Krût, steine unde wort
hânt an kreften grôzen hort.
FREIDANK,
FAHRENDER MÖNCH AUS SCHWABEN ODER DEM ELSASS, 12./13. JH.
Kräuterbücher und Heilpflanzenführer gibt es inzwischen zuhauf. Jedes Jahr sind es Tausende Neuauflagen und Neuerscheinungen, wobei vieles, was da gedruckt wird, nicht unbedingt etwas Neues zu bieten hat. Die meisten dieser Werke haben die Flora, die auf sonnigen Wiesen, am Gartenzaun oder in Kräuterbeeten wächst, zum Gegenstand.
In diesem Buch geht es jedoch vor allem um jene wilden Gewächse, die in unseren einheimischen Wäldern zu Hause sind. Sie sind weithin unbekannt. Selbstverständlich wollen wir das Heilpotenzial erkunden, das in ihnen steckt und heutzutage fast in Vergessenheit geraten ist. Auch, ob sie sich als Wildgemüse, Salat- oder Teezutaten eignen. Wir wollen aber auch etwas von dem Brauchtum, den volkstümlichen Überlieferungen und dem Aberglauben erzählen, von Märchen und Sagen, die zu diesen Pflanzen gehören. Mit anderen Worten: Wir wollen versuchen, die grünen Bewohner unserer Mitwelt aus einer ganzheitlichen Perspektive zu verstehen.
Pflanzen lassen sich nicht auf das reduzieren, was in den wissenschaftlichen Botanikbüchern zu lesen steht. Was ihre Heilwirkung betrifft, darf man nicht nur die in ihnen enthaltenen molekularen Wirkstoffe betrachten. Ökologisch gesehen, spiegelt die Vegetation ihre Umwelt, sie ist vollkommen in diese eingebettet: in den Boden mit seinen Mineralstoffen und in die dunkle, modrige Welt der Pilze, die ihr, im Austausch gegen Zucker, dem Produkt der Fotosynthese, Wasser, Nährstoffe, Mineralstoffe und Wuchsstoffe (Auxine) zukommen lassen. Über das unterirdische Netz der Myzelien – dem sogenannten w.w.w. (wood wide web) – können Pflanzen Botschaften an andere Pflanzen vermitteln oder auch empfangen. Oberirdisch sind sie innig mit der Atmosphäre verbunden, geben Sauerstoff als Abfall ab und nehmen Kohlenstoffdioxid als Lebenselixier auf. Nicht nur unterirdisch über Pilzmyzelien, sondern auch über die Luft, mittels Duftstoffen, kommunizieren sie mit ihren pflanzlichen Nachbarn, mit Insekten und anderen Tieren, und – obwohl wir uns dessen oft nicht bewusst sind – auch mit uns Menschen. Auch durch die jahreszeitlichen Rhythmen, die Mondphasen, die Intensität und den Winkel der Sonneneinstrahlung, die planetaren Konstellationen und die Witterungsverhältnisse an ihrem Standort sind die Pflanzen Teil des unendlich komplexen Netzwerks des Lebens. Ich glaube nicht, dass wir es, trotz hochentwickelter Computertechnologie, je vollkommen verstehen werden.
Hildegard von Bingen fasste in ihren Schriften das antike Wissen über Krankheiten und das der Volksmedizin zusammen.
Aber diese Sichtweise wäre zu kurz gefasst, zu beschränkt. Zu den Bäumen, Sträuchern und Kräutern gehört noch etwas, an das man wenig denkt: Jedes Kraut, jeder Baum hat eine kulturelle und linguistische Identität. Pflanzen berühren unsere Sinne und rufen Gefühle wie auch Gedanken in uns hervor. Sie erzeugen in uns, im »Spiegel der Seele«, bunte Imaginationen. Und wenn wir uns die Zeit nehmen, unseren Geist meditativ in sie zu versenken, dann können sie uns auch hohe Inspirationen schenken.
