7

Bond mietete sich im Hôtel des Bergues ein, nahm ein Bad und kleidete sich um. Sollte er die Walther-PPK mitnehmen oder nicht? Lieber nicht! Wenn er schon das Pech hätte, gesehen zu werden, dann würde ein Kampf nur alles verderben. Er hatte seine Geschichte bereit, keine sehr gute, aber doch so, daß sie zu seiner Rolle paßte. Das mußte genügen. So wählte er lediglich ein bestimmtes Paar Schuhe, die schwerer waren, als sie aussahen.

Beim Portier fragte er nach Miss Soames. Wie zu erwarten, gab es keinen Gast dieses Namens. Die Frage war nur, ob sie abgereist war oder unter anderem Namen logierte.

Über die schöne Montblanc-Brücke fuhr Bond zur Bavaria, jener einfachen elsässischen brasserie, dem Treffpunkt der Großen in den Tagen des Völkerbundes. Er wählte einen Fensterplatz, nahm einen Enzian und spülte mit hellem Löwenbräu nach. Dann überlegte er. Kein Zweifel, Goldfinger finanzierte ein

Spionagenetz, wahrscheinlich SMERSH, und verdiente ein Vermögen mit dem Goldschmuggel nach Indien. Nach dem Verlust seines Brixham-Fischdampfers ließ er nun die Panzerplatten seines Wagens jeweils durch achtzehnkarätiges Weißgold ersetzen, dessen Nickel-Silber-Legierung genügend Härte besaß und dessen Farbe ihn nicht einmal bei einem Zusammenstoß verraten würde. Wäre Goldfinger nicht ein so unangenehmer Mensch gewesen, hätte er nicht ausgerechnet für SMERSH gearbeitet, Bond hätte für diesen Riesengauner Bewunderung empfunden, dessen Unternehmungen sogar der Bank von England Sorgen bereiteten!

Es war acht Uhr geworden. Der Enzian begann Bond innerlich zu wärmen und seine Spannung zu mildern. Er bestellte noch einen doppelten, dazu eine Portion Sauerkraut mit Wurst und Speck und eine Karaffe Pendant.

Was aber mochte das Mädchen wollen? Golf? Bond erhob sich und ging zur Telefonzelle am Ende des Saales. Er rief das Journal de Genève an und verlangte den Sportredakteur. Der war recht hilfsbereit, staunte jedoch über Bonds Frage. »Damenmeisterschaft?« Nein, die verschiedenen Meisterschaften wurden natürlich im Sommer ausgetragen, sobald die ausländischen Wettspiele zu Ende waren! Man bekam sonst zuwenig amerikanische und englische Spieler herein, die das Publikumsinteresse erhöhten.

Bond ging zu seinem Tisch zurück und aß weiter. Also eine Dilettantin! Niemand vom Fach hätte einen Vorwand benützt, der durch einen einzigen Anruf aufzudecken war. Und er hatte schon erwogen - ungern, denn sie war ihm sympathisch -, ob sie nicht eine SMERSH-Agentin sei, die Goldfinger oder Bond im Auge behalten sollte, vielleicht beide!

Bond bestellte eine Portion Gruyere, Pumpernickel und Kaffee. Nein, sie war ihm ein Rätsel. Er konnte nur hoffen, sie verfolgte keine privaten, ihn oder Goldfinger betreffenden Pläne, die seine Arbeit stören würden!

Denn seine Arbeit war nahezu getan. Er brauchte sich nur noch mit eigenen Augen von der Richtigkeit seiner Vermutung zu überzeugen. Ein Blick in die Fabrik in Coppet, ein einziges Weißgoldpartikel - und er konnte noch heute nacht den diensthabenden Beamten in Bern informieren! Dann würde alles wie von selbst abrollen: Die Bank von England würde in aller Stille Goldfingers sämtliche Guthaben blockieren, und die Schweizer Bundespolizei würde vielleicht schon morgen an das Tor der Entreprises Auric klopfen. Nach Goldfingers Auslieferung würde dieser nach einem ruhigen Prozeß ein paar Jahre bekommen, die Staatsbürgerschaft würde ihm aberkannt und sein Goldschatz in die Kellertresore der Bank von England zurückgebracht werden. Und bei SMERSH würden sie Bonds anschwellender Zapiska zähneknirschend ein weiteres Blatt hinzufügen.

Zeit für die letzte Runde! Bond zahlte, trat hinaus und bestieg seinen Wagen.

Langsam überquerte er die Rhone und reihte sich in den abendlichen Verkehr auf dem hellerleuchteten Kai. Die Nacht war für seine Absichten nur halbwegs geeignet: Der Schein des zunehmenden Mondes gab gute Sicht, hingegen erschwerte die Windstille das Anschleichen. Noch einmal vergegenwärtigte Bond sich die Ortsverhältnisse und den Weg, während er den Wagen automatisch die breite Landstraße längs des nächtlich stillen Sees hinunterlenkte.

Er nahm denselben Weg wie am Nachmittag. Nachdem er von der Hauptstraße abgebogen war, fuhr er mit Standlichtem. Schließlich lenkte er den Wagen von der Seitenstraße auf eine Waldlichtung, stellte den Motor ab, blieb sitzen und lauschte: Nur das leise Knacksen des erhitzten Metalls unter der Haube und das rasche Ticken der Uhr am Armaturenbrett waren hörbar. Er stieg aus, schloß geräuschlos ab und schlich den schmalen Pfad zwischen den Bäumen hinunter.

Das schwere Stampfen des Aggregats wurde vernehmbar, ein irgendwie bedrohliches Geräusch. Bond schlüpfte durch die Öffnung des Gitters und spähte mit angespannten Sinnen zwischen den mondbeschienenen Bäumen nach vorn. Das schwere Stampfen war überall. Bond straffte die Muskeln und schlich vorwärts, Schritt für Schritt die dürren Zweige beiseite räumend und behutsam, als durchquere er ein Minenfeld.

Die Bäume wurden spärlicher. Nun mußte bald der Stamm kommen, den er heute nachmittag als Deckung benutzt hatte! Er hielt danach Ausschau - und blieb mit fliegendem Puls stehen. Neben dem Stamm seines Baumes, eng an den Boden gepreßt, lag jemand!

Tief und langsam atmend, um den Schreck loszuwerden, ließ Bond sich auf Hände und Knie sinken und starrte hinüber.

Die Gestalt bewegte sich, nahm vorsichtig eine andere Lage ein. Windhauch strich durch die Baumkronen, und in dem tanzenden Mondlicht sah Bond flüchtig volles, schwarzes Haar, einen schwarzen Sweater und enge schwarze Hosen. Und noch etwas fiel ihm auf: ein gestreckter, metallischer Schimmer, der von dem schwarzen Haar am Stamm vorbei nach vorn ins Gras lief.

