7

Bond folgte Smithers zum Lift. Während sie warteten, blickte er aus dem hohen Fenster am Ende des Ganges in den Hinterhof der Bank. Ein dunkelbrauner Lastwagen ohne Aufschrift war durch die dreifachen Stahltore eingefahren. Quadratische Kartons wurden abgeladen und auf ein Förderband gelegt.

Colonel Smithers kam herüber.

»Fünfer«, sagte er. »Sie kommen gerade aus unserer Druckerei in Loughton.« Der Lift kam, und sie stiegen ein. Bond sagte: »Die neuen gefallen mir nicht, die sehen aus wie überall. Die alten Scheine waren die schönsten der Welt.«

Sie gingen durch die Vorhalle. Der Colonel pflichtete ihm bei: »Ich bin ganz Ihrer Meinung. Aber die Fälschungen der Reichsbank während des Krieges waren leider zu gut. Und vor allem: Bei der Einnahme von Berlin haben die Russen die Druckplatten erwischt! Wir mußten die alten Fünfer einziehen. Die neuen sind nicht so schön, aber sehr schwer zu fälschen.«

Bond sollte M um sechs Bericht erstatten. Als er Platz nahm, setzte M sich aufrecht hin und griff nach der Pfeife. Daran merkte Bond, wie sehr M sich konzentrierte: »Nun?«

Bond faßte sich kurz. In knappen fünf Minuten berichtete er das Wesentliche.

Als er zu Ende war, meinte M nachdenklich: »Scheint, wir kommen nicht drum herum! Mich interessiert, ob Sie schon wissen, wie dieser Goldfinger zu packen ist? Kann man irgendwie an ihn herankommen, sich für eine seiner krummen Sachen empfehlen oder so?«

Bond überlegte: »Mit Anbiedern, Stellungssuche und dergleichen läßt sich da nichts machen, Sir. Er muß sehen, daß man schlauer ist, gerissener als er. Einmal hab’ ich ihn schon geschlagen. Und was war der Erfolg? Daß er gern mit mir Golf spielen würde! Vielleicht wäre das ein Weg?«

M reagierte mit müdem Sarkasmus: »Schöne Art für meine besten Leute, die Zeit totzuschlagen! Aber bitte, sehn Sie zu, daß Sie ihn schlagen! Was werden Sie ihm denn erzählen?«

Bond zuckte die Achseln. »Weiß noch nicht. So leicht läßt sich der nicht täuschen.«

»Na gut. Halten Sie mich auf dem laufenden!« Ms Stimme war verändert, sein Blick dringlich. »Und jetzt sage ich Ihnen etwas, was Sie in der Bank nicht gehört haben: Zufällig habe auch ich Mr. Goldfingers Goldbarren gesehen! Erst heute - eingekratztes Z und so. Er stammt aus dem Fang, den wir letzte Woche in Tanger gemacht haben, als das Direktionsbüro der Redland Resident brannte. Sie werden die Meldung ja gesehen haben. Seit dem Krieg ist das der zwanzigste von diesen bestimmten Goldbarren.«

Bond unterbrach: »Aber der Barren in Tanger kam doch aus dem Safe des SMERSH!«

»Stimmt. Auch die anderen neunzehn Z-Barren stammen von SMERSH-Leuten. Wissen Sie, 007, es würde mich gar nicht wundern, wenn Goldfinger sich als der Schatzmeister von SMERSH herausstellte.«

James Bond jagte den D.B.III über die letzten geraden Kilometer und schaltete wie ein Rennfahrer für die kurze Steigung in den dritten und dann den zweiten Gang hinunter, ehe ihn der unvermeidliche Kriechverkehr von Rochester aufhielt. Wieder im dritten, rutschte er noch unter den ersten Ampeln durch und schloß sich ergeben der Kolonne an, die jetzt eine Viertelstunde durch Rochester und Chatham schleichen würde. Er ließ den Wagen rollen, tastete nach einer Morland-Zigarette auf dem Nebensitz und rauchte sie am Bordanzünder an.

Statt der A 20 hatte er die A 2 nach Sandwich genommen, da er einen Blick auf Goldfingers Gebiet werfen wollte - Reculver und die ganze ^emsegegend, die Goldfinger zum Wohnsitz erwählt hatte. Dann wollte er über die ^anet-Insel nach Ramsgate, seinen Koffer im Channel Packet abstellen und nach Sandwich weiterfahren.

Der Wagen kam aus dem Pool. Man hatte ihm den Aston Martin D.B.III oder einen Jaguar 3.4 angetragen. Beide hätten zu seiner Rolle als wohlhabender, abenteuerlustiger junger Mann gepaßt, aber der D.B.III hatte gewisse Extras, die von Nutzen sein konnten: Schalter, um bei nächtlicher Verfolgung Form und Farbe der Front- und Decklichter zu ändern, verstärkte Stoßstangen zum Rammen, einen Colt 45 mit langem Lauf unterm Führersitz, ein Empfangsgerät, abgestimmt auf einen Sender namens Homer, und eine Menge Hohlraum, den kein Zollbeamter entdecken würde.

Diese ^eorie von M - sie konnte stimmen! Die Russen waren bekannt als schlechte Zahler, immer wieder waren die Kassen ihrer Zentralen leer. Die Folge davon waren versäumte Möglichkeiten, nichteingehaltene Zusagen, unnötiger Funkverkehr. So schien es durchaus vernünftig, irgendwo außerhalb Rußlands einen finanzbegabten Mann zu haben, der genügend verdiente, um auch ohne Moskaus Geldhilfe die Auslandszentralen des SMERSH in Gang zu halten. Und nicht nur das, daneben schädigte Goldfinger ja auch die gegnerische Währung. Wenn das stimmte, war es typisch für SMERSH - ein brillanter Plan, fehlerlos ausgeführt von einem hervorragenden Mann. Und, so überlegte Bond, während er die Steigung nach Chatham hinaufdröhnte und ein halbes Dutzend Wagen hinter sich ließ, das erklärte auch Goldfingers Gier nach mehr und noch mehr Geld! Er verdiente es nicht für sich selbst, sondern im Dienst der Weltrevolution! Was zählte da eine Panne, wie sie ihm Bond beigebracht hatte? Nichts.

Weitab links schimmerte die ttemse. Dort war Bewegung -lange, glänzende Tanker, plumpe Frachter, altertümliche holländische Schuten. Bond bog von der Straße nach Canterbury ab und durchfuhr auf dem unvergleichlich schöneren Highway die billige Bungalowwelt der Ferienorte: Whitstable, Herne Bay, Birchington, Margate. Noch immer trödelte er mit achtzig dahin, das Rennlenkrad nur ganz leicht haltend, und horchte auf das gleichmäßige Motorsummen, während er seine Gedankenfetzen zu einem Puzzle ordnete, ähnlich wie vor zwei Tagen Goldfingers Züge auf dem Identicast.

Er überlegte, wie Goldfinger jedes Jahr ein, zwei Millionen Pfund Sterling in den blutigen Rachen von SMERSH pumpte, dabei seine Reserven weiterhäufte und für sich arbeiten ließ - und niemand hatte geahnt, daß der Juwelier, Metallurg, Einwohner von Reculver und Nassau, geachtetes Klubmitglied vom Blades und Royal St. Marks in Sandwich, einer der größten Verschwörer war, der tausendfachen Mord finanziert hatte. Nur M ahnte, nur Bond wußte es. Durch eine Reihe von Zufällen, eine Folge von Verknüpfungen war er diesem Mann auf die Spur gekommen. Dazu mußte ein Flugzeug auf der anderen Seite der Welt eine Panne haben! Er lächelte grimmig. Bond fuhr nun durch die hübsche Postkartenlandschaft von Herne Bay. Von rechts drang das Heulen von Manston herüber: Eine Staffel Super Sabres setzte zur Landung an, fegte über den Horizont, als wollte sie in die Erde tauchen. Mit halbem Ohr hörte Bond auf das Brüllen

ihrer Düsen, als sie landeten und zu den Hangars kurvten.

An der nächsten Kreuzung wies der linke Pfeil nach Reculver. Darunter war das Zeichen für »Historische Kirche«. Bond bremste, blieb aber nicht stehen. Langsam fuhr er weiter und hielt die Augen offen. Die Küstenlinie lag zu frei, als daß ein Fischdampfer etwas anderes hätte tun können als anlegen oder ankern. Wahrscheinlich hatte Goldfinger zum Verladen Ramsgate benützt, den stillen kleinen Hafen, wo Zoll und Polizei nur hinter dem Kognak aus Frankreich her waren. Jetzt trennte eine dichte Baumgruppe die Straße von der Küste, man sah Dächer und einen Fabrikschornstein mit dünner, heller Wolke. Das mußte es sein! Und nun das Tor zu einer langen Einfahrt. Ein diskretes Verbotsschild: »Eintritt nur geschäftlich«. Alles sehr achtbar. Bond trat aufs Gaspedal, es gab nichts weiter zu sehen. Er nahm die rechte Abzweigung über das Manston-Plateau nach Ramsgate.

Um zwölf Uhr besichtigte er sein Zweibettzimmer mit Bad im Oberstock des Channel Packet, packte seine Sachen aus und ging in die Snackbar, wo er einen Wodka mit Tonic und zwei ausgezeichnete Schinkenbrote mit reichlich Senf zu sich nahm. Dann stieg er wieder in seinen Wagen und fuhr zum Royal St. Marks Golfclub nach Sandwich hinüber.

Dort angelangt, trug er seine Schläger zur Werkstatt neben dem Laden des Trainers. Er traf Alfred Blacking an, wie er eben einen neuen Griff an einen Driver schraubte.

»Tag, Alfred!«

Der Trainer blickte rasch auf. Ein breites Lächeln verzog sein sonnengegerbtes Gesicht: »Nein, so was! Mr. James!« Sie schüttelten sich die Hände. »Schon eine Ewigkeit nicht gesehn! Was führt Sie zu uns, Sir? Erst neulich hat mir jemand erzählt, Sie seien im diplomatischen Dienst oder so. Immer im Ausland. Na, ich ja nie! - Immer noch der gleiche flache Schlag, Sir?« Blacking legte die Hände aneinander und markierte einen niederen, flachen Schlag.

»Ich fürchte, ja, Alfred. Hatte nie Zeit, ihn mir abzugewöhnen. Wie geht’s Ihrer Frau und Cecil?«

»Danke, Sir, kann nicht klagen. Cecil wurde im Vorjahr Zweiter in der Mannschaft von Kent. Könnte dieses Jahr gewinnen, wenn er nur etwas vom Geschäft wegkäme.«

»Wie war’s mit einer Partie, Alfred?«

Der Trainer blickte durchs Hinterfenster auf den Parkplatz mit dem Fahnenmast.

»Sieht nicht gut aus, Sir. Mitten in der Woche, um diese Jahreszeit . . .«

»Und Sie?«

»Ich bin leider besetzt, Sir. Spiele täglich um zwei mit einem Mitglied. Wie lange bleiben Sie, Sir?«

»Nicht lange, aber das macht nichts. Werd’ ich eben mit einem Caddie Bälle schlagen. Mit wem spielen Sie denn?«

»Mit einem Mr. Goldfinger, Sir.« Alfreds Blick war lustlos.

»Goldfinger? Den hab’ ich in Amerika kennengelernt!«

»Wirklich, Sir?« Alfred fand es sichtlich schwer zu verstehen, daß jemand mit Mr. Goldfinger bekannt war.

»Er muß sein Spiel aber ziemlich ernst nehmen, wenn er täglich mit Ihnen spielt.«

»Das schon, Sir.«

Bond lächelte. »Sie haben sich nicht geändert, Alfred. Sie wollen doch sagen, daß niemand sonst mit ihm spielen mag. Wie mit Farquharson, wissen Sie noch? Der langsamste Spieler in England. Ich erinnere mich, wie Sie immer wieder mit ihm loszogen vor zwanzig Jahren. Na, und dieser Goldfinger?«

Der Trainer lachte. »Sie sind’s, der sich nicht geändert hat, Mr. James! Sie waren schon damals so neugierig.« Er trat näher und dämpfte die Stimme. »Die Sache ist die, Sir, daß einige Mitglieder glauben, Mr. Goldfinger sei ein wenig zu tüchtig. Verbessert die Lage seines Balles und so.« Dann, sich verbessernd: »Aber das ist alles nur Klatsch, Sir. Ich selber hab’s nie gesehen. Sonst ist er ein sehr ruhiger Herr, hat einen Besitz in Reculver und ist früher oft hergekommen. Aber während der letzten Jahre war er immer nur ein paar Wochen in England. Er ruft an, ob jemand spielen will, und wenn niemand da ist, spielt er mit Cecil oder mit mir. Heute morgen hat er wieder angerufen. Manchmal kommen auch Fremde her.« Blacking blickte Bond seltsam an. »Vielleicht könnten Sie heute nachmittag mit ihm spielen? Es würde sonst komisch aussehen, wo Sie ihn doch kennen. Er könnte meinen, ich wolle ihn für mich behalten oder so . . .«

»Unsinn, Alfred! Sie müssen ja davon leben. Warum nicht eine Partie Dreiball?«

»Nein, das ist ihm zu langsam, und da bin ich seiner Meinung. Aber kümmern Sie sich nicht um mein Honorar, im Geschäft liegt so viel Arbeit, daß ich froh bin, einmal einen Nachmittag dafür Zeit zu haben.« Er sah auf die Uhr. »Er kann jetzt jeden Moment kommen. Übrigens, ich habe einen Caddie für Sie. Erinnern Sie sich noch an Hawker?«

Bond sagte: »Danke, Alfred, es würde mich interessieren, wie der Kerl spielt. Aber machen wir’s so: Ich bin hereingekommen, um mir einen Schläger reparieren zu lassen. Ich weiß aber nicht, daß Goldfinger hier ist, sondern bleibe im Geschäft. So kann er wählen. Wer weiß, vielleicht mag er mich nicht.«

»In Ordnung, Mr. James, lassen Sie mich nur machen! Da kommt eben sein Wagen, Sir!« Drüben bog ein hellgelber Wagen in den Privatweg ein. »Komisch, nicht? Sieht aus wie die Autos aus meiner Jugend.«

Bond sah den alten Silver Ghost majestätisch heranrollen. Ein Bild von einem Wagen! Die Sonne blitzte auf dem Silberkühler und der Aluminiumwand unter der hohen, senkrechten Windschutzscheibe. Bis auf das schwarze Dach und die geschwungenen Fensterrahmen war der ganze Wagen primelgelb.

Auf dem Führersitz thronte eine Gestalt in kaffeebraunem Staubmantel und ebensolcher Kappe, das große, volle Gesicht unter einer schwarzrandigen Autobrille verborgen. Daneben eine vierschrötige Figur in Schwarz mit einer Melone auf dem Kopf. Beide Gestalten wirkten merkwürdig starr. Es war, als führen sie einen Leichenwagen.

Zweiter Teil

1

»Guten Tag, Blacking. Alles bereit?« Die Stimme war von lässiger Autorität. »Ich sehe da einen Wagen draußen. Doch nicht jemand, der spielen will?«

»Weiß noch nicht, Sir. Ein altes Mitglied mit einer Schlägerreparatur. Soll ich ihn fragen, Sir?«

»Wer ist es denn? Wie heißt er?«

»Ein Mr. Bond, Sir.«

Pause. »Bond?« Die Stimme war unverändert. »Ich habe neulich einen Bond kennengelernt. Wie ist der Vorname?«

»James, Sir.«

»Ah, ja.« Längere Pause. »Weiß er, daß ich hier bin?«

Bond spürte förmlich, wie Goldfinger die Lage peilte.

»Er ist hinten in der Werkstatt, Sir. Vielleicht hat er Ihren Wagen kommen sehen.«

»Durchaus möglich.« Das klang schon freundlicher. Goldfinger wollte etwas erfahren. »Wie ist sein Handikap?«

»Als Junge war er ganz brauchbar. Seither hab’ ich ihn nicht spielen sehen.«

Bond zog seinen Driver aus der Golftasche und begann, den Griff mit einem Stück Schellack abzureiben. Es war besser, beschäftigt zu tun. Hinter ihm knarrte ein Brett, aber Bond rieb fleißig weiter, mit dem Rücken zur offenen Tür.

»Ich glaube, wir kennen uns«, klang es leise und obenhin.

Bond fuhr herum. »Gott, haben Sie mich erschreckt! Nein . . . das ist doch Gold . . . Goldman, äh, Goldfinger!« Hoffentlich hatte er nicht übertrieben! Mit einer Spur Argwohn in der Stimme setzte er hinzu: »Wo kommen denn Sie her?«

»Ich sagte Ihnen doch, daß ich hier spiele, erinnern Sie sich nicht?« Goldfingers Augen öffneten sich zum Röntgenblick.