Wie Ethnobotaniker immer wieder zeigen konnten, sind diese Imaginationen und Eingebungen nur im jeweiligen kulturellen Kontext der einzelnen Völker zu verstehen. Dabei handelt es sich nicht – wie man heute leichtsinnig sagen würde – um willkürliche kulturelle Konstruktionen, auch nicht um subjektive Projektionen auf eine an sich stumme, seelenlose Natur. Sondern es geht dabei, wie ich bei den Indianern und traditionellen Schamanen im Himalaja und in Sibirien erfahren konnte, um eine wahre Kommunikation mit Lebewesen, die viel älter sind als wir Menschen und die im Einklang mit dem Kosmos und der Erde leben. Oft schenken die Pflanzen uns heilende Botschaften und Bilder, die nicht nur einzelne Individuen, sondern ganze menschliche Kulturen nähren und prägen. Die Botschaften des »grünen Volks« fanden und finden noch immer ihren Ausdruck im Kulturschaffen, in Märchen, Sagen und im Brauchtum der Völker, und wenn die tiefen Einsichten verblassen und nicht mehr verstanden werden, bleiben sie im sogenannten Aberglauben erhalten, der bei vielen »aufgeklärten« Zeitgenossen Kopfschütteln und Naserümpfen hervorruft.
Die Reise zu den Pflanzen, die in unseren Wäldern, Wiesen und Feldern wachsen, ist also auch eine Reise in unsere Kulturgeschichte – zu den heidnischen Vorfahren, ein Eintauchen in ihr Weltbild, ihre Heilkunde und ihre Götterwelt.
Auch die mittelalterliche christliche Glaubenswelt tritt im Zusammenhang mit der Pflanzenheilkunde vor unsere Augen. Man denke an die natur- und heilkundige Hildegard von Bingen (1098–1179), der es gelang, das volkstümliche Wissen der Kräuterfrauen und Hirten mit dem eingeführten Gelehrtenwissen der klassischen Antike, der Säftelehre (Humoralpathologie) von Hippokrates und Galen und der Klosterheilkunde zu verbinden. Unter meinen »neuheidnischen« Freunden und paganen Lesern werden sich sicherlich etliche finden, die Anstoß an den christlichen Legenden und den erwähnten katholischen Heiligen nehmen werden. Aber schließlich bestimmte die christliche Heilslehre rund 1500 Jahre lang unsere Weltsicht und hinterließ auch in der Pflanzenheilkunde und Namensgebung ihre Spuren.
Ebenso prägte die Renaissance, die sich als »Wiedergeburt« der klassischen Antike verstand, mit ihrem Bezug zu astrologischen Parametern und dem System der Planetengötter unsere westliche Pflanzenmedizin. Und heute ist es die wissenschaftliche Chemie, die im Labor die molekularen Wirkstoffe ermittelt und untersucht und die in der modernen, evidenzbasierten Phytotherapie eine zentrale Rolle spielt. Wer sich als Ethnomediziner oder Ethnobotaniker mit indigenen Heilsystemen auskennt, sieht, dass auch dieser wissenschaftliche Ansatz eine eher beschränkte, ethnozentrische Sichtweise auf das Wesen und das Heilvermögen der Pflanzen ist. Alle diese verschiedenen Blickwinkel, auch die historischen und fremdethnischen, sind wichtig, um ein ganzheitliches Bild der Pflanzen zu gewinnen.
Die Renaissance nahm die antike Vorstellung wieder auf, dass die Planetengottheiten – hier Luna – das Leben auf der Erde beeinflussen.
Neben den wichtigsten botanischen und heilkundlichen Merkmalen unserer Waldpflanzen werden uns in diesem Buch auch die vielen verschiedenen Namen beschäftigen, die die Menschen diesen Pflanzen gegeben haben. Das ist wichtig, wird aber vielfach übergangen. Nomen est omen sagten die Römer. Frei übersetzt bedeutet das »der Name ist Programm«; man kann auch sagen, der Name deutet auf das Wesen hin. »Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!«, frohlockt der boshafte Gnom im gleichnamigen Märchen. Es ist nämlich so: Kennt man den Namen eines Wesens, dann hat man es im Griff, dann hat man eine »Hand-habe«.