Verdrießlich sah Bond zwischen seinen Händen zu Boden. Es war Tilly. Da lag sie nun und beobachtete das Gebäude. Und hatte ein Gewehr im Anschlag! Ein Gewehr, das zwischen ihren harmlosen Golfschlägern gesteckt haben mußte.

Langsam beruhigte er sich wieder. Egal, wer sie war und was sie wollte! Er schätzte den Abstand, berechnete die Schritte und den letzten Sprung: linke Hand an die Gurgel, die rechte aufs Gewehr. Jetzt!

Dumpf prallte er auf den Rücken des Mädchens. Der Aufschlag preßte ihr hörbar die Luft aus den Lungen. Seine Linke lag an ihrer Kehle und fand die Schlagader, seine Rechte griff nach dem Gewehrkolben, drückte ihre Finger weg, spürte, daß die Waffe gesichert war und stieß sie zur Seite.

Bond ließ den Hals los und hielt ihr den Mund zu. Sie rang nach Luft, war aber noch ohnmächtig. Vorsichtig hielt er ihr die Hände auf dem Rücken fest. Als sie zu zappeln begann, drückte er mit Bauch und Hüften ihre Beine nieder. Atemlos versuchte sie zu beißen. Er rutschte an ihr hinauf und flüsterte ihr ins Ohr: »Tilly, um Himmels willen, still! Ich bin’s, Bond. Es ist wichtig. Wollen Sie still sein und zuhören?«

Sie hörte auf, sich zu wehren, nickte. Bond gab sie frei, lag nun neben ihr, hielt ihr aber die Hände noch auf dem Rücken fest. Er flüsterte: »Kommen Sie wieder zu Atem, aber sagen Sie mir eines: Sie sind hinter Goldfinger her?«

Sie flüsterte wütend: »Umbringen wollt’ ich ihn!«

Bond ließ ihre Hände los. Sie schob sie unters Kinn. Ihr Körper zitterte, und Bond suchte sie zu beruhigen, indem er ihr übers Haar strich. Vorsichtig prüfte er dabei die unverändert friedliche Lage dort unten. Unverändert? Das Radargerät auf der Schornsteinkappe harte aufgehört, sich zu drehen: Sein rechteckiges Maul blickte nun in ihre Richtung. Bond maß dem keine Bedeutung bei. Das Mädchen hatte sich beruhigt. Er flüsterte: »Keine Angst, auch ich bin hinter ihm her und werde ihm mehr schaden, als Sie es je gekonnt hätten. Ich handle im Auftrag von London. Was hat er Ihnen getan?«

»Er hat meine Schwester umgebracht. Sie haben sie gekannt - Jill Masterton.«

Grimmig fragte er: »Wie ist das passiert?«

»Einmal im Monat nimmt er eine Frau. Jill hat’s mir gesagt, als sie die Stelle bei ihm hatte. Vorher versetzt er sie in Hypnose und läßt sie vergolden.«

»Himmel! Warum?«

»Das weiß ich nicht. Jill sagte mir, er sei besessen vom Gold. Ich nehme an, daß

- irgendwie wird er glauben, er nimmt vom Gold Besitz, wenn er - daß er das Gold heiratet, gewissermaßen. Irgend so ein Koreaner muß die Frauen bestreichen, aber das Rückgrat frei lassen, damit die Hautatmung nicht ganz unterbunden wird, sonst würden sie sterben. Nachher wäscht er sie mit einem Harz wieder ab. Goldfinger zahlt ihnen tausend Dollar und schickt sie weg.«

Im Geiste sah Bond den schrecklichen Fakto mit einem Topf voll Goldfarbe, während Goldfinger mit irrem Besitzerstolz auf die glitzernde Statue starrte. »Und was war mit Jill?«

»Sie hat telegraphiert, ich solle kommen. Sie lag in Miami, in der Unfallabteilung, im Sterben. Goldfinger hatte sie hinausgeworfen. Die Ärzte wußten nicht, was los war, aber sie sagte es mir. Sie starb noch in derselben Nacht.« Das Mädchen erzählte sachlich-nüchtern. »Wieder in England, konsultierte ich Train, den Hautspezialisten, der erzählte mir von der Sache mit der Hautatmung. Einem Kabarettgirl war das gleiche zugestoßen, sie hatte als

Silberstatue auftreten müssen. Er erklärte mir die Einzelheiten des Falls, zeigte mir auch den Sektionsbefund. Jetzt wußte ich, wie Jill gestorben war. Goldfinger muß Rache dafür genommen haben, daß - daß sie mit Ihnen gegangen war.« Sie machte eine Pause, sprach weiter: »Sie hat mir von Ihnen erzählt. Und sie bat mich, wenn ich Sie je treffen sollte, Ihnen diesen Ring zu geben.«

Bond preßte die Augen zusammen, kämpfte mit einem Anfall psychischer Übelkeit. Noch mehr Blut an seinen Händen! Diesmal als Folge eines leichtfertigen Bravourstücks, das zu vierundzwanzig Stunden Ekstase mit einem schönen Mädchen geführt hatte! Und diesen kleinen Seitenhieb gegen sein Selbstgefühl hatte Goldfinger tausend-, ja millionenfach vergolten! »Sie hat gekündigt.« Mit welcher Genugtuung mußte Goldfinger ihm in Sandwich diese dürren Worte gesagt haben! Bond ballte die Fäuste. Dieser Tod war nicht Teil seiner Arbeit. An ihm würde er sein Leben lang tragen müssen.

Ein pfeifendes Zischen, ein trockener Aufschlag - und vor Bonds Augen bebten die Aluminiumfedern des Stahlpfeils, der sich schräg in den Stamm gebohrt hatte! Langsam, fast gleichgültig drehte Bond den Kopf.

Zehn Meter weiter, vom Mond halb beleuchtet, stand in sprungbereiter Judostellung die Gestalt mit der schwarzen Melone. Der gestreckte linke Arm hielt den stählernen Bogen, der rechte lag mit aufgelegtem Pfeil angewinkelt an der Wange. Die Pfeilspitze zielte genau herüber.

Bond hauchte: »Keine Bewegung!« Laut sagte er: »Hallo, Fakto. Verdammt guter Schuß!«

Fakto schob den Pfeil höher.

