Elf
Mable
I ch weiß, dass ich verdursten werde.
Es ist längst mitten am Tag, als ich müde zusammenbreche, zu erschöpft, um nach Hilfe zu rufen, zu verloren, um noch Hoffnung zu empfinden. Ich sinke in das Moos, bette meinen Kopf auf die Wurzeln eines Baumes und starre in den Himmel.
Wo auch immer Jaxon mich hingebracht hat, ich finde keine Straße. Keinen Weg bis auf das, was die Limousine ins Laub gefahren hat, aber auch diese Spur führt ins wild bewachsene Nichts.
Die Nacht habe ich überstanden, obwohl mich jedes lautere Knacken zusammenschrecken ließ. Ich war noch nie nachts im tiefsten Wald. Habe noch nie all das Flüstern der Blätter, das Kriechen der Kleintiere und die raschen Bewegungen der Schatten erlebt. Mir ist nichts passiert, aber jede einzelne Stunde war die Hölle. Ich will es nicht noch einmal erleben. Daher muss ich bis Sonnenuntergang einen Weg hier herausfinden.
Nur wie?
Ich kenne mich nicht mit Pflanzen aus. Weiß nur, dass man nicht alle Beeren sorglos essen kann. Der Hunger ist nicht mein Problem. Sondern dieser Durst.
Was auch immer mir gestern eingeflößt wurde, es muss eine Droge gewesen sein, die dem Körper Flüssigkeit entzieht. Mein Mund ist trocken wie eine Wüste, und selbst die Vorstellung, dass Jaxon mich zum Sterben ausgesetzt hat, erzeugt keinen wütenden Speichel mehr.
Ich bin ausgetrocknet. Kopfschmerzen zerreißen meine Stirn.
Wenn ich laufe, dann weiß ich nicht wohin, und vielleicht ist es besser, meine Kräfte zu schonen, bis mir etwas Besseres einfällt. Wenigstens friere ich nicht. Noch nie war ich so dankbar für die Hitze des Augusts.
Mable!
Ein Echo in meinen Gedanken, aber ich horche trotzdem auf.
MAAABLE!
Jemand ruft meinen Namen. So laut, dass es selbst durch das viele Geäst an meine Ohren dringt. Adrenalin prescht durch mich hindurch und ich bringe mich in Position.
»HIER!«, rufe ich mit den Händen als Trichter vor meinem Mund zurück und beginne dankbar in die Richtung der Stimme zu laufen. »HIER BIN ICH!«
Neuer Mut treibt meine Beine an. Ich muss quer durchs Dickicht laufen, abgebrochene Äste zertreten, Büsche beiseiteschieben, über Baumstämme klettern, und dann hört der Ruf auf. Es folgen keine weiteren Worte mehr. Stille um mich herum.
Tränen brennen mir in den Augen, als mir klar wird, dass ich genauso gut einer Einbildung unterlegen sein könnte. Ich wanke, stolpere, falle nach vorn und bleibe einfach liegen. Im Laub, das meinen Durst noch schlimmer macht.
Vielleicht bringt es etwas, wenn ich Erde esse, vielleicht verschwindet dann das eklige Gefühl in meinem Mund. Kinder essen Matsch und es macht ihnen nichts aus. Sehnsüchtig grabe ich meine Finger in den weichen Waldboden, streiche die Blätter beiseite, schabe die trockene Schicht ab und zwinge mich dazu, nicht zu weinen. Denn jedes bisschen Wasser muss in meinem Körper bleiben.
Ein Schatten über mir.
Ein Schemen.
Ich blinzle und dann greifen tätowierte Arme nach mir und ziehen mich hoch.
»Mable.« Sylvian sitzt vor mir, aber ich will diesem Eindruck nicht trauen. Von allen, die mir hätten helfen können, ist er der Letzte gewesen, an den ich gedacht habe. Seine Hand schnellt vor, streicht Blätter aus meinem Haar. Ich habe es nicht wieder zubinden können, seitdem Jaxon es geöffnet hat.
Jaxon …
Ein Gedanke an ihn und mich erfüllt die Lust aufs Morden.
»Du bist dehydriert«, sagt Sylvian, seine Stimme fern wie ein Echo. »Komm.« Er fasst unter meine Arme, zieht mich hoch. Ich bin zu schwach, um selbst zu gehen, zu ungläubig, dass ausgerechnet ein anderer der Kings mir hilft. Was wird er gleich tun? Mich Hoffnung fühlen lassen, nur um mich noch tiefer in den Wald zu tragen? Mich liegen lassen, wenn ich für einen Moment an das Gute glauben will?
