Was Ihre Bücher über Sie verraten

Als der britische Schriftsteller, Dramatiker und Regisseur Alan Bennett darüber nachdachte, welche Rolle Bücher und Bücherschränke bei den Bühnenbildern für seine Theaterstücke und der Ausstattung der Drehorte für seine Filme spielen, fasste er deren Bedeutung prägnant zusammen. (Setdesigner präsentieren ihm häufig entweder vorgefertigte Möbel, die mit alten, goldgeprägten Bänden vollgestopft sind, wie man sie heute nur noch in Gentlemen’s Clubs und Herrenhäusern findet, oder wild zusammengewürfelte Wegwerfschmöker von der Resterampe). Bücherschränke würden genauso viel über ihre Besitzer preisgeben wie deren Kleidung, sagte er, und eine Persönlichkeit forme sich um eine Bibliothek herum »wie ein maßgefertigter Schuh um einen Fuß«.

Besuchen wir jemanden zum ersten Mal in seinem Haus oder seiner Wohnung, dann werden wir meistens unweigerlich von den Bücherregalen angezogen. Für Leute wie uns zählt der erste literarische Eindruck genauso viel wie der erste persönliche Eindruck, wenn nicht sogar mehr. Den Blick über jemandes Bücherregal wandern zu lassen ist die letzte allgemein akzeptierte Form des Eindringens in die Privatsphäre. Es lässt sich gefahrlos verorten zwischen der Frage nach der Gesundheit und dem Stöbern in privaten SMS, während er oder sie mal dringend aufs Klo muss.

Bücherregale eröffnen eine Art Abkürzung zur Persönlichkeit eines Menschen, ganz so, als würde sich in ihnen das Walten seiner Psyche abbilden. Wie erleichtert sind wir doch, wenn wir Titel entdecken, die wir auch selbst besitzen, vor allem dann, wenn sie zu unseren Lieblingsbüchern zählen. Wie spannend finden wir es, auf Autoren zu stoßen, von denen wir noch nie etwas gehört haben, oder auf die gesammelten Werke einer bestimmten Autorin, die schon lange auf unserer heimlichen Wunschliste steht. Und wie enttäuscht sind wir, wenn wir jede Menge Bücher aus einem Genre vorfinden, mit dem wir rein gar nichts anfangen können oder das wir sogar aktiv ablehnen. Was wir dann empfinden, ähnelt dem Gefühl, das uns überkommt, wenn jemand, den wir mögen, im Restaurant die Bedienung unhöflich behandelt. »Oh nein«, würden wir dann am liebsten lauthals jammern. »Und ich dachte, wir könnten Freunde werden!«

Am größten ist aber die Bestürzung, die uns übermannt, wenn überhaupt keine Bücher da sind. Selbstverständlich gehören wir nicht zu den Menschen, die vorschnelle Urteile fällen1, doch eine totale Abwesenheit von Büchern sollte die Alarmglocken schrillen lassen. Für diesen Fall sollten wir vielleicht ein vorher vereinbartes Passwort parat haben, das wir in ein geheimes Mikro im Jackenärmel oder unterm Revers flüstern, damit jemand kommt, um uns zu retten. Nun ist an einem Zuhause, in dem sich kein einziges Buch befindet, erst einmal nichts Falsches 2, aber dennoch wirft dieser Umstand einige Fragen im Hinblick auf die Person auf, mit der wir es zu tun haben. Ein Haus oder eine Wohnung komplett von Büchern freizuhalten ist mit ziemlicher Sicherheit eine fast unlösbare Aufgabe. Man müsste schon einen riesigen Aufwand betreiben, um das zu erreichen. Voraussetzung wäre außerdem ein grundsätzlicher Groll gegenüber Büchern – schließlich scheinen sie ja wie von selbst durch die Wände zu uns hereinzudiffundieren. Haben wir nicht alle schon einmal Bücher in unseren Regalen entdeckt, an deren Erwerb wir uns nicht im mindesten erinnern können? Irgendwann sind sie einfach da, tauchen mir nichts, dir nichts auf. Und dann vermehren sie sich. Man müsste sich schon ein bisschen anstrengen, ein Haus oder eine Wohnung bücherfrei zu halten, vielleicht ein weißes Pulver unter den Fenstersimsen verstreuen oder unter der Spüle ein Büchervernichtungsmittel bunkern.