Bond stand auf, trat vor das Mädchen, wobei er kaum hörbar sagte: »Er darf das Gewehr nicht sehen.« Dann wandte er sich mit friedfertiger Beiläufigkeit an Fakto: »Einen hübschen Besitz hat Mr. Goldfinger da. Ich möchte mal mit ihm sprechen, heut’ ist’s aber schon etwas spät. Sagen Sie ihm doch, ich käme morgen vorbei!« Und zu dem Mädchen: »Komm, Liebling, Schluß mit dem Waldspaziergang. Es ist Zeit, zum Hotel zu fahren.« Er begann, in Richtung Zaun zu gehen.

Fakto stampfte mit dem vorgestellten Fuß. Wieder wies die Pfeilspitze auf Bonds Magen.

»Oargn.« Fakto wies mit dem Kopf gegen das Haus.

»Oh, Sie glauben, er würde uns jetzt noch empfangen? Na schön. Und wir werden bestimmt nicht stören? Dann komm, Liebling.« Bond schritt voran, links an dem Baum vorbei, hinter dessen Stamm das Gewehr im schattigen Gras lag.

Während sie langsam den Hügel hinuntergingen, raunte Bond dem Mädchen zu: »Sie sind meine Freundin, ich habe Sie aus England mitgebracht. Tun Sie erstaunt. Wir sind in Gefahr, versuchen Sie nichts!« Er wies mit einer

Kopfbewegung auf Fakto. »Der Mann ist ein Mörder.«

Verärgert gab sie zurück: »Wären Sie nur nicht dazwischengekommen!«

»Dasselbe gilt von Ihnen.« Dann nahm er’s zurück: »Tut mir leid, Tilly, so war’s nicht gemeint. Aber ich glaube nicht, daß Sie Erfolg gehabt hätten.«

»Ich hatte einen Plan. Um Mitternacht wäre ich über der Grenze gewesen.«

Bond antwortete nicht. Er hatte bemerkt, daß sich das Radarding über dem Schornstein wieder drehte. Also waren sie damit entdeckt worden! Wohl eine Art Tondetektor. Wie viele Tricks hatte dieser Mann denn noch im Ärmel? Dabei hatte Bond sich gehütet, Goldfinger zu unterschätzen! Harte er das wirklich? Vielleicht, wenn er seinen Revolver gehabt hätte . . . Nein. Bei diesem Koreaner hätte auch das rascheste Ziehen nichts vermocht.

Sie erreichten den Hof, die Hintertür des Hauses öffnete sich, und zwei weitere Koreaner, wohl die Diener aus Reculver, liefen im Schein des elektrischen Lichts auf sie zu. Sie trugen polierte Stöcke. »Halt!« Es war das wilde, ausdruckslose Grinsen, das Bond aus den Schilderungen der Abteilung J kannte, jener Männer, die in japanischer Gefangenschaft gewesen waren. »Durchsuchung. Kein Widerstand, sonst . . .« Pfeifend sauste der Stock durch die Luft. »Hände hoch!«

Langsam hob Bond die Hände und sagte: »Nicht reagieren, was immer sie tun.«

Fakto trat vor und beaufsichtigte in drohender Haltung die fachmännisch durchgeführte Leibesvisitation. Kalt beobachtete Bond die Hände an dem Mädchen und die grinsenden Gesichter. »Okay. Weiterkommen!«

Durch die offene Tür und einen gepflasterten Gang wurden sie zu der schmalen Vorhalle im Vordertrakt geführt. Fakto klopfte an eine Tür.

»Ja?«

Goldfinger saß an einem großen Schreibtisch, der mit wichtig aussehenden Papieren bedeckt war. An der Seite standen graumetallene Aktenschränke, und auf einem Tischchen in Goldfingers Reichweite waren ein Kurzwellenempfänger, ein Schaltbrett und ein emsig tickender Apparat aufgebaut, der wie ein Barograph aussah. Bond nahm an, dieser Apparat habe etwas mit ihrer Entdeckung zu tun. Goldfinger trug einen purpurfarbenen Samtsmoking über einem weißen Seidenhemd mit offenem Kragen. Der Hemdausschnitt gab ein Büschel orangefarbenen Brusthaars frei. Die großen porzellanblauen Augen zeigten nichts als durchdringende Härte.

Bond legte los: »Hören Sie zu, Goldfinger, was, zum Teufel, soll das heißen? Sie hetzen mir die Polizei auf den Hals wegen der zehntausend Dollar. Ich setze mich auf Ihre Spur, zusammen mit meiner Freundin hier, Miss Soames, und komme her, um zu erfahren, worauf Sie eigentlich hinauswollen. Wir sind über Ihren

Zaun geklettert, ich weiß, aber ich wollte Sie erwischen, solange Sie noch da sind. Dann kommt Ihr Affe daher und schießt mit seinen Pfeilen auf uns! Zwei weitere von Ihren Dreckkoreanern überfallen und durchsuchen uns! Was, zum Teufel, ist da los? Wenn Sie mir jetzt keine entsprechende Aufklärung geben, hetze ich Ihnen die Polizei auf den Hals!«

Goldfingers harter Blick blieb unverändert, als hätte er überhaupt nichts gehört. Nur die feingeschwungenen Lippen öffneten sich, sprachen: »Mr. Bond, ein Sprichwort in Chikago sagt: >Das erste Mal ist’s Zufall. Das zweite Mal Zusammentreffen. Beim dritten Mal ist’s Feindaktion.< Miami, Sandwich - und jetzt Genf: Ich habe die Absicht, die Wahrheit aus Ihnen herauszupressen.« Sein Blick glitt langsam über Bonds Kopf hinaus. »Fakto, der Druckraum.«

Dritter Teil

1

Bond reagierte automatisch, ohne zu denken. Mit einem Schritt nach vorn warf er sich über den Schreibtisch. Ringsum flatterten die Papiere, sein Kopf krachte gegen Goldfingers Brustbein, der Stoß warf Goldfinger in seinen Stuhl zurück, Bond stieß sich mit dem Fuß nochmals von der Schreibtischkante ab, sein neuerlicher Anprall kippte den Stuhl nach hinten, und während die beiden Körper in die splitternde Täfelung stürzten, faßte Bond nach Goldfingers Kehle und drückte seinen Daumen mit aller Kraft in dessen Kehlkopf ein. Dann schien das ganze Haus über ihm zusammenzubrechen, etwas wie ein Holzbalken traf ihn ins Genick, er rollte langsam von Goldfinger herab und blieb still liegen.