Den Weg, den wir zurücklegen, bekomme ich kaum mit. Erst als er mich loslässt und ich auf die Erde sinke, bemerke ich den Bach, zu dem er mich geführt hat.
»Quellwasser«, erklärt Sylvian, bückt sich ans Ufer und formt seine Hände zu Schalen. Sofort ist er wieder bei mir und flößt mir ein paar Tropfen ein, indem er mein Kinn berührt, meinen Mund öffnet …
Das Wasser auf meiner ausgetrockneten Zunge bringt meine Lebensgeister zurück. Gierig nehme ich seine Hand zwischen meine Lippen, sauge daran, lecke die Tropfen von seinem Zeigefinger ab. Es fühlt sich gut an. So gut und echt und belebend, dass ich erst einen Augenblick später bemerke, wie Sylvian mich anstarrt.
Ich lasse seine Hand sofort los und seinen Finger wieder aus meinem Mund gleiten.
In seinen Augen lese ich dieselbe Form von Aggression, die ich bereits von Jaxon kenne. Aggression gepaart mit … Lust? Ich kann nicht wegsehen, blinzle verwirrt zu ihm hoch, für die ein, zwei Sekunden, in denen er sich nicht regt. Dann ist es, als würde er sich selbst innerlich zwingen, seine Miene zu klären, und der Ausdruck verschwindet aus seinem Gesicht.
Er gibt mir so lange Wasser, bis sich mein Durst einigermaßen gelegt hat. Schließlich bietet er mir die Hand an, um mich in den Stand zu ziehen.
Sein Blick ist dunkel und seine Gestalt so düster, dass sie nicht zwischen das bunte Laub und die zwitschernden Vögel passen will. Seitdem er mit mir im Crowns gesprochen hat, ist sein Bartschatten kräftiger geworden. Seine schwarzen Haare sind zerzaust, als hätte er mehrmals hineingefasst, und seine Kleidung riecht nach dem abgestandenen Rauch einer Party. Es kann nicht die von Reece gewesen sein, denn dort hat niemand geraucht – oder?
»Fühlst du dich kräftig genug, dass du gehen kannst?«, fragt Sylvian mich und ich nicke.
»Woher wusstest du, wo ich bin? Hat Jaxon dir gesagt, dass du mich holen sollst?«
Ganz leicht zieht Sylvian eine Braue nach oben. »Ich weiß, was Jaxon tut, also konnte ich dich mehr oder weniger schnell finden. Und nein, er hätte dich eher verdursten lassen, als irgendjemanden zu schicken.«
»Warum?«, ist alles, was ich frage, auch wenn es mir kalt den Rücken herunterläuft. Jaxon? Ein Mörder? »Was habe ich getan, dass er mich so sehr hasst?«, wispere ich.
»Nicht auf mich gehört«, entgegnet Sylvian gleichgültig, auch wenn ich eine Spur Schmerz oder vielleicht Mitleid aus seiner Stimme heraushöre. »Ich bringe dich nach Hause. Kannst du alleine gehen?«
»Ja.«
Er hilft mir über einen umgekippten Baumstamm. Dabei fallen mir die schwarzen Armbänder an seinem Handgelenk auf.
»Darf ich … mir vielleicht eines borgen?«, frage ich ihn.
Er runzelt die Stirn, zieht aber eines der Lederbänder ab und reicht es mir.
Sofort wickle ich mein Haar in einem Zopf zusammen. Die Hitze des Tages ist gleich um einiges weniger schwer, wenn meine langen Haare mir nicht wild ins Gesicht und in den Nacken fallen.
Sylvian scheint den Weg zur nächsten Straße zu kennen, also folge ich ihm stumm. Minutenlang gehen wir durch das Geäst, ohne ein Wort zu sagen. Ich wünschte, ich könnte alles ungeschehen machen. Die gesamte Woche, meine Einführungsveranstaltungen, dass ich jemals Jaxon, Sylvian oder Reece begegnet bin. Wenn ich unsichtbar wäre, würden sie mich dann in Ruhe lassen?
Was muss ich tun, damit sie mich ignorieren?
»Sylvian.« Ich bleibe stehen und warte, bis er sich zu mir umdreht. »Erklär es mir.«
Er sieht nicht danach aus, als würde er überhaupt darüber nachdenken , ein weiteres Wort zu sagen.
