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CODY

Zu meiner Überraschung wurde ich langsam wach, von der Sonne gewärmt, die durch das freie Fenster schien. Nur selten konnte ich eine ganze Nacht durchschlafen. Wenn sie mich nicht aufweckten, waren es die Träume und Albträume, die mir den Schlaf raubten. Doch die letzte Nacht war … friedlich. Keine Albträume. Keine Freier. Keine Wachen. Kein Aufbruch. Nur richtiger, tiefer Schlaf.

Wie viele Nächte waren bereits vergangen, seit ich das letzte Mal richtig geschlafen hatte? Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern.

Mein Magen knurrte. Ich war am Verhungern.

Und ausnahmsweise war mir mal nicht übel.

Tatsächlich hatte ich Appetit . Ich wälzte mich aus dem Bett und spähte durch den Spion in der Tür. Der Flur auf der gegenüberliegenden Seite war leer. Zaghaft klopfte ich an die Tür. Wie spät war es eigentlich? Außer an der Sonne konnte ich es nicht erkennen, und mein Wissen darüber endete mit dem Morgen.

Da niemand vor meiner Tür erschien, klopfte ich etwas fester und versuchte, die Aufmerksamkeit der Wachen zu erregen, wenn sie in der Nähe waren. Jedoch nicht zu laut, sonst würde ich Schwierigkeiten bekommen, weil ich versuchte zu fliehen.

Warte – was dachte ich nur? Natürlich sollte ich fester klopfen! Wenn ich die Aufmerksamkeit von jemandem erregen könnte, könnte er mir vielleicht helfen. Eventuell würden sie ja sogar den Notruf wählen oder so. Ich müsste nur warten, bis jemand vorbeikommt.

Ich wartete vor der Tür und flehte darum, dass endlich jemand vorbeikommt. Diese Türen waren nicht besonders gut verschlossen – ich konnte problemlos mit jemandem auf der anderen Seite sprechen, wenn er nur nah genug herankam.

Ich knallte vor Aufregung fast mit dem ganzen Körper gegen die Tür, als die erste Gestalt mein Blickfeld kreuzte, aber im letzten Moment wich ich zurück – eine der Wachen, die gerade einen Mann den Flur entlangführte.

Mist. Das hieß, dass wir gleich an die Arbeit gehen mussten.

Mir blieb nicht viel Zeit.

Ein anderer musste den Flur hinunterkommen. Irgendjemand . Schließlich konnten wir nicht die einzigen Menschen in diesem Drecksloch sein, oder?

Beim nächsten Mann sah ich den Bauch noch vor dem Rest seines Körpers. Er ragte einen halben Meter von seinem Rücken aus empor – er war gewaltig, sein Hemd quoll unter seinem Bauch hervor und steckte in seiner Hose. Das Gesicht war von Akne übersät und der Bart war lückenhaft und zottelig. Er gehörte aber nicht zu den Wachen.

Ich begann verzweifelt gegen die Tür zu hämmern, nur um festzustellen, dass der Wachmann – Schnauzer – hinter ihm stand. Die beiden blieben vor meiner Tür stehen und ich war wie erstarrt, als sich das Schloss quietschend öffnete und der Türknauf bedrohlich klapperte.

Ich taumelte nach hinten, als die Tür aufging.

„Eifriges junges Ding, was?“, meinte der Riese.

„Er gehört ganz dir“, sagte Schnauzer. „Klopfe und melde dich, sobald du fertig bist. Falls du nicht vor deiner Zeit fertig bist, kommen wir und sagen dir Bescheid.“ Dann schloss er die Tür hinter sich ab.

Das Dickerchen begann, seinen Gürtel zu öffnen – wobei er seinen Bauch aus dem Weg hob, damit er an ihn herankam – und ein lüsternes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Einer seiner Zähne glänzte golden, wohingegen zwei andere komplett fehlten. Ich wich immer weiter zurück, bis meine Beine gegen das Bett stießen und ich auf das Bett fiel.

Ich lag hilflos auf dem Rücken und meine Beine baumelten über die Kante, während dieser Fettsack über mir thronte und sich mit starrem Blick daran machte, seine Hose herunterzuschieben. Heraus ragte ein kleiner, pummeliger Schwanz. Zu jeder anderen Zeit hätte ich darüber gelacht, dass ein so großer Mann ein so kleines Gerät hat, aber in meiner Lage war das schon fast ein Segen. Zudem könnte ich wegen des Lachens Prügel einstecken … oder noch Schlimmeres.

„Braver Köter“, sagte der Mann, wobei ihm der Sabber über die Lippen tropfte. Schlimmer noch war aber der riesige, feuerrote Pickel an seinem Mundwinkel. Die Spitze leuchtete praktisch weiß, als würde sie bei der kleinsten Berührung platzen. „Ich mag es, wenn du ein wenig ängstlich bist.“

Der Brechreiz kehrte mit voller Wucht zurück. Ich musste die Übelkeit unterdrücken, sie in Schach halten. Steh das einfach durch, Cody. Er war nicht das erste beschissene Exemplar der Menschheit, das mir begegnete, aber er war der Erste, seit ich herausgefunden hatte, dass ich schwanger war.

