4

Bei Sonnenaufgang führte die junge Frau die Griechen die andere Seite des Tals hinauf. Kimon hatte dem immer noch humpelnden Attikos befohlen, sie festzuhalten. Aus Bosheit drückte er ihren Arm äußerst fest. Perikles sah die bleichen Abdrücke seiner Finger, wollte aber nichts sagen, solange das Risiko bestand, dass Thetis wegrennen und sie weit weg von den anderen zurücklassen mochte. Obwohl Attikos seine Beinwunde verbunden hatte, schien sie ihm Schmerzen zu bereiten. Er murmelte im Gehen Thetis Verwünschungen und Drohungen zu, sodass sie sich von ihm wegdrehte.

Das Vorwärtskommen in dem dichten Untergehölz und vorbei an Olivenbäumen, so alt wie die Insel selbst, war anstrengend. Zwei weitere Male schreckten sie eines der drahtigen kleinen Ponys auf, das beim Anblick bewaffneter Männer davongaloppierte. Es hätte beinahe ein schöner Anblick sein können, wenn ihr Vorhaben nicht so schwerwiegend gewesen wäre. Mit dem Lauf der Sonne im Blick eilten sie voran.

Als Kimon die Gelegenheit ergriffen hatte, das Grabmal aufzusuchen, hatte er den Großteil seiner Streitmacht zurückgelassen. Perikles biss sich bei dem Gedanken daran auf die Unterlippe. Kimon war fast ein Dutzend Jahre älter als er, aber es war immer noch der Fehler eines jungen Mannes. Sie hatten nur sechs Hopliten mit sich genommen. Der Rest wartete im Tal oder war zurückgeschickt worden, um die Schiffe zu bewachen.

Auf einem Ziegenpfad, kaum mehr als eine sich windende Linie am Boden, erreichte Thetis den Hügelkamm. Sie zögerte nicht, sondern überquerte ihn geradewegs, wobei sie eine Hand ausstreckte, um auf dem steilen Abhang das Gleichgewicht zu behalten. Attikos, dessen verletztes Bein einknickte, riss sie hart zurück, was sie einen Schrei ausstoßen ließ. In finsterem Zorn beobachtete Perikles, wie sie herumfuhr, um Attikos zu schlagen, und dieser einmal mehr mit der Faust ausholte.

»Attikos!«, brüllte Perikles.

Er hatte seine Stimme wie eine Waffe eingesetzt, dabei jedoch vergessen, dass sie sich in feindlicher Umgebung befanden. Der scharfe Klang hallte von den Hügeln wider, sodass ein paar Hopliten herumfuhren, um ihm zu lauschen. Die anderen standen verdutzt für einen Moment so starr wie Statuen, ehe sie zu grinsen anfingen. Perikles hatte schon immer eine Stimme besessen, die gut auf ein Schlachtfeld passte.

Perikles hörte, wie Attikos ungläubig fluchte. Noch ein Fehler eines jungen Mannes, diesmal sein eigener. Seine Gereiztheit wuchs nur noch, als er spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Es war Attikos gewesen, der ihn dazu gebracht hatte, dass beide sich in Kimons Beisein blamiert hatten.

Schweigend schritt Perikles, der die Blicke der anderen auf sich fühlte, vorwärts. Er gestikulierte Attikos, zu verschwinden, und nahm Thetis am Arm. Sie beobachtete ihn unter der Masse ihres braunen Haars und schien zu lächeln. Er fragte sich, wann sie das letzte Mal gebadet hatte.

»Du hast mein Wort, dass er dir nicht noch einmal wehtun wird«, sagte Perikles. Er ignorierte Attikos, der nur ein paar Schritte weiter weg stand. Der Mann schnaubte verächtlich in Erwiderung auf ihren schnellen und nervösen Blick hin zu Perikles, war jedoch klug genug, davonzustolzieren und ihn mit ihr allein zu lassen.

»Ihr werdet mich nicht umbringen, wenn wir das Grab erreichen?«, fragte sie.