»Nein.«

»Hat Miss Masterton es Ihnen nicht ausgerichtet? Ich ließ Ihnen bestellen, ich würde gern mit Ihnen eine Partie Golf spielen.«

»Ach ja« - Bond war von kühler Höflichkeit -, »das müssen wir gelegentlich tun!«

»Nun, ich sollte mit dem Trainer spielen, statt dessen spiele ich mit Ihnen.«

Das war eine Feststellung.

Kein Zweifel, Goldfinger hatte angebissen. Nun galt es, den Schwierigen zu spielen. »Ach, warum nicht ein andermal? Ich bin heute nur wegen eines neuen Schlägers hier und überhaupt ganz außer Übung. Caddies sind ja wohl auch keine da . . .« Bond war so unhöflich als möglich.

Goldfinger wandte sich nach hinten in den Laden. »Blacking, haben Sie einen Caddie für Mr. Bond?«

»Jawohl, Sir!«

»Na also, dann hätten wir ja alles.«

Unmutig stieß Bond seinen Driver in den Sack. »Also gut!« Und wie um Goldfinger doch noch davon abzubringen, sagte er grob: »Aber ich warne Sie, ich spiele nur um Geld! Mir ist’s zu fad, den Ball nur so herumzuschlagen.«

War da nicht ein triumphierendes Aufblitzen in Goldfingers hellen Augen? Aber er sagte nur gleichmütig: »Mir soll es recht sein, ganz wie Sie wünschen. Natürlich der Vorgabe entsprechend. Ich glaube, Sie sagten neun?«

»Stimmt.«

»Ich habe auch neun. Ein gleichwertiges Spiel, nicht?«

Bond zuckte die Achseln. »Sie werden zu gut für mich sein.«

»Das bezweifle ich. Trotzdem mache ich Ihnen einen Vorschlag«, sagte Goldfinger beiläufig. »Es handelt sich um dieses Geld, das Sie mir in Miami abgenommen haben, Sie erinnern sich. Die Anfangsziffer war zehn. Nun, ich hasardiere gern. Machen Sie mit? Doppelt oder nichts!«

Bond sagte gleichgültig: »Das ist zu hoch.« Dann, als glaubte er, gewinnen zu können, sagte er halb verschlagen, halb widerstrebend: »Schön, geht in Ordnung! Gleiches Match, um diese zehn!«

Goldfinger wandte sich ab und sagte mit plötzlicher Freundlichkeit: »Dann ist also alles geregelt, Mr. Blacking, vielen Dank. Und schreiben Sie Ihr Honorar auf mein Konto. Tut mir leid, daß wir unser Spiel nicht machen können - ja, und jetzt noch die Gebühr für die Caddies.«

Alfred Blacking kam in die Werkstatt und blickte Bond sehr gerade an: »Denken Sie an das, was ich gesagt habe, Sir!« Er kniff ein Auge zu: »Wegen Ihres flachen Schwungs. Da müssen Sie stets drauf achten!«

Bond schmunzelte. Alfred hatte gute Ohren. Er hatte die Zahl vielleicht nicht mitbekommen, wußte aber sicher, daß dies kein gewöhnliches Spiel sein würde.

Bond ging durch den Laden zu seinem Wagen hinaus. Der Mann mit der Melone polierte die blanken Teile des Rolls. Bond spürte, wie er von ihm beobachtet wurde, als er seine Reißverschlußtasche herausholte und ins Klubhaus trug. Ein viereckigflaches, gelbes Gesicht - einer der Koreaner?

Nachdem er seine Spielgebühr bei Hampton, dem Verwalter, bezahlt hatte, betrat er den Umkleideraum. Immer noch der gleiche, zähe Geruch nach alten Schuhen und Socken, nach dem Schweiß des vergangenen Sommers. Warum nur pflegten die berühmtesten Golfklubs die Hygienetradition viktorianischer Privatschulen? Er zog ein Paar abgetragene Golfspikes an und streifte eine ausgebleichte Windjacke über. Zigaretten - Feuerzeug. Er war bereit.

Langsam trat er hinaus. Man würde sehen. Mit Absicht hatte er seinen Gegner in dieses hohe Spiel getrieben: Goldfinger sollte noch mehr Respekt bekommen, sollte seine Ansicht über Bonds Brauchbarkeit bestätigt sehen!

Über die nahezu fünfhundert Meter geschorenen Rasens schlenderte Bond zum ersten Abschlag. Goldfinger übte schon auf dem Puttinggrün, während ein Caddie ihm die Bälle zurollte. Er puttete auf die neue Art, den Hammerputter zwischen den Beinen. Das ermutigte Bond, der nichts von diesem System hielt. Auch das Üben war für ihn zwecklos: Der alte Hickoryschläger hatte seine guten und schlechten Tage, da war nichts zu machen. Überdies entsprach das Übungsgrün weder nach Tempo noch nach Struktur den Plätzen der Bahn. Bond holte die hinkende Gestalt seines Caddies ein, der sorglos dahintrottete und dabei mit Bonds Blaster nach einem imaginären Ball schlug. »Tag, Hawker!«

»Tag, Sir!« Hawker gab Bond den Blaster und warf drei gebrauchte Bälle weg. Sein schlaues Wilderergesicht verzog sich zu schiefem Grinsen. »Na, wie steht’s, Sir?«

»Mal sehen!« Bond nahm den Blaster, wog ihn, schätzte den Abstand. Das Klopfen auf dem Übungsgrün war verstummt. Bond gab den Schläger zurück. Dann gingen sie, über Hawkers Familie plaudernd, zum ersten Abschlag.

Goldfinger schloß sich ihnen an, ruhig und gelassen. Bond begrüßte Goldfingers Caddie, einen unterwürfigen, gesprächigen Mann namens Foulks, den er nie gemocht hatte. Er warf einen Blick auf Goldfingers Schläger: eine nagelneue Garnitur, eine anspruchsvolle Ausrüstung, eine der besten.

Goldfinger nahm seinen Driver und schälte einen neuen Ball aus. »Dunlop 65, Nummer eins. Ich benütze immer den gleichen Ball. Und Sie?«

»Penford, Herzmarke.«

Goldfinger blickte Bond scharf an. »Strikte Golfregeln?«

»Natürlich!«

»Gut.« Goldfinger ging zum Abschlag und legte auf. Er machte ein, zwei konzentrierte Übungsschwünge. Es war die Art Schlag, die Bond genau kannte

- der eingedrillte, mechanische, stets wiederholbare Schlag von jemand, der das Spiel sehr sorgfältig gelernt, alle Bücher darüber gelesen und fünftausend Pfund für die besten Golflehrer ausgegeben hat. Ein guter, erfolgreicher Schlag, der auch unter Druck der gleiche bleiben würde. Bond beneidete ihn darum.

Goldfinger nahm seinen Stand ein, pendelte elegant, nahm den Schlägerkopf langsam in weitem Bogen zurück und knickte, den Blick auf den Ball geheftet, vorschriftsmäßig die Handgelenke. Mechanisch und mühelos schlug er durch. In schnurgerader Richtung sauste der Ball etwa zweihundert Meter die Spielbahn hinunter.

Ein ausgezeichneter Schlag, entmutigend für Bond! Und Goldfinger war imstande, diesen Schlag mit jedem Schläger längs der achtzehn Löcher beliebig oft zu wiederholen!

Bond nahm seinen Platz ein, wählte eine niedrige Abschlagstelle, sprach seinen Ball vorsichtig an und peitschte ihn mit dem flachen Schwung eines Racketspielers hinaus, mit zu viel Handgelenk, als daß es gutgehen konnte. Ein schöner Abschlag! Der Ball fiel hinter dem von Goldfinger auf und rollte noch fünfzig Meter an den Rand des linksseitigen Rauhen.

Zwei gute Drives! Als Bond seinen Schläger Hawker übergab und hinter dem ungeduldigen Goldfinger loszog, witterte er den angenehmen Duft einer Partie Golf auf Biegen oder Brechen an einem schönen Mainachmittag und mit dem Gesang der Lerchen über dem schönsten Strandgolfplatz der Welt.

Goldfinger lag gut. Bond sah ihn nach dem Spoon greifen, die beiden Übungsschläge machen und den Ball ansprechen.

Die unwahrscheinlichsten Leute spielen Golf, und sie tragen dazu die ausgefallenste Kleidung. Goldfinger hatte sich bemüht, auch beim Golf elegant auszusehen. Das Ergebnis war eine Orgie in rostrotem Tweed, von der knopfbesetzten Golfermütze bis zu den hochglanzpolierten orangeroten Schuhen. Goldfinger führte seinen automatisch-fehlerlosen Schlag. Der Ball flog richtig, verfehlte aber um ein weniges die Böschung, rollte nach rechts ab und blieb außerhalb des Grüns auf dem kurzen Rauhen liegen. Leichte fünf, mit einem guten Chip in vier zu verwandeln.

Bond ging zu seinem Ball hinüber, knapp an der Spielbahn, frei. Bond nahm seinen Viererstock. Nun galt es einen »langen Flug« - einen hochgehenden Schlag über die Querbunker hinaus, so daß er dann mit zwei Putts eine Vier erzielen konnte. Bond dachte an den Profispruch »Zum Gewinnen ist es nie zu früh!« und ließ sich Zeit. Er wollte nichts übereilen. Schlecht! Bond wußte es im Moment des Schlags. Beim Golfschlag ist der Unterschied zwischen gut und schlecht so gering wie bei einer schönen und einer häßlichen Frau: es geht um Millimeter. In diesem Fall war die Schlagfläche gerade um einen Millimeter zu tief unterm Ball durchgegangen: Der Flugbogen fiel hoch und weich aus, kein Tempo. Der Ball traf den Rand des entfernteren Bunkers und fiel zurück.

Wozu sich lange ärgern? Er tat es nie, also ging er auch jetzt darüber hinweg und dachte an den nächsten Schlag. Beim Bunker nahm er den Blaster und schätzte die Entfernung zum Flaggenstock: achtzehn Meter. Der Ball lag weit hinten. Soll er ihn mit breiter Fußstellung herausklatschen oder einen Explosionsschlag mit viel Sand ausführen? Lieber herausklatschen! Bond trat in den Bunker. Jetzt gut mitgehen, der leichteste Schlag beim Golf. -Schlecht! Der Ball rollte von der Vorderseite zurück. Raus damit, du Idiot, raus und hinein mit ihm ins Loch mit einem langen Putt! Aber jetzt erwischte er zuviel Sand. Draußen war er, aber erst knapp auf dem Grün. Nun war Goldfinger an der Reihe. Er beugte sich hinunter und behielt den Kopf unten, bis der Ball auf halbem Weg zum Loch war. Acht Zentimeter vom Flaggenstock kam er zur Ruhe. Ohne abzuwarten, bis Bond ihm den Putt geschenkt hatte, wandte Goldfinger sich zum zweiten Abschlag. Bond blickte ihm nach. Er wußte: Zum Verlieren ist es stets zu früh.

2

Goldfinger hatte schon aufgelegt. Bond kam mit Hawker dazu, blieb stehen, stützte sich auf den Driver und sagte: »Ich dachte, wir spielen nach strikten Golfregeln! Aber ich schenke Ihnen diesen Putt. Macht >Eins auf< für Sie.«

Goldfinger nickte, tat seine gewohnten Übungsschläge und schlug einen sicheren Drive.

Die zweite Bahn krümmt sich bei einer Länge von dreihundert-vierzig Metern nach links. Tiefe Querbunker fordern zu einem Umgehungsversuch heraus. Aber heute blies ein leichter, helfender Wind. Bond schlug den Ball hart und gerade auf die Bunker zu. Die Brise nahm den leicht geschnittenen Ball mit und darüber hinweg. Er senkte sich und verschwand in der Furche knapp vor dem Grün. Ein Vierer, vielleicht sogar Dreier.

Goldfinger schritt schweigend weiter. Bond holte ihn ein und fragte: »Wie geht’s der Agoraphobie? Stören Sie diese weiten offenen Räume nicht?«

»Nein«, sagte Goldfinger, ging nach rechts, blickte nach der halbversteckten Flagge drüben und überlegte. Dann nahm er sein Fünfereisen und schlug einen guten Schlag, der knapp vor dem Grün abgelenkt wurde und links ins tiefe Gras rollte.

Bond schlug seinen Ball auf das Grün. Einen Meter hinter dem Loch kam er zur Ruhe. Goldfinger machte einen beachtlichen Pitch, verfehlte jedoch den Viermeterputt. Bond brauchte aus einem Meter Abstand noch zwei Schläge. Er wartete nicht darauf, das Loch geschenkt zu bekommen, sondern ging hin und puttete. Noch immer zwei Zentimeter! Goldfinger ging weiter, und Bond lochte ein. Gleichstand.

Zweihundertzwanzig unübersichtliche Meter bilden die schwierige dritte Bahn. Bond schlug gut, auf oder nahe beim Grün. Goldfingers Drive war gut wie üblich, hatte aber nicht genug Kraft, um in die Pfanne des Grüns zu rollen. Er blieb oben auf dem Rauhen liegen: eine schwierige Lage, uneben, mit einem Grasbüschel knapp hinter dem Ball. Goldfinger überlegte. Dann, wie um sich vom Caddie einen Stock reichen zu lassen, trat er hinter den Ball, wobei er das Grasbüschel niederdrückte. Der Ball rollte die Böschung hinunter und kam einen Meter vor dem Loch zur Ruhe.

Bond runzelte die Stirn. Das einzige Mittel gegen einen Schwindler beim Golf ist, nie wieder mit ihm zu spielen. Aber das nützte hier nichts. Auch Streit war sinnlos, solange er Goldfinger nicht bei etwas Krasserem ertappte. Man konnte nur versuchen, ihn trotzdem zu schlagen.

Bonds Sechsmeterputt war kein Spaß. Wie dabei üblich, blieb der Ball zu kurz

- einen guten Meter. Mit Mühe lochte Bond ihn ein. Goldfingers Ball schlug er weg. Er würde ihm die verfehlbaren Putts auch weiterhin schenken, um ihn dann unversehens aufzufordern, einen einzulochen. Der würde dann ein wenig schwieriger sein!

Immer noch Gleichstand. Die vierte Bahn beträgt vierhundertzwanzig Meter. Bond gewann seine üblichen vierzig Meter beim Drive, Goldfinger kam mit zwei schönen Schlägen zur Rinne unterhalb des Grüns. Entschlossen, in Führung zu gehen, nahm Bond den Brassie statt des Spoon: Der Ball ging über das Grün bis fast zum Grenzzaun, und Bond mußte froh sein, mit drei Schlägen zu halbieren.

Die fünfte ist wieder eine lange Flugbahn über Bunker und ein von Dünen gebildetes Tal. Das Wichtigste ist hier ein gutplacierter Drive. Bond stand am Abschlag hoch oben auf der Düne und blickte vor dem Schlag übers Meer auf die fernen, weißen Klippen von Pegwell Bay. Dann nahm er seinen Stand ein und visierte das Ziel an. Ganz langsam nahm er den Schläger zurück und setzte eben zum wuchtigen Schlag an, als ein dumpfes Klappen ihn erschreckte. Zu spät! Bei dem häßlichen Ton des schlechtgetroffenen Balls riß Bond den Kopf hoch. Der Ball traf einen Hügel im Rauhen und sprang hinüber. Würde er bis zum Beginn der Spielbahn kommen?

Wütend wandte Bond sich zu Goldfinger. Der sah Bond gleichmütig an: »Verzeihung, ich ließ meinen Driver fallen.«

»Tun Sie das nicht mehr«, sagte Bond kurz, trat vom Abschlag herunter und gab Hawker seinen Driver. Bond zündete sich eine Zigarette an, indes Goldfinger seinen Drive todsicher hundert-achtzig Meter voranschlug.

Sie gingen schweigend den Hügel hinab, als Goldfinger plötzlich fragte: »Für welche Firma arbeiten Sie?« »Universal Export.«

»Wo hat sie ihren Sitz?«

»In London. Regent’s Park.«

»Was exportieren Sie?«

Achtung jetzt, das war Arbeit, kein Spiel! Er sagte gleichgültig: »Oh, alles, von der Nähmaschine bis zum Panzer.«

»Und was ist Ihr Fachgebiet?«

Bond spürte Goldfingers Blick auf sich. »Handfeuerwaffen«, sagte er. »Meistenteils verkaufe ich solches Zeug an Scheiks und Radschas, an jene, bei denen das Außenamt sicher ist, daß sie damit nicht auf uns schießen.«

»Interessante Arbeit.« Goldfinger sprach gelangweilt.

