Dann hätte ich Folgendes geschrieben:
Alles in Ordnung? Du brauchst Théo morgen nicht von der Schule abzuholen, er ist bei Maxime zum Geburtstag eingeladen, seine Mutter nimmt ihn mit. Sie bringt ihn auch abends wieder zurück. Hier die Nummer. Gute Nacht, my Love.
Mittlerweile war es nach 22 Uhr, und das war der Moment, das war der exakte Moment, um in Claudes Abend einzubrechen, der mittlerweile die Lautstärke seiner Musik hatte runterdrehen müssen und wahrscheinlich gerade ein Bier trank, während er an einem Artikel schrieb. Aber ich traute mich immer noch nicht, Hélènes Redefluss zu unterbrechen, ihre Geständnisse waren noch immer so intim, und mit ihnen schenkte sie mir ein Vertrauen, das mir schmeichelte. Es war mir unmöglich, mitten in einem Satz, mitten in ihrer Erzählung, deren Spannungsbogen sie perfekt austarierte, um ihre Gefühle für diese Frau, die sie kennengelernt hatte, zum Ausdruck zu bringen, es war mir schlicht unmöglich, da aufzustehen und ihr klarzumachen, dass ich Besseres zu tun hatte als ihr zuzuhören. Entschuldige, das ist ja alles gut und schön, aber ich bin mit den Gedanken woanders, verzeih mir, aber ich muss jetzt Claude anrufen und was mit ihm besprechen.
Und ich traute mich nicht, weil Telefongespräche zwischen Paris und Lyon teuer waren, und ein Anruf, auch nach 21.30 Uhr, bedeutet hätte, meine Freundin um einen weiteren Gefallen zu bitten, wo sie mich doch schon bei sich schlafen ließ. Auch wenn mir klar ist, dass diese faule Ausrede nicht standhält.
Sagen wir es so: Es war ein Amalgam, eine Zusammenballung von Mikrogründen, die aneinandergereiht so etwas wie einen Hinderungsgrund ergaben zu telefonieren.
Genauso wie die Mikroereignisse, die sich seit einer Woche begeben hatten, ein Netz webten, dessen Maschen immer enger wurden, so dass sie schließlich unausweichlich zu dem Unfall führten.
Den wahren Grund kenne ich.
Und gut möglich, dass es dieser wahre Grund war und nur er, der mich vom Telefonieren abhielt.
Wie soll ich mich ausdrücken, um hier glaubwürdig zu sein, vor allem mir selbst gegenüber?
Was mich zwischen 21.30 Uhr und 22.30 Uhr davon abhielt, vom Sofa aufzustehen, das war eine ganz bestimmte Empfindung, die sich schon seit mehreren Jahren in mir festgesetzt hatte und mir vom Zeitgeist eingepflanzt worden wa, und die forderte, dass die Väter eine neue Rolle innerhalb der Familie einnehmen. Ich wollte, dass Claude mich nicht brauchte, weder meine Überwachung noch meine Meinung, um sich um seinen Sohn zu kümmern. Ich wollte, nein, das Verb ist falsch gewählt, ich hoffte, dass er seine Rolle annehmen und seine eigene Beziehung zu seinem Sohn aufbauen würde, was er auch tat. Es heißt so oft von Müttern, sie seien autoritär und erdrückend (zusätzlich zu der bereits erwähnten Verrücktheit), dass ich manchmal versuchte, mich in einem Eckchen zu verkriechen und nie wusste, ob ich nun zu viel tat oder nicht genug. Ich versuchte, Raum zu lassen.
Die seriöse Presse war voll von Artikeln, die Väter aus einem neuen Blickwinkel in Augenschein nahmen und von ihnen forderten, das zu werden, was man damals Neue Väter nannte, anders gesagt, Männer, die weniger viril, weniger distanziert, weniger abwesend waren. Männer, die nicht nur zwischen ihrer Arbeit und den Abenden vor dem Fernseher hin- und herpendelten und dem Klischee des Durchschnittsfranzosen der letzten Jahrzehnte entsprachen, dem wortkargen Mann, der im Auto seine Gauloises rauchte, die Beine unterm Tisch ausstreckte und seine Schmutzwäsche seiner Frau überreichte. Und nur ein sehr eingeschränktes Interesse für seinen Nachwuchs hatte.