Perikles blickte sie überrascht an. »Nein. Ich habe eine Schwester und eine Mutter, die mir das niemals vergeben würden. Dir wird kein Leid zugefügt werden.«

»Dein Freund meinte, er würde mich nehmen … so wie ein Ehemann seine Frau«, sagte sie.

Er konnte sehen, wie sie selbst unter der Deckung ihres Haars tief errötete. Er nahm an, dass es wie ein Spiegelbild seines eigenen Gesichts in diesem Moment war. »Er ist nicht mein Freund, äh, also denke ich, … nein, es ist egal. Komm schon, geht es hier entlang?«

Sie begann aufs Neue, den Hang hinabzugehen, und die Hopliten schlossen sich ihr an. Perikles sah, wie sie an einer Stelle, wo Felsen aus der Erde herausragten, zögerte. Sie brauchte beide Hände, um hinabzuklettern, und er ließ ihren Arm los, bereit, sich ihr hinterherzustürzen, falls sie davonlaufen sollte. Sie schüttelte den Kopf, als er näher rückte und sie seine Gedanken erriet. »Ich zeige euch das Grab«, sagte sie. »Dann verschwindet ihr wieder. Das hat er gesagt.«

»Wir wollen sehen, wer darin liegt, falls es wirklich ein Grab ist«, sagte er. »Aber ja, darüber hinaus ist uns dieser Ort egal. Hier ist einmal ein großer Mann gestorben, vor langer Zeit. Mehr bedeutet Skyros uns nicht.«

Sie führte sie einen Hang voll Farnkraut hinab, wo fremdartige schwarze Fliegen sich nur so auf entblößte Haut zu stürzen schienen. Perikles rieb über eine blutige Stelle an seinem Unterarm, wo ihn eine von ihnen gestochen hatte. »Wirst du hier auf der Insel bleiben, wenn wir wieder fortgehen?«, fragte er.

Attikos war näher gekommen, sodass er nur noch ein paar Schritte hinter ihnen war, und schwatzte mit einem der anderen Männer. Kimon bildete die Nachhut, daher hörte er nicht, wie Attikos den Schluss nahelegte, der junge Kyrios würde an der Spalte zwischen ihren Beinen wie an einem Angelhaken hängen. Es war deutlich hörbar und dennoch so leise geflüstert, wie es ein Krieger nur fertigbrachte.

Perikles fühlte, wie sich seine Hand zur Faust ballte, und zwang sich, sie zu öffnen. Er musste bloße Beleidigungen übergehen, obwohl sie darauf abzielten, ihn zu verletzen. Er sparte alles wie Salz für später auf. Wenn sein Vater auch Attikos beauftragt hatte, auf ihn aufzupassen, so war vielleicht doch die Zeit gekommen, diese Absicherung zu beseitigen und sich alleine durchzuschlagen. Der Preis, ihn in seiner Nähe zu haben, war einfach zu hoch. Perikles blickte über den Schild auf seinen Schultern hinweg und sah, wie Attikos ihn mit einem schiefen Grinsen beobachtete.

»Alles in Ordnung mit dir dahinten?«, fragte Perikles.

»Ja, Kyrios. Alles fein und munter«, erwiderte Attikos mit vollendeter Unverschämtheit. Er war noch immer wütend darauf, dass er vor allen angebrüllt worden war, das war deutlich genug.

Perikles lächelte so unbefangen zurück, wie es ihm möglich war. Er konnte seinen Fehler nicht ungeschehen machen, nicht jetzt. Vielleicht schuldete er dem Mann eine Entschuldigung – bevor er ihn zu Boden streckte. Er fragte sich, ob er Attikos in einem fairen Kampf besiegen konnte. Der Mann besaß eine Gleichgültigkeit gegenüber Schmerzen, die ihn zu einem harten Gegner machte. Perikles konnte sich vorstellen, dass er auf ihn einprügelte und den üblen alten Bastard bloß zum Lachen brachte.