»Nicht sehr, ich denke daran, wegzugehen. Hab’ eine Woche Urlaub genommen, um drüber nachzudenken. Nicht viel los in England, Kanada wär’ mir lieber.«

»So?«

Hinter dem Rauhen sah Bond erleichtert, daß sein Ball vom Hügel bis zur Spielbahn gesprungen war. Sie bog leicht nach links, und Bond hatte sogar etwas Vorsprung gewinnen können. Goldfinger war jetzt an der Reihe. Er spielte aber nicht auf das Grün, sondern suchte nur über die Bunker und durchs Tal zu kommen. Bond erwartete den üblichen, sicheren Schlag. Da hörte er den dumpfen Ton eines Fehlschlages: Goldfingers Ball rollte in den steinigen Grund des »Höllenbunkers«, des größten auf dem Platz, als einziger ungepflegt.

Endlich! Aber Goldfinger konnte noch immer mit drei weiteren Schlägen einlochen. Bond durfte sich nicht leisten, auf Sicher zu spielen. Er sprach den Ball an, holte aus -

Leises Klimpern von rechts! Bond trat vom Ball zurück. Goldfinger stand in Betrachtung des Meeres, während seine Rechte »unbewußt« mit Geld in der Tasche spielte. Mit grimmigem Lächeln fragte Bond: »Könnten Sie mit dem Geldumschaufeln warten, bis ich geschlagen habe?«

Goldfinger rührte sich nicht. Das Klimpern verstummte.

Wieder setzte Bond zu einem Schlag an und versuchte verzweifelt, sich zu konzentrieren. Er schlug den Ball sicher über das Tal. Drüben auf der Böschung kam er zur Ruhe. Ein Fünfer, ein Vierer vielleicht.

Goldfinger kam gut aus dem Bunker und setzte direkt ins Loch. Bond verfehlte. Immer noch Gleichstand.

Bond spielte einen Hochschlag, leicht nach rechts, damit der Wind ihn hereinbringe, und endete sechs Meter jenseits des Flaggenstocks mit einem schwierigen Putt die Böschung hinunter. Könnte ein Dreier sein! Nun Goldfinger.

Er spielte geradeaus. Der Wind rollte den Ball in den tiefen Bunker links. Ausgezeichnet!

Schweigend gingen sie zum Grün, Bond blickte in den Bunker. Goldfingers Ball lag in einer tiefen Trittspur. Beruhigt ging Bond zu seinem Ball hinüber und hörte den Lerchen zu. Er sah sich nach Hawker um, doch der stand drüben und sah gespannt zu, wie Goldfinger seinen Schlag spielte. Goldfinger sprang hoch, um nach dem Loch zu sehen, und stellte sich für den Schlag auf. Als Bond den Schläger hochgehen sah, freute er sich: Herauspeitschen war bei dieser begrabenen Lage aussichtslos. Da half nur ein Explosionsschlag. Jetzt senkte sich der Schläger - und mit kaum einer Handvoll Sand flog der Ball aus dem Bunker herauf, sprang einmal auf und lag tot!

Bond schluckte. Hol’s der Teufel, wie war das möglich? Gleichviel, er mußte nun einen Zweier versuchen! Aber er verfehlte das Loch um zwei Zentimeter, und der Ball rollte einen Meter weiter. Verflucht und zugenäht! Langsam ging Bond zum Putt, wobei er Goldfingers Ball wegschlug. Aber jetzt, du Trottel! Doch das drohende »Eins nieder« nach dem fast schon sicheren »Eins auf« machte Bond unsicher, und der Ball glitt am Rand vorbei. »Eins nieder!«

Bei der siebenten Bahn schlug jeder einen guten Drive, und Goldfingers makelloser zweiter lag vierzig Meter vor dem Grün. Bond schlug von oben, der Schlägerkopf kam zu weit vor den Händen herunter, und der abgerissene Ball flog in einen der Bunker rechts. Keine gute Lage, aber er mußte ihn auf das Grün bringen. Er brachte den Ball nicht hinaus. Goldfinger brauchte nur vier Schläge: »Zwei nieder«! Das kurze achte Loch halbierten sie mit je drei Schlägen. Beim neunten riskierte Bond bei schlechter Lage erneut zuviel, weil er zur Wende nur »Eins nieder« sein wollte. Goldfinger brauchte vier gegen Bonds fünf. »Drei nieder« bei der Wende! Bond verlangte von Hawker einen neuen Ball. Langsam schälte Hawker ihn aus. Erwartete, bis Goldfinger über den Hügel zum nächsten Abschlag ging. Dann sagte er leise: »Haben Sie gesehen, was er vorhin im Bunker gemacht hat, Sir?«

»Ja. Verdammter Kerl. Ein erstaunlicher Schlag!«

Hawker war verblüfft. »Ach, Sie haben’s nicht gesehen?«

»Nein, ich war zu weit weg. Was denn?«

Jetzt war Goldfinger außer Sicht. Schweigend ging Hawker in einen der Bunker vor dem neunten Grün, bohrte mit der Fußspitze ein Loch in den Boden und ließ den Ball hineinfallen. Dann stellte er sich mit geschlossenen Füßen knapp hinter den halbbegrabenen Ball. Er blickte herauf. »Sie erinnern sich, er sprang hoch, um die Richtung zu sehen!«

»Ja.«

»So, und jetzt geben Sie acht, Sir!« Hawker blickte zum neunten Flaggenstock und sprang. Dann sah er wieder zu Bond herauf und wies auf den Ball zu seinen Füßen. Der Aufprall hatte das Loch eingeebnet, so daß der Ball jetzt erstklassig abschlagbereit dalag, für eben jenen leichten, geschnittenen Schlag, den Bond nicht für möglich gehalten hatte.

Sekundenlang blickte Bond seinem Caddie ins Gesicht. Dann sagte er: »Danke, Hawker. Geben Sie mir den Schläger und den Ball. Jemand muß in diesem Match Zweiter sein, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich es bin!«

»Jawohl, Sir«, sagte Hawker phlegmatisch. Er hinkte die Abkürzung zur Mitte der zehnten Spielbahn hinunter.

Langsam schritt Bond zum zehnten Abschlag. Er nahm von Goldfinger, der schon ungeduldig seinen Driver schwang, kaum Notiz. Bond dachte jetzt nur an Angriff. Zum erstenmal seit Spielbeginn fühlte er volles Zutrauen zu sich.

Die zehnte Bahn ist die gefährlichste auf dem ganzen Platz. Der zweite Schlag zu dem bremsenden Plateaugrün mit den beiderseits tiefliegenden Bunkern und dem steilen Anstieg dahinter hat schon manchen zur Verzweiflung gebracht. Bond wußte, daß Goldfinger seinen zweiten auf die Böschung spielen würde oder kurz davor.

Zwei gute Drives, und Goldfinger hatte seinen zweiten Schlag auf der Böschung! Bond visierte wegen des Windes ziemlich stark nach rechts und feuerte den Ball hoch hinauf. Schon glaubte er, zuweit seitlich zu sein, da begann der Ball nach links abzutreiben. Er fiel in den weichen Flugsand, den es aus dem Bunker rechts auf das Grün geweht hatte. Ein schwieriger Fünfmeterputt, Bond konnte bestenfalls noch halbieren. Natürlich puttete Goldfinger bis auf einen Meter. Den, dachte Bond, während er für seinen Putt Stellung nahm, wird er einlochen müssen! Er schlug den Ball ziemlich scharf aus dem Sand und sah voll Schreck, daß er über das hemmende Grün hinwegflog. Aber plötzlich, wie magnetisch angezogen, flog er auf das Loch zu, traf die Hinterwand des Blechs, sprang hoch und fiel scheppernd in die Schale.

Sie gingen hinunter zum nächsten Abschlag. Goldfinger sagte kühl: »Dieser Pütt hätte vom Grün aus rollen müssen.«

»Man muß auch dem Loch eine Chance geben«, meinte Bond lässig. Er legte den Ball auf und schlug seinen bisher besten Drive mit dem Wind. Goldfinger tat seinen üblichen Schlag, und sie gingen weiter. Bond fragte: »Übrigens, was ist mit der netten Miss Masterton?«

Goldfinger sah vor sich hin. »Sie hat gekündigt.«

Nur gut für sie, dachte Bond und sagte: »Oh, ich würde sie gern wiedersehen. Wo ist sie jetzt?«

»Keine Ahnung.« Goldfinger trat zu seinem Ball. Bonds Drive war noch nicht in Sicht, eine Bodenwelle verdeckte ihn. Er lag keine fünfzig Meter vom

Flaggenstock entfernt.

Wie es in Goldfingers Kopf jetzt wohl aussah? Seine schöne Führung war im Schwinden. Goldfinger verzog den Ball in einen Bunker links vom Grün. Das war der Moment. Wenn Bond jetzt einen Fehler beging und seinen Gegner wieder losließ, war das Spiel entschieden. Sein Ball lag ein Stück hangabwärts, sonst ein leichter Chip, aber zum heikelsten Grün auf dem Platz! Bond spielte ihn erstklassig bis auf zwei Meter vor das Loch. Auch Goldfinger spielte gut aus dem Bunker, verfehlte aber den langen Putt.

Die gekrümmte zwölfte Bahn halbierten sie ruhmlos in je fünf, ebenso die lange dreizehnte, wobei Goldfinger einen guten Putt einlochen mußte. Er wirkte jetzt irritiert und trank einen Becher Wasser vom Hahn beim vierzehnten Abschlag.

Bond wartete. Er wollte kein Bechergeklapper, denn rechts über dem Zaun war »Aus«. Beim Drive in den Wind war das gefährlich. Er griff mit der Linken um und verlangsamte seinen Schwung, um den Drall zu verstärken. Der Drive, ziemlich nach rechts, war gerade noch gut, innerhalb der »Aus«-Linie. Goldfinger, ungerührt, führte seinen Standardschlag. Beide kamen sie glatt über den Kanal: abermals halbierte fünf. Immer noch »Eins nieder«, und noch vier zu spielen!

Die fünfzehnte Bahn ist vielleicht die einzige, wo ein Mann mit langem Schlag hoffen kann, einen klaren Schlag Vorsprung zu gewinnen. Zwei prima Schläge bringen einen gerade über die vor dem Grün liegende Bunkerreihe hinweg. Da Goldfinger seinen zweiten Schlag bis knapp vor die Bunker spielte, konnte er schwerlich weniger als fünf machen, und es lag an Bond, nach seinem nur knappen Drive einen wirklich glänzenden zweiten Schlag zu tun. Schon begannen die Schatten der vier Männer länger zu werden. Bonds Ball lag gut. Es war totenstill, während er seine zwei Pendler vor dem entscheidenden Schlag machte. Konzentriert nahm er den Schläger zurück, da schob sich etwas in sein Blickfeld! Wie aus dem Nichts näherte sich der Schatten von Goldfingers Riesenschädel dem Ball, verschluckte ihn und bewegte sich weiter. Bond ließ ab, trat zurück und blickte auf.

»Schatten - bitte, Goldfinger!« Mühsam beherrschte sich Bond.

Goldfinger blickte sich mit fragenden Brauen um. Dann trat er zurück und blieb schweigend stehen.

Bond ging wieder zum Ball und suchte sich zu entspannen. Einen Augenblick stand die Welt still, dann traf er irgendwie - und nach elegant ansteigender Flugbahn schlug der Ball jenseits der Bunkerreihe auf die Böschung unterhalb des Grüns, prallte hoch und rollte außer Sicht in die Schüssel!

Hawker kam herüber und nahm Bond den Driver aus der Hand. Im Weitergehen sagte er ernst: »Das war einer der schönsten Schläge, die ich in

dreißig Jahren gesehen habe.«

Bond sagte ruhig: »Gleichstand und noch drei zu spielen. Bei diesen drei Löchern müssen wir aufpassen! Sie verstehen?«

»Keine Sorge, Sir, ich behalt’ ihn im Auge!«

Sie kamen aufs Grün hinüber. Goldfinger hatte weiter gepitcht und brauchte einen langen Putt für einen Vierer, aber Bonds Ball lag nur fünf Zentimeter vor dem Loch. Goldfinger nahm seinen Ball auf und ging weg. Die kurze sechzehnte Bahn halbierten sie in je drei guten Schlägen. Nun kamen die beiden langen Endbahnen, die mit vier Schlägen zu gewinnen waren. Bond schlug einen schöne Drive in die Mitte hinunter, und Goldfinger jagte den seinen weit nach rechts ins tiefe Rauhe. Bond ging weiter und bemühte sich, nicht zu sehr zu triumphieren, vor allem nicht zu früh. Gewann er bei diesem Loch, so brauchte er beim achtzehnten nur mehr zu halbieren! Hawker war weit voraus. Als sie ihn erreichten, hatte er seine Tasche hingelegt und war eifrig, viel zu eifrig, dabei, Goldfingers Ball zu suchen. Es war schlechtes Gelände, verwildertes Land, tiefes dickwachsendes Gras. Es gehörte viel Glück dazu, hier einen Ball zu finden. Nach einigen Minuten versuchten es Goldfinger und sein Caddie weiter seitlich, wo das Gras schütterer wurde und in einzelnen Büscheln stand. Gut, dachte Bond, das ist ja schon außerhalb der Richtung! Plötzlich trat er auf etwas, bückte sich und legte den Ball vorsichtig frei, um nur ja nicht die Lage zu verbessern. Ein Dunlop 65! »Da ist er!« rief er widerwillig. »Ach nein, schade! Sie spielen mit Nummer eins, nicht wahr?«

»Jawohl«, kam Goldfingers ungeduldige Antwort. »Warum?«

»Nun, das ist ein Siebener.« Bond hob ihn auf und ging damit zu Goldfinger. Der sah den Ball an, sagte: »Nicht meiner« und stocherte mit dem Driverkopf weiter in den Grasbüscheln herum. Da es ein guter, ziemlich neuer Ball war, steckte Bond ihn ein, ehe er weitersuchte. Die erlaubten fünf Minuten waren fast vorbei. Noch eine halbe Minute, und er würde dieses Loch für sich beanspruchen.

Suchend kam dieser wieder auf Bond zu, immer noch eifrig im Gras stochernd und scharrend. »Ich fürchte, die Zeit ist gleich um!« sagte Bond.

Goldfinger brummte und wollte eben etwas sagen, als sein Caddie ausrief: »Da ist er, Sir! Dunlop Nummer eins!«

Bond folgte Goldfinger hinüber zu dem kleinen, erhöhten Plateau, auf dem der Caddie stand, bückte sich und untersuchte den Ball. Ein fast neuer Dunlop eins, in einer erstaunlich guten Lage! Ein Wunder. »Muß einen teuflisch geglückten Stoß gekriegt haben«, sagte er milde.

Der Caddie zuckte die Achseln. Goldfingers Miene blieb unbewegt. »Scheint so.« Er wandte sich an seinen Caddie: »Ich denke, dafür können wir den Spoon nehmen, Foulks.«

Nachdenklich ging Bond weg und wandte den Kopf, um den Schlag zu sehen. Es war einer von Goldfingers besten, hoch über das weit vorspringende Rauhe auf das Grün zu. Aber vielleicht war er rechts in den Bunker gerutscht! Bond ging zu Hawker hinüber, der auf der Spielbahn stand, einen langen Grashalm kaute und spöttisch zusah. »Ist mein Freund im Bunker, oder ist das Aas auf dem Grün?«

»Auf dem Grün, Sir«, sagte Hawker teilnahmslos.

Bond trat zu seinem Ball. Jetzt war die Sache wieder heikel geworden, nachdem er die sichere Führung schon in der Tasche gehabt hatte. Er sah zur Flagge hinüber und schätzte den Abstand. Ein schwieriger Schlag! »Fünf oder sechs?«

»Der Sechser wird richtig sein, Sir. Ein schöner, fester Schlag!« Der Ball nahm genau die mittlere Flugbahn, wie Bond es gewünscht hatte. Jetzt senkte er sich hinter die Böschung, fehlerlos! - Nein, verdammt! Er hatte beim zweiten Auf Sprung die Böschung getroffen, war liegengeblieben und rollte jetzt zurück herunter. Sauerei! Von unterhalb der Böschung einzulochen, war einer der schwierigsten Putts auf dem Platz. Wieder griff Bond nach seinen Zigaretten und dachte an den nächsten entscheidenden Schlag, der das Loch retten sollte, falls der Schurke nicht vorher aus zehn Metern Distanz einlochte!

Hawker ging neben ihm, und Bond sagte: »Ein Wunder, daß er vorhin den Ball gefunden hat!«

»War nicht sein Ball, Sir«, stellte Hawker fest.

»Was meinen Sie?« fragte Bond gespannt.

»Er hat Foulks was zugesteckt. Foulks hat den Ball sicherlich durchs Hosenbein rutschen lassen.«

»Hawker!« Bond hielt an und blickte sich um. Fünfzig Meter weiter drüben gingen die anderen langsam auf das Grün zu.

»Können Sie das beschwören? Und wenn, wieso?«

Hawker grinste.

