Bei vielen Menschen herrscht eine falsche Vorstellung von der Schriftstellerei. Man hält den Autor für einen Einzelgänger, der alles im Alleingang schafft. Irgendwann einmal habe ich einen Film über einen Komponisten gesehen, der von Noten umschwärmt wird. Sie flattern um seinen Kopf wie Schmetterlinge, während er in Zeitlupe durch eine romantische Landschaft spaziert. Die Vorstellung von der schriftstellerischen Arbeit scheint so ähnlich zu sein. Und das gilt nicht nur für Romane, sondern auch für Lyrik, Erzählungen, Novellen oder Märchen.
Nein, ein Schriftsteller ist nicht ganz auf sich allein gestellt. Er wird, wo auch immer er lebt, von vielen Menschen aus allen Erdteilen und Zeiten unterstützt, wenn er seine Geschichte, seinen Roman schreibt. Menschen, die seine Phantasie, seine Schreibkunst, seine Themen anregen, die oftmals durch ihre Vorarbeit die Voraussetzungen dafür geschaffen haben. Philosophische Abhandlungen, Romane, Nachschlagewerke, die anonymen Erzähler der Bibel, von Tausendundeine Nacht und anderen Märchen der Völker, Menschen, die Lyrik und Prosa geschrieben, Filme gedreht, Theaterstücke verfasst haben, sie alle, ob sie bereits tot oder noch am Leben sind, haben dazu beigetragen, diese Geschichte oder diesen Roman so werden zu lassen, wie er geworden ist.
Und auch wenn man ein Manuskript zu Ende geschrieben hat, ist noch die Hilfe vieler weiterer Personen nötig: im Lektorat, in der Herstellung, in Presse, Vertrieb und Werbung, die dazu beitragen, dass aus dem Manuskript ein lesbarer Roman und schließlich ein fertiges Buch wird. Für diese Gemeinschaftsproduktion danke ich meinem Verleger Jo Lendle und seinem Team im Carl Hanser Verlag. Denn ohne sie alle hätte mein Buch nicht Gestalt annehmen und seinen Weg in die Welt machen können.
Besonders sorgfältige helfende Hände benötigt ein Werk, wenn sein Verfasser es in einer fremden Sprache schreibt, so wie das bei mir und anderen Exilautoren der Fall ist. In meinem Essay »Wie ich Frau Sprache verführte« habe ich nach zwanzig Jahren Tätigkeit als Autor dargelegt, dass manche Kammer und manches Kämmerlein im Haus der neuen Sprache für einen, der als Erwachsener erst mit ihr in Kontakt kam, verschlossen bleiben. Auch heute, nach fünfzig Jahren im Exil, sehe ich das noch genauso.
Übersetzerinnen und Übersetzer, Lektorinnen und Lektoren werden selten für ihre Arbeit gewürdigt. Das sollte nicht so sein. Tatjana Michaelis hat als Lektorin dieses Werk begleitet. Sie hat mich professionell und humorvoll, präzise und respektvoll unterstützt. Dafür danke ich ihr herzlich.
Rafik Schami, im Frühling 2023