Über das Zusammenführen von Büchersammlungen

Wenige Phasen im Leben sind wohl so aufregend wie die, in der man mit einem geliebten Partner zusammenzieht. Wie freuen wir uns darauf, in Zukunft auch die ganz »normale« Zeit mit dieser Person zu verbringen, füreinander zu kochen, gemeinsam den wöchentlichen Einkauf zu erledigen, Kleider- und Küchenschränke einzuräumen und uns jeden Abend zusammen aufs Sofa fallen zu lassen, um abzuhängen und auf Netflix rumzustöbern. Nie wieder hat die Mühsal des Alltags – Haushaltsführung, Rechnungen sortieren und so weiter – etwas so Erfrischendes wie am Beginn der großen Abenteuerreise des Zusammenlebens.

Ungeachtet aller Freude und romantischen Gefühle lauern allerdings unter der regenbogenglitzernden Oberfläche auch immer noch potenzielle Stolpersteine, an denen man sich schmerzhaft die Zehen stoßen kann. Diese Goofy-Lampe – der neueste Schrei – sieht im ersten Moment toll aus, doch wie steht es damit, wenn man sie sechs Monate lang Tag für Tag vor der Nase hatte? Passen diese Vorhänge wirklich zu dem Sessel? Und sind wir nicht doch ein bisschen genervt von den Masters-of-the-Universe-Kissenbezügen? Ja, zugegeben, es wäre gut, einen dazu passenden Bettbezug zu haben, aber den gibt es nur in Single-Größe – und was glaubst du, warum?

Der womöglich intimste Bestandteil dieses Prozesses ist die große Buchzusammenführung, der Tag also, an dem Sie beide vor den leeren Regalen stehen und damit beginnen, ihre Sammlungen einzuordnen. Das Bücherregal ist einer der wenigen Orte in Ihrem neuen Zuhause – wo sich individueller Besitz ansonsten ordnungsgemäß vermischen und verflechten wird –, wo zweierlei sichtbar wird: auf der einen Seite starke Belege dafür, warum Sie beide so gut zusammenpassen, auf der anderen befremdliche Hinweise darauf, dass neben der Vielzahl von Dingen, die Sie auf so wundervolle Weise gemeinsam haben, auch Unterschiede existieren.

Allzu viel Streit über das System, nach dem Sie die Bücher ordnen wollen, wird es hoffentlich nicht geben. Nehmen wir an, das haben Sie beide schon ausdiskutiert, bevor Sie das Paketklebeband Ihrer Bücherkisten durchschneiden. Besteht Ihr Lieblingsmensch darauf, seine Bücher ganz und gar getrennt aufzustellen, sollten die Alarmglocken läuten; ebenso, wenn er oder sie vorschlägt, Sie beide sollten am besten jedes Exemplar namentlich kennzeichnen, »damit wir wissen, wem was gehört«. Das sind keine guten Vorzeichen.

Wir übergehen diese speziellen Mach-dich-schleunigst-vom-Acker-bevor-es-zu-spät-ist-Szenarien jetzt einfach mal und wenden uns den Büchern selbst zu. Ein gutes Zeichen wäre es, wenn es jede Menge Doppelungen gäbe, Bücher, die Sie beide haben. Doch welches davon behalten Sie? Möglicherweise haben Sie zwei unterschiedliche Ausgaben. Die beiden Exemplare könnten sich Seite an Seite ganz gut ausnehmen und Sie daran erinnern, dass Sie beide zwar verschieden, aber – he, jetzt schau doch mal! – doch irgendwie eins sind (puuuh!).

Eine mögliche Hürde, vor allem dann, wenn Sie beide exakt dieselbe Ausgabe haben, liegt in der Frage, was mit dem überzähligen Exemplar geschehen soll.

Aufwallende Liebe lässt Ihre Herzen höherschlagen, und Sie wissen ganz genau, doppelte Exemplare können weg, denn diese Bibliothek ist – genau wie Ihre Beziehung – fürs Leben, und Sie werden auf immer und ewig von diesem Tage an nur ein Exemplar von jedem Buch brauchen. Was immer Sie auch tun, sagen Sie auf keinen Fall: »Was hältst du davon, wenn ich meine in diese Kiste packe und auf den Dachboden bringe?« Sagen Sie so etwas niemals, unter gar keinen Umständen. Selbst dann nicht, wenn Sie davon überzeugt sind, dass es sich mit absoluter Sicherheit um eine lebenslange Bindung handelt, und Sie einfach nur eine pathologische Abneigung dagegen haben, Bücher wegzugeben, aus welchem Grund auch immer, wie jeder normale Mensch. So unschuldig Ihre Absichten auch sein mögen, es ist das Gleiche, als würden Sie sagen: »Ich bin nicht sicher, ob das mit uns für immer ist«, und es wird nicht – ich wiederhole: nicht – gut ankommen. Um Ihres ewigen Glückes willen: Fassen Sie sich ein Herz, und bieten Sie an, die doppelten Exemplare auf eBay zu verkaufen oder ins nächste Sozialkaufhaus zu bringen, beides Aktivitäten, die für Ihre feste Entschlossenheit sprechen, wenn nicht gar für unsterbliche Liebe. Haben Sie das erst mal gesagt, dann sorgen Sie dafür, dass die Kiste, wo immer Sie sie auch hintun, ob in den Schuppen oder aufs Dach, sehr gut versteckt ist.

