Das kommt uns griechisch vor

Der römische Staatsmann, Philosoph und Dramatiker Seneca war ein Zeitgenosse von Jesus Christus. Er hat – ungeachtet der Tatsache, dass er jetzt schon seit beinahe 2.000 Jahren tot ist – dem Bücherfreund so einiges zur Aufbewahrung und Präsentation von Büchern zu sagen.

»Deshalb schaffe man sich nur eine ausreichende Reihe von Büchern an«, schrieb er, »nicht aber zur Innendekoration.«

Die Vorstellung, Bücher zu haben, nur um sich ihres Besitzes rühmen zu können, aus »Prunksucht« und »zu Selbstdarstellungszwecken«, bekümmerte den in Spanien geborenen Stoiker zutiefst.

»Was hast du für einen Grund, einen mit Nachsicht zu behandeln, der auf der Jagd ist nach Bücherschränken aus Zedernholz und Elfenbein, auf der Suche nach Gesamtwerken unbekannter oder wenig anerkannter Autoren und der inmitten so vieler Tausender von Bänden gähnend dasitzt, dem an seinen Buchrollen Rücken und Titel am besten gefallen?«, ereiferte er sich. »Bei den gleichgültigsten Faulpelzen wirst du also den ganzen Schatz an Rednern und Geschichtsschreibern vorfinden, bis ans Dach geführte Bücherregale. Ja, es wird nun – neben Bädern und Thermen – auch noch eine Bibliothek als notwendige Verschönerung des Hauses kunstvoll eingerichtet.«

Bücher, so insistierte er, seien da, um gelesen zu werden, den Geist zu erweitern und zu lernen, und nicht, um Speisesäle auszuschmücken.

»Dafür hätte ich volles Verständnis, wenn der Irrtum in maßloser Begeisterung für die Wissenschaft beruhte«, beklagte er sich, ganz offenbar nach einer Reihe enttäuschender Einladungen zum Abendessen, wo seine Bemühungen, die Gastgeber in ein Gespräch über den Inhalt ihrer Bibliotheken zu verwickeln, allenfalls Verwirrung ausgelöst hatten. »So aber werden diese erlesenen Werke erhabener Geister, geordnet nach den Büsten ihrer Autoren, nur zu schönerer Gestaltung der Wände erworben.«

Wir alle müssen, ist unser Tagewerk getan, unsern Idealen zustreben, sei es nun die Liebe, das Kartenspiel, der Hummer Newburg oder die wonnige Stille muffiger Buchregale.

O. Henry