»Weil sein Ball unter meiner Schlägertasche lag, Sir.« Er fügte entschuldigend hinzu: »Ich hätt’ ja nichts erwähnt, wenn er Sie jetzt nicht schon wieder hereingelegt hätte.«

Bond mußte lachen. »Sie sind vielleicht eine Nummer, Hawker! Ganz allein das Match für mich zu gewinnen. Aber der Kerl geht zu weit! Denken wir mal nach.«

Abwesend spielte Bond mit dem Ball in seiner Tasche. Plötzlich hatte er’s! Er ging nahe an Hawker heran, sah nach den anderen hinüber. Goldfinger stand jetzt mit dem Rücken zu Bond. Bond stieß Hawker leise an: »Da, nehmen Sie!« Er ließ den Ball in die knorrige Hand gleiten. »Sehen Sie zu, daß Sie jetzt bei der Flagge sind! Wenn Sie die Bälle aufheben, geben Sie diesen da Goldfinger, verstanden?«

Hawker schritt ungerührt weiter. »Verstanden, Sir«, sagte er, und laut setzte er hinzu: »Werden Sie für diesen den Putter nehmen?«

»Jawohl.« Bond trat zu seinem Ball. »Zeigen Sie mir bitte die Richtung an!«

Hawker ging auf das Grün hinauf, bis hinter die Flagge. »Drei Zentimeter außerhalb vom rechten Rand, Sir.«

Hawker trat zur Seite. Goldfinger stand an seinem Ball rechts auf dem Grün, sein Caddie am Fuß des Abhangs. Bond beugte sich für den Pütt. Der Ball, von der Mitte des Schlägers fest getroffen, lief die Böschung hinauf auf das Loch zu, traf hart den Stock, sprang acht Zentimeter zurück und lag tot!

Bond seufzte erleichtert und griff nach der weggelegten Zigarette. Er sah zu Goldfinger hinüber. Wehe, wenn du ihn einlochst! Doch Goldfinger durfte nichts mehr riskieren: Er blieb sechzig Zentimeter zu kurz. »Ist gut«, sagte Bond großzügig. »Gleichstand und noch eines zu spielen.« Hätte er Goldfinger den kurzen Pütt einlochen lassen, dann hätte dieser den Ball aus dem Loch geholt. Das mußte aber unbedingt Hawker tun! Außerdem wollte Bond nicht, daß Goldfinger diesen Putt verfehlte. Er wollte Gleichstand.

Hawker hob die Bälle auf. Den einen rollte er Bond zu, den andern übergab er Goldfinger. Dann verließen sie das Grün, Goldfinger wie immer als erster. Nur Bond sah, daß Hawker in die Tasche griff. Wenn Goldfinger nur jetzt nichts merkte! Aber mit Gleichstand und noch einem ungespielten Loch untersucht man seinen Ball nicht, sondern überlegt, wie man den Drive placieren soll, ob man mit dem zweifachen aufs Grün oder auf die Böschung spielt, wie stark der Wind ist - man denkt an die entscheidenden vier, die man zum Gewinnen braucht oder zumindest zum Halbieren.

Berücksichtigt man, wie sehr Bond darauf gespannt war, ob Goldfinger den verräterischen Dunlop Nummer sieben spielen würde, so war sein eigener Drive gar nicht schlecht. Wenn er wollte, konnte er jetzt das Grün erreichen.

Jetzt stand Goldfinger am Abschlag. Jetzt hatte er sich gebückt. Der Ball lag auf dem Stift. Aber Goldfinger richtete sich wieder auf, trat zurück und machte seine beiden Übungsschwünge. Dann trat er bedächtig zum Ball, stand jetzt über ihm, pendelte und konzentrierte sich. Würde er es bemerken? Würde er einhalten, sich im letzten Moment bücken, den Ball ansehen? Hörte denn das Pendeln nie auf? Aber jetzt ging der Schlägerkopf nach hinten, kam herunter, das linke Knie beugte sich vorschriftsmäßig zum Ball, der linke Arm war gerade wie ein Ladestock. Zack! Der Ball sauste davon.

Bonds Herz jubelte. Jetzt hab’ ich dich! Vergnügt verließ er den Abschlag und schlenderte die Bahn entlang, wobei er sein weiteres Vorgehen überlegte. Geschlagen war Goldfinger schon, jetzt kam’s darauf an, ihn richtig schmoren zu lassen! Bond empfand keinerlei Gewissensbisse. Goldfinger hatte ihn zweimal beschwindelt. Ohne seine Mogeleien bei der »Jungfrau« und am siebzehnten, nicht zu sprechen von der verbesserten Lage beim dritten und den wiederholten Störversuchen, wäre Goldfinger schon jetzt geschlagen gewesen. Und überdies war es Bonds Pflicht, zu gewinnen. Nur dann würde Goldfinger sich sagen, dieser Bond hat etwas an sich, hat Qualitäten, die ich brauchen kann. Er ist ein harter Bursche mit einer Menge Tricks im Ärmel. So einen brauche ich für . . .

Bond wußte nicht, wofür. Aber er wußte, daß dies der einzige Weg war, an Goldfinger heranzukommen.

Vorsichtig nahm Goldfinger seinen Spoon für den langen zweiten Schlag über den Querbunker zu dem engen Eingang auf das Grün. Er machte einen Übungsschwung mehr als gewöhnlich und schlug dann genau den richtigen, gekonnten Schlag auf den Abhang hinauf. Sichere fünf, vielleicht vier.

Bond tat so, als bemühte er sich schrecklich, und verschlug sein Dreiereisen derart, daß der zu hoch getroffene Ball kaum über die Querbunker kam. Dann wedgete er den Ball auf das Grün, sechs Meter hinter das Loch. Jetzt war er dort, wo er ihn gewollt hatte: gefährlich genug, um Goldfinger den süßen Vorgeschmack des Sieges zu geben, gefährlich genug, um ihn in die benötigte Vier richtig erschwitzen zu lassen.

Und Goldfinger schwitzte jetzt wirklich. Mit verbissenen Lippen, habgierig und konzentriert, beugte er sich vor für den langen Putt über die Böschung bis zum Loch hinüber. Nicht zu hart, nicht zu schwach. Dann richtete er sich wieder auf und ging bedächtig über das Grün bis hinter die Flagge, um seine Schlaglinie zu prüfen. Nun ging er längs der Linie zurück und strich vorsichtig ein, zwei Grasbüschel und ein paar Schotterstücke zur Seite. Wieder beugte er sich vor, machte seine Übungsschwünge und trat zum Putt an. Konzentration furchte seine Stirn, seine Schläfenadern schwollen an.

Es war ein schöner Putt, der fünfzehn Zentimeter hinter der Flagge zur Ruhe kam. Jetzt war Goldfinger so gut wie sicher, das Match gewonnen zu haben, wenn nicht Bond seinen schwierigen Sechsmeterschlag einlochte.

Bond nahm sich Zeit. Er ließ Spannung sich anhäufen um die langen Schatten auf dem bläulichen, schicksalhaften Grün.

»Flagge heraus, bitte! Diesen werde ich versenken!« Er sagte es mit völliger Sicherheit und erwog, ob er das Loch verfehlen oder kurz spielen sollte. Schließlich verfehlte er es rechts.

»Bei Gott, verfehlt!« Er legte Bitterkeit und Zorn in seine Stimme, ging hinüber und hob die beiden Bälle auf, wobei er sie stets in voller Sicht hielt.

Goldfinger kam herüber, strahlte triumphierend. »Also, vielen Dank für das Spiel. Ich war offenbar doch zu gut für Sie.«

»Sie sind eine gute Neunervorgabe«, sagte Bond mißmutig und blickte auf die

Bälle, wie um Goldfinger den seinen zurückzugeben: »Hallo!« Er sah Goldfinger scharf an. »Sie spielten einen Dunlop Nummer eins, nicht wahr?«

»Ja, natürlich.« Ein sechster Sinn für die Katastrophe wischte den Triumph von Goldfingers Miene. »Warum?«

»Tja«, sagte Bond bedauernd, »ich fürchte, Sie haben mit dem falschen Ball gespielt. Sehen Sie doch selbst! Der da ist mein Penfold Herzmarke und dieser ein Dunlop Nummer sieben.« Er reichte Goldfinger die Bälle, der sie mit zitternden Lippen prüfte, von den Bällen auf Bond und von Bond auf die Bälle blickend. »Zu schade, daß wir nach strikten Regeln gespielt haben«, sagte Bond leise. »Ich fürchte, das bedeutet für Sie den Verlust dieses Lochs und natürlich auch der Partie.«

Das war der Moment. Schweigend stand Bond da und wartete. Plötzlich verzerrte die Wut Goldfingers sonst so ausgeglichenes Gesicht. »Sie haben einen Siebener Dunlop im Rauhen gefunden, und Ihr Caddie hat ihn mir gegeben! Absichtlich hat er mir den falschen Ball gegeben, dieser verdammte . . .«

»Langsam«, sagte Bond freundlich. »Sie wollen doch nicht eine Verleumdungsklage an den Hals kriegen! Hawker, haben Sie irrtümlich Mr. Goldfinger den falschen Ball gegeben?«

»Nein, Sir. Aber wenn Sie mich fragen, so geschah der Irrtum vielleicht beim Siebzehnten, wo der Herr seinen Ball so weitab von der Linie fand. War’ ja auch ein Wunder gewesen, den richtigen Ball dort zu finden!«

»Quatsch«, schnaubte Goldfinger angewidert. Verärgert wandte er sich an Bond: »Sie haben doch gesehen, daß es eine Nummer eins war!«

Bond schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, ich habe nicht genau hingeschaut. Jedenfalls«, er wurde energisch, geschäftsmäßig, »ist es doch wirklich Sache des Spielers, darauf zu achten, daß er den richtigen Ball benützt, nicht? Trotzdem, vielen Dank für die Partie, wir müssen sie ein andermal wiederholen.« Langsam verließ er das Grün.

Goldfinger, im strahlenden Licht der untergehenden Sonne, aber mit einem langen schwarzen Schatten an den Fersen, folgte ihm, den Blick gedankenvoll auf Bonds Rücken geheftet.

3

Nachdenklich stieg Bond aus dem Bad. Würde Goldfinger Unrat wittern? Dann müßte man sich zurückziehen und es M überlassen, einen anderen Weg zu finden. Hing der große Fisch am Haken oder nicht? Er würde sich Zeit lassen und den Köder ausgiebig beschnüffeln! Vielleicht sollte man ihn ein klein wenig abbeißen lassen?

Es klopfte. Bond band sich ein Handtuch um, ging durchs Schlafzimmer und öffnete. Der Portier.

»Ein Anruf von einem Mr. Goldfinger, Sir. Er läßt sich empfehlen und fragen, ob Sie heute abend zum Dinner kommen wollen? Drüben im Gutshof von Reculver, Sir. Sechs Uhr dreißig zum Aperitif, Straßenanzug.«

»Danken Sie bitte Mr. Goldfinger und sagen Sie, es wird mich sehr freuen.« Bond schloß die Tür, trat ans offene Fenster, blickte auf die ruhige, abendliche See hinaus und lächelte vor sich hin.

Um sechs Uhr, nach einem großen Wodka mit Tonic an der Bar, fuhr Bond langsam nach Reculver hinüber. Er genoß den Abend, den Drink und horchte zufrieden auf das leise Blubbern des Doppelauspuffs. Er war unbewaffnet, und Goldfinger würde das wissen. Beim Abschied im Golfclub war Goldfinger sogar herzlich gewesen, in einer gezwungenen, glatten Art. Wohin er Bonds Gewinn schicken solle? Bond hatte ihm die Adresse von Universal gegeben. Und wo Bond derzeit wohne? Er hatte ihm auch das gesagt und hinzugefügt, er werde nur ein paar Tage in Ramsgate bleiben, um sich über seine Zukunft schlüssig zu werden. Goldfinger hatte Hoffnung auf ein Revanchematch ausgedrückt, aber er fahre morgen nach Frankreich und wisse noch nicht, wann er zurück sein werde. Er fliege mit der Luftfähre von Lydd aus.

Bond hatte sich den Fahrer angesehen: ein untersetzter, flachgesichtiger Japaner oder Koreaner mit einem wilden, beinahe irren Funkeln in den Schlitzaugen und einer Oberlippe, die einen Wolfsrachen zu verdecken schien. In dem zum Platzen engen schwarzen Anzug und der lächerlichen Melone sah der Mann aus wie ein japanischer Ringer, der frei hat. Dennoch wirkte er keineswegs lächerlich, im Gegenteil, eher unheimlich, wozu die schwarzen Autohandschuhe wesentlich beitrugen. Bond mußte ihn schon gesehen haben! Aber erst als der Wagen schon fuhr, war es ihm eingefallen: Heute mittag hatte er auf der Straße nach Herne Bay einen blauen Ford Populär überholt. Es war derselbe Fahrer gewesen. Was hatte der dort zu suchen gehabt? War das vielleicht der Koreaner, von dem der Colonel gesprochen hatte? Der aus Goldfingers Filialen das Gold abholte? War der Kofferraum des unschuldig dahinzockelnden kleinen Autos mit dem Wocheneingang an altem Goldschmuck gefüllt gewesen?

Bond bog in die Zufahrt ein und erreichte den Kiesweg vor dem Anwesen, das nicht zu Unrecht der Gutshof genannt wurde: Häßlich und plump präsentierte es sich als ein villenartiges Gebäude aus der Jahrhundertwende mit seitlich verglastem Säulenvordach und einer Glasveranda, deren Anblick schon den Geruch nach eingeschlossenem Sonnenschein, verstaubten Gummibäumen und toten Fliegen erweckte. Bond stellte den Motor ab, stieg langsam aus und blieb vor dem Haus stehen, dessen gläserne Augen auf ihn herabstarrten, während aus dem Hintergrund etwas wie der starke und rasche Pulsschlag eines Riesentieres vernehmbar war. Vermutlich die Fabrik, deren rauchender Riesenfinger zur Rechten drohend hinter den hohen Koniferen emporragte, wo man sonst Stallungen und Wagenschuppen vermutet hätte.

Den unguten Eindruck abschüttelnd, stieg Bond die wenigen Stufen zur Profilglastür hinauf und drückte den Klingelknopf. Kein Laut. Die Tür ging langsam auf, und der Koreaner, die schwarze Melone noch immer auf dem Kopf, wies mit ausgestrecktem Arm in die dunkle Halle.

Sie diente als Wohnraum. Ein dürftiges Feuer flackerte hinter den Feuerböcken im breiten Kamin, zwei Clubfauteuils und ein Sofa standen unbenutzt davor. Dazwischen, auf niedriger Sitzbank, ein mit Drinks gutbestücktes Servierbrett. Der viel zu große Raum mit schweren Rothschildmöbeln umschloß dieses Fünkchen Leben, in dessen dünnem Geflacker die vergoldete Bronze und all das Schildpatt, Messing und Perlmutt in düsterem Reichtum erglänzten. Hinter dieser musealen Wohlgeordnetheit reichte dunkles Getäfel bis an eine Galerie im ersten Stock, zu der man über die geschwungene Treppe zur Linken gelangte. Über allem hing das dunkle, massive Schnitzwerk der stilechten Deckentäfelung.

Bond stand noch da und nahm das alles in sich auf, als der Koreaner stumm auf ihn zukam. Sein Arm wies steif auf Tablett und Fauteuils. Bond nickte, blieb aber stehen. Der Koreaner verschwand lautlos auf der anderen Seite. Die Stille, gesteigert durch das langsame Ticken der prunkvollen Großvateruhr, verdichtete sich und kroch näher.

Bond trat zum Kamin, mit dem Rücken zum Feuer. Ein scheußlich ungemütliches Heim! Wie konnte nur jemand in dieser überladenen Leichenhalle leben, eingeschlossen zwischen Nadelbäumen und Immergrün, wo es doch gleich nebenan Luft, Licht und weiten Himmel gab? Bond griff nach einer Zigarette. Kannte Goldfinger überhaupt Unterhaltung, Vergnügen, Liebe? War ihm die Jagd nach dem Gold genug?

Ein Telefon! Nach zweimaligem Läuten wurde abgehoben, man hörte Stimmengemurmel, Schritte über den Gang, und dann ging die Tür unter der Treppe auf: Goldfinger trug einen pflaumenfarbenen Samtsmoking. Langsam schritt er über den Holzboden, lächelte und sagte: »Reizend von Ihnen, noch zu kommen! Aber Sie sind allein, ich auch - da dachte ich, wir könnten eigentlich vom Wetter reden.«

Das war typisches Reicheleutegerede, und Bond belustigte diese plötzliche Gleichstellung. Er sagte: »Oh, ich bin gern gekommen. Man kann nicht immer nur Probleme wälzen.«

»Da haben Sie recht. Aber jetzt muß ich mich entschuldigen! Eben kam ein

Anruf. Einer meiner Burschen vom Personal ist da mit der Polizei von Margate in Konflikt gekommen. Ich muß hinüber, um die Sache auszubügeln. Mein Chauffeur fährt mich hin. In einer halben Stunde bin ich wieder da! Leider werde ich Sie allein lassen müssen. Bitte, bedienen Sie sich! Wenn Sie lesen wollen, hier sind Magazine und Zeitungen. Wollen Sie mich entschuldigen? Nur eine halbe Stunde!«

»Aber bitte!« Da stimmte etwas nicht!