»Bitte.«
Seine Augen werden schattig, und er blickt in die Baumkronen, bevor er mich wieder fixiert. »Nur weil ich dich nicht sterben lasse, bin ich nicht der Gute. Je weniger du weißt, umso besser ist es für dich. Die Unbekümmertheit der Unwissenden ist ein wertvoller Schatz. Ich werde der Letzte sein, der dich in irgendwelche menschlichen Abgründe einweiht.«
»Geht das bitte auch in Englisch? Du sprichst davon, dass Jaxon mich einfach hätte sterben lassen! Vielleicht hätte ich nie den Weg aus dem Wald gefunden! Was ist das hier, ein Nationalpark? Ich hätte tagelang umherirren und schließlich verdursten können! Und das ist für dich okay? Das nimmst du einfach hin und glaubst, ich komme darüber hinweg, als wäre es nur ein dummer Scherz?«
Sylvian lacht tatsächlich, doch sein Lachen ist kalt und seine Augen bleiben dunkel. »Soll ich dich zurückbringen oder nicht?«
Mein Mund öffnet sich vor Fassungslosigkeit, doch er dreht sich bereits um und geht weiter.
Meine Hände ballen sich zu Fäusten, ohne dass ich es bewusst steuere. Etwas stimmt nicht. Weder mit Reece noch mit Jaxon noch mit Sylvian. Sie sind total irre. Alle drei. Und ich hätte von Anfang an auf Harper hören und mich von ihnen fernhalten sollen.
Ich nehme mir vor, das zukünftig zu tun. Stapfe hinter diesem Typen her und hoffe, es wird das letzte Mal sein, dass ich ihn vor mir sehe. Dass er sich überhaupt in meiner Nähe aufhält. Plötzlich muss ich mich fragen, ob er schon an meinem ersten Tag im Schatten gestanden und auf mich gewartet hat, um mich zu beobachten . Ich wette, es ist so. Was muss ich tun, damit die Kings ihr Interesse an mir verlieren? Vielleicht hilft es, wenn ich unausstehlich bin? Jämmerlich? Zickig? Fordernd? Nervtötend?
Da es mir in meinem Leben immer nur darum gegangen ist, gut fürs College vorbereitet zu sein, habe ich all diese Eigenschaften gelernt. Manche Lehrer haben mich gehasst, weil ich entweder besserwisserisch oder zu neugierig gewesen bin. Aber das war in der Zehnten. Vielleicht habe ich schon verlernt, wie man sich unbeliebt macht?
Ich atme tief durch, versuche meine Hände zu lockern und bin einen Schritt zu langsam. Sylvian schafft es nicht rechtzeitig, den Ast festzuhalten, den er beiseitegedrückt hat und der mir nun entgegenfliegt. Obwohl ich die Hand abwehrend hebe, fliegt mir der Ast mitten ins Gesicht. Ich schreie auf, mehr vor Schreck denn vor Schmerz, und Tränen schießen mir ins verletzte Auge.
»Mable!«
»Lass mich los!«, rufe ich und schlage Sylvian von mir, der sich mit besorgter Stimme genähert hat. Sein Freund hätte mich am liebsten umgebracht. Und Sylvian ist sich zu fein, es mir zu erklären.
»Lass mich dein Auge sehen«, verlangt er.
»Vergiss es!«, schreie ich, wedle mit dem Arm, damit er verschwindet, und verliere das Gleichgewicht. Im nächsten Moment falle ich ins Laub und für einen Moment dreht sich alles in meinem Kopf.
»Bitte, lass es mich ansehen«, raunt Sylvian.
Er ist direkt über mir. So nah, dass ich seinen Geruch nach Zigaretten, Vanille und einer frischen Brise wahrnehme.
Ich nehme meine Hand langsam herunter und zeige ihm mein verletztes Auge. Es brennt höllisch, aber ich glaube, der Iris ist nichts passiert, denn ich kann durch den Tränenschleier noch etwas sehen. Sylvian legt einen Daumen an meinen Kratzer und fährt behutsam über die aufgeschürfte Haut. Seine körperliche Präsenz direkt über mir bringt mich durcheinander. Ich sollte mir schwören, die Kings zu hassen, denn sie hassen mich offensichtlich auch, doch statt Hass erfüllt Faszination meine Brust. Und während Sylvian meine Wange berührt, strecke ich kurzerhand eine Hand nach seinem Gesicht aus.
Er zuckt zurück und starrt mich an.
»Was?«, frage ich unschuldig. »Du darfst mich berühren, aber ich dich nicht?«
Seine Augen durchleuchten mich, während wir uns anstarren. »Du bist anders, als ich erwartet habe.«
»Was hast du erwartet?«, frage ich flüsternd.