Die Sonne löste sich vom Rand der Hügel, als der Morgen voranschritt. Die Strecke, die sie hinter sich brachten, war nicht besonders lang, aber sie fanden niemals einen freien Pfad. Perikles erduldete einen aus einer schwarzen Brühe bestehenden Sumpf, der eine seiner Sandalen bei sich zu behalten drohte und wie angeschlagener Feuerstein oder Schwefel stank. Er und die anderen kletterten über gestürzte Bäume hinweg, unter abgebrochenen Zweigen hindurch und durch Dornbüsche dicht wie Mauern, sodass sie erst auseinandergehackt werden mussten. Es gab Momente, in denen er sich fragte, ob Thetis sie absichtlich durch die ärgsten Hindernisse führte, die sie kannte.

Es war eine immense Erleichterung, als sie auf kahle Klippen hinaustraten. Nach so langer Zeit in tiefgrünen Schatten fühlte sich Perikles wie ein Entdecker, der das Meer zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Es hob seine Stimmung, bis er die acht Langboote voller Männer ausmachte, die schnell um die Insel herum ruderten. Er blickte Thetis an, und sie grinste zurück.

»Unsere Kerle sind also wieder da«, sagte sie. »Und ihr seid hier. Ihr werdet es nicht zu ihnen runterschaffen, bevor sie alle eure Leute umgebracht haben.«

»Du hast das geplant?«, fragte Perikles ungläubig.

Er konnte nur Siegesfreude in ihrem Ausdruck sehen, als wollte sie tanzen. Sie erwartete, dass er sie tötete, das konnte er sehen. Irgendwie schien es sie nicht zu kümmern. Sie hatte ihren Kleos gefunden, als sie ihn auslachte.

Kimon drängte sich durch die anderen zu ihnen vor, und Attikos trat aus dem Weg, um nicht zur Seite geschoben zu werden. Er tat das mit hinreichendem Respekt, wie Perikles auffiel.

»Warum haben wir angehalten …« Kimon verstummte, als er die Boote weiter unten sah. Sie waren nahe genug, um erkennen zu können, dass es eine Menge Männer war, aber über unwegsames Gelände hinweg waren sie selbst immer noch weit von ihnen entfernt. Kimon rieb sich die Barstoppeln in seinem Gesicht, als er den wilden Ausdruck in Thetis’ Blick mitbekam. Sie zitterte, wie Perikles sah, in Erwartung ihres Todes.

»Kluges Mädchen«, sagte Kimon. »Gab es jemals ein Grab hier?«

Ihr Blick zuckte für einen Moment nach Osten, ehe sie die Achseln zuckte und den Kopf schüttelte. Perikles verstärkte nochmals seinen Griff um ihren Arm, was sie zusammenzucken ließ. Auch Kimon war aufgefallen, was sie preisgegeben hatte. Er deutete in die Richtung. »Da drüben? Oder ist das noch so ein Trick?«

»Sie gehen da unten an Land«, sagte Perikles. »Wir schaffen es nicht rechtzeitig zurück, selbst wenn wir jetzt aufbrechen.«

Kimon blickte ihn an und nickte. Perikles bemerkte, dass er so ruhig wie die Brise um sie herum war. »Dann können wir auch genauso gut die Gegend auskundschaften«, sagte Kimon. »Für den Fall, dass unsere Führerin hier wirklich ein Grab gesehen hat.«

Die kleine Gruppe teilte sich auf und machte sich in alle Richtungen davon. Kimon blickte die Frau an, die Perikles festhielt. Seine Hand tippte seinen Schwertknauf an, und sie holte tief Luft, als sie auf seine Entscheidung wartete.

»Ich kümmere mich um sie, Kyrios«, bot Attikos an, der zurückgeblieben war. »Sie hat mir immerhin ein Messer reingestoßen. Da hab ich meinerseits nichts dagegen, ein wenig Zeit mit ihr zu verschwenden.«

»Erledige es einfach schnell!«, schnappte Kimon. Er war ebenfalls wütend auf die Frau, die ihn von seinen Männern fortgeführt und vielleicht dafür gesorgt hatte, dass sie alle umkamen.