Goldfinger ging zum Ausgang. »Ich werde lieber Licht machen, es wird schon zu dunkel.« Er betätigte eine Schalterreihe, und plötzlich erstrahlte die Halle im grellen Licht aus einer Reihe von Stehlampen, Armleuchtern und vier großen Deckenlüstern. Halb geblendet sah Bond, wie Goldfinger den Raum verließ. Kurz darauf hörte er das Geräusch des sich rasch entfernenden Wagens. Der Rolls war es nicht.

Instinktiv ging Bond an die Vordertür und öffnete sie. Eben bogen draußen die Wagenlichter nach links in Richtung Margate. Wieder im Haus, blieb er stehen und horchte. Nichts - bis auf das Ticken der Uhr. Er öffnete die Dienstbotentür. Ein langer, dunkler Gang. Totenstille. Er schloß die Tür, blickte nachdenklich in die Halle. Allein in Goldfingers Haus. Allein mit dessen Geheimnissen - warum wohl?

Bond goß sich einen Gin mit Tonic ein. Gut, es war angerufen worden. Aber wer sagte, daß der Anruf echt war? Er konnte ebensogut aus der Fabrik kommen, verabredet sein! Andererseits - die Geschichte mit dem Diener war glaubhaft. Gut möglich, daß Goldfinger sich vom Chauffeur hinfahren ließ, um den Mann freizubekommen. Aber aus welchem Grund hatte Goldfinger zweimal ausdrücklich die halbe Stunde erwähnt, die Bond allein sein würde? Absicht? Er sah auf die Uhr: schon fünf Minuten vergangen. Ach was, Falle oder nicht! Eine solche Gelegenheit kam nie wieder! Er würde sich rasch umsehen, ganz harmlos unter irgendeinem Vorwand. Aber wo beginnen? Mit der Fabrik! Er kippte seinen Drink hinunter und ging auf die Dienstbotentür zu. Ein Schalter! Er drehte ihn und ging rasch den Gang entlang, der blind endete, mit je einer Tür rechts und links. Durch die linke hörte er Küchenlärm. Also nach rechts. Wie erwartet, fand er sich im gepflasterten Hof. Auch dieser war hell erleuchtet. Gegenüber war die lange Fabrikmauer. Der rhythmische Maschinenlärm war nun sehr laut. Ganz unten eine einfache Holztür. Er trat ein und ließ sie angelehnt. Ein kleines, nur von einer nackten Birne erhelltes Büro. Auf dem Schreibtisch Papiere, eine Stechuhr, ferner zwei Aktenschränke und ein Telefon. Eine Tür führte zur Haupthalle, daneben war ein Fenster zur Überwachung der Arbeiter. Wohl das Büro des Werkmeisters. Bond blickte durch das Fenster.

Er wußte nicht genau, was er erwartet hatte. Dies hier war jedenfalls der übliche, kleine Metallwarenbetrieb. Gegenüber gähnten die offenen Münder zweier Gebläseöfen mit abgestellter Feuerung, dann kam eine Reihe weiterer Öfen, an der Wand daneben lehnten große Bleche verschiedenen Ausmaßes. Dann war da der polierte Stahltisch der Kreissäge, wohl eine Diamantsäge zum Zerschneiden der Bleche, und links im Schatten stampfte ein bulliger, mit einem Generator gekoppelter Ölmotor: die Kraftmaschine. Rechter Hand unter den Bogenlampen arbeiteten fünf Männer in Overalls an Goldfingers Rolls-Royce. Vier davon waren Koreaner. Funkelnd stand der Wagen im grellen Licht, makellos bis auf die ausgehängte rechte Tür, die ohne Füllung quer über zwei Bänken lag. Soeben nahmen zwei Männer die schwere, neue Türplatte aus mißfarbenem, aluminiumartigem Metall und paßten sie in den Rahmen ein. All das wirkte völlig harmlos: Goldfinger hatte heute nachmittag Blechschaden gehabt, den er vor seiner morgigen Abreise rasch reparieren ließ. Noch ein prüfender Blick rundum, Bond drückte sich zur Fabriktür hinaus und schloß leise hinter sich. Nichts.

Gemächlich ging Bond zurück und erreichte ohne Zwischenfall die Halle. Noch zehn Minuten. Die Geheimnisse eines Hauses liegen in den Schlaf- und Badezimmern. Bond spähte zur Galerie hinauf und schritt entschlossen auf die Treppe zu. Die Galerie führte zu einem gleichfalls hellerleuchteten Gang. Bond ging ihn entlang und blickte in alle Räume: Gästezimmer, nicht aufgebettet. Eine große, gelbbraune Katze tauchte wie aus dem Nichts auf, rieb sich an seinen Beinen. Erst der letzte Raum war der gesuchte: Bond trat ein und ließ die Tür einen Spalt offen.

Auch hier brannten alle Lichter. War ein Diener im Badezimmer? Entschlossen öffnete Bond die Tür. Alles hell und niemand da. Ein großer Raum, wohl erst später als Bad umgebaut, mit einer Reihe von Trainingsapparaten: festmontiertes Rennrad, Ruderapparat, Schwingkeulen, Expander. Der Sanitätskasten enthielt nur Abführmittel - nichts sonst, auch kein Aspirin. Zurück ins Schlafzimmer: wieder nichts. Ein typisches Herrenschlafzimmer, behaglich und wohnlich, mit Einbauschränken. Neutraler Geruch. Auf dem kleinen Bücherbord neben dem Bett nur Geschichtswerke und Biographien, alles englisch. Einzig die Nachttischlade war indiskret: Sie enthüllte ein Exemplar von »Liebe im Verborgenen«, Edition Palladium, Paris. Noch fünf Minuten. Ein letzter Blick und nichts wie weg! Plötzlich blieb er stehen. Was war das? Schon die ganze Zeit hatte er es wahrgenommen! Ein Geräusch! Ein ganz leises, moskitoartiges Singen war in der Luft, fast schon zu hoch fürs Gehör! Woher kam es?

Gespannt trat Bond an den Einbauschrank bei der Tür, öffnete vorsichtig. Es kam aus dem Inneren des Schranks, hinter einer Reihe von Sportmänteln hervor. Entschlossen schob er die Mäntel beiseite.

Aus jedem der drei Schlitze an der Oberkante des Schranks lief ein Streifen Sechzehnmillimeterfilm in einen tiefen Behälter hinter den falschen Schubladen.

Schon füllte das glitschige Geschlinge ihn fast zur Hälfte, und stets kam neues nach. Ein fesselnder Anblick, dieser schlangenhaft langsam sich windende Schuldbeweis. Das war es also: drei Filmkameras, verborgen - in der Halle, im Hof, in diesem Zimmer! Seit Goldfinger das Haus verlassen und mit dem grellen Licht auch die Kameras eingeschaltet hatte, war jede von Bonds Bewegungen festgehalten worden! Und er, Bond, hatte keinen Verdacht geschöpft! Und nichts erreicht, nur die Zeit verschwendet! Er war erledigt. Goldfinger hatte ihn in der Hand. Was tun? Angewurzelt starrte Bond auf die nachrückenden Kaskaden aus Filmstreifen.

Durch das Öffnen der Schranktür hatte er einen Teil der Filme dem Licht ausgesetzt! Warum nicht alles? Aber wie das Öffnen der Schranktür erklären? Vom Gang miaute es. Die Katze! Warum nicht? Es war fadenscheinig, aber doch der Schatten eines Alibis. Bond öffnete, nahm die Katze auf, streichelte sie und ging zum offenen Schrank. Dort setzte er sie ab, beugte sich über den Behälter und holte mit beiden Händen den Film heraus. Erst als mit Sicherheit jeder Meter unbrauchbar war, räumte er alles wieder ein und setzte die Katze obenauf. Sie würde sich im Schrank einrichten und schlafen. Er ließ die Schranktür ein wenig offen, damit der weiterlaufende Film unbrauchbar würde, schloß auch die Schlafzimmertür nicht und lief hastig den Gang zurück. Die Treppe schritt er langsam hinunter, ging durch die gähnende Halle, trat zum Kamin, goß sich einen neuen Drink ein und nahm »^e Field« zur Hand. Er schlug den Golfkommentar von Bernard Darwin auf, orientierte sich rasch, nahm in einem der Fauteuils Platz und begann zu rauchen.

Was hatte er herausgefunden? Goldfinger litt an Verstopfung, verdorbener Phantasie und hatte Bond gründlich testen wollen.

Und dieser Test war keine Amateurarbeit! Das war SMERSH-Standard und die Technik eines Mannes, der viel zu verbergen hatte! Was nun? Das Katzenalibi war kaum stichhaltig. Goldfinger würde zu neunzig Prozent sicher sein, daß Bond im Schlafzimmer war - aber nur zu neunzig!

Bond erhob sich, nahm eine Handvoll Zeitschriften und warf sie neben sich auf den Boden. Das einzige, was er tun konnte, war, es kaltschnäuzig durchzustehen und künftig - falls es noch dazu kam - besser aufzupassen. Es wäre nicht in jeder kitzligen Lage eine gelbbraune Katze zur Hand.

Er hatte nichts gehört, aber er fühlte den Luftzug im Nacken und wußte: Goldfinger war da.

4

Bond legte »^e Field« weg und stand auf. Die Vordertür schloß sich geräuschvoll. Er wandte sich um. »Hallo!« Sein Gesicht zeigte höfliche Überraschung. »Hab’ Sie gar nicht kommen hören. Hat’s geklappt?«

Goldfingers Miene war ebenso höflich. Sie hätten zwei alte Freunde sein können, gewohnt, gegenseitig auf einen Drink vorbeizukommen. »Ach, es hat sich von selbst erledigt. Tut mir nur leid, daß es so lange dauerte. Ich hoffe, Sie haben sich nicht gelangweilt - nehmen Sie doch noch einen Drink!«

»Danke, mir ist die Zeit gut vergangen. Ich hab’ hier gelesen, was Darwin über die Vierzehn-Schläger-Vorschrift sagt. Interessanter Standpunkt . . .« Bond erörterte die Einzelheiten und fügte seinen Kommentar hinzu.

Geduldig hörte Goldfinger ihn an. »Ja«, sagte er dann, »das ist eine verwickelte Sache. Sie spielen natürlich anders als ich, kunstgerechter. Nun, ich will mir nur die Hände waschen, und dann wollen wir dinieren. Bin gleich wieder da!«

Bond goß sich geräuschvoll ein, setzte sich und nahm »Country Life« zur Hand. Er horchte. Jetzt mußte Goldfinger oben sein! Er bemerkte, daß er die Zeitschrift verkehrt hielt, drehte sie um und starrte darauf. Oben war es völlig still. Dann wurde die Spülung betätigt, eine Tür fiel zu. Bond nahm einen langen Schluck und stellte das Glas ab. Jetzt kam Goldfinger die Treppe herunter. Bond wendete die Seiten der Zeitschrift und schnippte Zigarettenasche in den Kamin.

Goldfinger kam auf ihn zu. Bond blickte auf: Goldfinger trug die gelbbraune Katze unterm Arm. Er trat zum Kamin, beugte sich vor und drückte auf die Klingel.

»Mögen Sie Katzen?« Sein Blick war gleichgültig.

»Doch!«

In der Dienstbotentür stand der Chauffeur, mit Melone und in glänzenden, schwarzen Handschuhen. Auf Goldfingers Wink kam er näher und blieb vorm Kamin stehen.

Goldfinger wandte sich an Bond: »Das ist mein Faktotum.« Er lächelte leicht. »Fakto, zeig Mr. Bond mal deine Hände!«

Langsam zog der Koreaner die Handschuhe aus und hielt Bond die nach oben gekehrten Handflächen entgegen. Bond stand auf und sah sie sich an. Sie waren groß und voller Muskeln, die Finger nahezu gleich lang, ihre Spitzen stumpf und gelbknöchern.

»Dreh sie um und zeig Mr. Bond die Kanten!«

Längs jeder Handkante ein harter Wulst aus der knochenartigen Substanz.

Fragend blickte Bond auf Goldfinger. Der sagte: »Wir werden Ihnen etwas

zeigen.« Er wies auf das massive, eichene Treppengeländer. Der Koreaner stieg ein paar Stufen hinauf und blickte auf Goldfinger wie ein guter Apportierhund. Goldfinger nickte. Der Koreaner hob die Rechte hoch über den Kopf und ließ sie wie ein Beil herabsausen. Mit splitterndem Krachen barst das schwere Geländer. Ein zweiter Hieb schlug die Stange glatt durch und hinterließ eine zackige Bresche. Ringsum fielen die Splitter. Ruhig und weiterer Befehle gewärtig stand der Koreaner. Seine Miene verriet keinerlei Anstrengung oder Stolz. Goldfinger winkte ihn heran und sagte: »Die Außenkanten seiner Füße sind ebenso. Fakto, das Kaminsims!« Er wies auf das schwere, geschnitzte Holzbord über dem Kamin, mehr als zwei Meter über dem Boden, höher als der Koreaner selbst war.

»Rog a Hog?«

»Ja, nimm Rock und Hut ab.« Goldfinger wandte sich an Bond: »Der Arme hat einen Wolfsrachen. Außer mir versteht ihm kaum jemand.«

Rock und Hut lagen nun ordentlich zusammengelegt auf dem Boden. Fakto rollte die Hosenbeine auf und nahm die breitbeinige Stellung des Judokämpfers ein. »Treten Sie lieber zurück, Mr. Bond.« Goldfingers Zähne glänzten. »Dieser Schlag bricht Ihnen den Hals wie einen Blumenstengel!« Er zog die Bank mit den Drinks zur Seite. Wie wollte der Koreaner aus drei Schritt Abstand das hohe Sims erreichen?

Goldfinger hob die Hand. Der Koreaner machte einen langen Anlauf schritt und sprang hoch. Mitten in der Luft vollführte er eine Drehung, der rechte Fuß schoß nach oben. Ein krachender Schlag! Elegant fiel der Körper auf die Hände, und der Mann stand wie vorher. In dem Sims klaffte ein acht Zentimeter breites Loch.

Respektvoll blickte Bond den Mann an. Was war da sein Handbuch für waffenlosen Kampf gegen das eben Gesehene! Das war ja kein Mensch aus Fleisch und Blut, das war eine lebende Keule! Bond mußte diesem einzigartigen schrecklichen Mann seinen Respekt erweisen. Er reichte ihm die Hand.

»Vorsicht, Fakto!«

Der Koreaner krümmte nur den Daumen zum leichten Händedruck. Seine Hand war wie aus Holz. Dann nahm er Jacke und Hut wieder auf.

»Ich danke für Ihre Geste, Mr. Bond«, sagte Goldfinger beifällig. »Sie müssen entschuldigen, aber Fakto kennt seine Kraft nicht. Ohne zu wollen, hätte er Ihnen die Hand zerquetschen können. Nun also« - Fakto hatte sich angekleidet und stand regungslos -, »das hast du gut gemacht, Fakto! Es freut mich, daß du in Übung bist. Hier« - Goldfinger warf ihm die Katze zu -, »das ist ein Nachtmahl für dich, ich mag das Vieh nicht mehr sehen!« Die Augen des Koreaners glänzten auf. »Und sag in der Küche, wir möchten auch gleich essen!« Der Koreaner nickte und ging ab.

Das war eine Warnung gewesen! An Bonds Stelle wurde die Katze bestraft. Bond verbarg seinen Ekel.

»Warum trägt er diese Melone?« fragte Bond nebenbei.

»Fakto!« Goldfinger wies auf die Täfelung: »Den Hut!«

Der Koreaner, schon bei der Tür und die Katze noch unterm Arm, kehrte um und kam zurück. Auf halbem Weg griff er nach seinem Hut und schleuderte ihn an die Wand. Zolltief steckte der Hutrand in dem bezeichneten Paneel.

Goldfinger lächelte höflich. »Eine leichte, aber harte Legierung, Mr. Bond. Ich fürchte, Fakto wird einen neuen Filzüberzug machen müssen, aber er ist mit Nadel und Zwirn sehr geschickt. Sie können sich vorstellen, daß dieser Schlag tödlich gewesen wäre. Eine einfache, höchst unauffällige Waffe.«

Bond lächelte nicht minder höflich. »Ein nützlicher Kerl!«

Fakto war verschwunden. Ein Gong ertönte. »Ah, das Dinner!« Goldfinger ging voran zu einer neben dem Kamin kaum sichtbar in die Täfelung eingelassenen Tür. Er griff nach einem geheimen Drücker, und sie traten ein.

