Es gibt wohl gute Gründe anzunehmen, dass Sie dieses Buch in den Händen halten, weil Sie es sich als Buchliebhaberin oder Buchliebhaber selbst gekauft haben oder weil jemand, der Ihnen nahesteht, um Ihre Liebe zum geschriebenen Wort weiß. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben Sie zu Hause mindestens eine Wand, an der ein prall gefülltes Bücherregal steht, und vermutlich liegen auch Bücher auf Ihrem Kaffeetisch, Ihrem Nachttisch und in Ihrem Badezimmer – manche gelesen, manche halb gelesen, die übrigen in Wartestellung. Wir alle verspüren dieselbe Erregung, die sich immer dann einstellt, wenn wir ein neues Buch zur Hand nehmen und über das Cover streichen, woraufhin es im Bauch zu kribbeln beginnt bei der Aussicht, ganz tief in seinen Inhalt einzutauchen. Wir könnten es auf dem Sofa lesen oder im Bett, auf dem Weg zur Arbeit oder im Urlaub, in einem Café oder in einer ruhigen Kneipenecke mit einem guten Drink dazu, alle möglichen Szenarien von kostbarer Zeit eben, die nur uns allein gehört.
Bibliophile Menschen standen in den vergangenen Jahren ziemlich unter Druck. In unserer hektischen Welt, in der jeder mit jedem vernetzt ist, wird es zunehmend schwieriger, sich für eine angemessene Zeitspanne mit einem guten Buch von allem zurückzuziehen. Das Handy in unserer Tasche fordert eine regelmäßige Abfrage unserer Whats-App-Nachrichten und E-Mails, der aktuellen Schlagzeilen, des Wetterberichts und der Reisezeiten für den geplanten Ausflug am Wochenende. Wir sind auf eine Weise mit der Welt verdrahtet wie nie zuvor. Was Lesezeit nur umso wertvoller macht, nicht nur, weil wir sie so selten haben, sondern weil Lesen auch einen Beitrag zum Erhalt unserer geistigen Gesundheit leistet. Die Autorin Amy Tan sagt sogar, sie spiele öfter einmal mit dem Gedanken, ein kleines Verbrechen zu begehen, für das sie drei bis sechs Monate ins Gefängnis wandern würde, einfach nur, um sich endlich einmal ungestört dem Lesen zu widmen.
Diejenigen von uns, die den physischen Aspekt von Büchern genauso schätzen wie ihren Inhalt – wie sie aussehen, sich anfühlen, auf welche Weise sie echten Platz in unserem Leben und in unseren Bücherregalen einnehmen –, haben jedenfalls die digitalen Kriege überstanden, die Jahre, in denen man behauptete, das gedruckte Buch sei obsolet und werde aussterben, die Zukunft läge allein im Digitalen, das Buch sei ein irgendwie minderwertiges Objekt, und zwar einfach deshalb, weil man es nirgendwo anstöpseln könne.
Glücklicherweise herrscht mittlerweile zwischen E-Reader und gedrucktem Buch eine gesunde Koexistenz, und es fühlt sich nicht mehr so an, als ob man sich für das eine oder andere rechtfertigen müsste oder sie sich gegenseitig ausschlössen.
Im Gegenteil. Es scheint, als sei das Verlagswesen aus seiner Selbstzufriedenheit, die sich in Form von langweilig aussehenden Wälzern minderer Qualität geäußert hatte, aufgerüttelt worden. Die Branche erinnert sich wohl wieder daran, was echte Bücher so besonders und attraktiv macht: ihre dingliche Erfahrbarkeit. Heute lesen wir, was Design, Layout und Format anbelangt, Bücher von besserer Qualität. Inzwischen ist es sogar schon wieder cool, ein bibliophiler Mensch zu sein, und wir können beruhigt davon ausgehen, eine noble und uralte Tradition zu pflegen.