»Nicht, dass du ausgerechnet Reece um Sex bittest.«
Ich lache spöttisch. »Hast du ihn dir mal angesehen? Welche heterosexuelle Frau würde ihn nicht am liebsten vögeln?«
Sylvian hebt beide Brauen.
»Oder dich? Ihr wisst doch genau, welche Wirkung ihr auf Frauen habt. Es ist kein Männerprivileg, sich unverbindlichen, heißen Sex vorstellen zu können, weißt du?«
»Das Opium wirkt ziemlich lange bei dir, was?«
»Opium?«, frage ich beklommen. »Ihr habt mir Opium gegeben?!«
»Die Party gestern.« Sylvian liegt immer noch halb auf mir und macht keine Anstalten, von mir herunterzugehen. »Die Luft war opiumgeschwängert.«
Ich öffne den Mund. »Deswegen keine Drinks …«
»Du stellst dir Sex mit mir vor?«, kommt er zurück zum eigentlichen Thema.
Ein Kribbeln durchjagt meinen Körper. Bisher habe ich das nicht getan, aber als Sylvian danach fragt, muss ich sofort daran denken. Wie wäre es wohl, wenn er mich noch jetzt auszieht? Einfach hier? Im Wald? »Bisher nicht …«, weiche ich seiner Frage aus.
Er lacht rau und schickt damit Schmetterlinge durch meinen Bauch. Obwohl ich ihn verabscheuen müsste. Wie kann es sein, dass mich mein Körper auf diese Tour verrät?
Sylvian macht nach wie vor keine Anstalten, sich zu bewegen, und plötzlich löst der intime Moment zwischen uns meine Zunge.
»Kennst du diese Hollywoodfilme, in denen der Typ etwas mit einer unausstehlichen Frau am Laufen hat, die ihn nur ausnehmen oder benutzen will, und man fragt sich die ganze Zeit, warum er sie nicht verlässt? Sie sogar küsst? Ziemlich sicher vögelt, auch wenn das nie gezeigt wird?«
Sylvians Lippen sind sinnlich geöffnet und seine Augen lesen aufmerksam in meinem Gesicht. Er ist nicht der Typ, der auf eine rhetorische Frage antworten würde.
»So fühle ich mich gerade.«
Es braucht ein paar Sekunden, bis der Groschen bei ihm fällt. Er verzieht sein düster wirkendes Gesicht zu einem echten Lachen, wodurch sich alles an ihm aufhellt. Die dunklen Ränder unter seinen Augen werden kleiner, sein Bartschatten wird von Fröhlichkeit verdrängt und seine weißen Zähne blitzen auf. Er lacht mir mitten ins Gesicht, bis sich sein Mund plötzlich schließt und er in meinen Zopf fasst.
So fest, dass ich keuche.
Er zieht meinen Kopf zurück in den Nacken, meine Kehle liegt entblößt vor ihm. »Kennst du diese Filme, in denen ein Killer eine Frau entführt, sie tagelang foltert, vergewaltigt und missbraucht, und vier Monate später taucht ein Cop auf und versucht die Leiche zu finden? Nur dass er es in der Realität nicht schafft. Nicht bei Leuten wie uns.«
»Meine Analogie war kein Scherz«, flüstere ich, während Panik durch meine Venen schießt. Steht mir das bevor? Hat er gerade meine Zukunft gezeichnet? Sind die Kings irre Verbrecher, die ihren sozialen Stand ausnutzen, um unerkannt zu bleiben und stets davonzukommen?
»Meine auch nicht«, flüstert Sylvian zurück. Dann lässt er meinen Kopf los, fährt mit seinem Daumen über meine Wange und wischt einen Blutstropfen auf. Das dunkle Rot schimmert auf seiner hellen Haut und löst irritierende Faszination in mir aus. Seine Augen blitzen auf, bevor er seinen Daumen zu seinen Lippen führt.
Er kostet mein Blut wie ein Vampir und ich gefriere innerlich vor Angst.
»Fang besser an, das Genre zu wechseln. Kingston ist kein Ort für Komödien.«
Mein Atem hat sich beschleunigt, als er aufsteht. Zitternd finde ich zurück in den Stand.