Das kleine Speisezimmer entsprach in allem der Halleneinrichtung. Ein Kronleuchter und die Kerzen auf dem runden, von Gläsern und Silber glänzenden Speisetisch verbreiteten helles Licht. Zwei Koreaner in weißen Servierjacken trugen auf. Der erste Gang war ein Currygericht mit Reis. Goldfinger bemerkte Bonds Zögern und lachte trocken: »Keine Sorge. Mr. Bond! Garnelen, keine Katze.«

Bonds Ausdruck war zurückhaltend.

»Bitte, versuchen Sie doch den Mosel, es ist Piesporter Goldtröpfchen 53, bedienen Sie sich. Diese Burschen gießen ihn sonst in den Teller statt ins Glas.«

Bond hob die Bouteille aus dem Eiskübel, goß sich ein und kostete. Ausgezeichnet! Er beglückwünschte den Gastgeber.

»Ich selbst trinke und rauche nicht, Mr. Bond. Rauchen, finde ich, ist eine ekelhafte Gewohnheit. Und was das Trinken betrifft, so mache ich selbst chemische Untersuchungen und habe noch kein geistiges Getränk gefunden, das nicht eine Anzahl oft sogar tödlicher Gifte enthalten hätte. Aber da Sie gern trinken, Mr. Bond, darf ich Ihnen vielleicht einen Rat geben: Trinken Sie niemals Kognak Napoleon, besonders nicht, wenn er >im Faß gealtert ist! Er enthält mehr von diesen Giften als irgendein anderer der Schnäpse, die ich analysiert habe. Und dann kommt gleich alter Bourbon.«

»Danke, ich will mir’s merken! Vielleicht ziehe ich deshalb in letzter Zeit Wodka vor. Man sagt, die Filtrierung durch aktivierte Holzkohle tue ihm gut.« Bond erinnerte sich vage, einmal etwas darüber gelesen zu haben, und war nun stolz, Goldfinger mit gleicher Münze dienen zu können. Der sah ihn scharf an:

»Haben Sie Chemie studiert?«

»Nur nebenbei.« Es wurde allmählich Zeit, weiter vorzustoßen. »Übrigens, Ihr Chauffeur hat mich sehr beeindruckt. Wo hat er diese phantastische Kampfart gelernt? Ist sie in Korea üblich, oder woher stammt sie?«

Die Diener trugen gebratene Ente auf sowie für Bond eine Flasche Mouton Rothschild 47.

Goldfinger sagte: »Haben Sie von Karate gehört? Nun, der Mann ist einer von den dreien in der Welt, die es darin zum Schwarzen Gürtel gebracht haben. Karate ist ein Zweig von Judo, aber es verhält sich dazu wie ein Raketengeschoß zu einem Katapult.«

»Das hab’ ich gesehen!«

»Ach, das waren nur die Grundbegriffe! Mr. Bond, ich kann Ihnen sagen, wenn Fakto den richtigen Einzelschlag auf einen von sieben Punkten Ihres Körpers geführt hätte, wären Sie jetzt ein toter Mann!«

»Interessant. Ich kenne nur fünf Arten, Fakto mit einem Schlag umzubringen.«

Goldfinger überhörte das. Er nahm einen großen Schluck Wasser. »Mr. Bond.« Er lehnte sich zurück, während Bond unbeirrt weiteraß. »Karate beruht auf der ^eorie, daß der menschliche Körper fünf Schlagflächen und siebenunddreißig verwundbare Stellen aufweist - verwundbar für einen Karatekämpfer, dessen Fingerspitzen, Hand- und Fußkanten zu Hornhautschichten verhärtet sind. Täglich, Mr. Bond, schlägt Fakto eine Stunde lang auf Säcke mit ungeschältem Reis oder auf einen seilumwundenen Balken ein. Anschließend folgt eine Stunde kompliziertester Turnübungen.«

»Und wann übt er mit dem Hut?« Bond hatte nicht die Absicht, diesem Nervenkrieg zu erliegen.

Goldfinger runzelte die Stirn. »Das hab’ ich ihn nie gefragt«, sagte er humorlos, »aber ich glaube, man kann sicher sein, daß Fakto stets in Form ist. Ja, Sie wollten wissen, wo Karate herkommt. Aus China, wo wandernde Buddhapriester eine leichte Beute der Straßenräuber waren. Da sie aus religiösen Gründen keine Waffen tragen durften, entwickelten sie eine eigene Art der Selbstverteidigung. Die Leute auf Okinawa verfeinerten diese Kunst zu ihrer jetzigen Form, als die Japaner ihnen das Waffentragen verboten. Beim Karateschlag geht der Körper nicht mit, sondern bleibt im Moment des Schlags vollkommen starr, mit dem Schwerpunkt in den Hüften, wird dann aber des Gleichgewichts wegen sofort entspannt. Was Fakto kann, haben Sie ja gesehen!«

Bond nahm einen langen Zug von dem ausgezeichneten Rotwein. »Ihren Möbeln tut das nicht sehr gut«, meinte er.

Goldfinger zuckte die Achseln. »Ich brauche dieses Haus nicht mehr und dachte, die Vorführung würde Ihnen Spaß machen. Ich hoffe, Sie sind auch der Meinung, Fakto habe sich seine Katze verdient.« Ein kurzer Röntgenblick kam über den Tisch. »Er schätzt sie als Delikatesse. Während einer Hungersnot in seiner Heimat ist er auf den Geschmack gekommen.«

Nun war es aber Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen: »Wozu brauchen Sie einen solchen Mann?«

»Mr. Bond, ich bin ein sehr reicher Mann. Je reicher einer ist, desto mehr Schutz braucht er. Der übliche Leibwächter oder Detektiv ist meist ein pensionierter Polizist und daher völlig wertlos. Außerdem nimmt er Rücksicht auf Menschenleben, was auch nichts taugt. Die Koreaner kennen solche Gefühle nicht. Sonst hätten die Japaner sie nicht zur Bewachung ihrer Kriegsgefangenenlager eingesetzt. Sie sind grausam und unbarmherzig. Meine Leute sind daraufhin ausgesucht. Ich zahle gut, von Zeit zu Zeit lasse ich aus London eine Fuhre Straßenmädchen herbringen - und wenn dabei was passiert, so ist Geld das beste Leichentuch.«

Ein vorzügliches Käsesouffle kam, und danach Kaffee. Sie aßen schweigend, in behaglicher Stimmung. Offenbar hatte Goldfinger sich absichtlich gehenlassen

- gerade so sehr, um eine seiner privaten Seiten zu zeigen, wohl jene, von der er annahm, daß Bond auf sie ansprechen würde. Vielleicht vermutete Goldfinger sogar, daß Bond nur dem Anschein nach ein Gentleman war? Nun, er würde wohl noch weiter sondieren und dann vielleicht einen Vorschlag machen.

Bond lehnte sich zurück und nahm eine Zigarette. »Sie haben da einen schönen Wagen, das muß der letzte von der Serie sein. Ungefähr 1925, nicht wahr? Zwei Dreizylinderblocks, zwei Kerzen für jeden Zylinder, der eine Satz vom Zündapparat, der andere von der Wicklung aus gezündet?«

»Ganz richtig. Aber sonst mußte ich einiges ändern. Ich habe fünf weitere Federblätter einsetzen und hinten Scheibenbremsen einbauen lassen. Die Servobremsen vorn waren zu schwach.«

»Warum? Schneller als achtzig kann der Wagen doch nicht sein. Und die Karosserie ist doch auch nicht so schwer.«

Goldfinger hob die Brauen. »Nein? Und die Tonne Panzerung und Panzerglas?«

Bond lächelte. »Ach so! Verstehe. Sie passen wirklich gut auf sich auf. Aber wie fliegen Sie damit über den Kanal? Fällt der Wagen nicht durch den Flugzeugboden?«

»Ich nehme eine Maschine für mich allein. Die Silver City Company kennt den Wagen, er ist regelmäßiges Frachtgut zweimal im Jahr.«

»Europareise?« »Nein, Golfferien.«

»Fein! Das wollte ich auch immer schon machen.«

Aber Goldfinger biß nicht an: »Jetzt können Sie sich’s ja leisten.«

Bond lächelte. »Ach, diese Extrazehntausend! Die brauche ich vielleicht in Kanada.«

»Glauben Sie wirklich, daß dort so viel Geld für Sie zu verdienen ist? Und Sie wollen doch viel Geld verdienen?«

Bond wurde eifrig: »Na sicher! Wozu arbeitet man sonst?«

»Fatalerweise dauert das meist sehr lange. Und wenn man’s hat, ist es zu spät.«

»Ja, das ist der Haken dabei. Ich bin immer fürs abgekürzte Verfahren. Aber nicht hier. Die Steuern sind zu hoch.«

»Gewiß. Und die Gesetze streng.«

»Ja, das hab’ ich auch schon gemerkt!«

»Ach so?«

»Ja, beim Heroingeschäft. Ich hab’ da ein wenig hineingerochen und bin gerade noch mit heiler Haut davongekommen - das bleibt natürlich unter uns!«

Goldfinger zuckte die Achseln. »Mr. Bond, jemand hat einmal gesagt, >das Gesetz ist das kodifizierte Vorurteil der Gesellschaft^ Zufällig paßt dieser Ausspruch besonders gut auf den Rauschgifthandel. Aber auch wenn es nicht der Fall wäre, hätte ich kein Interesse, der Polizei zu helfen.«

»Nun, das war so . . .« Bond erzählte die ganze mexikanische Rauschgiftaffäre, wobei er Blackwells Rolle übernahm. Abschließend sagte er: »Bei Universal hat mir das nicht gerade geholfen!«

»Kann ich mir vorstellen. Interessante Geschichte übrigens. Sie scheinen da ganz findig gewesen zu sein. Und Sie haben keine Lust, in dieser Branche weiterzuarbeiten?« Goldfinger erhob sich, Bond folgte ihm. »Es war ein interessanter Abend. Ich weiß nicht, ob ich zum Heroin zurückkehren würde. Es gibt ungefährlichere Wege. Es ist nicht leicht, sein Geld zu verdoppeln, die Gelegenheit dazu bietet sich nicht oft. Wollen Sie noch einen meiner Aphorismen hören?«

»Gern!«

»Nun, Mr. Bond« - Goldfinger lächelte das Lächeln der Reichen: »Am sichersten verdoppelt der arme Mann sein Geld, indem er’s doppelt faltet und beide Seiten zählt.«

Bond lachte pflichtgemäß, sagte aber nichts. So ging es nicht, so kam er nicht weiter! Aber etwas warnte ihn vor Übereilung. Sie gingen in die Halle hinüber.

Bond streckte die Hand aus: »Also dann, besten Dank für das ausgezeichnete Dinner! Höchste Zeit zum Schlafengehen. Und - auf Wiedersehen! Vielleicht treffen wir uns irgendwann einmal wieder!«

Goldfinger drückte Bond kurz die Hand und schob sie dann von sich. Wieder dieses Millionärsgehabe, diese unbewußte Kontaktangst! Er blickte Bond scharf an und sagte bedeutungsvoll: »Es sollte mich nicht wundern, Mr. Bond.«

Auf seiner Rückfahrt bei Mondlicht über die Isle of ^anet überdachte Bond diesen Satz immer wieder. Noch beim Entkleiden und Zubettgehen dachte er daran. Was hatte Goldfinger gemeint? Wollte er wieder Kontakt aufnehmen, oder sollte Bond in Verbindung mit ihm bleiben?

5

Punkt neun am nächsten Morgen rief Bond den Abteilungschef an. »Hier James. Besitz besichtigt und gestern mit Besitzer zu Abend gegessen. Höchstwahrscheinlich hat Generaldirektor recht, habe aber nicht genügend Tatsachen für genauen Bericht. Besitzer geht morgen ins Ausland, Abflug Ferryfield. Ich wüßte gern seine Abflugszeit, möchte auch den Rolls noch sehen. Vielleicht schenk ich ihm ein tragbares Radio. Fahre dann etwas später hinüber, Miss Ponsonby kann für mich reservieren! Bestimmung noch unbekannt, ich bleibe in Verbindung. Was Neues?«

»Wie ist das Golfmatch ausgegangen?«

»Ich hab’ gewonnen.«

Am anderen Ende lachte es. »Hab’ ich mir gedacht! Einsatz ziemlich hoch, nicht?«

»Woher wissen Sie das?«

»Ach, gestern abend rief noch Mr. Scotland an. Er hatte telefonisch den Wink gekriegt, jemand Ihres Namens besitze eine größere Summe undeklarierter Dollars. Ob wir so einen Mann hätten und ob das stimme? Er war nicht sehr auf Draht, wußte nichts von Universal. Heute morgen kam die Entschuldigung, gleichzeitig fanden wir die zehn in einem Umschlag bei Ihrer Post! Ganz schlau von Ihrem Mann, was?«

Das war echt Goldfinger! Bond auf diese Weise wegen der Dollars in Schwierigkeiten zu bringen! Er mußte gleich nach dem Spiel angerufen haben, um Bond zu zeigen, daß jeder Schlag gegen Goldfinger einen Dorn in der Hand ließ. Bond sagte: »So ein Gauner! Sagen Sie dem Boß, diesmal ist’s fürs Weiße Kreuz. Und veranlassen Sie das übrige!«

»Ja, natürlich. In ein paar Minuten rufe ich zurück. Aber rufen Sie sofort an, wenn Ihnen langweilig ist!«

»Auf bald.« Bond legte auf und begann zu packen.

Nach dem Packen kam der Anruf aus London, daß alles erledigt sei. Bond zahlte die Rechnung, stieg in seinen Wagen und machte, daß er auf die Straße nach Canterbury kam.

Laut London hatte Goldfinger für einen Spezialflug um zwölf gebucht. Um elf Uhr war Bond in Ferryfield beim Paßkontrollchef und den Zollbeamten. Er wurde schon erwartet und ließ seinen Wagen in einen leeren Hangar bringen. Dann setzte er sich zu den Beamten, rauchte und fachsimpelte ein wenig und ließ sie in dem Glauben, er sei von Scotland Yard. Nein, Goldfinger sei in Ordnung, aber möglicherweise versuchte einer seiner Diener, etwas außer Landes zu bringen. Ob er wohl für zehn Minuten mit dem Wagen allein bleiben könne, er wolle sich den Werkzeugkasten ansehen. Die Zolleute sollten dann den Rolls gründlich auf Geheimfächer untersuchen. Um elf Uhr fünfundvierzig schaute einer der Zollbeamten zur Tür herein: »Jetzt kommt er! Werde beide auffordern, vor dem Wagen ins Flugzeug zu steigen, wegen der Gewichtsverteilung. Nicht so falsch, wie’s klingt. Der alte Kasten mit seinen Panzerplatten wiegt seine drei Tonnen! Ich ruf Sie dann.«

»Danke.« Der Raum leerte sich. Bond nahm das verletzliche Päckchen aus der Tasche: die Trockenbatterie mit der kleinen Vakuumröhre. Er überprüfte die Anschlüsse, steckte alles wieder weg und wartete. Um elf Uhr fünfundfünfzig öffnete sich die Tür: »Bahn frei, sie sind im Flugzeug!«

Der große, schimmernde Silver Ghost stand in der Zollstation. Nur noch ein weiterer Wagen war da, ein taubengrauer Triumph TR 3 mit offenem Verdeck. Bond trat zum Heck des Rolls. Die Leute vom Zoll hatten die Platte des Kastens schon abgeschraubt. Bond nahm das Werkzeugfach heraus und tat, als untersuche er alles genau. Zum Schein im Kofferraum stöbernd, ließ er dabei Batterie und Röhre hineingleiten. Dann paßte er das Werkzeugfach wieder ein, stand auf und wischte sich die Hände ab: »Leider!«

Der Beamte schraubte die Platte wieder fest und stand auf: »Nichts Besonderes an Chassis und Karosserie. Platz genug in Rahmen und Polsterung, aber da müßte man alles zerlegen. Einverstanden mit der Abfahrt?«

»Jawohl, und schönen Dank!« Bond ging ins Büro zurück. Nach einer Minute kam der Wagen aus der Station. Bond sah ihn die Rampe hinauffahren. Die Kiefer des Bristol-Frachters schlössen sich, die Bremskeile wurden weggezogen, der Mann drüben hob den Daumen. Hustend sprangen die Motoren an. Bond ging zu seinem Wagen, stieg in den Führersitz und drehte einen Schalter unterm Armaturenbrett. Ein scharfer Heulton erklang. Bond reduzierte ihn auf ein tiefes

Brummen. Je weiter die Bristol sich entfernte, desto leiser wurde es. Nach fünf Minuten war es verstummt. Bond drehte weiter und fing das Brummen wieder ein, folgte ihm fünf Minuten lang und drehte dann ab. Von nun an würde »Homer«, der kleine Radiosender, bis auf hundertsechzig Kilometer Distanz mit Bonds Empfänger Kontakt halten. Es war eine einfache Form der Richtungsangabe, die es Bond ermöglichen würde, Goldfinger auf den Fersen zu bleiben. Er brauchte bloß herauszufinden, welche Straße Goldfinger von Le Touquet aus genommen hatte, dann in Reichweite zu kommen und in der Nähe größerer Städte oder vor größeren Abzweigungen enger aufzuschließen. Verlor er einmal den Anschluß, so würde der D.B.III es schon wettmachen. Eine Art Schnitzeljagd quer durch Europa! Bond lächelte vor sich hin.

