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Die Trireme traf den Strand im Dunkeln mit der Geschwindigkeit eines Läufers und schnitt mit einem zischenden Tosen durch den Kies. Beinahe wie ein Schatten der ersten folgte eine zweite. Eine nach der anderen kamen sie zum Halt und neigten sich zur Seite.

Auf dem dritten Schiff warfen die Steuermänner ihr Gewicht gegen die doppelten Lenkstangen, um es auf freien Strand hin auszurichten. Unter ihren Füßen schlugen die Rudergänger, neunzig auf jeder Seite, die Wellen zu Schaum. Sie hatten diese Küste, so gut sie konnten, ausgekundschaftet, aber in der Nacht führte keines der Schiffe Lampen mit sich. Diejenigen, die sich auf den Bänken abschufteten, konnten gar nichts sehen. Ein Hoplit lehnte sich weit über den Bug hinaus, bereit, einen Warnruf auszustoßen. Er achtete nicht auf die Gischt, die über ihm zusammenschlug.

Als der dritte Kiel auf Grund traf, schnitt er durch blanke Uferbänke und zog sie dabei zurück. Der erste Stoß beim Kontakt mit dem festen Boden warf die Männer um, sodass sie hinfielen, wo auch immer sie auf Deck gekniet hatten. Einer ging mit einem erstickten Schrei über Bord, landete im seichten Wasser und rollte sich panisch in Sicherheit. Kies hob sich wie eine Bugwelle unter ihm und drückte ihn beiseite. Er blieb zurück und schnaufte erleichtert den Sternen über ihm zu.

Das athenische Kriegsschiff lief weiter auf Grund, höher und höher das Ufer hinauf, bis sein gewaltiges Gewicht und seine Geschwindigkeit plötzlich abfielen. Die hölzernen Planken knackten und ächzten, und die Trireme hielt an. Sie war außerhalb ihres Elements: schwerfällig, wo sie eben noch schnell gewesen war, tot, wo sie Leben in sich gehabt hatte.

Das Deck neigte sich langsam auf seinem Kiel dem Land zu. Seile und Leitern rollten sich wie festliche Bänder ab, und Männer sprangen nach unten. Die Ruderer auf beiden Seiten hatten ihre wertvollen Ruder, für die sie Sorge trugen, schnell eingezogen, um nicht mitansehen zu müssen, wie sie zu Feuerholz zersplittert wurden. Sie strömten ebenfalls über Bord und liefen mit knirschenden Schritten über Sand und Steine. Die Ufersteigung war hier sanft, weswegen Kimon diesen Ort ausgewählt hatte. An einem anderen Tag wäre es ihre Aufgabe gewesen, kleinere Boote zu Wasser zu lassen, um Seile zu welchen Galeeren auch immer zu schaffen, die noch schwammen. Sie hätten die Schiffe wieder den Einschnitt entlang und bis ins seichte Wasser gezogen, bis zu dem glücklichen Moment, in dem die See wieder ihr Eigentum beanspruchte. Doch nicht dieses Mal.

Kimon hatte seine drei Schiffe wie Speere gegen das Ufer geschleudert. Alle Athener hatten gelernt, wie man ruderte, und sich gegenseitig abgewechselt, wie die Mannschaft der Argos Jahrhunderte zuvor. An Land angekommen, nahmen sie ihre Waffen und Schilde auf, packten sie fest mit gemurmelten Dankesworten an die Götter. Kimon hatte die Stärke der Ruderer gesehen, ihre kräftigen Schultern und Beine, die besagten, dass sie liefen wie Katzen und kletterten wie Berberaffen. Er hatte darauf bestanden, dass seine Hopliten ganze Tage an den Rudern verbrachten und Kondition aufbauten. Im Gegenzug dazu hatte er die Ruderer im Umgang mit Speer und Schild trainiert. Sie alle hatten gerudert; sie alle hatten gekämpft.