Die Lichtspirale, welche Bond durchsauste, ebnete sich langsam zur Scheibe, zu einem gelben Mond, der nach und nach zum glühenden Zyklopenauge wurde. Rund um den feurigen Augapfel stand etwas geschrieben, eine wichtige Botschaft, die Bond unbedingt entziffern mußte! Mühsam setzte er die winzigen Lettern zusammen: SOCIÉTÉ ANONYME MAZDA. Was bedeutete das? Ein scharfer Wasserstrahl traf sein Gesicht, biß ihn in die Augen, füllte ihm den Mund. Verzweifelt würgte er, wollte sich bewegen - und konnte es nicht. Sein Blick klärte sich, auch sein Kopf wurde freier, bis auf einen pulsierenden Schmerz im Nacken. Über ihm strahlte in einem großen, emaillierten Schirm eine starke Birne, und er selbst war auf eine Art Tisch an Hand- und Fußgelenken festgeschnallt. Seine Finger spürten das polierte Metall.

Die flache, unbeteiligte Stimme Goldfingers sagte: »Wir können anfangen.«

Bond blickte in die Richtung der Stimme, preßte die vom übermäßigen Licht geblendeten Augen zusammen, um besser sehen zu können. Goldfinger saß in Hemdsärmeln auf einem Klappstuhl, seine Kehle wies rote Druckspuren auf. Neben ihm lagen verschiedene Metallinstrumente vor einer Schalttafel. Zu seiner Seite war Tilly Masterton auf einem Stuhl festgebunden. Sie saß kerzengerade, sah unglaublich schön aus, war aber sichtbar noch unter Schockwirkung. Ihre Augen starrten Bond leer an.

Bond drehte den Kopf nach rechts: Da stand ganz nahe der Koreaner, wie stets mit Melone, nun aber bis zum Gürtel nackt. Die gelbe, schweißglänzende Haut seines riesigen Oberkörpers war völlig haarlos, ebenso Bizeps und Unterarme, die die Stärke von Oberschenkeln hatten.

Bond hob unter Schmerzen den Kopf und blickte rundum. Sie waren in einem der Fabrikräume. Weißliches Licht glühte um die Stahltüren zweier Elektroofen.

In Holzgestellen standen blauschimmernde Bleche, von irgendwoher kam das Surren eines Generators. Weiter weg hämmerte es, und hinter allem war das eiserne Pochen des Kraftaggregats.

Bond blickte den Tisch entlang, auf dem er lag - und ließ den Kopf mit einem Seufzer zurückfallen. Durch die polierte Stahlplatte lief der Führungsschlitz der Kreissäge direkt auf ihn zu und weiter unter das V seiner geöffneten Beine. Und am anderen Ende des Schlitzes warteten die glitzernden Zähne.

Bond starrte wieder auf die winzige Botschaft um die elektrische Birne, während Goldfinger in leichtem Konversationston zu sprechen begann.

»Mr. Bond, jetzt müssen Sie für die Neugierde bezahlen, die, wie Ihr Angriff beweist, feindlich ist. >Der Krug geht so lange zum Brunnen . . .< Diesmal werden gleich zwei Krüge brechen, denn ich fürchte, ich muß auch dieses Mädchen als Feind ansehen. Sie gab vor, im Bergues zu wohnen, aber ein Telefonanruf genügte. Im Wald fand Fakto das Gewehr und einen Ring, den ich kenne. Unter Hypnose ist der Rest herausgekommen: Dieses Mädchen wollte mich töten. Vielleicht wollten Sie das auch. Aber es ist mißlungen. Mr. Bond« - die Stimme war müde, blasiert -, »ich habe im Leben viele Feinde gehabt. Ich habe immer Erfolg und bin ungeheuer reich. Aber Reichtum - wenn ich einen meiner Aphorismen zum besten geben darf - Reichtum bringt zwar keine Freunde, erhöht aber Zahl und Varietät der Feinde.«

»Elegant formuliert.«

Goldfinger ignorierte es. »Mit Ihrem Talent, den Dingen nachzuspüren, könnten Sie in der ganzen Welt die Spuren jener finden, die mir übelwollen. Es waren ihrer viele, aber Sie würden feststellen, Mr. Bond, daß ihre Reste den plattgewalzten Igeln auf den Autostraßen gleichen.«

»Ein poetisches Bild.«

»Eben, Mr. Bond. Ich bin ein Poet, freilich in Taten und nicht in Worten. Ich bemühe mich, meinen Handlungen die wirkungsvollste Form zu geben. Doch das nur am Rande. Ich möchte Ihnen nur darlegen, daß es für Sie höchst unklug war, meinen Weg zu kreuzen und ein geringfügiges Projekt, an dem ich arbeitete, zu vereiteln. Damals wurde an Ihrer Statt jemand anders bestraft. Sie hatten Glück, und wenn Sie damals klug gewesen wären, hätten Sie sich gesagt: >Bond, du hast noch einmal Glück gehabt, halte dich fern von Mr. Auric Goldfinger, er ist ein mächtiger Mann. Wenn Mr. Goldfinger dich erdrücken will, dann braucht er sich nur im Schlaf umzudrehen.<«

»Sie drücken sich sehr plastisch aus.« Bond wandte ihm den Kopf zu. Die große, braunrote Schädelkugel war leicht nach vorn geneigt, das runde Mondgesicht mild und unbeteiligt. Jetzt langte die Hand zur Schalttafel und drückte einen Hebel. Von Bonds Tischende kam ein metallisches Rollen, das rasch anschwoll und zu einem kaum wahrnehmbaren hohen Singen wurde. Müde wandte Bond den Kopf ab. Der einzige Ausweg war hier der Tod. Auch wenn er Goldfinger die Wahrheit gestehen würde, könnte er niemals in Frieden mit sich selbst weiterleben. Nein, er mußte bei seiner fadenscheinigen Geschichte bleiben und konnte nur mehr hoffen, daß jene, die ihm nun auf Goldfingers Spur folgen würden, mehr Glück hätten. Wen würde M wohl auswählen? Wahrscheinlich 008, den zweiten Killer aus der kleinen Dreiergruppe. Ein guter Mann, vorsichtiger als Bond. M würde wissen, daß Goldfinger Bond getötet hatte, und gäbe 008 freie Hand zur Vergeltung. 258 in Genf würde ihn auf die Spur setzen, die mit Bonds Nachfrage nach den Entreprises Auric endete. Goldfinger würde seinem Schicksal nicht entgehen, wenn Bond dichthalten konnte! Anders entkäme er - und das war undenkbar.

