Epilog

Der spartanische König starrte durch langes Gras den Mann an, den er töten würde. Pleistarchos kauerte auf einem Stück Land, das mehr ein Garten als ein Schlachtfeld war. Dunkles Schilf bewahrte seine Männer vor jeder Möglichkeit, gesehen zu werden, und ein Fluss verlief durch diesen Teil des Peloponnes. Er war weit weg von dem Staub um Sparta, wo man um Wasser und Nahrung kämpfen musste. Arkadien war ein grüner Ort, voller hängender Früchte und sanft dahinrollender Wiesen. Pleistarchos konnte die Ergebnisse davon dem jungen König ansehen, der mit so geringer Vorsicht ritt, in der Überzeugung, dass er der Jäger und nicht die Beute war.

Pleistarchos hatte die Empfindung, dass der Mann neben ihm dabei war, sich zu erheben. Er ergriff dessen Unterarm hart genug, dass er ihm wehtat. Tisamenos knurrte und versuchte vergeblich, sich loszureißen. Wasser murmelte unter ihnen auf dem sumpfigen Boden, und ganz in der Nähe bewegte sich etwas mit einem Platschen. Pleistarchos hielt den Mann noch fester. Tisamenos mochte zu einem spartanischen Bürger gemacht worden sein, aber er war nicht als einer geboren worden. Was auch immer der Gott Apollo dem Seher versprochen hatte, Pleistarchos traute dem Mann nicht.

»Lasst mich gehen!«, zischte Tisamenos blass vor Schmerz.

»Und ich soll mitansehen, wie mein Glück mit dir davonspaziert?«, sagte Pleistarchos. »Nein. Bleib still.«

Er ließ ihn los, in dem Wissen, dass der Befehl ausreichen würde. Tisamenos starrte ihn finster an. Echter Zorn stand in seinen Augen. Pleistarchos wandte den Blick nicht ab, sondern wartete einfach, bis der andere Mann sich daran erinnerte, dass er gegenüber jedem der anwesenden Spartaner so hilflos wie ein Kind war. Wenn Pleistarchos seinen Tod anordnete, würde Tisamenos nicht in der Lage sein, sich zu retten, nicht einmal vor dem geringsten von ihnen. Selbst wenn er sie alle verriet, würde Tisamenos nicht überleben.

Etwa hundert Schritte weit entfernt hob der junge König von Dipaia die Hand, um seine Augen zu beschatten. Nahe der Mauern seiner Stadt waren vier Männer entdeckt worden. Er und seine Jäger hatten ihre Spuren den ganzen Tag über bis zu diesem Ort am Rand seines Einflussgebiets verfolgt. Seine Männer waren in körperlich guter Form, und sie kannten dieses Land gut. Obwohl er sie zu einem guten Tempo angehalten hatte, waren diejenigen, denen sie folgten, immer vorneweg geblieben und konnten nur schwach in der Ferne ausgemacht werden, als sie Höhenzüge und Hügelkämme überquerten. König Anais wusste nicht, welches der ein Dutzend Territorien auf dem Peloponnes sie als ihr Zuhause betrachteten, nur dass sie an Flussufern entlang und mitten durch mit Gras bewachsene Wiesen eilten und dabei Spuren hinterließen, denen ein Kind hätte folgen können. Der König war ein angesehener Jäger. Anais hatte einen kräftigen Körperbau und trug das Fell eines Löwen, den er selbst erlegt hatte, über den Schultern.

Es war ein guter Plan gewesen, und es hatte problemlos begonnen. Der junge König, der versuchte, alle Völker auf dem Peloponnes zu einer Einheit zusammenzuschweißen, war mit wehenden Fahnen und Hörnerklang ausgeritten, als man Fremde gesichtet hatte, und war seinen Wachen davongeritten. Mit einer schönen, deutlichen Spur, der man folgen konnte, hätten Anais und seine Leibwache genau in die Arme der spartanischen Streitmacht laufen müssen, die sie erwartete.

Pleistarchos blickte zu den achtzig spartanischen Kriegern zurück, die er an diesen Ort gebracht hatte. Jeder von ihnen war über dreißig und hatte einen Sohn gezeugt. Sie waren die Elite seiner Stadt – Männer, die für ihre Fertigkeiten berühmt waren. Jeder Einzelne von ihnen besaß in Sparta einen Namen. Trotzdem knieten sie in schlüpfrigem Schlamm und warteten darauf, dass der Sohn von Leonidas ihnen befahl, sich zu erheben.

Die Ortschaften und kleinen Städte des Nordens waren nur ein paar Tagesmärsche von Sparta entfernt. Er hatte einen schnellen Feldzug geplant, um die Saat ihrer kleinen Rebellion zu zertrampeln, ehe sie tatsächlich begann. Die Arkadier hatten in Anais ihre Galionsfigur. Sie erhielten ihre Inspiration von den Athenern mit ihrer Allianz, ihrem Bündnis. Darauf lief es natürlich hinaus. Schafe, die sich selbst beibrachten, den Wolf nicht mehr zu fürchten.

