gelegenheit, an Hesiodos und Thasos ein Exempel zu statuieren.
Er biss die Zähne zusammen, als der König selbst auf dem Rücken eines Pferdes auftauchte und mit dem Schwung von jemandem, der halb so alt war wie er, aus dem Sattel stieg. Kimon bemerkte, dass die Wachen des Königs alle Bögen trugen, ebenso wie einige in der Besatzung seiner Kriegsschiffe an den Kais, die ihn unheilvoll musterten.
Kimon senkte seinen Kopf wie ein Stier, der vor einem Feind stand. Wenn dies seine letzte Handlung als Nauarch der Flotte sein sollte, dann gab es in ihm keine Gnade mehr. Finster blickte er Hesiodos an, als dieser näher kam. Er sah dem König seine Feindseligkeit an, als dieser zu einem Athener aufblicken musste.
»Ihr hattet Zeit, Euch Eure Antwort an das Bündnis zu überlegen«, rief Kimon ihm zu. »Werdet Ihr den Eid ehren, den Ihr auf Delos geschworen habt? Oder werdet Ihr ihn vor den Göttern brechen und Eurer ganzes Volk verdammen – und Eure Königslinie?«
»Mich haben schon vor Wochen Nachrichten von deinem Sieg erreicht«, erwiderte Hesiodos, dessen Stimme sich anstrengte, Kimons Lautstärke zu erreichen. »Was für eine Flotte hat Persien jetzt? Thasos ist eine Insel, Kimon. Nur eine Flotte kann uns angreifen.« Er sprach mit Selbstsicherheit, vielleicht, weil er auf seinem eigenen Land stand, an einem Kai, den er kannte. Ein Lächeln zuckte um seinen Mund. »Beenden wir das hier. Ich entlasse das Bündnis von seinen Verpflichtungen Thasos gegenüber; entlass mich von meinen. Lass das genug sein.«
Kimon seufzte. Er hatte nichts anderes erwartet, obwohl im Hafen schöne Kriegsschiffe vertäut waren und die Goldminen auf Thasos ein Dutzend Mal für ihren Teil der Abgaben aufkommen konnten. Er wusste, dass er über Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit streiten konnte, bis er schwarz wurde, ohne dass sich etwas änderte. Doch er war nicht nach Thasos zurückgekehrt, um zu streiten.
»Als Nauarch des Bundes von Delos ordne ich Eure Verhaftung und Euren unmittelbaren Prozess an. Ergreift ihn.«
Hesiodos stand der Mund offen. Entgeistert über Kimons Worte schaute er sich um. Seine eigene kleine Leibwache stellte sich auf einen Angriff ein, während die an Bord seines nächstgelegenen Schiffs zu den Kais zu marschieren begannen. Hesiodos schwitzte in der Morgensonne. Er war sich dessen bewusst, dass seine Lage schrecklich war. Das Bündnis hatte keine Befugnis, die über das hinausging, was er ihm gewährte, aber sie hatten Thasos umringt und er …
Hesiodos sah, dass diejenigen, die von den Schiffen kamen, sich nicht formierten, um ihn zu beschützen, sondern seine Leibwache umstellt hatten. Ein Handgemenge entstand, dann spritzte helles Blut über die Pflastersteine. Der König schrak vor der plötzlichen Gegenwart von Gewalttätigkeit zurück, aber Kimons Männer banden ihm die Arme auf den Rücken und hielten ihn fest.
Kimon trat über einen schwankenden Laufsteg seitlich an seinem Schiff auf den Kai. Er lächelte nicht, und Hesiodos schluckte, als er im Ausdruck des jüngeren Mannes eine Dunkelheit sah, die er bei ihrem ersten Treffen nicht bemerkt hatte. Hesiodos stellte fest, dass der Krieg einen Mann veränderte. Es war kein schöner Gedanke. Er hatte Drohungen ausgestoßen und sich aufgeblasen – und war aufgeflogen. Die Erkenntnis dessen verbreitete sich wie Übelkeit in ihm.