Ohne sich lange zu besinnen, ließ Perikles ihren Arm los. Er bekam mit, wie Thetis ihn in einem Moment der Verwirrung anblickte – dann war sie davon und sprang wie ein Reh die nackten Felsklippen entlang. Attikos stieß einen Fluch aus und rannte ihr hinterher. An einem anderen Tag wäre er vielleicht schnell genug gewesen, dachte Perikles. Der Mann war die Art Hund, die einer Spur folgen konnte. Seine Beinwunde gab ihr eine faire Chance – gerade so wie sie es verdiente, und nicht mehr. Die beiden verschwanden hinter einem Felsvorsprung außer Sichtweite. Ihr Schicksal lag in der Hand der Götter.

In der anderen Richtung schrie einer der Hopliten plötzlich auf und hielt seine Hand hoch. Der Rest von ihnen lief wie goldene Funken, die durch das grüne Ginstergebüsch gezogen wurden, an dieser Stelle zusammen. Kimon schluckte, welche Bemerkung oder Zurechtweisung auch immer ihm auf der Zunge gelegen hatte, hinunter. »Ist es das Grab?«, rief er.

Perikles hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. »Finden wir es heraus.«

Sie begannen zu rennen, und ihre Müdigkeit verschwand.

 

Kimon gebrauchte sein Schwert, um sich durch Ranken und Wurzeln zu hacken, die sich wie ein Spalier über einen gewaltigen Stein ausgebreitet hatten. »Helft mir damit«, befahl er, und die anderen taten es ihm nach, gruben mit Händen oder Klingen in was auch immer darunter lag. Dessen Ruhe war offensichtlich seit sehr langer Zeit nicht gestört worden. Kimon keuchte auf, während er einen ganzen Bereich von weißen Haftwurzeln wie einen kleinen Teppich zurückzog.

»Was ist das?«, fragte Perikles ihn.

»Schau dir diesen Rand an. Behauener Stein, mit scharfen Kanten. Warum sollte es so etwas auf einem Hügel in Skyros geben? Es ist die Arbeit von Meistersteinmetzen, Perikles. Bei Athene, ohne diese Frau hätten wir das Grab niemals gefunden! Sogar jetzt noch ist es fast unsichtbar. Komm schon, wir haben keine Hämmer, um es aufzubrechen. Wir müssen diesen Stein umkippen, wenn wir sehen wollen, was darunter liegt!«

Perikles blickte in die Richtung zurück, in die Attikos der Frau hinterhergestolpert war. Kimon war bereits mit einem Messer unter dem Stein zugange, um dessen unteren Rand zu finden.

»Sie ist momentan nicht deine Sorge, Perikles. Das hier ist es. Mach dir deine Hände schmutzig, los jetzt.«

Perikles, der den Stich einer Rüge spürte, nickte. Er kniete sich im Farnkraut nieder und zog sein Essensmesser. Der Stein war ein massiver Block, so breit wie ein Grabstein daheim und zweimal so dick wie eine geballte Faust. Er konnte mehr und mehr von dem verborgenen unteren Rand ausmachen, aber selbst mit so vielen Händen würde er verflucht schwer anzuheben sein. Sechs Männer schabten und stemmten sich gegen den großen flachen Block, während ein paar weitere von ihnen Wache standen. Kimon war tief in Gedanken versunken, während sie an dem Block rissen und zogen und hackten, um dessen Form freizulegen.

»Alle jetzt zu einer Seite«, sagte Kimon plötzlich. »Schauen wir, ob wir ihn umkippen können.«

Sie drängen sich hinüber, klemmten ihre Fingerspitzen unter den Rand, den sie freigearbeitet hatten, und machten sich bereit. Perikles wandte sich um, als er in der Ferne einen dünnen Schrei vernahm, beinahe wie den einer Möwe.

»Ich brauch dich hier, Perikles«, schnauzte Kimon ihn an. »Pack zu!«

Perikles ergriff neben Kimon den Stein. Ein Teil seiner Hand verschwand darunter, sodass er dessen Unterseite erfühlen konnte. Etwas Fremdartiges kroch ihm über die Haut, und er schauderte.