»Nun also, Mr. Bond« - Goldfingers Stimme war scharf -, »genug der Freundlichkeiten. Singen Sie, wie meine Freunde in Chicago das ausdrücken, und Sie werden rasch und schmerzlos sterben, auch das Mädchen. Singen Sie aber nicht, so werden Sie sich langsam zu Tode schreien. Und das Mädchen bekommt Fakto, wie seinerzeit die Katze. Also, was ziehen Sie vor?«

Bond sagte: »Seien Sie nicht töricht, Goldfinger, bei Universal weiß man, wo ich bin, auch warum, und die Eltern des Mädchens wissen, daß sie mit mir ist. Ehe wir herkamen, habe ich Erkundigungen über Ihre Fabrik eingezogen. Man wird unsere Spur sehr leicht finden. Wenige Tage nach unserem Verschwinden haben Sie die Polizei im Haus! Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie lassen uns gehen, und man wird von der ganzen Sache nichts mehr hören. Für das Mädchen garantiere ich. Sie begehen da einen gefährlichen Irrtum, wir sind zwei völlig harmlose Leute!«

Aber Goldfinger sagte nur gelangweilt: »Ich fürchte, Sie verstehen mich noch immer nicht, Mr. Bond. Natürlich können Sie nur ganz wenig über mich in Erfahrung gebracht haben! Aber ich habe gigantische Dinge vor, und es wäre völlig absurd, auch nur einen von Ihnen am Leben zu lassen. Und was die Polizei betrifft - die werde ich gern empfangen. Von meinen Koreanern ist so wenig zu erfahren wie von den Mäulern dieser elektrischen Schmelzöfen, in denen Sie samt Ihrer Habe bei zweitausend Grad Celsius verdampfen werden. Nein, Mr. Bond, entscheiden Sie sich. Ich will Ihnen dazu helfen.« Bond hörte, wie ein Schalthebel gestellt wurde. »Die Säge nähert sich jetzt Ihrem Körper um zweieinhalb Zentimeter pro Minute. Inzwischen« - Goldfinger blickte auf Fakto und hielt einen Finger hoch - »eine kleine Massage durch Fakto. Zunächst nur der erste Grad.«

Bond schloß die Augen. Faktos widerlicher Raubtiergeruch hüllte ihn ein. Starke, schabende Finger begannen vorsichtig, fast zart, an ihm zu arbeiten. Ein Druck hier, ein Druck dort, ein plötzliches Quetschen, eine Pause, dann ein scharfer Schlag. Immer anatomisch richtig. Die Präzision eines Chirurgen. Bond biß die Zähne so sehr aufeinander, daß er dachte, sie müßten brechen. Der Schmerz trieb ihm den Schweiß in die Augenhöhlen. Dabei kam das Schrillen der Säge immer näher! Friede eurer Asche, ihr lustigen Herren vom Geheimdienst! Was würden seine berühmten letzten Worte sein? Daß man sich eine Geburt nicht aussuchen kann, wohl aber die Art, wie man stirbt? Ja, das würde sich auf einem Grabstein gut ausnehmen: nicht savoir vivre, sondern savoir mourir.

»Mr. Bond!« sagte Goldfinger eindringlich. »Ist das wirklich nötig? Sagen Sie doch die Wahrheit! Wer sind Sie? Was wissen Sie? Wer hat Sie geschickt? Dann wird alles so leicht sein. Eine Pille, und Sie werden beide einschlafen! Im anderen Fall wird es so unsauber sein und qualvoll. Und wie ist das mit dem Mädchen? Benimmt sich so ein englischer Gentleman?«

Faktos Tortur hatte aufgehört. Langsam drehte Bond seinen Kopf nach der Stimme hin und öffnete die Augen: »Goldfinger, ich kann nichts sagen, weil es nichts zu sagen gibt. Aber ich will Ihnen noch etwas vorschlagen: Wir werden für Sie arbeiten - was meinen Sie? Wir sind recht tüchtig, mit uns ließe sich was anfangen?«

»Um ein, zwei Messer in meinen Rücken zu kriegen? Danke vielmals, Mr. Bond!«

Weiteres Reden war zwecklos. Besser, man nahm sein bißchen Willenskraft zusammen und gab nicht nach, bis es aus war. So sagte Bond nur verbindlich: »Dann lecken Sie sich meinetwegen selbst am . . .« Er drückte allen Atem aus seinen Lungen und schloß die Augen.

»Das vermag nicht einmal ich, Mr. Bond«, sagte Goldfinger humorvoll : »Und da Sie nun einmal den steinigen Pfad gewählt haben, bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als aus Ihrer mißlichen Lage den größten Nutzen zu ziehen, indem ich ihn so steinig wie nur möglich mache. Fakto, den zweiten Grad.«

Der Hebel wurde weitergerückt. Schon spürte Bond den Wind der rotierenden Säge zwischen den Knien. Und Faktos Hände kamen wieder.

Ein Schrei wollte die verkrampften Zähne auseinanderzwingen. Stirb verdammt stirb verdammt stirb verdammt stirb verdammt stirb verdammt stirb

2

Eine tiefe, väterliche Stimme sagte: »Hier spricht Ihr Kapitän. Wir landen. Bitte, legen Sie die Sitzgurte an und machen Sie die Zigaretten aus. Danke.«

Das nächste, was Bond wahrnahm, war ein leichtes Gefühl des Schwankens. Er versuchte zu sehen, schloß aber, von der Sonne geblendet, sofort wieder die Augen. Über seinem Kopf sagte jemand: »Paß auf, Bud, die Rampe ist steiler, als sie aussieht!« Gleich darauf erfolgte ein heftiger Stoß, und von vorn antwortete es mürrisch: »Immer dasselbe! Warum geben die auch keine Gummis drunter!«

Eine Drehtür bewegte sich, und etwas schlug hart gegen Bonds Ellbogen. Er sagte »He!« und wollte sich die gestoßene Stelle reiben, aber die Hände gehorchten ihm nicht.

»Da schau, Sam, ruf lieber den Doktor, er kommt zu sich!«

»Wirklich! Komm, stellen wir ihn neben die andere.« Bond spürte, wie er abgestellt wurde. Es war jetzt kühler, und er öffnete erneut die Augen. Ein großes, rundes Brooklyngesicht beugte sich über ihn und blickte ihn freundlich an. »Wie fühlen Sie sich, Mann?«

»Wo bin ich?« Panik war in seiner Stimme. Vergebens versuchte er, sich aufzurichten. Schweiß trat ihm aus den Poren. »He, he, nur mit der Ruhe, Mann, es ist alles okay! Sie sind in Idlewild, New York, in Amerika. Jetzt geschieht Ihnen nichts mehr, verstehen Sie?« Der Mann hielt Bond offenbar für einen Flüchtling. »Beeil dich, Sam, er hat einen Schock!«

»Ich geh’ ja schon!« Beide entfernten sich.

Den Kopf konnte Bond bewegen. Er sah sich um. Er befand sich in einem weißen Krankensaal, wahrscheinlich der Sanitätsstation des Flughafens. Eine Reihe sauberer Betten stand im Sonnenlicht, das durch die hohen Fenster einfiel, aber die Luft war kühl, klimatisiert. Neben der seinen stand eine zweite Tragbahre, auf der Tilly lag. Sie war bewußtlos.