»Es gibt keinen Grund für weiteres Töten!«, sagte Hesiodos. »Was hast du getan? Wo sind meine Männer?«
»Die meisten liegen gefesselt in den Laderäumen deiner Schiffe«, sagte Kimon, während er näher kam. »Ein paar kämpften allerdings letzte Nacht. Ich mag es nicht, Sklaven und Gefolgsleute für ihre schlechte Herrschaft zu bestrafen, Hesiodos. Nicht, wenn ich vor dem Herrscher selbst stehen kann.«
»Ich werde den Tribut bezahlen, Athener«, sagte Hesiodos. »Nimm eines meiner Kriegsschiffe – mit seinem Laderaum voller Silber. Ich werde die Menge dieses Jahr verdoppeln.«
Kimon blickte sich auf der Insel um, die sich von ihm weg erstreckte. Von dem Moment an, als er in diese Gewässer gekommen war, hatte er vorgehabt, an dem König ein Exempel zu statuieren. Hesiodos schien zu begreifen, dass sein Leben auf dem Spiel stand. Ein Schweißtropfen lief ihm wie eine Träne die Wange hinab. Da seine Hände gefesselt waren, konnte er sie nicht wegwischen.
Kimon rieb sich das Kinn und überlegte, ob eine Hinrichtung das Bündnis stärken oder schwächen würde. Er erinnerte sich daran, was Perikles über seinen Vater gesagt hatte, als Xanthippos für eine Weile den Verstand verloren hatte. Der Athener hatte nach dem Tod seines Sohnes ein Dutzend persischer Städte niedergebrannt. Dieser Kontrollverlust beschämte seine Familie noch immer, sowohl wegen der sinnlosen Wut als auch, weil darüber gesprochen wurde.
Es spielte keine Rolle, dass Kimon Perikles nicht mehr länger trauen konnte. Sie hatten kein Wort miteinander gesprochen, seitdem der junge Mann sich angeboten hatte, bei ihrer Rückkehr für Ephialtes die Vertretung zu übernehmen. Kimon dachte an seinen eigenen Vater – und traf seine Entscheidung. Vielleicht würde es einen Stein mehr hinzufügen, den Ephialtes auf ihn werfen konnte, wenn sie nach Hause kamen, aber nein, er würde nicht einen alten Mann umbringen.
»Ihr werdet mehr als nur das tun, Hesiodos. Ich sehe sechs Schiffe in Eurem Hafen. Ich werde sie mitnehmen, um die zu ersetzen, die wir dieses Jahr im Kampf gegen die Perser verloren haben.«
»Das ist zu viel …«, begann Hesiodos hastig.
Kimon ignorierte ihn und fuhr fort. »Ihr werdet meine Männer zu Eurer Schatzkammer führen, und Ihr werdet sie öffnen. Was auch immer darin liegt, gehört jetzt dem Bündnis. Nun, wir können es dabei belassen …«
»Das ist Piraterie! Wie kannst du es wag …«
»Mehr also! Wir werden die Mauern Eurer Hauptstadt niederreißen …«
»Dazu hast du kein Recht! Ich bin ein König!«
»Noch mehr?«, fuhr Kimon unerbittlich fort. »Also gut! Wir werden Euren Palast in Schutt und Asche legen. Redet noch einmal, Eure Majestät, und ich werde Eure Hauptstadt plündern. Ihr nennt mich Athener? Dann erinnert Euch daran, dass ich weiß, was es bedeutet, mitanzusehen, wie eine Stadt in Brand gesteckt wird. Ihr habt Euren Eid gebrochen, den Ihr auf Delos geschworen habt. Ich biete Euch Buße vor dem Angesicht der Götter an, um Eure Schuld wiedergutzumachen – oder Zerstörung. Wählt, was von beidem es sein soll.«
Hesiodos starrte ihn wütend an. Kimon sah, wie der Verstand des Mannes arbeitete, aber der König schien nicht gebeugt. Da war ein Glitzern von weiß glühendem Zorn, sogar Siegesfreude in seinen Augen.
