Bestimmt haben viele von uns schon einmal die entzückende Erfahrung gemacht, ein gebrauchtes Buch zu kaufen und darin Belege für dessen vorherigen Besitzer zu finden. Je älter das Buch, desto häufiger kommt das vor, und desto aufregender ist es. Da sind in Tinte geschriebene Namen oder Kürzel, gelegentlich auch schön gestaltete und sorgfältig eingeklebte Buchmarken mit klassischen Kupferstichen und den Worten Ex libris, oftmals auch eine Widmung, die verrät, dass Ihr Buch einmal ein kostbares Geschenk war. Noch seltener finden sich vielleicht eine gepresste Blume, ein altes Foto oder ein Brief, die entweder als Lesezeichen dienten oder hier versteckt wurden. Solche Entdeckungen steigern unseren bibliophilen Lustgewinn um ein Vielfaches. Schließlich sind sie der Beweis dafür, dass jedes Buch seine Geschichte hat, die sich von der, die auf den Seiten erzählt wird, unterscheidet. Sie machen uns klar, dass uns unsere Bücher, obwohl wir sie manchmal beinahe eifersüchtig hüten, nur vorübergehend anvertraut sind. Viele, wenn nicht alle werden uns bei Weitem überdauern und an jemand anderen gehen, der oder die sie genauso schätzt, wie wir es taten, und sich Gedanken über die früheren Besitzer macht.
Allerdings ist nicht alles, was sich zwischen den Seiten eines Buches findet, immer gleich ein Grund zur Freude. So waren etwa die Bibliothekare des British Museum in London 1953 einigermaßen verblüfft, als sie auf etliche (unbenutzte) Kondome aus dem 18. Jahrhundert stießen. Sie waren aus Tierhaut gefertigt, trugen am offenen Ende Seidenbänder, mit denen sie befestigt werden konnten, und steckten (vielleicht ganz angemessen) in einem Exemplar des Buches A Guide To Health, Beauty, Riches and Honour (Handbuch für ein gesundes Leben sowie zur Erlangung von Schönheit, Reichtum und Ehre) von Francis Grose, erschienen 1783. Die Menschen der Georgianischen Epoche waren in vieler Hinsicht Freigeister, dennoch ist es unwahrscheinlich, dass sie etwa ihre Verhütungsmittel, hübsch symmetrisch angeordnet, auf ihrer Frisierkommode zur Schau gestellt hätten. Einigermaßen nachvollziehbar also, dass die von den Bibliothekaren gefundenen Exemplare zwischen den Seiten eines Buches versteckt waren. Dass sie sich nach mehr als zweihundert Jahren immer noch dort befanden, könnte vielleicht darauf hindeuten, dass ihr Eigentümer oder ihre Eigentümerin trotz des vagen Hinweises im Titel des Buches vergessen hatte, in welchem Band sie steckten. Stellen Sie sich das mal vor: Sie sind in Ihrem Schlafgemach und geben sich munteren Liebesspielen hin. Im kritischen Moment halten Sie plötzlich inne, um die nötigen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, und machen alles kaputt, weil Sie fieberhaft Bücher aus den Regalen ziehen und hektisch darin blättern! Wer weiß, vielleicht sind heute unsere Stammbäume viel verästelter, weil solche speziellen Gegenstände vor all dieser Zeit unentdeckt blieben.
Allerdings gehören museumsreife Verhütungsmittel noch nicht zu den seltsamsten Dingen, die jemals in einem Buch gefunden wurden. Erst im Mai 2019 meldeten etliche Bibliothekare via Twitter merkwürdige Gegenstände, die sie während ihres Berufslebens zwischen irgendwelchen Buchseiten gefunden hatten. Darunter befanden sich ein Kreissägeblatt, eine Scheibe Schmelzkäse, eine Scheibe Schinken, eine Banane, ein angeknabbertes Hühnerbein, ein Polaroidfoto von einer Katze mit Ledermaske, eine Single-Schallplatte mit dem Lied Frosty the Snowman, eine Babykarotte und eine Herz Acht.
Mich armen Mann – mein Büchersaal war Herzogtums genug.
William Shakespeare
(Der Sturm, 1. Aufzug, 2. Szene)