Der Mann schüttelte seine Hose ab, hielt sich mit einem Arm den Bauch und mit der anderen Hand seinen kleinen, dicken Schwanz, als er auf mich zukam. „Na los, Hündchen. Du weißt, was zu tun ist.“

Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich hatte es schon Tausende Male getan, also konnte ich es auch diesmal tun. Eigentlich hätte ich aufstehen und auf die Knie gehen sollen, damit er mit mir machen konnte, was er wollte – aber wenn ich mich nur einen Zentimeter bewegte, würde ich die Beherrschung über meinen Magen verlieren. Sie könnten von dem Baby erfahren. Sie würden mich vielleicht nur unter Drogen setzen, damit ich die Jobs erledigen würde, die sie für mich in Aussicht hatten. Aber was würde das mit dem Baby anrichten? Ich durfte nicht zulassen, dass sie das tun, ich musste …

Als der Mann seinen Bauch losließ, packte er mich an der Wade und zog mich zu sich. Ich war wie erstarrt – mein Kampf- oder Fluchtinstinkt war in der Mitte gefangen. Ich fühlte mich mehr wie ein Kaninchen, als der Wolf, der ich in meinem Innersten war. Der Wolf, mit dem ich die letzten Jahre kaum in Kontakt gekommen war …

Wir wurden bestraft, wenn wir uns verwandelten, aber … wenn ich mich jetzt verwandeln könnte, würde ich mich schützen können. Es war wichtig, mich daran zu erinnern, wie es sich anfühlte – der Wind, der durch mein Fell strich, die Erde unter meinen Klauen  …

Ich bemühte mich. Ich versuchte, es so real wie möglich zu erleben. Meine innere Stimme schrie: „Verwandle dich jetzt, verflucht!“ Aber nichts geschah … Ich war wie gelähmt.

Er zog mich noch näher an sich heran. Meine Knie pressten sich gegen seinen Bauch, als sich sein zufriedenes Grinsen in Verärgerung verwandelte. „Auf die Knie, Köter!“, befahl er. Er packte meine Schulter und zwang mich aus dem Bett. Ich stolperte ihm entgegen, landete auf meinen Knien und schubste ihn versehentlich von mir, als mein Körper nach vorne kippte.

Er taumelte ein paar Schritte rückwärts, Zorn blühte in seinem Gesicht auf, aber auch Lust. Er war ein Mann, der es mochte, anderen wehzutun. Er wollte mir wehtun.

Mir war schon früher wehgetan worden, aber was, wenn er mir einen Schlag in die Magengrube versetzte? Wenn er dem Baby wehtat? Ich musste mich verwandeln. Ich musste es schaffen. Ich musste mich schützen. Warum verwandelte ich mich nicht? Warum tat ich nichts?

Wie eine Welle brach die Übelkeit über mich herein.

„Nein“, protestierte ich und streckte eine Hand in die Höhe, mit der Bitte, er solle warten. Ich wagte es nicht, ihm zu verbieten, mich zu berühren – ich konnte es ohnehin nicht verhindern. Wenn es mir nicht gelang, mich zu verwandeln, um mich zu schützen und zu entkommen, musste ich es eben hinnehmen. Doch ich brauchte einen kurzen Moment, denn sonst hätte ich ihn von oben bis unten vollgekotzt.

Die Tränen in meinen Augen trübten meine Sicht, aber ich konnte sehen, wie er seinen kleinen Schwanz umfasste, und ich spürte, dass er ihn mir aufzwingen wollte. Mir wurde langsam schwindelig, da ich die Übelkeit nur mit Mühe im Zaum halten konnte. Wenn er versuchen würde, mir sein Cocktailwürstchen in den Mund zu stecken, würde ich ihn garantiert ankotzen.

Verwirrt blinzelte ich, als auf seiner Stirn plötzlich ein roter Punkt erschien. Mir war nicht klar, dass ein Pickel so blitzschnell wachsen kann. Der Riesenpickel war aufgeplatzt – wann war das nur passiert?

Erleichtert spürte ich, wie sich mein Verstand von der Realität abkoppelte und sich endlich an etwas festhielt, mit dem ich mich ablenken konnte: Ist etwas von dem ekelhaften Zeug auf mir gelandet?

Aber ich starrte passiv nach oben und tauchte, wenn schon nicht in eine fröhliche Welt, so doch wenigstens in eine andere. Einen Ort, an dem ich nicht gezwungen war, den Begierden perverser, niederträchtiger Männer zu dienen. Ein Ort, an dem ich mir keine Sorgen um mein Baby machen musste. Ein Ort …

Aus dem roten Punkt wurde ein dunkler Fleck. Der Kopf des Mannes peitschte nach hinten, doch er selbst fiel wie in Zeitlupe zu Boden, schlug unsanft auf und prallte mit dem Rücken gegen die Wand hinter ihm. Ich beobachtete ihn und wartete darauf, dass er aufstand und sich für das, was gerade vorgefallen war, rächte.

Ich brauchte eine Sekunde, um zu realisieren, dass er sich nicht bewegte. Ich richtete mich auf. Irgendetwas hatte die Wand hinter ihm vollgespritzt und tropfte in kleinen Stückchen herunter. Mit leerem Blick starrte ich es an, nicht sicher, was überhaupt passiert war. Es war rot und rosa und – oh. Oh Gott. Das … Das war …

Oh Gott. Er war erschossen worden. Und diese widerliche Wandverzierung war die graue Substanz, die aus seinem Hinterkopf gespritzt war.

Als die Tür schließlich aufflog, konnte ich es nicht mehr zurückhalten und kotzte auf den Schwanz des toten Dickerchens.