»Also gut«, sagte Hesiodos schließlich.
»Fein. Führt mich, Hesiodos. Ich möchte Eure berühmte Schatzkammer sehen. Jedes Stück muss gezählt werden.«
Hesiodos beschloss, nichts mehr zu sagen. Der König blickte tief in Gedanken versunken zu Boden, als sie ihn voranstießen, sodass er stolperte. Schon beim ersten Anblick ihrer Schiffe hatte er gewusst, dass sie an Land gehen würden. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn am Leben lassen würden, aber er hatte sich auf ihre Rückkehr vorbereitet, seit Kimon ihn bedroht hatte, mit seinem athenischen Hochmut in jedem Blick und jeder Drehung seines Kopfs.
Hesiodos führte sie zu Fuß in seine Hauptstadt, wo er ängstliche Familien sah, die sich beim Anblick von fremden Soldaten zurückdrängten. Einige von ihnen wagten es, ihm zuzurufen, fragten, ob es ihm gut ging. Er fühlte die Demütigung wie einen Stich. Seine Ratgeber hatten ihn gewarnt, dass Kimon seine Weigerung, Thasos’ Schulden gegenüber dem Bund zu bezahlen, nicht vergessen würde. Eine Zeit lang hatte der König gedacht, dass seine Rechte gewahrt blieben, dass Kimon zu beschäftigt damit war, eine riesige Schlacht an irgendeinem Fluss zu kämpfen, der so weit im Osten lag, dass er nicht einmal dessen Namen wusste. Dann war die Flotte des Bundes zurückgekehrt, und alle seine Hoffnungen hatten sich zerschlagen.
Hesiodos hatte einen Fehler begangen, als er gedacht hatte, sie würden es niemals wagen, ein Mitglied des Bundes anzugreifen. Aber die Perser hatten ihre Stärke verloren! Von Marathon bis zu den Thermopylen und Platäa, dann bis zu ihrem letzten Einsatz am Fluss. Es gab keinen Grund mehr für die Existenz des Bündnisses. Männer wie Xanthippos verschwanden aus der Welt. So war es auch mit Eiden.
Im Palast angekommen, sah Hesiodos, dass bereits Hunderte von Kimons Hopliten des Bundes anwesend waren, die zweifellos sicherstellten, dass seine Leute kein Vermögen versteckten. Er konnte es nicht mitansehen, wie sie begannen, die Wände niederzureißen, wozu sie Speere benutzten, an die sie Haken und Seile gebunden hatten, ebenso wie große Hämmer. Es war eine absichtliche Grausamkeit, und er sah kein Bedauern in Kimon, als der Mann sich umblickte.
Hesiodos nickte. Sie dachten, sie würden ein Exempel an ihm statuieren. Sie nannten sich ein Bündnis, aber es gab nur eine einzige Stadt, die im Herzen dieses Bündnisses lag. Das war die Wahrheit, ob sie sie zugaben oder nicht. Athen war die große Macht, wie an der Anwesenheit von Kimon in seinem königlichen Palast ersichtlich war.
Nur eine einzige Stadt hatte die Stärke, sie aufzuhalten. Als Hesiodos sah, wie seine Schatzräume geöffnet und die ersten Säcke ans Licht getragen wurden, dachte er an den jungen Boten, den er beauftragt hatte, ehe er zum Hafen hinausgegangen war. Wenn es dunkel geworden war, würde der Junge sein kleines Boot nehmen und zum Festland hinüberrudern. Er würde sich auf den Weg zu Verbündeten machen, und die Worte eines Königs würden über das Land fliegen. Dann konnte sein Schrei um Hilfe nicht mehr aufgehalten werden. Er würde die Könige von Sparta erreichen – und sie würden handeln.