Die Tür am Ende des Saales öffnete sich, ein Arzt im weißen Mantel hielt sie für Goldfinger offen, der lebhaft und gut gelaunt zwischen den Betten herankam, gefolgt von Fakto. Bond schloß die Augen. Mein Gott! So stand es also!

Sie versammelten sich um seine Bahre, und Goldfinger sagte flott: »Nun, die beiden sehen recht gut aus, nicht wahr, Doktor? Ja, der Reichtum hat auch seine guten Seiten! Man kann einem Freund, einem Angestellten die bestmögliche Behandlung sichern! Nervenzusammenbruch, beide, und in derselben Woche, würden Sie das glauben? Aber es ist meine Schuld, ich habe sie überfordert, also muß ich sie auch wieder auf die Beine bringen. Dr. Foch - eine Kapazität in Genf - sagte ganz eindeutig: >Ruhe, Ruhe und wieder Ruhe!< Er gab ihnen Schlafmittel, und jetzt kommen sie in den Harkness-Pavillon im Presbyterian-Hospital.« Goldfinger lachte. »Säe und du wirst ernten, was, Doktor? Als ich Harkness eine Röntgenausrüstung für eine Million schenkte, tat ich’s ohne Hintergedanken. Und jetzt? Anruf genügt, und zwei schöne Zimmer warten schon! Also dann« - man hörte Papiergeld rascheln - »danke ich für Ihre Hilfe beim Einwanderungsamt. Beide hatten ja gültige Visa, und Mr. Auric Goldfinger ist wohl ein ausreichender Garant dafür, daß keiner von ihnen die Regierung der Vereinigten Staaten stürzen wird! Nicht wahr?«

»Ganz gewiß, und besten Dank, Mr. Goldfinger. Was immer Sie wünschen . . . man sagt mir, Sie haben draußen einen privaten Krankenwagen?«

Bond öffnete die Augen, blickte den Arzt an - einen netten, jungen Mann mit randlosen Brillen und Bürstenschnitt - und sagte ruhig, aber mit äußerstem Ernst: »Herr Doktor, wir sind beide vollkommen gesund. Man hat uns betäubt und gegen unseren Willen hierhergebracht. Ich verlange den Chef des Einwanderungsamtes zu sehen. Meine Freunde in New York und Washington werden bestätigen, was ich sage. Bitte, glauben Sie mir!«

Der Arzt blickte beunruhigt von Bond auf Goldfinger, der diskret, wie um Bond nicht zu kränken, den Kopf schüttelte. »So geht das nun seit Tagen. Nervöse Erschöpfung, gepaart mit Verfolgungswahn. Dr. Foch sagte, das gebe es oft. Aber ich werde ihn im Harkness wieder hinkriegen, koste es, was es wolle! Vielleicht ist’s auch die ungewohnte Umgebung. Wenn Sie ihm eine Spritze geben könnten . . .«

Der Arzt beugte sich über die Instrumententasche. »Sie werden recht haben, Mr. Goldfinger. Und wenn Harkness sich des Falles annimmt . . .« Die Instrumente klirrten. Mit einem väterlichen Lächeln beugte Goldfinger sich über Bond und sprach mit merkwürdiger Betonung: »Sie kommen wieder ganz in Ordnung, James. Seien Sie nur ruhig und schlafen Sie. Der Flug hat Ihnen nicht gutgetan. Seien Sie ruhig und überlassen Sie alles mir.«

Ein Wattebausch wischte über Bonds Arm. Und während ein Schwall von Flüchen aus ihm hervorbrach, kam die Nadel.

Jetzt war es eine fensterlose, graugetünchte Schachtel von Zimmer, das von einer Deckenschale erhellt wurde. Rund um sie waren konzentrische Schlitze zu sehen, die Luft war neutral, und man hörte das leise Summen der Klimaanlage. Bond vermochte sich aufzusetzen, er war benommen, fühlte sich aber wohl bis auf ein rasendes Hunger- und Durstgefühl. Wann hatte er zum letztenmal gegessen? Vor zwei Tagen, vor drei? Nackt wie er war, setzte er die Füße auf den Boden. Sein Körper wies keinerlei Spuren von Faktos Händen auf. Lediglich ein paar Einstiche am rechten Unterarm waren sichtbar. Bond stand auf, bezwang sein Schwindelgefühl und machte ein paar Schritte. Sein Bett war eine Art Koje auf einem Schubladengestell. Sonst war nur noch ein einfacher Tisch mit geradem Holzstuhl da. Bond kniete vor den Schubfächern nieder und öffnete sie. Außer seiner Uhr und dem Revolver war der gesamte Kofferinhalt da, einschließlich der gewichtigen Schuhe, die er zuletzt getragen hatte. Er drehte einen der Absätze und zog: Sanft glitt das breite, zweischneidige Messer aus der präparierten Sohle. Nachdem Bond sich vergewissert hatte, daß auch der andere Schuh sein Dolchmesser enthielt, drehte er die Absätze wieder zurück. Dann begann er sich anzukleiden. Auch Feuerzeug und Dose mit Zigaretten waren da. Er zündete sich eine an. Es gab zwei Türen hier, aber nur eine mit Griff: sie führte in ein kleines, komplett eingerichtetes Badezimmer mit Toilette. Seine Wasch- und Rasiersachen waren säuberlich ausgebreitet, daneben lagen die Utensilien einer Frau. Vorsichtig öffnete Bond die andere Badezimmertür und sah in einem Zimmer, das dem seinen glich, Tilly Mastertons schwarzen Haarschopf auf dem Kojenkissen. Auf Zehenspitzen trat er näher: Sie schlief friedlich, ein leichtes Lächeln um den schönen Mund. Bond ging ins Badezimmer zurück und begann seinen Dreitagebart zu rasieren.

Eine halbe Stunde später - Bond saß am Kojenrand und dachte nach - ging plötzlich die grifflose Tür auf und Fakto stand da. Nachdem sein Blick Bond flüchtig gestreift hatte, schaute er prüfend durchs ganze Zimmer. Bond sagte scharf: »Fakto, ich möchte essen, und zwar rasch und viel, dazu eine Flasche Bourbon, Soda und Eis. Weiter ein Paket Chesterfield King-size, und entweder meine eigene oder eine ebensogute Uhr. Vorwärts, rasch, marsch, marsch! Steh nicht so herum, ich habe Hunger! Ja, und sag Goldfinger, ich möchte ihn sprechen, aber erst mit vollem Magen. Los, beeil dich!«

Fakto blickte Bond wütend an, als überlege er, was er ihm zerbrechen solle. Er öffnete den Mund, spuckte aus, kehrte um und schien die Tür zuknallen zu wollen. Aber im letzten Moment bremste er ihren Schwung, so daß sie mit leisem, doppeltem Schnappen schloß.