Schon die Bibel spricht davon, wie wichtig das Benennen der Lebewesen ist – wie in der Schöpfungsgeschichte am fünften Tag.
Auch in anderen Religionen, etwa im Hinduismus, bringt erst der Name ein Lebewesen ins Da-Sein – hier der vierköpfige Brahma mit Saraswati.
In jeder menschlichen Kultur spielt das Benennen eine zentrale Rolle. In der Bibel kommt das im ersten Buch Mose (Genesis 2:19) zum Ausdruck: Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen.
Auch in Indien – um ein weiteres Beispiel anzuführen – gehört der Name (naman) mit zur Erscheinung (rupa). Der richtige Name inkarniert sich in der physischen Welt zugleich mit dem so benannten Wesen; die Mutter gebiert das Kind, der Vater vernimmt dessen wahren Namen, heißt es. Brahma ist der Schöpfer, der mittels seiner Meditationskraft die Geschöpfe aus den Urtiefen ins Licht des Daseins hervorhebt, und wenn sie erscheinen, dann ist es seine weibliche Shakti, seine Gefährtin, die weise Göttin Saraswati, die ihnen den dazugehörigen Namen verleiht. Indem sie die Geschöpfe benennt, verschwinden sie nicht wieder, sie bleiben im Da-Sein.
Was die Pflanzennamen und ihre Bedeutung betrifft, bin ich dem großen fränkischen Ethnobotaniker Heinrich Marzell (1885–1970) unendlich dankbar, der mithilfe vieler Gewährsleute fast 40 Jahre lang die Pflanzennamen im gesamten deutschen Sprachraum samt ihren Verwandten in anderen Sprachen zusammengetragen und in dem fünfbändigen Werk Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen veröffentlicht hat. Rund 80 000 Pflanzennamen sind es insgesamt. Allein für den Löwenzahn kommt er auf fast 500 mundartliche Benennungen.
Wichtig ist auch die wissenschaftlich-botanische Namensgebung, wobei der Name der Gattung und dann der Name der individuellen Art angegeben wird – beim Löwenzahn wäre es Taraxacum officinalis. Der Leser sollte sich nicht daran stören, denn die schriftdeutschen wie auch die mundartlichen Benennungen sind oft von Ort zu Ort unterschiedlich und keinesfalls eindeutig. So heißt der Löwenzahn im bayerischen Schwaben Bärenzahn, in Dinkelberg (Baden) Dätsche, anderswo Butterblume, Eierblume, Weckblume, Milchblume, Saumelke, Maiblume, Kuhblume, Pferdeblume, Saublume, es ist die Milbleume (Milchblume) bei meinen Nachbarn im Kreuztal, und so weiter und so fort. Hildegard von Bingen nannte ihn Dauwurz. Oft wird dieselbe Benennung für mehrere unterschiedliche, nicht miteinander verwandte Pflanzen verwendet. Da ist man froh, den eindeutigen wissenschaftlichen Namen zu haben.
Interessant ist auch die planetarische Zugehörigkeit, die in der Volksheilkunde noch immer eine Rolle spielt, aber nicht mehr in der wissenschaftlichen Phytotherapie. Warum aber gilt die Brennnessel als eine Marspflanze, die Birke als ein Venusbaum oder der Huflattich als ein Merkurgewächs? Kaum jemand versteht heutzutage mehr den Sinn der astrologischen Zuordnung. Im postmittelalterlichen Renaissance-Zeitalter jedoch galt die Herbal-Astrologie als modern und wissenschaftlich. Planetenkräfte und die damit verbundenen klassischen Gottheiten ersetzten und verdrängten die christlichen Heiligen und ihr Wunderwirken.