Pleistarchos teilte die Schilfhalme, die ihn verbargen. Allen Berichten nach war dieser Anais wortgewandt. Er redete von einer neuen Generation, von Jugend und Stärke. Zu einer anderen Zeit hätten er und Pleistarchos vielleicht Freunde werden können. Doch er hatte sich auf einen Pfad begeben, der zu seiner Vernichtung führte. Es würde keine Vereinigung von Kleinstaaten geben, die Sparta herausforderten. Nicht auf heiligem Boden. Stattdessen würde ein Anführer getötet werden, sein Kopf auf einen Speer gespießt und vor seinen eigenen Stadtmauern aufgepflanzt. Die Idee würde tot geboren und in einer Generation wieder vergessen sein. Es würde keine Herausforderungen mehr geben.

Pleistarchos hatte die kleine Truppe, die der König mit sich gebracht haben würde, nicht gefürchtet. Dessen vier Männer hatten eine Jagdgruppe von nicht mehr als hundert an den Ort geführt, an dem Pleistarchos wartete. Die Schwierigkeit rührte von der viel größeren Streitmacht her, die sich ihrer Position vom nächsten Hügel aus näherte. Pleistarchos wusste immer noch nicht, ob sie von der nahe gelegenen Stadt Mantineia oder von noch weiter weg kamen. Er wartete ab und schätzte ihre Stärke, während er spürte, wie Blutegel oder Frösche über seine Oberschenkel glitten.

Der König hatte sich nicht bewegt, und jedes Mal, wenn er sich umdrehte, um über den sumpfigen Bogen hinwegzublicken, konnte Pleistarchos glauben, dass er entdeckt worden war. Da war etwas im Verhalten des jungen Mannes, das ihn denken ließ, der Schein der Sonne hätte auf einem Schild geglänzt. Seine Männer hatten sich mit Schlamm eingeschmiert, um so etwas zu vermeiden, aber es war nicht einfach, achtzig Spartaner in einem Sumpf zu verbergen, nicht wenn ein paar der Jäger auf Pferderücken waren. Einer von ihnen sagte etwas zu dem König, und der Mann lachte.

»Werdet Ihr Euch zurückziehen?«, flüsterte Tisamenos.

Sechshundert Männer waren an diesen Ort gekommen – und ob irgendein unhörbares Signal sie versammelt hatte oder ob sie einfach in der Umgegend trainierten, sie hatten jedenfalls den Plan vereitelt, Anais zu töten.

Pleistarchos blickte ihn wütend an, nur weil er diese Idee geäußert hatte. Er erinnerte sich daran, dass Tisamenos kein Verbündeter war. Der Mann war bloß anwesend, weil ihm fünf erfolgreiche Kämpfe versprochen worden waren. Platäa war einer davon gewesen – und vermutlich Zypern, da die Athener von einem Sieg redeten. Drei weitere lagen bereit, eingesammelt zu werden, wie Pleistarchos glaubte. Einen Moment lang schloss er die Augen und widmete Apollo und Ares sein Leben, dann bat er seinen Vater um einen Segen.

»Hoch, Jungs«, sagte Pleistarchos. »Vernichtet diese lachenden Hurensöhne.«

Die Spartaner erhoben sich wie ein Mann aus dem Sumpf. Sie hatten ihre Helme abgelegt, aber jetzt setzten sie sie wieder auf und erhoben ihre Speere und Schilde, die mit schwarzem Schlamm überzogen waren. Der König starrte mit offenem Mund, als sie in Sichtweite rückten. Tisamenos fand sich dabei wieder, dass er mit ihnen vorwärtsstürmte, anstatt zu Boden getrampelt zu werden. Er sah, wie der junge König an den Zügeln riss, und die Augen des Pferdes, weit und weiß umrandet, als die Spartaner auf sie zueilten.

Anais hatte niemals eine Chance. Die Speere wurden auf ihn anstatt auf das Pferd geworfen. Die Spartaner hüteten sich, ein Tier zu verletzen, das seinen Reiter möglicherweise außer Reichweite schleifen würde. Sie kümmerten sich um den König, und er kippte aus dem Sattel, als das Tier ausschlug und zu spät davonsprang.

Seine Wachen waren zu dem Sumpf gekommen, um Verbrecher zu jagen, nicht um sich bewaffneten Spartanern entgegenzustellen, die auf Mord aus waren. Zweifellos auf den Flügeln der Empörung getragen, als Anais zu Boden ging, versammelten sie sich schnell. Es half ihnen nicht. Das erste Dutzend von ihnen, das angriff, traf auf Männer, die wie nebenbei ihre Schwerter zur Seite schlugen oder sie mit ihren Schildbuckeln von den Füßen stießen.

Tisamenos musste weitergehen, nahe am Sohn des Leonidas bleiben, während er einem plötzlich unruhig gewordenen Feind nachstellte. Die Nachricht, wer sie waren, eilte ihnen voraus, und er konnte sehen, dass der Name Sparta eine Streitmacht wert war. Die sich ihnen entgegenstellten, waren in der Überzahl, aber Pleistarchos trieb seine achtzig Spartaner direkt ins Herz ihrer Schlachtlinien. Speere stießen zu, und Männer prallten beim Zurückweichen gegen ihre Kameraden.