»Dir wird nichts geschehen, solange du auf mich hörst« Seine Stimme ist ein Flüstern im Wind. »Wenn ich dir etwas hätte antun wollen, hätte ich es längst getan. Komm einfach mit, ja? Wir reden nicht mehr über Sex, dann läufst du auch nicht Gefahr, dass ich mich vergesse, und ich bringe dich einfach nach Hause. Wir werden uns nie wiedersehen. Nie. Wieder. Der ganze Ausflug wird irgendwann nichts weiter als ein Albtraum für dich sein, den du überstanden hast ohne irgendwelche Schäden. Aber dafür ist es wichtig, dass wir jetzt gehen. Denn dieser verdammte Wald, deine völlige Naivität und dein ständiges Gebrabbel darüber, wie attraktiv du mich findest, hilft mir nicht gerade dabei, meine Beherrschung zu behalten. Verstehst du die Tragweite meiner Worte?«
»Ja«, wispere ich und nicke. Sobald er sich abgewandt hat, nutze ich die Gelegenheit, ihn anzusehen, um zu verstehen, was er gerade von sich gegeben hat. Beherrschung  … Sich vergessen … Wovon spricht er, zur Hölle? Davon, dass ein Teil in ihm sich … danach ›sehnt‹, mich … zu vergewaltigen? Oder mich noch mehr bluten zu lassen?
Es ist nicht ganz die Abneigung, Angst und Panik, die ich gerne empfinden würde, die meine Brust befällt. Meine Haut brennt an all den Stellen, an denen er mich berührt hat. Etwas in mir sehnt sich nach einer Erklärung, einer Verharmlosung der Dinge, die geschehen sind.
Warum wünsche ich mir so sehr, dass Sylvians Worte nicht wahr sind? Was habe ich davon? Sein Versprechen, dass wir uns nie wiedersehen werden, klingt gut. Aber es klingt auch eine Spur zu ultimativ dafür, dass wir auf demselben Campus studieren.
»Sylvian?«
Er dreht sich im Gehen zu mir um, und in seinem Blick brennt ein derart heißes Feuer, dass ich mich zusammenkrümmen will vor aufflammender Lust. Gott. Was ist los mit diesen Kerlen? Und was ist mit mir los?
»Was?«, fragt er rau.
»In welches Zuhause willst du mich bringen? Denn falls du den Trailerpark meinst: Dahin kehre ich nicht zurück. Niemals.«
Er hat nur einen müden Blick für mich übrig und geht weiter. Als wäre ich es nicht wert, dass man mir eine vernünftige Antwort gibt. Witzigerweise tut er so, als wäre absolut nichts gewesen. Dabei hat sich alles verändert. Nicht zuletzt der Zustand in meinem Kopf.
Ich tue so, als würde ich ihm folgen, warte darauf, dass er hinter einem weiteren Busch verschwindet, und drehe um.
»Mable!«, ruft er mir hinterher, aber ich laufe.
Das ist das Einzige, was ich in dieser Situation tun kann. Ich laufe, vor allem vor mir selbst, davon. Davor, dass Sylvians Worte etwas in mir auslösen, das nicht an diese Stelle gehört. Er ist irre, kostet mein Blut, redet wie ein Mörder und ich spüre trotzdem … Erregung.
Erst Reece.
Dann Jaxon.
Jetzt Sylvian.
Die Grausamkeit jedes einzelnen Kings steigert sich und ich darf ihnen nicht verfallen. Schon gar nicht allen. Ich muss laufen, und wenn ich nie wieder zurückfinde und verdurste. Das scheint die bessere Alternative zu sein, statt mich dem Strudel hinzugeben, in den mich die drei Kings ziehen.
Äste knacken unter meinen Füßen, Laub fliegt durch die Luft, ich schürfe mir die Hände auf, meine Kleidung bekommt Risse, aber ich laufe weiter. Den ganzen Weg zurück tief in den Wald hinein, in das unwegsame Gelände, den Hügel hinauf.
»Mable!«
Fuck. Er klingt näher, als er sein dürfte. Um mich zu vergewissern, dass ich noch eine Chance habe, drehe ich mich um. In genau dieser Sekunde ist er bereits über mir. Er zwingt mich zu Boden, nur dass ich dieses Mal mit dem Rücken zu ihm liege.
Mein Gesicht wird ins Laub gedrückt und seine Hände halten meine wie bei einem Polizeigriff auf dem Rücken zusammen.
Er hat mich gefangen. Ich will gleichsam weinen wie flehen. Aufgeben und kämpfen. Tränen loslassen und auf keinen Fall weinen.
Sein Atem prescht in mein Ohr. Er ist so nah. Alles an ihm ist so nah, intim und furchteinflößend.
Er hat mein Blut gekostet.
Mit einem groben Griff zerrt er mich herum und dann sieht er mich an.