»Auf mein Kommando«, sagte Kimon. »Fertig? Anheben!«

Der Stein hob sich, als die Männer ihre Griffe verschoben und unter dem enormen Gewicht keuchten. Es war Kalkstein, so alt wie die Welt selbst. Der Boden unter ihnen schien zu zischeln, als der unnachgiebige Druck den Griff Tausender Wurzeln brach. Käfer und Tausendfüßler rollten sich im ersten Licht, das sie jemals erlebt hatten, zusammen. Der Stein fuhr fort, sich zu heben, weiter und weiter, während sie sich völlig in ihrer Anstrengung aufgegangen gegen ihn stemmten. Mit einem Mal kippte er von ihnen fort und krachte zur anderen Seite nieder, wo er in zwei Teile zersplitterte. Ein Stich von Bedauern durchfuhr Perikles. Es konnte nun nicht mehr ungeschehen gemacht werden, man konnte den Stein nicht zurücklegen. Wie mit seinem Bruder, wie mit allem, was etwas bedeutete, konnte er nicht instand setzen, was zerbrochen war.

Auf Händen und Knien blickten sie in etwas hinein, was eindeutig eine Grabstätte war. Ein riesiger Mann war hier in einer flachen, aus der Erde gegrabenen Aushöhlung zur letzten Ruhe gebettet worden. Wurzeln und Gräser hatten sich durch den Hohlraum gegraben, weiße Fäden füllten jeden Teil von ihm wie ein Nest aus. Trotzdem war immer noch ein Bronzehelm über einem von Wurzeln umwundenen Schädel sichtbar. Oberschenkelknochen und Rippen waren auszumachen, zusammen mit einem Brustharnisch und Beinschienen, deren Bronze nach so langer Zeit unter dem Stein grün angelaufen war. Ein Schild war nicht vorhanden.

»Mein Vater hat mir erzählt, dass Theseus auf Skyros getötet wurde«, murmelte Kimon ehrfürchtig. »Dass, wenn er überhaupt irgendwo begraben wäre, es hier sein müsste … Aber ich hätte nie gedacht, dass wir tatsächlich sein Grab finden würden. Wirklich nicht. Ich dachte, die Chancen stünden nicht schlecht, dass es die falsche Insel war. Oder dass, wo auch immer er gestorben war, man ihn ausgeraubt hatte oder wilde Tiere ihn gefressen und seine Knochen verstreut hatten. Alles, was ich hatte, war die Geschichte von einem alten König, der von einem Verräter umgebracht worden war. Und trotzdem musste ich suchen. Ich konnte mir einfach nicht einreden, dass es keine Möglichkeit gab … wenn da doch eine war.«

In stiller Ehrfurcht schüttelte er den Kopf. Perikles sah mit an, wie Kimon hinabreichte und das Wurzelgewebe zur Seite schob, das die Knochen und die Rüstung bedeckte. Er berührte die Fingerknochen. »Das ist Theseus, der Herakles einen Freund nannte. Diese rechte Hand erschlug den Minotaurus und hielt Helena von Troja. Unser größter athenischer König! Kommt, helft mir, dieses faule Gestrüpp wegzuschaffen. Wir bringen jeden Knochen und jedes Rüstungsstück zurück zu den Schiffen.«

»Bist du dir sicher, dass es er ist?«, fragte einer der Männer.

Kimon blickte nicht von dem Gegenstand seiner ehrfürchtigen Blicke auf. »Wer sonst sollte es sein, auf Skyros, mitten im Nirgendwo? Dieser Mann trägt die Rüstung eines Hopliten, die jahrhundertealt ist. Und schaut euch seine Größe an, die Länge dieser Knochen! Wenn er sich jetzt erheben würde, dann wäre er der Größte unter uns. Wer sonst außer Theseus wäre einen Grabstein wert, der so schwer ist, dass wir alle zusammen ihn kaum hochbekommen konnten? Er war ein großer Krieger, selbst als alter Mann. Wer auch immer ihn an diesen Ort geschafft hat, wollte sichergehen, dass er sich nicht wieder erheben würde. Das spricht für Theseus.«

Kimon begann die Wurzeln zu entfernen, indem er auf die dicke Matte gelber Stränge einhackte. Jede Handvoll legte mehr offen, und die anderen Männer arbeiteten hart und schnell, sodass die komplette Gestalt in nur kurzer Zeit freilag.