Der französische Schriftsteller und Bibliothekar Charles Nodier machte 1843 drei Hauptkategorien von Buchliebhabern aus:
»Der Bibliophile ist ein Mensch, der mit einigem esprit und einigem Geschmack gesegnet ist und sich an Werken von Geistesgröße, Vorstellungskraft und Gefühl erfreut. Er mag diese stille Konversation großer Geister, welche keine Wechselseitigkeit erfordert, welche er aufnehmen kann, wann immer es ihm gefällt, unterbrechen kann, ohne unhöflich zu sein, und wieder aufnehmen, ohne aufdringlich zu sein. Der Bibliophile unserer Tage ist der savant, der Literat, der Künstler, der kleine Grundbesitzer mit bescheidenem Einkommen, der vermittels seines Umgangs mit Büchern die Fadheit seines Umgangs mit den Menschen wettzumachen sucht und den eine harmlose Vorliebe mehr oder weniger über die Falschheit unserer übrigen Leidenschaften hinwegtröstet.
Der Bibliomane. Wo der Bibliophile weiß, wie Bücher auszusuchen sind, häuft der Bibliomane sie auf. Der Bibliophile fügt Buch zu Buch, nachdem er es all den Prüfungen unterzogen hat, die ihm mithilfe seiner Sinne und seines Verstandes möglich sind; der Bibliomane rafft sie wahllos zusammen. Der Bibliophile weiß ein Buch zu schätzen; der Bibliomane wiegt und misst es. Der Bibliophile geht mit einer Lupe zu Werke, der Bibliomane mit einer Elle: Ich kenne welche, die veranschlagen den Reichtum ihrer Bibliothek in Quadratmetern. Das harmlose, köstliche Fieber des Bibliophilen ist im Bibliomanen zu akuter Krankheit gesteigert, die ihn bis ins Delirium treibt.
Der Bouquinist trägt seine Bezeichnung zu Recht. Für gewöhnlich handelt es sich bei ihm um einen alten Privatier, ausgedienten Professor oder aus der Mode gekommenen Literaten, dem es zwar gelungen ist, eine Vorliebe für Bücher zu bewahren, nicht jedoch Lebensumstände, die es ihm leicht machen, welche zu kaufen. Dieser Amateur ist unablässig auf der Suche nach jenen kostbaren alten Bänden, die ein kapriziöser Zufall womöglich im Staub einer Marktbude versteckt haben könnte.«
Hand aufs Herz: Zu welchem Typ gehören Sie? Was treibt Sie dazu, sich Bücher anzuschaffen? Sind Sie ein Hamsterer und messen die Größe Ihrer Bibliothek anhand der Quadratmeter? Oder wenden Sie sich Büchern zu, um sich mit ihrer Hilfe über unsere anderen unbeständigen Vorlieben mehr oder weniger hinwegzutrösten? Vielleicht finden Sie einfach auch nur Gefallen an einer guten Geschichte, kunstvoll erzählt und präsentiert in einem Format, das in Ihnen das Bedürfnis weckt, sie festzuhalten und für den Rest Ihrer Tage im Regal zu haben, als Teil einer Sammlung, die Sie in der Welt verankert, mit all den Wundern, die sie bietet?
Am besten auf den Punkt gebracht hat es wahrscheinlich A. Edward Newton, und zwar in seinen Memoiren, die 1921 unter dem Titel A Magnificient Farce, And Other Diversions of a Book Collector (Eine großartige Posse und andere Abwege eines Büchersammlers) erschienen. Er schreibt: »Ich finde ein großes Vergnügen darin, mehr Bücher zu kaufen, als ich lesen kann. Wie sagte doch jemand einmal so schön: ›Ich halte den Erwerb von mehr Büchern, als jemand womöglich lesen kann, für nichts Geringeres als den Griff der Seele nach der Unendlichkeit; und dies ist das Einzige, das uns über die Tiere erhebt, die da zugrunde gehen.‹ Wer auch immer das war, ich stimme ihm zu.«
Amen.
Lesen – jenes fruchtbringende Wunder eines Gesprächs inmitten des Alleinseins.
Marcel Proust
(Die Bibel von Amiens)