Sie bildeten einen Schildwall und erhoben ihre eigenen Speere. Die Spartaner knurrten, als sie diese wegschlugen. Es waren nicht Waffen, die Kriege gewannen, sondern die Fertigkeit derer, die sie führten. Jeder Mann mit Pleistarchos hatte genauso viele Stunden gelernt, wie man einen Schildwall brach, wie er sich damit beschäftigt hatte, einen aufrechtzuerhalten. Sie gingen durch die vorderen Reihen der Hopliten wie Männer, die Jungen entgegentraten.

Wenn die Speere brachen oder verloren gingen, zogen sie keine Schwerter, sondern die furchterregenden Kopisklingen, die unermüdlich Schrecken verbreiteten, als sie inmitten der Schlachtreihen schnitten und hackten. Jeder herankommende Spartiate war eine Mauer aus Bronze und eine verschwommene Kopis, die auf Finger, Schienbeine und schreiende Münder einhackte. Blutüberströmt brachen sie durch die Reihen, und das Gemetzel war brutal.

Brüllender Ärger wurde in Schreien ertränkt, und als sie flüchteten, war es beinahe aus Erleichterung. Die Spartaner verfolgten sie nicht, obwohl Pleistarchos ihnen nicht befahl, aufzuhören. Sie wussten, dass sie immer noch in der Unterzahl waren, wenn auch die Hälfte der Arkadier tot war oder stöhnend im weichen Gras lag, wo ihr Blut in die Erde sickerte.

Pleistarchos merkte, dass er schwer atmete. Er wusste, dass er einen Mann getötet hatte, aber er konnte unter all den Gliedmaßen und dem Blut dessen Körper nicht finden. Er hielt immer noch seine Kopis in der Hand und hätte Tisamenos beinahe getötet, als der Seher am Rand seiner Wahrnehmung auftauchte. Tisamenos hielt seine Hände hoch. Er erbleichte angesichts der Wildheit, die er dem spartanischen Schlachtenkönig ansah.

Mit Willensanstrengung bekam Pleistarchos seine Kampfeswut unter Kontrolle. Er säuberte seine Kopis und suchte sie nach Rissen oder Scharten entlang der Klinge ab. Sie würde natürlich neu geschärft werden müssen. Stück für Stück überprüfte er seine Ausrüstung, nahm den Helm ab und inspizierte den Nasenschutz. Es war ein wohltuendes Ritual, das ihm seit seiner Kindheit vertraut war, und es beruhigte ihn.

»Ein guter Tag«, sagte Pleistarchos.

Tisamenos stand etwas außer Reichweite und sah mit an, wie der Mann zu seiner üblichen ruhigen Wachsamkeit zurückfand.

»Das ist jetzt mein dritter Kampf«, sagte Tisamenos grimmig.

»Und wenn es eine weitere Auflehnung gegen spartanische Herrschaft gibt, dann werde ich dich wieder an meine Seite rufen«, sagte Pleistarchos.

»Ihr werdet verschwenden, was mir versprochen wurde!«, erwiderte Tisamenos.

»Ich werde es nutzen«, sagte Pleistarchos achselzuckend. »Für Spartas Ruhm. Vielleicht hätten wir heute ohne dich gewinnen können, vielleicht auch nicht. Wer weiß? Ich werde ein Geschenk von Apollo nicht verschmähen.«

»Ich habe andere Pläne …«, sagte Tisamenos.

Aufrichtig überrascht sah Pleistarchos ihn an. »Du bist als ein Spartiate angenommen worden, Tisamenos. Ich kann das nicht ungeschehen machen, aber es stellt dich unter meinen Befehl, so wie es zuvor mit Pausanias war. Und wenn ich mich entscheide, deine Gabe für zwei weitere Kämpfe zu nutzen und dich dann fortzuschicken, dann ist es das, was ich tun werde. Oder ich werde dich töten lassen.« Der König zuckte mit den Schultern. »Gehorche oder gehorche nicht, Tisamenos. Du bist ein Mann – es ist deine eigene Entscheidung.«

»Dann bitte ich um einen Gefallen«, sagte Tisamenos.

»Ich kann nicht versprechen, dass ich ihn dir gewähren werde. Sag, worum es sich handelt.«

»Wenn ich für einen weiteren Sieg an Eurer Seite bleibe, meinem vierten, dann bitte ich nur darum, dass der letzte zurückgehalten wird … bis Ihr oder ich Athener auf dem Schlachtfeld begegnen. Das habe ich Pausanias geschworen, und diesen Eid will ich ehren.«

Pleistarchos lachte leise. Der Tag war freundlich, und der Wind auf seinem Gesicht war warm. Er nickte. »Ich bin dazu bereit, Seher. Also gut, du hast mein Wort darauf.«