Das neuartige Weltbild der Renaissance stellt eine kosmologische, bildhafte, aber zugleich auch eine empirische Sichtweise dar: Zwischen der Erde und dem in zwölf Tierkreisregionen aufgeteilten Fixsternhimmel ziehen die Wandelsterne (Planeten) ihre Bahnen entlang der Sonnenbahn (Ekliptik). Sieben mit bloßem Auge sichtbare Planeten sind es – »Mond«, Merkur, Venus, »Sonne«, Mars, Jupiter und Saturn – die als Vektoren, als Wirkkräfte, auf die Erde herabstrahlen. Ihre Energien durchdringen einander und beeinflussen, formen und prägen die Materie.
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Der Bauernphilosoph Arthur Hermes, der einen Waldeinsiedlerhof im Waadtland bewirtschaftete, wies mich darauf hin, dass »alles auf Erden mit den Sternen und Planeten verbunden ist. Wir laufen durch ein unsichtbares Meer kosmischer Energien!«
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Wer aufmerksam beobachtet, kann also anhand von Gestalt, Farbe, Geruch, Geräusch, Geschmack, Temperatur und anderen sinnlichen Eigenschaften erkennen, welche Planetenkräfte in Mineralien, Pflanzen, Tieren, Landschaften, Krankheitserscheinungen und anderen Phänomenen gerade am Wirken sind. Nehmen wir als Beispiel wieder einmal den Löwenzahn. Anhand seiner gelben Blüte und seiner heilenden Wirkung auf Krankheiten der Leber (etwa bei Gelbsucht) kann man sagen, dass der Einfluss des Jupiters in dieser Pflanze im Vordergrund steht. Gelb ist ja die Farbe des Götterkönigs Jupiter und die Leber ist sein Sitz im menschlichen Mikrokosmos. In diesem Sinn sind alle Pflanzen, welche die Signatur dieses Planeten haben, zuständig für hepatische Beschwerden. Aber da hört es nicht auf. Die weiße Milch im Löwenzahn hat die Signatur des Mondes. Der Mond ist der träumende, Milch trinkende Säugling unter den Planetengöttern. Also können wir sagen, wir haben es mit einer Jupiterpflanze zu tun, die mit lunarer Energie tingiert ist. An der Pfahlwurzel und dem rötlich angehauchten Blütenstängel erkennen wir, dass Mars ebenfalls mit von der Partie ist – phallische Wurzeln und die Farbe Rot sind Signaturen des maskulinen, kriegerischen Planeten. Venus ist in den grünen Blättern sowieso vorhanden; Merkur äußert sich im schnellen Hervorsprießen des Löwenzahns im Frühling. Und Saturn kommt in dem reifen Samenschopf, dem wunderbaren kristallinen Gebilde der Pusteblume, zum Ausdruck.
Nicht nur in der Flora, sondern in allen Erdengeschöpfen, auch dem Menschen, sind also alle planetarischen Bildekräfte vorhanden und für den aufmerksamen Beobachter lesbar. Das gilt auch für alle Krankheitsbeschwerden und Körperregionen. Ein guter Arzt der damaligen Zeit musste wissen, welcher Planet sich in dem jeweiligen Leiden äußert, welcher Planet die jeweiligen Organe beherrscht. Er musste das Horoskop des Patienten kennen sowie die Konstellationen, Oppositionen, Konjunktionen, Trigonen und die anderen Aspekte der Planeten am Himmelszelt und er musste wissen, wie man das Wissen korrekt einsetzt. Mit anderen Worten: Die medizinische Astrologie war – im Verbund mit der Pflanzenheilkunde – eine hochkomplizierte Wissenschaft. Der berühmte Reformator der Medizin, Theophrast Bombastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus, schreibt dazu: »Der Arzt, der nichts von Astrologie versteht, ist eher ein Narr zu nennen als ein Arzt.« Was wir heutzutage als Überbleibsel dieser einstigen Wissenschaft haben, sind nur wenige Fragmente.
