Im Jahr 2018 vermeldete Habitat eine Steigerung der Verkäufe von Bücherregalen und Bücherschränken um 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das war nicht nur für den Möbel- und Einrichtungshändler eine gute Nachricht, sondern auch für Buchverkäufer, Bücherfreunde und Tischler. Andere Möbelhäuser bestätigten diesen Trend. Nun wäre es wohl ziemlich voreilig gewesen zu behaupten, Lesen sei innerhalb von nur zwölf Monaten wieder um beinahe die Hälfte populärer geworden – eine kleine Sensation war es dennoch. Ebenso wenig scheint es sich um ein kurzzeitiges Phänomen zu handeln: Die britische Kaufhauskette John Lewis vermeldete 2017 eine Steigerung des Umsatzes aus Bücherregalen und -schränken um 10 Prozent, wobei allein der Bestseller des Händlers, eine Konstruktion aus Mangoholz und schwarzem Stahl für knapp 700 Pfund, innerhalb eines Jahres einen Zuwachs um 244 Prozent verzeichnete.
»Die Kunden entdecken gerade ihre Liebe zum Büchersammeln wieder. Sie kaufen schöne Regale und andere Möbel, um sie zur Schau zu stellen«, äußerte sich das Unternehmen erfreut, während die Kasse klingelte.
Kann schon sein, dass die Umsätze in hochklassigen Läden wie Habitat und John Lewis stark angestiegen sind, trotzdem steht außer Frage, wer auf diesem Parkett der wirklich große Player ist. Sein Glanz überstrahlt den aller anderen Billys – Joel, Connolly, Bob Thornton, Idol, the Kid. Es ist die tragende Säule unzähliger moderner Haushalte – das Billy-Bücherregal von IKEA.
Es ist erschwinglich und robust, einfach gestaltet und – zumindest theoretisch – leicht aufzubauen. Seit es 1979 in Schweden das erste Mal vom Band lief, wurden weltweit mehr als 110 Millionen Stück verkauft. Derzeit geht es um die mehr als sieben Millionen Mal pro Jahr durch die Kassen. Das ist eine riesige Summe (von den Unmengen winziger Nägelchen, die du reinhämmerst, um die Rückwand zu befestigen, mal ganz zu schweigen). Allein in Großbritannien werden pro Jahr knapp 600.000 Billy-Regale verkauft und damit Regalplatz für etwa 90 Millionen Bücher. Pro Jahr.
Erfinder dieser genialen Konstruktion war ein gewisser Gillis Lundgren. Im Jahr 1953 kam er als einer der ersten vier Mitarbeiter zu IKEA. Seine Entwürfe wurden so berühmt, dass seine Todesanzeige, als er 2016 im Alter von 86 Jahren starb, in Zeitungen auf der ganzen Welt erschien. Das Billy-Regal hatte er eigenen Aussagen zufolge auf die Rückseite einer Serviette gekritzelt. Und es war nicht sein einziger Entwurf für das Unternehmen. Viele sind sogar der Auffassung, dass die Idee der Selbstbaumöbel an sich auf ihn zurückgeht. Wie es heißt, soll er eines Tages, als die beiden versuchten, einen Tisch im Kofferraum eines Autos unterzubringen, zu Unternehmensgründer Ingvar Kamprad gesagt haben, der Tisch ließe sich doch viel einfacher verstauen, wenn sie die Beine abschrauben könnten. Dennoch ist das Billy-Regal bei Weitem sein populärster und langlebigster Entwurf. So populär und langlebig, dass der Daten- und Finanzanalyst Bloomberg den Billy Bookcase Index erarbeitete. Dieser bildet vergleichend den Preis des Regals in achtunddreißig Ländern ab, um in Echtzeit Währungsschwankungen ablesen zu können.
Die Schlussfolgerung, dass das Billy-Regal den neuen Bücher-Hype wenn nicht ausgelöst, so doch zumindest befördert hat, vor allem in den letzten Jahren, als das digitale Lesen für kurze Zeit das gedruckte Buch zu verdrängen schien, ist wohl keine allzu gewagte Behauptung. Mit einem zweistelligen Preis sogar für das große Standardmodell schlägt das gute Stück vergleichbare, mehrere hundert Euro teure Produkte aus massiver Eiche und von exzellenter Qualität, wie sie Habitat und Co. verkaufen, um Längen. Als mit Abstand erschwinglichstes und einfach strukturiertes Modell, aus dessen Einzelteilen selbst der ungeschickteste Do-it-yourself-Handwerker ein stabiles und verlässliches Bücherregal bauen kann, hat das Billy-Regal die private Büchersammlung auf eine neue Stufe gehoben.