Die Hopliten versammelten sich ein wenig abseits von den dunklen Schiffsrümpfen. Ihre Ausrüstung hatte ein kleines Vermögen gekostet, daher trugen sie alle einen Teil des Wohlstands ihrer jeweiligen Familien mit sich. Ein guter Schild konnte dem Lohn von drei Monaten entsprechen, ein Jahr lang angespart – die Schale vermessen und zugeschnitten, dann bemalt mit einem persönlichen Wappen. Die Beinschützer, die mit Metallfedern an den Schienbeinen befestigt waren, mussten ebenfalls von einem Handwerksmeister angefertigt werden. Verzierte Helme kosteten noch einmal genauso viel. Einige trugen Schwerter an ihren Gürteln, aber die hauptsächliche Waffe war immer der lange Doryspeer.

Jede einzelne Ausstattung war eine athenische Kostbarkeit, gekennzeichnet mit Familiennamen, bewacht und eingeölt, von jeder Schlacht zurück nach Hause gebracht. Für jene, die im Kampf fielen, wurden die Bronzestücke eingesammelt. Mit der Zeit wurden sie an einen ältesten Sohn weitergereicht oder verkauft, damit eine Witwe ihren Lebensunterhalt hatte.

Als Kimon sich auf den Kies fallen ließ, sah er unter den Sternen nichts anderes als intakte Ordnung. Seine Männer standen in Reih und Glied, tauschten mit gedämpften Stimmen Grüße und Bemerkungen aus und waren bereit zu marschieren. Zufrieden nickte er. Die Hopliten bewegten sich gut mit Speeren, wie es sich für Männer gehörte, die dies seit ihrer Kindheit erprobt hatten. Jede der furchterregenden Waffen wies an ihrer Spitze eine blattförmige Klinge aus Eisen auf, die so dick wie eine Panzerung war. Sie wurde an ihrem anderen Ende durch eine schwere Eisenspitze ausbalanciert. In den Händen eines kompetenten Mannes waren diese Speere die Zertrümmerer von Reitertruppen, Zerstörer der persischen Unsterblichen, das von Stacheln strotzende Rückgrat des Schildwalls der Hopliten. In Platäa und Marathon hatten sie ihren Wert gezeigt. In Eion, wo sie eine persische Festung gebrandschatzt hatten, ebenfalls.

Perikles beobachtete, wie Kimon abseits von ihnen stand, dunkel und sehr still im Licht der Sterne, obwohl sein Umhang in der Brise wehte. Perikles selbst stand bei Attikos, einem Mann, der mindestens doppelt so alt wie er selbst war, aber von seiner Sippe und seinem Demos in Athen herstammte. Attikos zitterte im Wind, der von der See her wehte. Seine Zähne klapperten, sodass er über das Geräusch hinweg zu summen begann. Er wirkte manchmal mehr wie ein Affe als ein Mensch, da er viel kleiner als Perikles war und ständig durch die Nase schnaufte. Attikos gab sein Alter nicht zu, aber er kannte sein Gewerbe, und er verehrte Perikles’ Vater. Manchmal fragte Perikles sich, ob Xanthippos den Mann mitgeschickt hatte, um für seine Sicherheit zu sorgen.

»Reine Zeitverschwendung, hier herumzustehen und mir die Eier abzufrieren«, brummte Attikos mit kaum vernehmbarer Stimme. »Hörst du den Klang? Eier, die auf Kies landen. Ich würde nach ihnen Ausschau halten, wenn es nicht so dunkel wäre. Ich muss sie hierlassen, bis wir wieder zurückkommen. Wenn ich sie überhaupt finden kann. Dann ist da mein Rücken, der sich beim Runterspringen wie ein rot glühendes Eisen anfühlt. Genauso war’s in Eion. Das wird nur noch schlimmer werden …«

Perikles schüttelte den Kopf. Attikos murmelte vor sich hin, wenn er nervös war. Ihm zu sagen, dass er damit aufhören solle, wirkte eine Zeit lang, aber dann fing er wieder damit an, ohne es mitzubekommen, wie ein Kind, das im Schlaf redete.