Immer steht ein agent cycliste an der gefährlichen Kreuzung, wo die ruhige N 38 von Le Touquet her auf die stark frequentierte, breitere N 1 stößt. Ja, er hatte den Rolls gesehen, ich bitte Sie, Monsieur, solch ein Aristokrat von einem Wagen! Nach rechts, Monsieur, Richtung Abbeville . . .

Bond hob dankend die Hand und drückte aufs Gas. Er mußte rasch aufschließen, denn Goldfinger würde über Abbeville hinaus und schon an der Hauptgabelung der N 1 nach Paris und der N 28 nach Rouen sein. Wenn Bond dort die falsche Straße nahm, bedeutete das eine Menge Zeit- und Distanzverlust!

Bond sauste die kurvenreiche Straße dahin, nicht zu waghalsig, aber er machte die dreiundvierzig Kilometer nach Abbeville in einer Viertelstunde. »Homer« brummte laut, also konnte Goldfinger nicht mehr als dreißig Kilometer Vorsprung haben. Wohin nun aber an der Gabelung? Bond entschied sich für die N 1. Eine Zeitlang war wenig Veränderung zu bemerken, aber dann begann das Brummen nachzulassen. Verdammt! Bond wollte nicht umkehren, also bog er zehn Kilometer vor Beauvais rechts ab. Einige Zeit fuhr sich’s schlecht, aber dann war er auf der schnellen N 30 und konnte den Wagen laufen lassen, immer der Stimme des Radios nach. Vor Rouen hielt er an und orientierte sich auf der Michelinkarte, während er mit einem Ohr zuhörte. Aus dem verstärkten Brummen schloß er, daß er Goldfinger überholt hatte. Aber da war wieder eine wichtige Gabelung! Im Falle eines Irrtums war es hier nicht so leicht, aufzuholen. Goldfinger würde entweder die Straße Alencon-Le Mans-Tours nehmen oder, ohne Paris zu berühren, die südöstliche über Evreux-Chartres -Orléans. Bond wagte nicht, nach Rouen hineinzufahren, um einen Blick auf den Rolls zu riskieren. Er würde auf das Abschwellen des Brummens warten und dann raten müssen.

Nach einer Viertelstunde war Bond sicher, daß der Rolls vorüber war. Wieder entschied er sich an der Gabelung für die linke Straße, drückte aufs Gas und beeilte sich. Diesmal nahm das Brummen zu. Er ging auf sechzig herunter und fuhr dahin, wobei er sich nach Goldfingers Ziel fragte.

Fünf, sechs, sieben Uhr. In Bonds Rückspiegel ging die Sonne unter, und immer noch war der Rolls unterwegs. Sie waren durch Dreux und Chartres gekommen und fuhren jetzt auf der Achtzigkilometergeraden nach Orleans hinein. Wenn dort übernachtet wurde, dann war der Rolls gar nicht schlecht vorangekommen

- mehr als vierhundert Kilometer in etwas über sechs Stunden! Das zeigte, daß Goldfinger fahren konnte. Er mußte aus dem alten Silver Ghost das Äußerste herausgeholt haben! Bond begann auf zuschließen.

Schwache Rücklichter voraus! Bond hatte nur die Nebellampen eingeschaltet, jetzt drehte er die Scheinwerfer an. Ein kleiner Sportwagen. M.G.? Triumph? Austin Healey? Es war ein hellgrauer Triumph-Zweisitzer mit geschlossenem Dach. Bond blinkte und fuhr vorbei. Jetzt war vorn der Schein eines anderen Wagens zu sehen. Bond stellte die Scheinwerfer ab und fuhr wie vorher mit den Nebellampen. Der andere war noch eineinhalb Kilometer voraus. Bond schloß weiter auf und ließ für einen Moment die Scheinwerfer aufleuchten. Ja, es war der Rolls. Wieder fiel Bond auf Kilometerabstand zurück, den er beibehielt. Im Rückspiegel waren die schwachen Lichter des TR 3 sichtbar. Kurz vor Orleans fuhr Bond an den Straßenrand, der Triumph brummte gemächlich vorüber.

Bond hatte sich nie viel aus Orleans gemacht. Er zog seinen Michelin zu Rate: Sicher würde Goldfinger in einem Fünfsternhotel wohnen und filet de sole und Brathühnchen essen! Also im Arcades oder im Moderne. Bond hätte ja lieber außerhalb übernachtet, in der ausgezeichneten Auberge de la Montespan am Loireufer. Er mußte aber näher dranbleiben. So entschloß er sich für das Hôtel de la Gare und ein Abendessen im Bahnhofbüfett. In Zweifelsfällen wählte er immer die Hotels an der Bahn. Sie waren ordentlich, es gab genug Parkmöglichkeit, und die Bahnhofsbüfetts waren gut geführt. Seit zehn Minuten war das Brummen im Empfänger unverändert. Bond sah sich den Weg zu den drei Hotels an. Er fuhr den Fluß hinunter und vorsichtig in die Stadt. Richtig, der Rolls stand vor dem Arcades. Bond kehrte um.

Am nächsten Morgen um sechs war der Rolls immer noch da. Bond zahlte seine Rechnung, nahm ein Frühstück am Bahnhof, fuhr die Kais hinunter und parkte seinen Wagen in einer Seitengasse. Goldfinger würde entweder über den Fluß und nach Süden zur N 7 Richtung Riviera fahren oder aber am Nordufer der Loire die Straße nehmen, auf der er ebenfalls Richtung Riviera fahren konnte, ebensogut aber nach der Schweiz und nach Italien. Bond stieg aus, lehnte sich ans Geländer der Ufermauer und hielt zwischen den Platanenstämmen Ausschau. Um halb neun traten zwei Männer aus dem Arcades, und der Rolls fuhr ab. Bond blickte dem Wagen nach, bis er nicht mehr zu sehen war, dann setzte er sich ans Steuer des Aston Martin und nahm die Verfolgung auf.

Im Schein der Frühsommersonne ging es gemütlich die Loire entlang. Es war eine von Bonds Lieblingslandschaften. Im Mai, wenn die Obstbäume blütenweiß leuchteten und der Fluß noch breit war von den Winterregen, schien dieses Tal zur Liebe wie geschaffen. Er dachte gerade daran, als vor Chateauneuf der kleine Triumph mit einem schrillen Signal seines Bosch-Doppelhorns vorbeisauste. Das Verdeck war unten, ein hübsches Gesicht hinter dunkler Autobrille wischte vorüber. Bond dachte: Das war fällig! Gerade dazu animiert die Loire jetzt - einem Mädchen nachzufahren, sie zur Mittagszeit zu stellen, dann das Kennenlernen in dem leeren Restaurant am Fluß, draußen unterm Spalierwein . . .

Bond lächelte. Nicht heute. Heute hieß es arbeiten. Heute stand Goldfinger auf dem Programm, nicht Liebe. Er stellte den Empfänger lauter, um sicher zu sein, und drehte ihn wieder zurück. Entspannt fuhr er weiter, wobei seine Gedanken um das Mädchen kreisten, sich Dinge ausmalten . . . Sie mußte die Nacht in Orleans verbracht haben. Plötzlich erwachte Bond aus seinen Tagträumen: das offene Verdeck! Er hatte den Triumph schon früher gesehen, und zwar in Ferryfield! Mußte nach Goldfinger geflogen sein. Und nun fünfhundert Kilometer auf Goldfingers Spur? Das war mehr als Zufall! Gestern abend war sie abgeblendet gefahren. Was bedeutete das?

Bond trat aufs Gas, er näherte sich Nevers. In jedem Fall mußte er zur nächsten großen Abzweigung aufschließen, nun aber traf er gleich zwei Fliegen mit einem Schlag: Er würde auch sehen, was das Mädchen vorhatte. Blieb sie zwischen ihm und Goldfinger, so konnte das unangenehm werden. Es war schwierig genug, Goldfinger allein zu überwachen!

Sie hielt sich weiterhin drei Kilometer hinter dem Rolls. Sobald Bond sie sehen konnte, verlangsamte er sein Tempo. Wer war sie? Was bedeutete das alles?

Der kleine Konvoi fuhr weiter auf dem breiten, dunklen Band der N 7, diesem Nervenstrang durch das Herz Frankreichs, nach dem Süden. Aber bei Moulin verlor Bond beinah die Spur: Rasch mußte er zurück und auf die N 73 hinüber. Goldfinger war im rechten Winkel abgebogen und fuhr nun in Richtung Lyon und Italien oder Macon-Genf. Bond trachtete aufzuholen und entging dabei gerade noch rechtzeitig einer schwierigen Situation. Er hatte den Ton des »Homer« zu wenig beachtet, da er sich auf den Triumph verließ. Aber plötzlich wurde das Brummen zum Brüllen! Hätte er bei seinen hundertvierzig nicht hart gebremst, er wäre in den Rolls hineingefahren! So aber rollte er langsam über eine Anhöhe und sah den großen gelben Wagen einen Kilometer voraus am Wegrand halten. Gott sei Dank, da war ein Karrenweg! Bond bog hinein und hielt in der Deckung eines Weizenfelds. Er nahm den Feldstecher, stieg aus und ging zurück. Ja: Goldfinger saß unter einer kleinen Brücke am Flußufer, in weißem Staubmantel und ebensolcher Autohaube, und hielt Picknickpause. Der Anblick machte Bond hungrig. Wann würde er selbst essen können? Er nahm den Rolls aufs Korn: Durch das Heckfenster erkannte er die schwarzen Umrisse des Koreaners im Vordersitz. Vom Triumph keine Spur. Wenn das Mädchen noch immer hinter Goldfinger hergewesen war, so hatte sie ihn wohl mit abgewandtem Gesicht überholt und wartete nun weiter vorn in einem Hinterhalt, bis der Rolls vorüberkäme. Oder sie war längst auf dem Weg zu den italienischen Seen, um Verwandte oder den Liebhaber zu treffen?

Jetzt war Goldfinger aufgestanden. So ist’s recht, die Papierreste aufsammeln und damit unter die Brücke gehen. Warum warf er sie nicht in den Fluß? Bond biß sich auf die Lippen: War die Brücke vielleicht ein »Briefkasten«? Sollte Goldfinger hier etwas hinterlegen? Frankreich, Schweiz, Italien - für alle drei Länder lag der Ort günstig. Die Brücke schien gut gewählt, mit freier Sicht nach beiden Seiten.

Jetzt kletterte Goldfinger die Uferböschung wieder hinauf. Bond ging in Deckung. Er hörte das Ächzen des Anlassers und spähte durch die Halme, bis der Rolls verschwunden war.

Es war eine hübsche Brücke über einen hübschen Fluß. Die Kontrollnummer 79/6 auf dem Brückenbogen zeigte an, daß es die sechste nach irgendeiner Stadt an der N 79 war. Leicht zu finden. Rasch stieg Bond aus und glitt zum Wasser hinunter. Unten war es dunkel und kühl, in der Strömung huschten Fische über die Kiesel. Bond untersuchte den Mauerrand hinterm Gras. In der Mitte, gerade unter der Straße, wucherte es besonders dicht. Vorsichtig schob Bond die Büschel zur Seite, legte die frisch aufgegrabene Stelle frei und fühlte mit den Fingern nach: Es war nur einer da, glatt und in Ziegelform. Man brauchte Kraft, um ihn aufzuheben. Bond wischte die Erde von dem stumpf-gelben Metall, wickelte den Barren in sein Taschentuch, klemmte ihn unter die Jacke, kletterte wieder hinauf und betrat die leere Straße.

6

Bond war mit sich zufrieden. Nun würde eine Menge Leute sehr böse auf Goldfinger sein! Zwanzigtausend Pfund weniger! Jetzt würde man Pläne ändern, Verschwörungen verschieben müssen. Vielleicht waren sogar Menschenleben gerettet. Und wenn es je zu Nachforschungen kam, so würde man die Schuld einem herumstrolchenden Vagabunden geben.

Bond ließ den Barren durch eine verdeckte Klappe unter den Passagiersitz gleiten. Gefährliches Zeug! Er mußte sehen, ihn an der nächsten Dienststelle loszuwerden. Der Gesandtschaftskurier würde ihn nach London mitnehmen, und Bond mußte so schnell wie möglich Bericht erstatten, denn der Vorfall bestätigte vieles. Möglicherweise informierte M sogar das Deuxieme und ließ die Brücke überwachen, um zu sehen, wer hinkam. Hoffentlich nicht ausgerechnet jetzt, wo Bond sich an Goldfinger heranpirschte!

Bond fuhr wieder los. Noch vor Mâcon hatte er auf zuschließen und die nächste Abzweigung richtig zu erwischen: Genf oder Lyon. Auch das Problem mit dem Mädchen mußte gelöst werden. Und schließlich mußte er noch irgendwo anhalten, um etwas zu essen. Es war ein Uhr, und der Anblick des essenden Goldfinger hatte ihn hungrig gemacht.

»Homer« wurde lauter: Man war in den Vororten von Mâcon. Bond mußte noch dichter heran, auch wenn er gesehen wurde. Der starke Verkehr würde seinen niedrigen Wagen schon decken. Würde der Rolls die Saône in Richtung zur Straße nach Bourg überqueren oder an der Brücke nach rechts zur N 6 nach Lyon abbiegen? Weit unten in der Rue Rambuteau schimmerte es gelb. Über die Eisenbahnbrücke und den kleinen Platz fuhr der hohe gelbe Kasten weiter zum Fluß. Die Passanten blieben stehen und sahen dem leuchtenden Wagen nach. Der Rolls fuhr geradeaus weiter, also Richtung Schweiz! Man durchquerte die Vorstadt St. Laurent. Jetzt ein Fleischer, ein Bäcker und ein Weinhändler! Auf hundert Meter sah er den vergoldeten Kalbskopf in die Straße ragen. Bond warf einen Blick in den Rückspiegel: der Triumph war ganz knapp hinter ihm! Wie lange schon? Seit seiner Einfahrt in die Stadt hatte Bond nur Augen für den Rolls gehabt. Sicher hatte sie in einer Seitengasse auf der Lauer gelegen. Das schloß jeden Zufall endgültig aus - also mußte etwas geschehen. Tut mir leid, Liebling, jetzt passiert’s! Ich werde so zart wie möglich sein, nimm dich zusammen! Sie waren vor dem Fleischerladen, als er plötzlich anhielt und den Rückwärtsgang einschaltete: ein Krachen, er stellte den Motor ab und stieg aus.

Er ging um den Wagen herum. Das Mädchen hatte ein zorn-verzerrtes Gesicht. Aus dem Wagen baumelte ein attraktives Nylonbein, an dem man sekundenlang bis zum weißen Schenkel hinaufsah. Sie nahm die Brille ab und pflanzte sich breitbeinig, die Arme in die Seiten gestemmt, vor Bond auf.

Die hintere Stoßstange des Aston Martin steckte tief in dem Blechsalat aus Frontlichtern und Kühlerhaube. Bond sagte freundlich: »Wenn Sie mich nochmals da anrühren, müssen Sie mich heiraten!« Er war mit dem Satz noch nicht fertig, da hatte er auch schon seine Ohrfeige weg. Bond rieb sich die Wange, aus der gaffenden Menge kam Beifall.

Ihr Zorn war noch nicht verraucht. »Sie Idiot! Was haben Sie da angestellt?« Bond dachte: Hübsche Mädchen müßten immer zornig sein, dann wären sie geradezu schön! Er sagte: »Ihre Bremsen sind aber nicht viel wert.«

»Frechheit! Sie sind in mich hineingefahren!«

»Der Schalthebel ist mir abgerutscht, und Sie waren so nahe dran.« Es war Zeit, sie zu beruhigen. »Es tut mir entsetzlich leid, ich komme natürlich für alles auf! Sehen wir uns den Schaden mal an. Versuchen Sie, zurückzufahren!« Bond setzte einen Fuß auf die beschädigte Stoßstange und wippte.