Private Büchersammlungen sind etwas sehr Intimes. Erlangt man Zugang zu ihnen, und sei es nur ganz flüchtig, weil man von jemandem nach Hause eingeladen wird, bekommt man einen Einblick in das Seelenleben dieser Person, in die Geschichte ihrer Innenschau, in die Zeit, in der sie ganz allein mit sich war und sich unterhalten, bilden, trösten, provozieren und belehren ließ. Jemand, der gerade liest, ist rein und unverfälscht, ganz bei sich selbst. Bücherregale zeigen uns, mit wem wir es zu tun haben. Sie sind eine Methode der Selbstpräsentation, die zwei Aspekte in sich vereint: Einerseits sind sie sehr privat, andererseits zum Zeigen bestimmt. Das genaue Betrachten eines Bücherregals setzt gegenseitiges Vertrauen voraus, und dieses wiederum ist grundlegend für jede funktionierende Beziehung – von oberflächlicher Bekanntschaft über Freundschaft bis hin zu lebenslanger Liebe.

Dies alles zeigt, warum man Menschen, die keine Bücher zu Hause haben, nicht über den Weg trauen sollte. Hierzu der weise Ratschlag des US-amerikanischen Schauspielers und Filmregisseurs John Waters: »If you go home with somebody and they don’t have books, don’t fuck them.« Wenn dich jemand mit zu sich nach Hause nimmt, und da sind keine Bücher, dann geh nicht mit ihm ins Bett. Frage dich stattdessen, was er oder sie zu verbergen hat, und mach dich vom Acker, und zwar schleunigst.

Und wie steht es mit uns selbst? Was sagen unsere Bücherregale über uns aus? Können wir aus unseren Schätzen und der Art und Weise, wie wir sie aufbewahren und präsentieren, ein irgendwie greifbares, ja, sogar hilfreiches Selbstbewusstsein ziehen? Auf den ersten Blick enthalten unsere Regale und Bücherschränke nach rationalen Gesichtspunkten ausgewählte Titel. Wir haben sie mit kritischem Blick gelesen – ab und an auch leidenschaftslos, manchmal total vertieft – und dann wieder zu den anderen gestellt. Oberflächlich betrachtet herrscht hier Gleichberechtigung, Demokratie in Auswahl und Umständen. Gräbt man jedoch ein bisschen tiefer, dann steckt dahinter sehr viel mehr.