Bücherschränke und -regale sind mit der Verbreitung von Literatur untrennbar verbunden. In den 1930er Jahren, als in den USA einfache, erschwingliche Häuser für die Arbeiterklasse entstanden, betrieben Verlage intensive Überzeugungsarbeit bei den Bauherren. Ihr Ziel: Bücherregale sollten zur Standardausstattung dieser Gebäude werden. Ihre Begründung: Leere Regalböden würden die Menschen dazu anregen, Bücher zu kaufen, um sie zu füllen, und zwar mehr Bücher, als wenn keine Regale da wären. Getreu dem guten alten Motto: »Hältst du jemandem den richtigen Köder hin, dann wird er auch anbeißen«. Für Großbritannien lässt sich die Bedeutung von Bücherregalen für Verbesserungen im sozialen Bereich aus der Tatsache ermessen, dass es in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vorschrift gab, wonach jeder Film, den die einflussreiche Children’s Film Foundation herausbrachte, Bücherregale zu enthalten hatte, und zwar in allen Szenen, die in Kinderzimmern und Wohnzimmern spielten.
Bücher möblieren nicht nur Räume, sie möblieren auch unseren Geist. Daher stellen Regale quasi Ausstellungsräume unserer mentalen Verfasstheit dar. In jüngerer Zeit sind sie dank der zunehmenden Verbreitung von »Shelfies« zu wahren Hotspots der Selbstpräsentation geworden. Der Begriff »Shelfie« wurde 2013 geprägt. Die Kombination aus »shelf« (engl. Regal) und »Selfie« bezeichnet Fotos, die Menschen von ihrem Bücherregal oder von sich selbst vor ihrem Bücherregal machen und in den sozialen Medien posten. So kann man entweder sein Liebe zu bestimmten Büchern online mit Gleichgesinnten teilen, oder es handelt sich um ein bemerkenswertes Beispiel für den Internetnarzissmus des 21. Jahrhunderts, je nach Standpunkt. Die Verkaufszuwächse bei Bücherschränken lösten eine Henne-Ei-Diskussion um die Frage aus, ob das Shelfie der Auslöser für die zunehmende Beliebtheit dieser Einrichtungsgegenstände sei oder diese nur widerspiegele. Aber das ist eigentlich Nebensache. Der wichtigste Punkt in diesem Zusammenhang ist der, dass Shelfies eine größere Chance eröffnen, die Nase in anderer Leute Bücherregale zu stecken, ohne das heimische Sofa zu verlassen.
Zum echten Hype wurden die Shelfies 2018, und Anfang 2019 kochte das Thema noch mal hoch, als Aufräum-Guru Marie Kondo in ihrer Netflix-Serie Aufräumen mit Marie Kondo vorschlug, die Leute sollten alle Bücher, die ihnen kein Vergnügen bereiteten, aussortieren und wegwerfen. Dieser Vorschlag löste eine Flutwelle gnadenloser Anfeindungen aus, die sich aus einem mangelhaften Verständnis von Kondos Methode speisten und in einem Crescendo von Wut, Entrüstung und Empörung gipfelten. Angesichts dieser heftigen Reaktionen konnte man meinen, Kondo hätte gefordert, sämtliche Bücher aus allen Haushalten zu entfernen, sie auf eine Flotte von Lastkähnen zu verladen, diese in die Weiten des Atlantischen Ozeans hinauszuschleppen und von einem Hubschraubergeschwader mit Brandbomben beschießen zu lassen. Dabei hatte sie lediglich dem Ehepaar, dem sie beim Ausmisten seiner Bücherregale half, vorgeschlagen, sich die folgende Frage zu stellen: »Wird der Besitz dieser Bücher mein Leben auch in der Zukunft bereichern?«
Die naheliegendste Antwort auf diese Frage lautet »Na klar …«, doch erstens sind nicht alle Menschen leidenschaftliche Bücherfans, und zweitens haben viele einfach nicht genügend Platz, um regalweise Bücher im Haus unterzubringen. Seien wir doch mal ehrlich: Die sozialen Medien wären nicht das, was sie sind, gäbe es nicht diese heftigen, auf Un- oder Halbwissen beruhenden hysterischen Ausbrüche. Und etwas Positives hatte der ganze Aufruhr auch: Die Anzahl der online verfügbaren Fotos von Bücherregalen stieg rasant. In dem Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, liegt die Anzahl der Posts mit dem Hashtag #shelfie bei etwas über 1,6 Millionen. Das sind eine Menge Regale – und noch viel mehr Bücher.
Vermutlich lag es nicht in ihrer Absicht, doch Marie Kondo trug zu einer hochwillkommenen und längst überfälligen Rückbesinnung auf das gute alte Bücherregal bei. Die Bandbreite der Fotos reichte von sorgfältig kuratierten, perfekt ausgeleuchteten und gefilterten Porträtaufnahmen vor Büchern, die ihre Besitzerinnen und Besitzer so hipp und cool wie nur irgend möglich ins Szene setzen sollten, bis hin zu schlunzig hinter Aschenbechern und leeren Bierdosen aufgetürmten Bücher- und Zeitschriftenstapeln. Es war eine großartige Feier der privaten Bibliothek, nicht zuletzt deshalb, weil sich hier die Möglichkeit bot, ein Urteil über die Lesegewohnheiten und den Möbelgeschmack völlig fremder Menschen abzugeben. Und außerdem hat das Ganze Fragen zu der Art und Weise aufgeworfen, wie Menschen ihre Büchersammlungen sortieren, aufbewahren und präsentieren.
Kein Möbel hat so viel Charme wie Bücher.
Sydney Smith
(Lady Holland’s Memoir)