»Rühren Sie ihn nicht an!« Wütend quetschte sie sich in den Führersitz, drückte auf den Anlasser. Unter der Haube klirrte es. Sie stellte ab und lehnte sich heraus: »Da haben Sie’s, Sie Idiot! Der Ventilator ist eingedrückt!«

Das hatte Bond gehofft. Er stieg in seinen Wagen und löste sich vorsichtig von dem Triumph, dessen Scherben nun aufs Pflaster klirrten. Bond stieg wieder aus. Die Menge hatte sich inzwischen zerstreut, und ein Mann im Mechanikeranzug erbot sich, einen Abschleppwagen zu rufen. Bond ging zu dem Triumph zurück, neben dem das Mädchen ihn erwartete. Sie war jetzt gefaßter, und Bond bemerkte, daß sie ihn musterte. Er sagte: »Es wird schon nicht so arg sein! Wahrscheinlich ist der Ventilator schiefgedrückt. Man wird provisorische Scheinwerfer einsetzen, das Chrom ausbeulen, und morgen früh können Sie wieder losfahren. Freilich«, Bond griff nach der Brieftasche, »für Sie ist es sehr ärgerlich, wo Sie doch gar nichts für die Sache können. Bitte, hier sind tausend Francs für die Reparatur und alle sonstigen Auslagen. Nehmen Sie sie, bitte, an und verzeihen Sie! Ich würde ja gern hierbleiben und Ihnen behilflich sein, aber ich habe heut’ abend eine Verabredung und muß weiter.«

»Nein.« Sie sagte es kühl und entschieden, hielt die Hände auf den Rücken und wartete. »Auch ich habe heute eine Verabredung. Ich muß unbedingt nach Genf, heute noch! Würden Sie mich, bitte, mitnehmen? Es sind ja nur hundertsechzig Kilometer, das machen wir in zwei Stunden mit dem da!« Sie wies auf den D.B.III. »Tun Sie es, bitte.«

In ihrer Stimme lag verzweifelte Dringlichkeit.

War sie etwas anderes als nur ein hübsches Ding, das sich von Goldfinger ansprechen lassen oder ihn erpressen wollte? In ihren Zügen war zuviel Charakter, zuviel Offenheit. Auch ihre Kleidung war eher dezent: eine weiße, seidene Hemdbluse mit offenem Kragen und weiten, an den Gelenken gerafften Ärmeln, die Nägel waren nicht lackiert, der einzige Schmuck war ein Goldring am linken Ringfinger - war sie verlobt oder nicht? Der breite, gestickte Ledergürtel schloß mit zwei Messingschnallen über dem graphitgrauen, kurzen Faltenrock. Die schwarzen, eleganten Sandalen sahen teuer aus. Das einzig Bunte an ihr war das rosa Kopftuch in ihrer Hand. Im ganzen ein sportlicher Typ, etwa ein Mitglied des englischen Damenskiteams oder eine passionierte Springreiterin.

Bond überlegte. Würde sie ihn zu sehr stören? Und wie bald wäre er sie los, um sich seiner eigenen Sache widmen zu können? Aber seine Neugierde wog Nachteile auf: Wer war sie, was hatte sie vor? Hatte er nicht ein Märchen um sie gesponnen, das sich jetzt zu verwirklichen schien? Und außerdem mußte man einer Frau in Bedrängnis beistehen. So sagte er kurz: »Aber gern! Laden wir gleich Ihr Gepäck um!« Er hielt ihr seine Börse hin: »Hier, besorgen Sie uns etwas zu essen. Ich kümmere mich inzwischen um eine Garage.«

Ihre Blicke trafen und verstanden sich. Sie nahm das Geld. »Danke. Ich besorge uns gleich das Nötige.« Sie ging zum Kofferraum ihres Triumph und schloß ihn auf. »Nein, nein, ich mach’ das schon selbst!« Ein Sack Golf Schläger und ein teuer aussehendes Köfferchen kamen zum Vorschein. Sie trug beides zum Aston Martin hinüber, lehnte nochmals jede Hilfe ab und verstaute alles neben Bonds Koffer. Dann holte sie noch die große, schwarzbestickte Schultertasche.

Bond sagte: »Welchen Namen und welche Adresse soll ich angeben?«

»Wie bitte?«

Er wiederholte seine Frage. Würde nun eines von beiden oder beides falsch sein?

Sie sagte: »Keine feste Adresse. Sagen wir das Hôtel des Bergues in Genf. Der Name ist Soames, Miss Tilly Soames.« Sie hatte nicht gezögert. Nun ging sie in den Fleischerladen.

Eine Viertelstunde später waren sie unterwegs. Sie saß aufrecht und blickte auf die Straße, der »Homer« brummte schwach. Goldfinger mußte schon achtzig Kilometer voraus sein! Bond beeilte sich. Sie sausten durch Bourg und bei Pont d’Ain über die Brücke. Jetzt waren sie in den Vorläufern des Jura, da kamen die S-Kurven der N 84! Bond durchfuhr sie, als war’s eine Alpenwertungsfahrt. Nachdem das Mädchen zweimal gegen ihn gestoßen war, hielt sie sich am Handgriff fest und ging mit, als wäre sie sein Ersatzfahrer. Einmal, nach einem besonders scharfen, trockenen Schleudern, das sie fast aus der Kurve getragen hätte, sah Bond zu ihr hinüber: Ihre Lippen waren geöffnet, die Nasenflügel bebten und die Augen leuchteten. Also gefiel es ihr.

Sie erreichten die Paßhöhe, und hinunter ging’s zur Schweizer Grenze! Der »Homer« gab jetzt ein stetiges Heulen von sich. Bond dachte: Jetzt muß ich mich zurückhalten, sonst treffen wir sie beim Zoll. Er griff unter das Armaturenbrett und stellte das Geräusch leiser. Dann fuhr er an den Straßenrand. Sie blieben im Wagen und nahmen nahezu schweigend das Picknick ein, wobei jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Nach zehn Minuten fuhr Bond wieder los. Ruhig ging es die Kurven zwischen den rauschenden jungen Fichten hinunter.

»Was ist das für ein Lärm?« fragte sie.

»Der Verteiler jault. Beim Schnellerfahren wird’s ärger. Seit Orléans. Ich muß es heut’ abend reparieren lassen.«

Sie schien es zu glauben und fragte schüchtern: »Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu weit von Ihrem Weg abgebracht!«

Bond sagte freundlich: »Nicht im geringsten! Ich fahre auch nach Genf, aber vielleicht bleibe ich die Nacht nicht dort, das hängt von meiner Verabredung ab. Wie lange bleiben Sie?«

»Ich weiß nicht. Ich spiele Golf, in Divonne findet eine offene

Damenmeisterschaft statt. Ich bin zwar nicht diese Klasse, aber versuchen kann man’s ja. Und außerdem möchte ich noch auf ein paar anderen Plätzen spielen.«

Das mochte ja stimmen, aber die ganze Wahrheit war es sicher nicht! Bond fragte weiter: »Spielen Sie viel Golf? Auf welchem Platz in England?«

»Ziemlich viel, in Temple.«

»Wohnen Sie in der Nähe?«

»Ich habe eine Tante in Henley. Und was machen Sie in der Schweiz? Urlaub?«

»Geschäft. Import-Export.«

»Ach so!«

Bond lächelte in sich hinein. Der reine Bühnendialog!

Sie kamen jetzt an die Grenze. Ein langes gerades Straßenstück gab den Blick auf die französische Zollstation frei.

Sie gab ihm keine Möglichkeit, ihren Paß zu sehen. Sobald der Wagen hielt, sagte sie etwas von »sich zurechtmachen« und verschwand bei den »Damen«. Bond hatte die Kontrolle schon passiert und hatte gerade mit dem Triptik zu tun, als sie mit ihrem bereits gestempelten Paß erschien. Beim Schweizer Zoll mußte sie plötzlich etwas aus ihrem Koffer holen, und Bond fand keine Zeit, ihren Bluff aufzudecken.

Er beeilte sich, Genf zu erreichen, und fuhr dort vor dem imposanten Eingang des Bergues vor. Der Gepäckträger nahm ihren Koffer und die Golfschläger. Vor der Tür reichte sie Bond die Hand:

»Adieu.« Die aufrichtigen blauen Augen blieben ungerührt. »Und vielen Dank noch, Sie fahren großartig!« Der Mund lächelte. »Kaum zu glauben, daß Sie in Macon den falschen Gang erwischt haben!«

Bond zuckte die Achseln. »Passiert nicht oft, aber diesmal bin ich froh darüber. Wenn ich meine Sache erledigt habe, könnten wir uns vielleicht wiedersehen.«

»Das wäre nett.« Ihre Stimme verriet das Gegenteil. Sie wandte sich um und schritt durch die Drehtür.

Bond eilte zu seinem Wagen. Zum Teufel mit ihr! Jetzt nichts wie Goldfinger nach und dann zu dem kleinen Büro auf dem Quai Wilson! Er drehte am »Homer« und wartete zwei Minuten. Goldfinger war in der Nähe, entfernte sich aber. Entweder folgte er dem linken oder dem rechten Seeufer. Dem Ton nach war er mindestens einen Kilometer außerhalb der Stadt. Aber wo? Links, auf dem Weg nach Lausanne? Rechts, nach Evian? Doch der D.B.III war schon auf der Straße nach links. Bond beschloß, seiner Nase zu folgen.

Er erblickte die gelbe Silhouette kurz vor Coppet. Rasch fuhr er hinter einen Laster. Als er das nächstemal Ausschau hielt, war der Rolls verschwunden. Bond fuhr weiter und behielt die linke Straßenmitte im Auge. Beim Dorfeingang kam eine hohe Mauer mit solidem, geschlossenem Gittertor. Staub hing in der Luft. Eine unauffällige Tafel verkündete in verblichenem Gelb auf blauem Grund »Entreprises Auric S.A.«.

Bond fuhr bis zur nächsten Abzweigung links. Er folgte ihr bis zu einer Straße, die durch die Weingärten zum Wald hinter Coppet führt. Unter den Bäumen hielt er an. Er mußte jetzt gerade oberhalb der Entreprises Auric sein. Den Feldstecher! Er stieg aus und folgte einem Fußweg zum Dorf hinunter. Bald lief zu seiner Rechten ein Eisengitter, das oben durch gerollten Stacheldraht gesichert war. Hundert Meter hügelab ging es in eine hohe Steinmauer über. Langsam schritt Bond den Pfad zurück und hielt Ausschau nach jenem Durchschlupf, den die Dorfkinder gemacht haben müßten, um an die Kastanienbäume zu gelangen. Er fand ihn: Zwei Gitterstangen waren gerade so weit auseinandergebogen, daß ein kleiner Körper durchschlüpfen konnte. Bond erweiterte die Öffnung und kroch hindurch.

Vorsichtig und auf dürre Zweige achtend, bewegte er sich unter den Bäumen weiter. Sie wurden lichter, und hinter einem kleinen manoir tauchten ein paar niedrige Gebäude auf. Bond bezog Posten hinter dem dicken Stamm einer Tanne. Das nächste Gebäude war etwa hundert Meter entfernt. Mitten in dem offenen Hof stand der staubige Silver Ghost.

Bond griff zum Feldstecher und suchte alles genau ab. Das Haus selbst war ein wohlproportionierter Rohziegelquader mit Schieferdach. Es hatte zwei Stockwerke und eine Mansarde, wahrscheinlich vier Schlafzimmer und zwei Haupträume. Seine Mauern waren zum Teil von einer sehr alten, blühenden Glyzinie überwuchert. Die Hintertür führte auf den großen, gepflasterten Hof mit dem Rolls. Zu Bond hin öffnete sich der Hof, seine beiden übrigen Seiten waren durch einstöckige Wellblechschuppen begrenzt, über deren gemeinsamer Ecke sich ein hoher Blechrauchfang mit Windhaube erhob. Darüber drehte sich ein Gebilde mit quadratischer Öffnung, das Bond an einen Decca Navigator erinnerte - ein Radarsucher, wie man ihn auf der Brücke vieler Schiffe sieht. Der Apparat drehte sich gleichmäßig, und Bond konnte sich nicht vorstellen, welchen Zweck er haben sollte.

Plötzlich kam Bewegung in das Bild: Von irgendwo schlug es blechern fünf, die Hintertür des Hauses ging auf, Goldfinger erschien, immer noch im weißen Automantel, doch ohne Haube. Ihm folgte ein komisch-beflissenes Männchen mit Bürstenschnurrbart und Hornbrille. Goldfinger wirkte zufrieden. Er trat an den Rolls und klopfte auf die Motorhaube. Der andere lachte höflich, zog eine Signalpfeife aus der Westentasche und pfiff. Die Tür der Werkstatt zur Rechten flog auf, vier Arbeiter in blauen Overalls traten heraus und gingen zum Wagen. Aus der offenen Tür drang surrender Lärm, ein schwerer Motor begann zu arbeiten und verfiel in das rhythmische Stampfen, das Bond schon von Reculver her kannte.

Die vier Männer verteilten sich rings um den Wagen. Auf ein Wort des Männchens, das offenbar der Werkmeister war, begannen sie, den Silver Ghost zu zerlegen. Sie hoben die vier Türen aus, entfernten die Motorhaube und machten sich dann an die Kotflügel. Plötzlich erschien Faktos schwarze Gestalt in der Hintür des Hauses. Goldfinger ging hinein und ließ die Arbeiter weitermachen.

Nun war’s aber Zeit zu verschwinden! Bond blickte sich nochmals vorsichtig um, prägte sich die Lage ein und schlich unter den Bäumen zurück.

»Ich komme von Universal Export.«

»Ach ja?« Über dem Schreibtisch hing eine Reproduktion des Annigoni-Porträts der Königin. Die anderen Wände waren mit Reklamebildern von Fergusontraktoren und anderen landwirtschaftlichen Maschinen bedeckt. Durch das breite Fenster brandete der Verkehrslärm des Quai Wilson. Ein Dampfer tutete. Bond blickte aus dem Fenster und sah ihn eine zauberhafte Kielwasserspur quer über den abendlich makellosen Seespiegel ziehen. Dann blickte er wieder in die höflich fragenden Augen des Geschäftsmannes.

»Wir hoffen, mit Ihnen Geschäfte zu machen.«

»Welche Art Geschäfte?«

»Bedeutende.«

Der Mann begann zu lächeln. »Sie sind 007, nicht wahr? Aber ich war nicht ganz sicher. Also, was kann ich für Sie tun?« Die Stimme wurde vorsichtig. »Nur eines, machen Sie’s rasch und verschwinden Sie! Seit der Dumontsache paßt man teuflisch auf. Man ist über mich im Bilde - die hiesigen und Redland. Alles natürlich ganz friedlich, aber Sie wollen doch sicher ungeschoren bleiben!«

»Das überrascht mich nicht. Aber es ist nur eine gewöhnliche Meldung. Hier«, Bond knöpfte sein Hemd auf und holte den schweren Barren heraus, »schicken Sie das, bitte, zurück! Und bei Gelegenheit geben Sie folgendes durch.« Der Mann zog einen Block heran und stenografierte mit.

Nachdem Bond geendet hatte, steckte der Schreiber den Block in die Tasche. »Wird erledigt, Meldung geht um Mitternacht ab.

»Und das« - er wies auf den Barren - »kann für den Kurier nach Bern gehen. Sonst noch was?«

»Eine Frage. Haben Sie je von den Entreprises Auric in Coppet gehört? Wissen Sie zufällig, was die machen?«

»Ich weiß nur, was jedes Maschinengeschäft in der Gegend weiß. Wollte ihnen letztes Jahr einen Posten Handnietapparate verkaufen. Sie machen Metallmöbel für Fluglinien.«

»Welche?«

Der Mann zuckte die Achseln. »Ich habe gehört, daß sie für Mecca arbeiten, die Charterlinie nach Indien, deren Ausgangspunkt Genf ist. Eine ziemliche Konkurrenz für All India. Mecca ist in Privatbesitz, Auric sollen daran beteiligt sein. Kein Wunder, daß sie den Kontrakt für die Sitze haben.«

Ein grimmiges Lächeln war auf Bonds Gesicht erschienen. Er stand auf und streckte die Hand aus: »Sie haben jetzt in weniger als einer Minute ein ganzes Puzzle zusammengesetzt! Besten Dank und alles Gute fürs Traktorengeschäft! Hoffentlich sehen wir uns mal wieder.«

Unten machte Bond, daß er in seinen Wagen und den Quai hinunter zum Bergues kam. So also sah die Sache aus! Da hatte er zwei Tage lang diesen gepanzerten Silver Ghost durch Europa verfolgt. Drüben in Kent hatte er die Montage der letzten Panzerplatte mit angesehen, hier in Coppet war er Zeuge gewesen, wie die Panzerung Stück für Stück abgenommen worden war. Nun waren die Platten wohl schon in den Schmelzöfen, bereit, sich in siebzig Sitze einer Mecca Constellation zu verwandeln. Und wenige Tage später würden diese Sitze in Indien gegen Aluminiumsitze ausgetauscht werden. Wieviel würde Goldfinger dann verdient haben? Eine halbe Million Pfund? Eine ganze?

Denn der Silver Ghost war gar nicht silbern! Er war ein »Goldener Geist«. Die ganzen zwei Tonnen seiner Panzerung waren durch und durch achtzehnkarätiges Weißgold!