Erst wenn die Bücher in den Regalen sind und Sie beide unter den obligatorischen Hashtags #newhome, #books, #morebooks, #truelove and #happiness ein Foto gepostet haben, fangen Sie wirklich an zu begreifen, welche grundlegende Rolle diese Möbelstücke und ihr Inhalt in Ihrer Beziehung spielen werden: Sie werden quasi als Beziehungsbarometer fungieren, insbesondere in der Anfangsphase Ihres Zusammenlebens.

Man kennt keinen Menschen richtig, bevor man nicht weiß, wie er oder sie mit Büchern umgeht. Erst wenn Sie wirklich einen tieferen Eindruck von den literarischen Vorlieben des anderen bekommen, wird Ihnen sein wahres Wesen aufgehen. Und Ihr Entzücken darüber, dass die Liebe Ihres Lebens noch spät im Bett sitzt und mit Freude diese Hardcover-Erstausgabe liest, von der Sie so geschwärmt haben, könnte einen Dämpfer bekommen, wenn Sie bemerken, wie sie, bevor sie das Licht ausmacht, die Innenklappe des Schutzumschlags zwischen die Seiten klemmt, anstatt ein Lesezeichen zu benutzen. Für den Anfang des Buches geht das noch in Ordnung, ja, es wird in diesen ersten Tagen des Zusammenlebens sogar Ihr liebevolles Verständnis finden. Sie fragen sie immer wieder, bis wohin sie gelesen hat und ob es nicht fantastisch ist. Ist der und der nicht eine tolle Figur? Kann diese Frau nicht fabelhaft schreiben? Doch wenn sie dann ab ungefähr der Mitte des Buches auch noch die Rückenklappe als Lesezeichen benutzt, wodurch sich die Klappenfalze aufbauschen und die Umschlagecken verschmuddeln, wird sich ungetrübte Freude alsbald in stilles Leid verwandeln.

Ähnliches gilt für Taschenbücher. Was, wenn Sie eine engagierte Lesezeichenbenutzerin sind, Ihr Partner es jedoch vorzieht, die Seitenecken umzuknicken oder, noch schlimmer, die Seite praktisch halb zusammenfaltet, sodass die äußere obere Ecke die Bindung berührt? Oder er legt das aufgeklappte Buch mit dem Gesicht nach unten auf den Tisch oder den Fußboden, um es irgendwann wieder zur Hand zu nehmen und genau da weiterzulesen, wo er aufgehört hat, wodurch sich die vordere und die hintere Umschlagseite auf alle Zeiten nach außen verbiegen? Und was, wenn Sie selbst es sind – der nicht mal im Entferntesten der Gedanke kommt, jemand anders könnte Ihre Auffassung, dass Bücher dazu da sind, gelesen zu werden, und man doch auch sehen soll, dass sie gelesen wurden, nicht teilen –, die beim geliebten Menschen ganz unbeabsichtigt einen Wutanfall auslöst?

Wie in allen Beziehungsdingen, so ist auch hier der Schlüssel Kommunikation. Lassen Sie den Ärger über solche bibliophilen Schnitzer nicht im Stillen vor sich hin schwelen, denn dann wird er epische Ausmaße annehmen. Er wird sich in argumentative Munition verwandeln, die während einer von diesen »Müssen wir deine Eltern wirklich jedes Wochenende besuchen?«-Schlachten jederzeit über die neutrale Zone hinweg abgefeuert werden kann. Abrüstung ist nur mithilfe von Diplomatie zu erreichen, und frühe Diplomatie ist die beste Strategie.

Entweder das, oder Sie resignieren und ergeben sich in ein Leben, in dem Sie es ertragen müssen, dass sich Ihre Taschenbücher jedes Mal, wenn sie aus dem Regal genommen werden, auffächern wie einer von diesen künstlichen Weihnachtsbäumen. Oder die Raumtemperatur im Schlafzimmer jedes Mal um einige Grad sinkt, wenn Sie ein Eselsohr als Lesezeichen machen.