Der Vorfall versetzte Bond in gute Laune. Goldfinger mußte sich entschlossen haben, sie am Leben zu lassen. Der Grund dafür würde sich bald herausstellen. Da Bond die Absicht hatte, unter allen Bedingungen am Leben zu bleiben, mußte man Fakto und die anderen Koreaner nachdrücklich auf ihre Plätze verweisen. In der Zeit, die bis zu der ausgezeichneten Mahlzeit verstrich, welche ihm nebst allem übrigen, einschließlich seiner Uhr, einer der Koreaner brachte, hatte Bond lediglich feststellen können, daß sein Zimmer nicht weit von einer Eisenbahnbrücke und nahe am Wasser lag. Da er in New York zu sein glaubte, mußte das entweder der Hudson oder der East River sein. Die Bahn war elektrisch und hörte sich an wie eine Untergrundbahn, aber Bonds Ortskenntnisse reichten nicht aus, sie zu lokalisieren. Seine Uhr ging nicht, und seine Frage nach der Uhrzeit fand kein Gehör.

Bond hatte alles aufgegessen. Er rauchte und nippte eben an einem kräftigen Bourbon mit Soda, als die Tür aufging. Es war Goldfinger. Er trug einen normalen Geschäftsanzug und wirkte ruhig und gut gelaunt. Fragend sah er auf den weiterrauchenden Bond, der höflich zurückblickte.

»Guten Morgen, Mr. Bond, ich sehe, Sie sind wieder Sie selbst. Und ich hoffe, Sie sind lieber hier als tot. Um die üblichen Fragen abzukürzen, verrate ich Ihnen, wo Sie sind und was geschehen ist. Dann werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, auf den ich eine eindeutige Antwort erwarte. Da Sie ein sehr vernünftiger Mensch sind, brauche ich Sie nur kurz zu warnen: Werden Sie nicht aggressiv, weder mit dem Messer noch mit der Gabel noch mit dieser Flasche! Ich schieße sonst mit dem Revolver, und zwar ins rechte Auge, Mr. Bond. Ich verfehle es nie!«

Bond sagte: »Keine Angst, mit einer Whiskyflasche treffe ich nicht so genau.« Er schlug die Beine übereinander.

»Mr. Bond«, Goldfingers Stimme war freundlich, »ich bin Fachmann nicht nur in Metallen und habe eine genaue Schätzung für alles, was einen Feingehalt von tausend hat wie das reinste Gold. Im Vergleich dazu ist das menschliche Material minderwertig. Aber gelegentlich stößt man auf ein Stück dieses Materials, das für geringfügigen Gebrauch geeignet ist. Fakto ist ein Beispiel dafür. Auch Sie könnten so ein Werkzeug abgeben. Das, sowie der Vorschlag, den Sie mir gemacht haben, hat Ihnen das Leben gerettet. Sie schlugen vor, Sie und Miss Masterton würden für mich arbeiten. Nun stehe ich zufällig kurz vor einem Unternehmen, für das Ihre Dienste mir von einem gewissen minimalen Nutzen sein können. Also nahm ich das Risiko auf mich, verabreichte Ihnen die nötigen Schlafmittel, ließ Ihre Rechnungen begleichen und Ihre Sachen aus dem Hotel holen, wo Miss Masterton übrigens unter ihrem wahren Namen logierte. Dann schickte ich in Ihrem Namen ein Telegramm an Universal, des Inhalts, daß Sie ein Angebot aus Kanada hätten und hinüberfliegen wollten, um es zu prüfen; Miss Masterton begleite Sie als Sekretärin, Weiteres folge brieflich. Kein sehr geschicktes Telegramm, aber für die kurze Zeit wird es seinen Zweck erfüllen.« (Das wird es nicht, dachte Bond, wenn du nicht einen harmlosen Satz eingefügt hast, der M die Echtheit bestätigt! Jetzt wissen sie schon, daß ich in fremder Gewalt bin, und die Räder laufen rasch.) »Sollten Sie glauben, Mr. Bond, daß man Sie finden wird, so möchte ich Ihnen nur sagen, daß Sie und Miss Masterton vollkommen aus der Welt verschwunden sind. Ebenso ich und alle meine Angestellten. Vom Flugplatz aus wird man alle Nachfragen an den Harkness-Pavillon des Presbyterian-Hospitals weiterleiten, und dort hat man weder von einem Mr. Goldfinger noch von seinen Patienten je etwas gehört. FBI und CIA besitzen keine Aufzeichnungen über mich, denn ich habe kein Strafregister. Auch die Einwanderungsbehörden werden keine Hilfe sein. Was unseren derzeitigen Aufenthalt betrifft, Mr. Bond, so befinden wir uns im Lagerhaus der Hi-speed-Transportgesellschaft, eines ehemals angesehenen Konzerns, der durch Strohmänner mir gehört und als geheimes Hauptquartier für das Projekt dient, von dem ich gesprochen habe. Sie und Miss Masterton bleiben hier interniert. Sie werden hier wohnen und arbeiten und - obwohl ich in diesem Punkt Zweifel an

Miss Mastertons Neigungen habe - sich auch hier lieben.«

»Und was haben wir zu tun?«

»Mr. Bond!« Zum erstenmal, seit Bond ihn kannte, zeigte sein großes, immer ausdrucksloses Gesicht eine Spur von Leben. Etwas wie Verzückung trat in seinen Blick, und die feingeschwungenen Lippen formten sich zu einem dünnen, beseligten Lächeln. »Zeit meines Lebens war ich vernarrt in das Gold, in seine Farbe, seinen Glanz, seine göttliche Schwere. Ich liebe seine Struktur, ich kenne seine sanfte Glätte so genau, daß ich den Feingehalt eines Barrens auf ein Karat genau schätzen kann. Und ich liebe den warmen Duft, der von ihm ausgeht, wenn ich es zu reinem Goldsirup einschmelze! Vor allem aber, Mr. Bond, liebe ich die Macht, die allein das Gold seinem Besitzer verleiht. Ja, Mr. Bond, mein Leben lang habe ich für das Gold und hat das Gold für mich gearbeitet. Und ich frage Sie«, Goldfinger blickte Bond ernst an: »Gibt es auf Erden etwas anderes, das seinen Besitzer so belohnt?«

»Viele sind reich und mächtig geworden, ohne eine Unze davon zu besitzen, aber ich verstehe Ihren Standpunkt. Wieviel Gold haben Sie denn schon, und was machen Sie damit?«