Perikles bevorzugte Stille. Er wusste, dass er für das hier bereit war. Er würde mit den anderen marschieren, wenn Kimon den Befehl dazu gab. Er fühlte die Schwere seines Schildes und seines Speers. Es war ein gutes Gewicht. Er würde nicht vom Kampf zurückschrecken, auch wenn seine Eingeweide schmerzten und sich seine Blase sein Bein hinab entleeren wollte. Bis der Moment kam, loszuziehen, musste er immer ein Gefühl von Übelkeit aushalten, einen Krampf in seinem Bauch. Da half es überhaupt nicht, dass Attikos von seinen endlosen körperlichen Leiden murmelte. Der Mann hatte sowohl bei Marathon als auch bei Platäa gekämpft und neue Narben aufgegabelt, um sie seiner Sammlung hinzuzufügen. Für eine bronzene Obolus-Münze pflegte er sie jedem zu zeigen, der danach fragte.

Ein Schauder fuhr durch Perikles, raute die Haut auf seinen Armen und nackten Beinen auf und ließ ihm die Haare sich wie Insektenflügel aufstellen. Er sagte sich, dass es nur der Seewind war, die Feuchtigkeit. In Wahrheit war es mehr, weil er die Rüstung seines Bruders trug. Er hatte mitangesehen, wie Ariphron getötet worden war, als er sie trug, nicht weit von einem Ufer wie diesem hier, am gleichen Meer. Perikles hatte versucht, die Wunde seines Bruders geschlossen zu halten, aber seine Finger waren auf den fahlen Lippen abgeglitten. Das Blut hatte ihm seinen Bruder gestohlen.

Während Attikos weiter vor sich hin murmelte, lockerte Perikles den Griff um seinen Speer. Seine Finger fühlten sich nass an. Es musste die Gischt sein, oder Schweiß. Es konnte nicht das Leben seines Bruders sein, das seine Finger zusammenkleben ließ, das konnte es nicht sein. Dennoch hob er nicht die Hände, um sie zu betrachten.

Er erinnerte sich daran, dass sie für das hier trainiert hatten. Der Befehl war von der Versammlung von Athen ausgegangen – jede persische Festung und Besatzung in der Ägäis ausfindig zu machen und zu zerstören. Die gesamte Flotte war in Schiffen zu dritt und im Dutzend ausgefahren, jagte den Feind und stellte sicher, dass er niemals Frieden finden würde. Persien reichte bis zum Meer. Sie würden keine sichere Stellung mehr dort haben – nicht auf den Inseln, noch nicht einmal an der Küste von Thrakien.

Kimon hatte etwa sechshundert Mann um seinen Namen und Rang als Strategos versammelt, den er sich bei Salamis verdient hatte. Neunzig von ihnen waren erfahrene Hopliten, und der Rest war besser ausgebildet, als es irgendwelche Runderer je gewesen waren. Vor einem Monat waren sie an einem Streifen der thrakischen Küste an Land gegangen, die seit einem Jahrhundert von den Persern gehalten wurde. Kimon hatte ihn ausgewählt, eine Festung und ein Symbol persischen Einflusses. Da hatte es Mauern gegeben, mit einem in der Nähe verlaufenden Fluss. Perikles erinnerte sich daran, wie Kimon in die Ferne geblickt und das Land um den Stützpunkt herum eingeschätzt hatte.

Der Oberbefehlshaber hatte sich natürlich geweigert, zu kapitulieren. Als Antwort darauf hatten die Athener die Boten getötet, die er ausgesandt hatte, und dann alle Straßen um seine ummauerte Festung blockiert. Kimon hatte ihnen in dieser Nacht seinen Plan erklärt. Perikles konnte noch immer sehen, wie sein Blick auf ihm ruhte und ihn abschätzte.

»Als Achilles vor Troia stand«, hatte Kimon gesagt, »da war ihm klar, dass ein Mann auf den Tod zurennen sollte, anstatt ihn einfach nur hinzunehmen. Er sollte ihn ausfindig machen, Blut von seinem Bart ins Angesicht des Todes spritzen und lachen! Nur so kann er die Art Berühmtheit gewinnen, die uns zu mehr macht als zu Seemännern oder Bauern oder Töpfern. Nur dann können wir echten Ruhm erlangen – Kleos, wo Menschen und Götter zusammentreffen.«

Perikles schluckte. Kimon sollte wissen, dass er jemand war, dem er vertrauen konnte. Er war neunzehn Jahre alt. Er wusste, dass er den ganzen Tag über rennen konnte, um dann die ganze Nacht durch zu trinken, zu kämpfen oder Liebe zu machen. Er ertappte sich dabei, dass er bei dem Gedanken an Letzteres grinste. Die Aussicht wäre eine feine Sache. Er hatte einen Monat lang noch nicht einmal eine Frau zu Gesicht bekommen. Trotzdem, er war stark und gesund – und der Sohn eines großen Helden. Er war ein Athener. Er war für das hier gemacht.