Diese Neuen Väter , von denen die neunziger Jahre nicht mehr nur verlangten, das Haushaltseinkommen herbeizuschaffen und die Familie zu beschützen, wurden nun auch gedrängt, sich um ganz andere Dingen zu kümmern, wie an Kursen zur schmerzlosen Geburt teilzunehmen, zu lernen, wie man Windeln wechselt oder das Fläschchen gibt, und das brachte zwar viele Paare aus dem Gleichgewicht, hinderte aber die Frauen nicht daran, die Augen zum Himmel zu drehen, wenn ihr Mann den Strampelanzug falsch zuknöpfte. Dieser neue väterliche Ort musste erst noch erfunden werden, und die Frauen mussten Arbeitsteilung lernen, etwas, das sie zugleich erhofften und fürchteten. Sie mussten ganz widersprüchlichen Wünschen oder besser Forderungen gerecht werden, denen, die ihre Mütter an sie stellten, denen der sich weiterentwickelnden Gesellschaft, denen ihrer eigenen Überzeugungen, um nicht zu sagen Neurosen. Und das hieß, es sehr unterschiedlichen Positionen rechtmachen zu wollen.
Und das war es, was mich an jenem Abend bei Hélène zweifellos davon abgehalten hat, zum Hörer zu greifen. Ich erinnere mich an diesen Satz, der durch meinen Kopf hallte und mich wie ein Schlag traf: Lass die Jungs in Ruhe, lass sie alleine klarkommen. Auf feministische Weise, mit dem Willen, meine Unabhängigkeit zu bekräftigen. Im Grunde meiner Seele hatte ich keine Lust anzurufen, keine Lust zu erfahren, was sie gegessen hatten, womit sie den Abend verbracht hatten, ob unser Sohn seine Gedichte auswendig gelernt hatte, um wieviel Uhr er schlafen gegangen war, ich hatte keine Lust zu erfahren, welche Kleidung sich Claude für den nächsten Tag rauslegen würde. Eigentlich wollte ich es natürlich doch alles wissen, ich brannte darauf, es zu erfahren, aber eine kleine Stimme in meinem Kopf sagte mir, ich solle sie in Ruhe lassen.
Du lässt sie in Ruhe. Du bist nicht unentbehrlich.
Ich sah, wie die Uhrzeiger sich drehten, ich sagte mir, dass Claude vermutlich dabei war, anlässlich des Konzertes, das PJ Harvey zum Beginn ihrer Tournee im Transbordeur in Villeurbanne geben würde, an dem Artikel über sie zu schreiben. Ich stellte mir vor, wie er rauchte, das Fenster weit hinaus in die Juninacht geöffnet, zwischen zwei Absätzen, und von unten her aus den Straßen waren die Klänge der Fête de la Musique zu hören. Ich sah ihn vor mir, wie er das neueste Album von PJ Harvey auf den Plattenteller legte, Is This Desire? , wie er aufmerksam dieser Stimme und diesen Gitarrenakkorden lauschte und sich Fragen für das Interview zurechtlegte, das er mit ihr führen wollte. Die Zeitung hatte ein Porträt in Auftrag gegeben, dieses sehr knifflige Stück Arbeit, bei dem man Biografisches und Musikalisches mischen und vor allem die richtige Perspektive finden muss. Die Perspektive, das war das Leitmotiv des Journalisten, das Wort, das ihn umtrieb, seit er als freier Mitarbeiter vor mittlerweile fünf oder sechs Jahren zur Redaktion von Le Monde gestoßen war.
Ich sagte mir, dass ich trotzdem würde anrufen müssen, ich war nicht völlig im Reinen mit mir. Ich hatte das Ganze ein wenig zu rasch für mich geregelt. Aber vor lauter Aufschieben war es nun bald elf, und es wäre vielleicht lächerlich, so spät noch anzurufen, um eine solche Kleinigkeit mitzuteilen. Claude hatte geplant, seinen Sohn abzuholen, und zweifelsohne machte ihm das auch Spaß. Ja, das hatte ich schließlich entdeckt: Seinen Sohn von der Schule abzuholen war keine lästige Pflicht für ihn, sondern eine Freude. Aber klar, es war eine Freude. Warum hatte ich daran nicht schon früher gedacht. Er würde seinen Sohn vor der Geburtstagsfeier noch sehen, vielleicht würden sie sogar gemeinsam hingehen. Sie würden sich alle möglichen Dinge erzählen, von denen ich keine Ahnung hatte. Sie würden unterwegs zusammen Quatsch machen und sich amüsieren. Ich beschloss, dass mich das nichts anging. Das war ihr Leben, und es war morgen. Claude war erwachsen, die Sache war erledigt.