Sosehr wir sie auch lieben – sammeln sich Bücher erst einmal in signifikanter Größenordnung an, sind sie extrem unpraktisch. Mit jedem von ihnen verbringen wir vermutlich so zwischen zwei und einigen Dutzend Stunden unseres Lebens, und die meisten nutzen wir wahrscheinlich nur ein einziges Mal. Selbst unsere absoluten Topfavoriten, die wir immer wieder einmal lesen, halten wir insgesamt nur wenige Stunden in den Händen. Nach Gebrauch stellen wir sie wieder zurück ins Regal, und da stehen sie dann, fein säuberlich aufgereiht inmitten all der anderen Bände, die wir über die Jahre angesammelt haben, und nehmen einfach nur Platz weg. Gibt es gute Argumente, sich von Büchern, die man schon gelesen hat und von denen man weiß, dass man sie nie wieder lesen wird, zu trennen? Stellen Sie sich bloß mal vor, wie viel Platz das sparen würde. Tageszeitungen und die meisten Magazine heben wir ja auch nicht auf, warum also machen wir bei Büchern so ein Gewese?
Okay, hier bewege ich mich auf dünnem Eis, schon klar. Bereits das bloße Nachdenken über diese Frage lässt für durchschnittliche Bücherfans die Welt ein klein wenig aus den Fugen geraten. Als hätten sie Angst, schon der Gedanke allein würde ausreichen, ihre Bibliothek kollabieren und in sich selbst verschwinden zu lassen wie das Haus am Ende von Poltergeist. Die Frage ist dennoch berechtigt. Warum bewahren wir Bücher auf, ähnliche Gegenstände aus bedrucktem, gebundenem Papier aber nicht? Nun, zunächst einmal deshalb, weil die Anschaffung eines Buches eine größere Investition darstellt. Nicht so sehr in dem Sinne, dass man dafür so und so viel bezahlen muss, sondern eher aus folgendem Grund: Erwerben wir ein Buch, sei es über einen internationalen Online-Händler, in der Filiale einer großen Buchhandelskette in der Innenstadt oder in einem kleinen Antiquariat auf dem Dorf, dann sagen wir uns: »Ich investiere in dieses Buch etwas, dessen Wert nur schwer mit einem realen Preis zu beziffern ist – meine Zeit. Dies ist ein Gegenstand, der in meiner Welt physischen Platz einnehmen wird, genauso wie in meiner Fantasie und meinem Kopf.« Die wesentliche Aufgabe einer Zeitung oder Zeitschrift besteht darin, Informationen zu vermitteln. Einige davon lösen eventuell weiteres Nachdenken, Widerspruch oder Analyse aus. Es sich mit einem Buch gemütlich zu machen ist etwas ganz anderes. Andere Druckerzeugnisse existieren, um uns die Zeit zu vertreiben; ein Buch ist dazu da, uns freie Zeit zu schaffen und sie zu gestalten.
Darüber hinaus ist die Chance, den Besitz einer Ausgabe von, sagen wir mal, Gala oder PM History mit irgendwelchen sentimentalen Regungen zu verbinden oder ihr eine tiefere Bedeutung zuzuschreiben, eher gering. Manche Menschen bewahren die von ihnen abonnierten Monatszeitschriften tatsächlich wohlgeordnet auf, andere lassen sie sogar liebevoll jahrgangsweise binden, und interessanterweise sind viele von diesen gebundenen Ausgaben wie ein Buch gestaltet. Bücher vermitteln ein Gefühl von Langzeitbesitz, von Dauerhaftigkeit. Ihr Erscheinungsdatum findet sich im Impressum, versteckt zwischen dem Kleingedruckten über Eigentumsrechte, Schriftarten und Urheberrechte; Periodika dagegen stellen ihre Aktualität und damit letzten Endes auch ihre Kurzlebigkeit auf der Titelseite zur Schau.
Aus diesen Gründen sind das Kaufen und Verkaufen, Weggeben oder Wegwerfen von Büchern nichts, was man leichtfertig tut; es erfordert eine gewisse Sorgfalt und intensives Nachdenken. Aber der neue Spiegel? Tja, Sie haben die Beiträge, die Sie interessant fanden, gelesen, also ab damit in die Tonne.
Bestimmt haben die meisten von uns irgendwann schon einmal zumindest den Versuch unternommen, die Bestände zu reduzieren, ob nun wegen eines Umzugs oder weil ihnen aufgefallen ist, dass sie wegen der ausufernden Bücherstapel die Farbe des darunter befindlichen Teppichs nicht mehr erkennen können. Trotzdem ist das Verkleinern unserer Privatbibliothek eine echte Herausforderung, eine schwere Aufgabe. Und es braucht dafür genau jene enorme Selbstdisziplin, deren Fehlen der immense Bücherberg, den wir unser Eigen nennen, so eindrucksvoll belegt. Isabel Allende besitzt Bücherregale, die vom Boden bis zur Decke reichen. Sie sind gefüllt mit ledergebundenen Klassikern, die ihr Mann über die Jahre gesammelt hat. Doch einmal im Jahr sortiert sie sie aus und gibt sie stapelweise weg. Sheryl Sandberg, die Co-Geschäftsführerin von Facebook, hebt dagegen alles auf. Sie hat sogar noch ihre Bücher aus dem Studium, »nur für den Fall, dass mich plötzlich das Bedürfnis überkommen sollte, Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung zu lesen.«
Bücherfreunde, die Marie Kondos Methode ausprobieren, also jedes einzelne Buch in die Hand nehmen und sich fragen, ob es Freude in ihr Leben bringt, werden darauf mit ziemlicher Sicherheit verschiedene Antworten finden. Die Bandbreite reicht von einem klaren »Ja« über ein »Wahrscheinlich schon« bis hin zu einem »Oh, schau mal an. Das hier habe ich noch gar nicht gelesen. Das kriegt noch eine Chance.« Doch selbst dann, wenn Sie kein einziges Buch finden sollten, das Sie bei Ihrem nächsten Gang in die Stadt ins örtliche Antiquariat bringen könnten, tun Sie immer noch ganz genau das, was Marie Kondo vorschlägt: Sie bewahren die Bücher auf, die Freude in Ihr Leben bringen. Nicht in dem Sinn, dass Sie jedes Mal, wenn Sie an Ihrem Bücherregal vorbeigehen, jedem einzelnen Band auf den Rücken klopfen und Freudenschreie ausstoßen, sondern wegen der Geschichten, die sie erzählen, und der Erinnerungen daran, wie diese Bücher in Ihren Besitz gelangt sind. Das ist der Grund, warum unsere persönliche Bibliothek uns so viel Freude bereitet und warum es so fürchterlich schwer ist, sie zu verkleinern. Es sind die Erinnerungen. Die Erinnerungen daran, was zwischen den Buchdeckeln ist, an die Umstände, unter denen sie in unseren Besitz gelangten und wir diese Buchdeckel aufschlugen.
Ein gutes Buch ist die reinste Essenz der menschlichen Seele.
Thomas Carlyle
(Rede für die London Library)