Muss man Bücher unbedingt zu Ende lesen?

Manche Menschen sind sehr streng mit sich. Sie bestehen darauf, ein Buch, das sie einmal angefangen haben, zu Ende lesen zu müssen, auch dann, wenn es ihnen nicht besonders gut gefällt. Bereits nach wenigen Seiten ist ihnen klar, dass das Buch nicht wirklich ihr Ding ist, doch sie haben beschlossen, sich bis zur letzten Seite durchzukämpfen. Dort angekommen, legen sie es weg und werden unverzüglich von einem tiefen Bedauern übermannt, so viel wertvolle Zeit mit derart wertloser Lektüre verbracht zu haben.

Angesichts der heutzutage knapp bemessenen Freizeit erscheint es als eigentümlicher und höchst überflüssiger Akt der Selbstkasteiung, wenn wir uns zwingen, ein Buch zu Ende zu lesen, nur weil wir es angefangen haben. Würden wir dasselbe mit Essen tun, das uns nicht schmeckt? Uns Tag für Tag durch einen Berg Rosenkohl futtern, mit der Begründung, wir hätten ja eine Portion gegessen und müssten deswegen alles vertilgen, egal, wie lange es dauert? Oder wir gehen bummeln, und keine hundert Meter die Straße rauf öffnet der Himmel seine Schleusen. Kämpfen wir uns stur durch den Wolkenbruch und klappern weiter Laden für Laden ab, bloß weil wir nun einmal vor die Haustür getreten sind? Oder eilen wir schnurstracks wieder nach Hause und murmeln dabei fantasievolle Flüche vor uns hin?

Nein, das Leben ist zu kurz. Wir sollten keine Bücher lesen, an denen wir kein Vergnügen finden. Und es gibt auch welche, die wir eben einfach nicht zu Ende lesen, und zwar nicht unbedingt, weil sie uns nicht gefallen. Die meisten von uns haben sicher mindestens ein Buch im Schrank, in dem eine Quittung, eine Zugfahrkarte oder sogar ein richtiges Lesezeichen klemmt, irgendwo an einer Stelle, wo die Umstände uns daran hinderten weiterzulesen. Vielleicht sind uns dienstliche Verpflichtungen dazwischengekommen oder das Ende einer Reise. Bis wir dann wieder etwas Zeit zum Lesen erübrigen können, hat uns jemand bereits ein neues, traumhaft aussehendes Buch geliehen, von dem er oder sie uns schon lange vorgeschwärmt hat. Wir fühlen uns verpflichtet, es unverzüglich zu lesen und so schnell wie möglich zurückzugeben, und da bleibt das andere dann eben liegen.

Ebenso wie Kleidung gehören Bücher nicht zu den Dingen, die einen streng chronologischen Gebrauch erfordern. Sie würden ja auch nicht Tag für Tag dasselbe Paar Hosen tragen, bis sie auseinanderfallen (allein deshalb, weil Sie innerhalb kurzer Zeit ziemlich streng riechen und bald von niemandem mehr eingeladen würden). Woher kommt dann also dieses Bedürfnis, sich der Tyrannei eines schlechten Buches zu unterwerfen? Samuel Johnson erwiderte einst jemandem, der zu ihm sagte, ein Buch, das man einmal angefangen habe, müsse man unter allen Umständen zu Ende lesen: »Das ist gewiss ein merkwürdiger Ratschlag. Sie können ebenso gut beschließen, jede Bekanntschaft, die Sie zufällig machen, ein Leben lang zu pflegen. Ein Buch mag zu nichts nütze sein; oder es mag nur eine Sache darin zu wissen sein: Sollen wir es dann ganz und gar lesen?«

Es ist keine Schande, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. Sollten Sie sich dennoch dafür schämen, dann quälen Sie sich nicht durch die Seiten, sondern lesen Sie stattdessen etwas anderes, und beruhigen Sie Ihr schlechtes Gewissen, indem Sie sich sagen, dass Sie das andere noch nicht zu Ende gelesen haben und irgendwann wieder darauf zurückkommen werden. Oder auch nicht.

Lies nicht mit Widerspruchsgeist und Besserwissen, aber auch nicht, um alles gläubig hinzunehmen; noch um Unterhaltungs- und Gesprächsstoff zu finden, sondern um zu prüfen und nachzudenken. Einige Bücher muss man nur kosten, andere verschlingen und einige wenige durchkauen und verdauen; das heißt, einige Bücher muss man nur anlesen, andere wohl durchlesen, aber nur oberflächlich, und ganz wenige gründlich, mit Fleiß und Aufmerksamkeit durchstudieren.

Francis Bacon

(Essays, »Über das Studieren«)