Stellen Sie sich doch mal vor Ihr Bücherregal. Neigen Sie den Kopf, und fahren Sie mit dem Zeigefinger die Reihen entlang. Was sehen Sie? Nur Ihre Bücher? Oder ist da noch mehr? Schauen Sie ein bisschen genauer hin: Da sind die Lieblingsbücher, die Sie so oft gelesen haben, dass Titel und Autor auf dem Buchrücken wegen der ganzen Schrammen und Knitter kaum noch erkennbar sind. Da sind die Bücher, die Sie vor Jahren gekauft haben und seitdem endlich einmal lesen wollen. Oder die, die Sie von Verwandten über die Jahre zu Weihnachten geschenkt bekommen haben und die Sie nie lesen werden, die Sie aber nicht wegwerfen können, weil diese Großtante oder jener Schwager bemerken wird, dass ihr Geschenk verschwunden ist. Es gibt solche, die Sie als Kind gelesen haben, und zwar so oft, dass Sie sie beinahe immer noch aus dem Kopf herbeten können, ohne die Seiten aufzuschlagen. Und vergessen wir nicht die Bücher, die Sie noch nicht gelesen haben, die Sie einfach gekauft haben, weil Sie der einzige Kunde waren und es Ihnen zu peinlich war, den Laden ohne Einkauf zu verlassen, nachdem Sie eine halbe Stunde lang im Angebot gestöbert hatten. Da sind die Bücher, die Sie anlässlich einer Premierenlesung oder speziellen Festivität eines Ihrer Lieblingsautoren erworben und mit denen Sie Ewigkeiten nervös in der Schlange vor dem Signiertisch gestanden haben, wo dieser Mensch geduldig Widmungen schrieb, und als die Reihe an Ihnen war, versuchten Sie, etwas Geistreiches zu sagen, doch dann übermannte Sie die Panik, und Sie platzten heraus: »Einfach für Karen, bitte.« (Sie kennen gar niemanden, der Karen heißt.) Denken Sie auch an die Bücher, die Sie gekauft haben, weil es die Lieblingsbücher von jemandem waren, den Sie einst liebten. Und an diese, die Sie gekauft haben, weil alle anderen sie kauften und von ihnen schwärmten (was Sie, um ehrlich zu sein, nicht so ganz nachvollziehen konnten). Es gibt Bücher, die Sie gekauft haben, weil sie im Regal einfach cool aussehen würden. Oder Bücher, die Sie am Flughafen gekauft und die am Ende einen ansonsten katastrophalen Urlaub gerettet haben. Vielleicht besitzen Sie auch Bücher, die Ihren Großeltern gehört haben und immer noch deren Namen auf dem Vorsatzblatt tragen, dazu ein Datum lange vor dem Ihrer eigenen Geburt. Da sind die Bücher, die Sie vor Ewigkeiten von wer weiß wem ausgeliehen haben und die Ihnen immer noch ein schlechtes Gewissen machen, weil Sie sie nicht zurückgegeben haben. Und die, die Sie in einem Zugabteil gefunden haben. Es gibt Bücher, die Sie in der Schule lesen mussten und gehasst haben, die Sie aber mochten, als Sie sie als Erwachsener noch einmal lasen. Unter Umständen können Sie sich an den Kauf bestimmter Bücher überhaupt nicht erinnern. Oder nehmen Sie auf der anderen Seite die Bücher, die jemand geschrieben hat, den Sie kennen und auf den Sie unglaublich stolz sind. Natürlich gibt es auch Bücher, die Sie angefangen, aber nicht zu Ende gelesen haben. Oder die Sie für diesen Buchklub kaufen mussten, in dem Sie eine Weile Mitglied waren. Da sind die Bücher, die Sie für Ihre Kinder aufgehoben haben, auch wenn Sie (noch) keine haben. Und die, die Sie in diesem fantastischen Antiquariat gekauft haben, auf das Sie zufällig in diesem Dorf gestoßen sind – wo war das gleich noch mal? Nicht zu missachten die, auf die Sie sich so sehr gefreut haben, dass Sie sie Wochen vor ihrem Erscheinungsdatum vorbestellten. Oder Bücher, mit deren Hilfe Sie diesen Kontinent bereist haben. Sie werden Bücher haben, die Sie an jene Person erinnern. Oder andere, die Sie an diesen einen Sommer erinnern. Nicht zu vergessen die Bücher, die Ihnen durch jene schreckliche Zeit geholfen haben.

Ihre Bücherregale sind nicht nur der Ort, wo Sie Ihre Bücher aufbewahren. Sie sind die physische Verkörperung Ihres inneren Selbst. Ihre Bibliothek ist zugleich Ihre Autobiografie.

Die Literatur ist mein Utopien. Hier bin ich von keinem Recht ausgeschlossen. Keine Sinnesschranke schließt mich von dem wohltuenden, bereichernden Verkehr mit meinen Lieblingsbüchern ab; sie sprechen frei und ungehindert zu mir.

Helen Keller

(Mein Weg aus dem Dunkel)