Alle Pflanzen sind, wie die indigenen Völker Europas einst sagten, Teil des kosmischen Reigens, den die Vegetationsgöttin mit ihrem Geliebten, der göttlichen Sonne, tanzt. Die Pflanzen folgen der Sonne wie die Hirschkuh dem Hirsch, hieß es seit dem Neolithikum. Zur Zeit der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche, heutzutage im Tierkreiszeichen der Fische, steigt die Sonne merklich immer höher, die Tage werden länger, die Samen keimen, Knospen öffnen sich und die Triebe wagen sich aus der noch kühlen Erde hervor. Ein gar übermütiges Wachstum bemächtigt sich nun der Vegetation bis zur Sommermitte, wenn die Sonne im Zeichen der Zwillinge am Zenit steht.
Nun, in der Sommersonnenwendezeit, verlangsamt sich der rapide Aufbau der grünen Biomasse. Das vegetative Wachstum schwächt sich ab, zunehmend überwiegt der Impuls zur Blütenbildung, zum Fruchten und zur Samenreife. Der großartige Aufbau, der im Frühling begann, wird im Herbst deutlich vom Abbau der Biomasse abgelöst. Die Tage werden kürzer, die Sonne steigt wieder abwärts in die unteren Tierkreiszeichen, allmählich verfärben sich die älteren Blätter gelblich und rötlich, werden von Kerbtieren angeknabbert, fallen schließlich zu Boden und werden von Pilzen, Würmern und Mikroorganismen verdaut. Die ein- oder zweijährigen Kräuter welken und verdorren. Die Vegetation zieht sich in die Wurzeln zurück oder überdauert die dunkle, kalte Zeit in Form von Samen und Winterknospen.
In diesem jahreszeitlichen Rahmen – Frühling, Sommer, Herbst – will ich versuchen, einige unserer einheimischen Waldpflanzen vorzustellen: Da sind erstens die schnell hervorsprießenden, früh blühenden Frühlingskräuter. Zweitens die Kräuter, Stauden und Büsche, welche die Sommerwärme und das lange Tageslicht brauchen, um zu gedeihen. Viele von ihnen sind sogenannte Langtagpflanzen, die zu blühen anfangen, wenn das Tageslicht länger als zwölf Stunden währt. Und als Herbstpflanzen kommen drittens solche in Betracht, die im absteigenden Jahr durch ihre Beeren, Früchte oder auch durch ihre Blüten auffallen. Auch Kräuter, deren Wurzeln man im Spätherbst gräbt, gehören in diese Kategorie.
Gerne hätte ich alle endemischen Waldkräuter in dieses Buch aufgenommen, das hätte aber den Rahmen gesprengt. Es ist wie beim Reisen; es bringt nichts, überall zu sein. Es bringt nichts, ein Fachbuch mit Hunderten Heilpflanzen samt ihrer Wirkstoffe auswendig zu lernen. Es ist besser, mit einigen wenigen Pflanzen, die einen wirklich ansprechen, anzufangen und mit ihnen zu verweilen, sie mit allen Sinnen aufzunehmen, sich von ihnen seelisch berühren zu lassen. Je länger man sich an einem Ort aufhält, desto mehr taucht man in dessen Tiefe ein.
Man wird merken, wenn man sich auf Pflanzen einlässt, dann wird man niemals zu einem Ende gelangen, man wird niemals sagen können: »Nun weiß ich alles über sie.« Pflanzen sind, wie auch der Mensch und andere Lebewesen, unendliche, nicht vollkommen ergründbare Wesen. Sie sind mit dem göttlichen Urgrund verbunden. Ganz tief in jeder Pflanze stecken unerkannte, unerwartete Heilkräfte und kosmische Weisheiten – das offenbarte mir der Cheyenne-Medizinmann Tallbull, der sagte: »Wenn man sich in die Pflanzen hineinversenkt, trifft man auf eine verständige Seele, mit ihr kann die Medizinfrau oder der Medizinmann reden. Sie kann dem aufmerksamen Pflanzenfreund völlig neue Einsichten vermitteln.«
Trotz unserer ausgeklügelten wissenschaftlichen Angangsweise stehen wir erst am Anfang der Pflanzenkunde.
Wer Pflanzen wirklich kennenlernen will, muss sich ganz auf sie einlassen, Zeit mit ihnen verbringen, sie mit allen Sinnen aufnehmen.