Wie ein Jäger, der seine Beute erlegt hat.
In seinen Augen steht nichts als Gier. Tosendes Verlangen und endlose Dunkelheit.
Zart legt er eine Hand um meinen Hals und drückt langsam zu. Ganz, ganz langsam, während mein Atem entschwindet. »Wenn ich dir deine Kleidung nicht aufschneiden soll, ziehst du dich jetzt aus.«
Meine Atmung verliert sich. Ich muss mich fürchten, aber ich vertraue. Das ergibt absolut gar keinen Sinn. Das weiß ich. »Was wirst du tun?«, frage ich zitternd.
»Dich ficken«, gibt er gepresst von sich. In den grünen Augen ein Dschungel aus Verlangen. »Damit dieser Scheiß endet, bevor er beginnt.«
»Wieso … endet …?«, frage ich ohne Klang in der Stimme und zucke zusammen, als er ein Messer zieht. Adrenalin schießt durch meinen Körper, als er das Butterfly geschickt mit einer Hand öffnet, und ich tue etwas, das ich nie von mir gedacht hätte.
Niemals.
Ich fasse an meine Jeans und öffne hektisch den Knopf. Sylvian geht von mir herunter, richtet sich auf, um mir zuzusehen. Allein sein Blick lässt mich jeden Zweifel beiseitewischen. Wenn es hierbei noch immer um eine Wette gehen sollte , dann will ich, dass Sylvian gewinnt. Es ist krank. Psychotisch, nicht nachvollziehbar und absolut verdorben, aber ich brauche es, und vielleicht bin ich froh, dass es auf diese Weise geschieht.
In einem Wald.
Mit einem Fremden.
Der mein Blut gekostet hat und dem ich noch mehr davon geben würde, wenn es ihn befriedigt.
Ich ziehe meine Jeans aus, dann öffne ich die Sweatshirtjacke, liege entblößt da.
Er sieht auf mich hinunter, als würde er mich gleichzeitig wollen und hassen. »Warum tust du das?«
»Du hast es gesagt«, wispere ich.
Seine grünen Augen wandern über meinen nackten Körper und in ihm scheint ein Orkan zu toben. »Zieh dich wieder an.«
»Was?«
»Ich bin nicht stark genug.« Seine Stimme klingt, als würde er aus einem Abgrund zu mir sprechen. »Hast du Jaxon gefickt?«
»Nein!«
»Crescent?«
»Wieso fragst du das?«
»Du darfst mich nicht wollen. Du darfst dich nicht einfach hingeben.«
»Nein, aber bevor du mir die Kehle aufschneidest, mache ich lieber mit!«
Er lacht trostlos, seine Augen bleiben kalt. »Warum?«, fragt er. »Warum vertraust du mir so sehr? Ich habe dich vor uns gewarnt. Vor der gesamten Universität . Und trotzdem vertraust du mir.«
Ich beiße mir auf die Unterlippe und wünschte, ich hätte darauf eine kluge Antwort parat. Wieso weiß er, dass ich nicht wirklich glaube, er würde mich vergewaltigen? Wieso kann er in mir lesen wie in einem offenen Buch?
»Was jetzt passiert, darf niemand erfahren. Kriegen wir das hin? Du und ich?«
Als ich nichts sage, greift er an seine Jacke und zieht sie aus. »Ich deute das als ein ›Alles, was du willst, Sylvian‹«, sagt er ironisch. Dann fasst er an sein Shirt, zerrt es über seinen Kopf und lässt mich den Atem anhalten. Seine von Tattoos überzogene Brust lässt ihn noch düsterer wirken. Ich beginne zu zittern, obwohl es ein warmer Augusttag ist.
Sylvian kommt auf mich zu, das Butterfly kreisend in seiner Hand, bevor er es schließt und wegsteckt. Er fasst an meine Schulter und ein Stromstoß fährt durch meine gesamte Brust.
»Das Vorspiel haben die anderen schon erledigt, oder?«, fragt er und ich reiße die Augen auf.
Wie viel weiß er?
Ohne eine Antwort abzuwarten, wirft er mich herum. Seine rechte Hand krallt sich in meine Pobacke. Sein Gürtel löst sich, ich spüre, wie er sich zwischen meine Beine schiebt und dann spüre ich seinen harten Schwanz in mir. Ich liege in das Laub gedrückt da und bin wie in einem Käfig gefangen. Regungslos spüre ich, wie seine Spitze sich unnachgiebig gegen mich drückt. Ich bin feucht, aber auch eng. Zu eng.