Irgendwie drohte die Realität ihn zu entmutigen, wie ein schrecklicher Traum, der so wirklich war, dass er fühlen konnte, wie der Sand unter seinen Sandalen knirschte. Er hatte in der persischen Festung keinen Kleos gefunden. Er und die anderen hatten sich auf eine lange Belagerung eingerichtet, hatten darauf gewartet, dass der Hunger die Bewohner mürbe machte. Wochen waren in Langeweile und mit Schwertübungen verstrichen. Kimon hatte mit allen Schreinern und Schiffszimmermännern gesprochen, die das Land um die Festung herum auskundschafteten. Das Kriegshandwerk war zu etwas anderem geworden, als er jede Nacht an die Mauern herankroch, um sie zu untersuchen. Perikles erbebte, als er sich die Angst, dass sie entdeckt werden könnten, ins Gedächtnis zurückrief.

Die Perser hatten beim Verlegen ihrer Mauersteine minderwertigen Mörtel verwendet. Drei Tage und Nächte lang stauten Kimons Männer den Fluss und lenkten ihn in eine neue Richtung, gegen das Fundament der persischen Festung. In nur wenigen Stunden war ein kompletter Abschnitt eingestürzt. Die Mauern zerfielen wie Bollwerke aus Sand.

Perikles hatte mit all den anderen gejubelt, als sie vorwärts auf den Feind zugestürmt waren. Doch was sie vorfanden, hatte ihre Stimmen wie auch ihr Lachen verklingen lassen. Die Perser hatten es im Inneren der Festung von Eion vorgezogen, lieber zu sterben, als sich gefangen nehmen zu lassen. Der Oberbefehlshaber hatte in den letzten Augenblicken seine Familie getötet und sich dann das Messer an den eigenen Hals gesetzt. Perikles schluckte bei dem Gedanken an das auf dem Marmor verspritzte Blut, das in seiner Erinnerung heller war, als es das jemals hätte sein können. Seitdem hatte er nicht mehr sein Schwert im Zorn gezogen.

Sie hatten Reichtümer in Eion vorgefunden – und das war ebenfalls ein Sieg, wie einen Edelstein aus einer Messerscheide zu brechen. Aber noch wichtiger war: Persien würde hier keinen sicheren Hafen mehr besitzen, würde nicht mehr in der Lage sein, das umliegende Land zu dominieren. Dennoch empfand Perikles nicht, dass er sich bewiesen hatte. Er fürchtete immer noch, dass dies eine Schwäche darstellte, wie ein Sprung in einem Schild.

Weder Kimon noch Attikos wirkten nervös, nicht auf die Art, wie er es war. Er ballte seine Fäuste und sagte sich, dass die Entscheidung getroffen worden war. Der Kies verschob sich unter seinen Füßen, und er machte einen Schritt, um seine Haltung zu verändern. Er würde mit den Übrigen in den Kampf ziehen, und wenn notwendig, dann würde er sterben. Es war einfach. Er konnte sein Leben wegwerfen, für Kleos und den Namen seines Vaters. Kein Sohn von Xanthippos konnte Schande über die Familie bringen.

Er fühlte, wie ihn Erleichterung überkam. Er mochte sterben, aber was war der Tod schon? Gar nichts. Bei Salamis hatte er am Ufer den toten Hund seines Vaters aufgefunden. Seine Augen waren weiß gewesen, wie er sich erinnerte, verfärbt vom Mond oder vom Meersalz. Genauso war es mit Menschen. Wenn die Götter ihren Anteil zurücknahmen, blieb nur Fleisch zurück.