Kimon, der bis zu den Ellbogen schwarz vor Dreck war, beugte sich in das Grab hinab. Perikles dachte schon, er könnte den Schädel des gefallenen Königs küssen, aber stattdessen holte er eine schwarze Speerspitze hervor. Kimon rieb mit seinem Daumen Splitter von ihr ab, dann lachte er auf. »Gebt mir einen Speer«, befahl er mit ausgestreckter Hand.

Als einer von ihnen ihm einen Doryspeer aushändigte, legte er die beiden Speerspitzen aufeinander, um sie miteinander zu vergleichen, die uralte und die neue. Alles Holz in dem Grab war längst verrottet und hatte nur eine Zacke aus zerbröckelndem Eisen zurückgelassen. Athenes Eulensymbol war gerade noch auszumachen. Die Hopliten betrachteten die Spitze ehrfürchtig, als Kimon sie ihnen zeigte und sie im Licht hin und her drehte. Sie brach bereits auseinander, Rostflocken glitten von ihr ab und färbten seine Handfläche dunkelrot.

»Holt einen Mantel, um alles zu tragen – Knochen und Rüstung«, sagte Kimon. »Theseus hat eine lange Zeit auf das hier gewartet – auf uns. Wir bringen ihn heim.«

Da begannen sie zu jubeln und Dank zu sagen. Es war ein Moment reinen Wunders, laut genug, um die Möwen entlang der Klippen aufzuschrecken. Perikles fühlte, wie sein Herz raste. Er half dabei, die Knochen und die Rüstung einzusammeln, wobei er jedes Stück mit Ehrerbietung aufhob. Erst als alles zu einem Bündel verschnürt und vollständig gesichert war, ging er dorthin zurück, wo er Attikos hatte verschwinden sehen. Während Kimon die Männer bereit machte, zur anderen Seite der Insel zurückzukehren, erreichte Perikles die Stelle und rief laut nach ihm. Trotz seines Ärgers wollte er Attikos nicht zurücklassen. »Attikos! Wir kehren jetzt um!«, schrie er mit um den Mund gelegten Händen. Dieses Mal spielte es keine Rolle, dass seine Stimme laut widerhallte, obwohl der Meereslärm ihr die Hälfte ihrer Kraft raubte.

Er konnte Möwen schreien hören, dann vernahm er am Rand seiner Wahrnehmung denselben schwachen Ruf wie zuvor. Ohne nachzudenken, ging Perikles weiter, wobei er seinen Rücken gegen eine Felsnadel presste, um sie zu umrunden. Zu seinen Füßen ging es so tief hinunter, dass er es nicht wagte, hinzuschauen.

Hinter sich konnte er Kimon seinen Namen rufen hören, aber Perikles ging weiter. Er musste sich sicher sein.

Es war nicht weit. Als er um die Säule aus grauem Gestein herumkam, fiel der Boden ab. Ein Teil von ihm folgte einem schmalen Pfad aus Gestein, den Meeresstürme und der Zahn der Zeit zu einem dünnen Rand verwittert hatten. Der Rest gähnte über Leere, einem Absturz zu zerklüfteten Felsen. Perikles’ Magen verknotete sich, als er sich vorlehnte und hinabblickte. Da war er.

Er konnte erkennen, dass Attikos böse gestürzt war. Das Bein des Mannes lag entsetzlich abgewinkelt, es mitanzusehen, ließ Perikles zusammenzucken. Es war unmöglich, dass Attikos wieder hinaufkletterte, nicht mit dieser Verletzung – und mit der Wunde an seinem anderen Bein. Von Thetis war nichts zu erblicken. Zweifellos war sie völlig sicher auf dem Pfad vorangekommen, während der Athener hinabgefallen war.

»Perikles, den Göttern sei Dank. Hilf mir!«, rief Attikos. Die Erleichterung war deutlich in seiner Stimme zu vernehmen. Er musste in Sorge gewesen sein, dass niemand kommen würde, dass er an diesem Ort alleine sterben würde.

Perikles blickte auf ihn hinab, während Möwen schrien und mit ihren Flügeln gegen den Wind schlugen.