Sylvian zieht meine Hüfte hoch, sodass ich mich auf allen vieren abstützen kann, und bewegt sich mit kreisenden Bewegungen vor meinem Loch, um mich zu dehnen. Dabei ist er schon sehr hart, aber er tut nichts, was mich schreien ließe.
»Du hättest schneller laufen sollen, Baby«, keucht er abgehackt. Seine Stöße werden drängender. »Ich werde dir wehtun müssen. Ich kann nicht anders.«
»Okay«, wispere ich.
»Nein, es ist nicht okay!«, brüllt er, vergräbt sich mit den Händen tief ins Fleisch meines Hinterns und presst sich in mich vor.
Ich schreie erschrocken auf. Meine Scheide ist so eng, dass es schmerzt, aber er macht weiter.
»Schrei lauter!«
Ich gehorche. Und dann braucht es nur ein paar feste Stöße und alles löst sich in mir.
Mit einem tiefen Rammen füllt er mich ganz aus und knurrt wild.
Ich liege vor ihm wie abgerichtet und will es genau so. Er soll mich ficken. Es ist, als hätte er eine meiner dunkelsten Fantasien hervorgeholt und würde sie erfüllen.
Wilder, hemmungsloser, dreckiger Sex. Ohne Vorspiel. Ohne Küsse. Mit einem Kerl, der Gefahr ausstrahlt wie eine verdammte Granate.
Er fickt mich immer wilder.
Ich gebe mich ihm hin, genieße jeden einzelnen Stoß und zerfließe vor innerer Lust. Das war nicht, was ich wirklich gewollt habe. Es ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Es ist anders, rau, verboten und mit jemandem, den ich kaum kenne und dem ich dennoch vertraue.
Sylvian nimmt seine Hand, führt sie zwischen meinen Schritt und reibt über meine Perle, während er mich weiter tief und unnachgiebig fickt. Ich komme, ohne es zu wollen, viel zu schnell, hart und heftig, um es zu genießen, und ich schreie meine Lust hinaus.
Kaum ist die Explosion über mich gekommen, greift Sylvian nach meinem Zopf. Er zerrt meinen Kopf zurück, umschlingt seine Hand mit meinem Haar wie mit einem Seil und zwingt mich, mich zu ihm nach hinten zu beugen. Gekrümmt stütze ich mich auf, und er vögelt mich weiter, während er seine Lippen auf meine presst und seine Zunge tief in meinen Mund schiebt.
»Sag, dass du es genau so willst«, verlangt er abgehackt. Ein Schweißfilm liegt auf seinem Gesicht und mein halber Körper ist voller Erde. »Gib zu, dass du alles dafür getan hast, dass es so kommt.«
»Ich will es«, gebe ich zu, versuche mich nicht zu schämen. Nicht dafür zu schämen, dass jemand wie Sylvian meine heimlichsten Gelüste hervorgelockt hat.
»Und wenn die anderen hier wären«, knurrt er lauter und seine Bewegungen werden gröber. Sein Schwanz ist so hart und riesig, dass er mich ganz bestimmt schon wund macht. Er fühlt sich fantastisch an. Viel besser, als ich es mir vorgestellt habe. »Wenn die anderen hier wären und dich nach mir nehmen würden, würdest du es wollen?«
Er sieht mir in die Augen, während ich so völlig nach hinten gedreht vor ihm hocke.
»Sag es!«, herrscht er und ich schließe die Lider.
Lasse für einen Moment all die Fantasien zu, die mich überspülen.
Jaxon und Reece. Hier. Während sie uns zusehen. Mich begehren. Ihre Lust mit mir teilen. Wie ich sie küsse. Befriedige. Wie sie nacheinander in mir sind. Wie sie mich gleichzeitig nehmen. Zwischen sich gefangen halten. Ich will es.
Ich brauche es.
Und dann schreie ich erneut.
Sylvian gleitet aus mir hervor und küsst mich grob. So lange, bis mein Orgasmus verklungen ist. Auch er ist gekommen. Der Geruch nach seinem Samen schwängert die Luft und die Flüssigkeit versickert im Laub. Er ist hochgradig bescheuert, dass er mit dieser unsicheren Methode verhütet hat, aber während des Sexes war es heiß.
Toll. Wie viele wechselnde Partner hat Sylvian?
Er sinkt neben mir ins Laub und zieht mich plötzlich an sich. Meine Sorge schwindet sofort dahin, als er einen Arm um mich legt und seine beringte Hand durch mein Haar gleiten lässt.
»Normalerweise haben die Mädchen Angst vor mir, wenn ich ihnen mein wahres Gesicht zeige«, murmelt er und streicht über meine erhitzte Wange.
Ich spüre nichts als Verbundenheit und schweige. Vielleicht ist es möglich, für immer so dazuliegen. Immer in diesen Armen, die mich umschließen, als wären sie mein wahres Zuhause.
»Aber vielleicht bist du stärker, als ich dachte.«
»Vielleicht«, murmle ich zurück.
Er lächelt. Ein bezauberndes, düsteres Sylvian-Lächeln. Seine schwitzigen Haare fallen ihm in die Stirn und er streichelt mich unbeirrt weiter. »Hat dir Harper erzählt, was wir normalerweise mit Mädchen wie euch tun?«
Eine Gänsehaut stellt sich auf meinen Armen auf. »Sie hat Andeutungen gemacht.«
»Gut für sie. Dann hat sie ja ausnahmsweise auf uns gehört.«
»Wieso?«, frage ich misstrauisch und rücke von ihm ab.
Er zieht mich noch ein Stück näher an sich. »Weil wir normalerweise dafür sorgen, dass ihr keine Hilfe erhaltet. Wir wollen unsere Opfer für uns.«
Mir wird kalt, und es ist irritierend, dass ausgerechnet Sylvians Brust mich wärmt.
»Normalerweise würde ich dich ficken und dir wehtun. Sehr, sehr wehtun. Und dann würdest du fallen und ich würde dich auffangen, und ich würde dich wieder ficken und dir wieder wehtun. Ich bin ein Monster, Amabelle. Das Harmloseste, was ich tue, ist Blut zu lecken, wenn ich einmal im Rausch bin.«
Ich halte den Atem an. Das kann nicht sein. Wie soll das alles zusammenpassen?
»Aber wenn du lernst, dich zu benehmen, werde ich vielleicht ausnahmsweise nicht so grausam sein müssen. Ich will es nicht mehr. Wage es nicht, mich noch einmal herauszufordern.«
»Indem ich mich aus Versehen verletze und du über mich kommst wie ein Vampir?«
Seine grünen Augen blitzen auf und ich spüre das Verlangen, erneut vor ihm davonzulaufen. »Du hast zwei Optionen. Entweder ich bringe dich nach Hause. Das wäre das Beste für dich. Aber wenn du in Kingston bleibst, darf niemand davon erfahren, was gerade geschehen ist. Und du hältst dich fern. Von jedem einzelnen Kerl, nicht nur von Jaxon und Crescent. Aber vor allem von Jaxon und Crescent und mir. Wenn du es auch nur wagst , dich ihnen zu nähern, werde ich mich vergessen. Die Beherrschung, die ich aufbringen muss, um mich wie gerade jetzt zurückzuhalten, ist überirdisch. Du hast absolut keine Ahnung, wer ich bin und was ich getan habe und was ich bereit bin zu tun, wenn du nicht gehorchst.«
Ich sehe ihn an und kann nichts dagegen tun, dass mir Tränen in die Augen schießen. Wie kann er nur so fies klingen, obwohl ich ihn gerade an mich herangelassen habe?
»Hey«, sagt er sanft, fast bestürzt. Wischt meine Träne auf, rollt mich auf die Seite und mustert mich eingehend. Sein Gesicht ist plötzlich so warm und voller Gefühl, dass ich mich sicherer fühle. »Noch ist nichts passiert, Baby.«
Ich schluchze und lache gleichzeitig. »Du bist so ein Arsch.«
Er schmunzelt, aber ich weiß, dass er es freundlich meint. »Gerade bin ich die beste Version meines Selbst, die jemals jemand zu sehen bekommen hat. Du gibst mir Hoffnung. Vielleicht ist doch nicht alles in mir düster und kaputt. Wollen wir zurückgehen?«
Ich nicke und er richtet sich auf.
Während er seinen Gürtel schließt und sein Shirt überzieht, schlüpfe ich in meine Jeans.
Als wir beide angezogen sind, greift er nach meiner Hand, verschränkt unsere Finger, sodass ich seine Ringe spüre, und zieht mich an sich. Er umarmt mich lange, was mir Kraft gibt, und haucht mir einen Kuss auf die Stirn.
»Mögest du nie das Monster in mir wecken, Mable«, flüstert er.
Und ich bin fast versucht zu fragen, ob es nicht das ist, was ich eigentlich will.
Ob ich mich nicht in die Monster der Kings verliebe.
Statt in das Gute.