»Ich besitze Gold im Wert von ungefähr zwanzig Millionen Pfund. Und es ist stets dort, wo ich es brauche. Zur Zeit befindet sich alles in New York, denn ich muß damit mein neuestes Unternehmen in Amerika vorantreiben.«

»Welche Unternehmen betreiben Sie? Was zieht Sie an?«

»Ich betreibe alles, was meinen Goldvorrat vergrößert. Ich investiere, schmuggle, stehle.« Goldfinger öffnete überzeugend die Hände. »Betrachten Sie die Geschichte, um ein Bild zu gebrauchen, als einen Eisenbahnzug, der dahinrast. Vögel und andere Tiere werden von ihm aufgescheucht. Und ich bin der Falke, der dem Zug folgt. Sie haben sicher schon beobachtet, in Griechenland zum Beispiel, wie die Falken auf alles herabstoßen, was so ein Zug aufscheucht. Wenn die Geschichte zum Beispiel einen Weltkrieg hervorbringt, bereichere ich mich am Krieg. Verstehen Sie, was ich meine, Mr. Bond? Man muß auf die Beute warten, sie genau beobachten und dann zustoßen. Nur: Ich laufe solchen Unternehmen nicht nach, sondern lasse den Zug, den die Geschichte darstellt, für mich die Beute aufstöbern.«

»Und Ihr neuestes Projekt?«

»Das neueste, Mr. Bond, ist das letzte. Und auch das größte.« Goldfingers Augen waren leer, nach innen gerichtet. Seine Stimme klang jetzt tief, fast ehrfürchtig. »Der Mensch hat schon auf jedem Gebiet Triumphe gefeiert, Rekorde gebrochen, Wunder zustande gebracht. Eines aber hat er vernachlässigt, Mr. Bond. Es ist jenes Gebiet menschlichen Wirkens, das man so ungenau mit dem Wort >Verbrechen< belegt hat. Ich spreche da natürlich nicht von den idiotischen Kriegen, der ungeschickten gegenseitigen Vernichtung. Aber die sogenannten Verbrechen, die von einzelnen begangen werden, sind von jämmerlichen Dimensionen: kleine Bankeinbrüche, läppische Schwindeleien, Fünfmarkfälschungen. Und dabei bietet sich nur ein paar hundert Kilometer von hier die Möglichkeit für das größte Verbrechen der Geschichte! Die Bühne ist aufgebaut, der gebotene Preis gigantisch. Nur die Akteure fehlen noch. Aber der Regisseur ist da, Mr. Bond!«

Goldfinger tippte sich an die Brust. »Und er hat seine Besetzung gewählt. Noch heute nachmittag wird den Hauptdarstellern das Textbuch vorgelesen! Dann werden die Proben beginnen, und in einer Woche wird sich der Vorhang für die eine, die einzigartige Vorstellung heben. Und dann wird der Beifall einsetzen, der Applaus für den größten außergesetzlichen Coup aller Zeiten. Noch nach Jahrhunderten, Mr. Bond, wird die Nachwelt applaudieren!«

Trotz aller Begeisterung wirkte Goldfinger immer noch ruhig, ausgeglichen und zutiefst überzeugt. Keine Spur von einem Verrückten, einem Phantasten, dachte Bond. Goldfinger hatte da irgend etwas ganz Unwahrscheinliches vor, aber er hatte die Chancen abgewogen und wußte, daß sie günstig waren. Bond sagte: »Nun, so reden Sie schon, worum handelt es sich, und was haben wir dabei zu tun?«

»Es ist ein Raubüberfall, Mr. Bond. Ein Raubüberfall ohne Widerstand, dessen Ablauf aber bis ins kleinste vorbereitet werden muß. Das bedeutet viel Schreibarbeit und die Überwachung vieler administrativer Details. Eigentlich wollte ich das selbst übernehmen, aber nun werden Sie und Miss Masterton als Sekretärin es tun. Der eine Teil Ihrer Entlohnung besteht in Ihrem Leben. Wenn aber die Aktion Erfolg hat, erhalten Sie eine Million Pfund in Gold und Miss Masterton eine halbe.«

Begeistert sagte Bond: »Das läßt sich hören! Und was haben wir zu tun? Dem Regenbogen seinen Schwanz stehlen?«

Goldfinger nickte. »Genau das werden wir tun. Wir werden uns fünfzehn Milliarden in Goldbarren holen, das ist etwa die Hälfte des Weltvorrats. Mr. Bond, wir werden Fort Knox nehmen.«

3

»Fort Knox?« Bond schüttelte ernst den Kopf. »Ist das nicht ein bißchen viel für zwei Männer und ein Mädchen?«

Goldfinger wurde ungeduldig: »Bitte, lassen Sie Ihren Humor für eine Woche, Mr. Bond! Nachher mögen Sie lachen, soviel Sie wollen. Unter meinem

Kommando werden etwa hundert Männer und Frauen stehen, ausgewählt aus den sechs mächtigsten Gangstergruppen der Vereinigten Staaten. Das ist die härteste und geschlossenste Truppe, die je in Friedenszeiten gesammelt wurde.«

»Nun gut. Und wieviel Mann bewachen Fort Knox?«

Schweigend klopfte Goldfinger an die Tür hinter sich. Sie sprang auf, und Fakto stand zum Sprung geduckt auf der Schwelle. Als er sah, daß Bond friedlich war, richtete er sich auf. Goldfinger sagte: »Alle Ihre Fragen werden heute nachmittag beantwortet. Beginn zwei Uhr dreißig: Jetzt ist es genau zwölf.« Bond stellte seine Uhr. »Sie und Miss Masterton werden der Versammlung beiwohnen, bei der den Leitern der sechs erwähnten Organisationen das Projekt unterbreitet wird. Dabei wird alles erklärt werden. Danach beginnt Ihre detaillierte Arbeit mit Miss Masterton. Verlangen Sie, was Sie brauchen. Fakto wird sich um Sie kümmern und Sie auch ständig bewachen. Widerstand hat den sofortigen Tod zur Folge. Verschwenden Sie keinerlei Zeit auf Fluchtversuche oder Kontaktaufnahme mit der Außenwelt. Ich habe Ihre Dienste gekauft und verlange sie restlos. Ist das klar?«

»Ich habe schon immer Millionär werden wollen«, sagte Bond trocken. Noch ein letzter, harter Blick auf ihn, und hinter Goldfinger schloß sich die Tür.

Bond saß da und starrte sie an. »So, so«, sagte er laut zu den Wänden, fuhr sich mit den Händen ein paarmal durchs Haar, stand auf, ging durchs Badezimmer und klopfte bei Tilly Masterton.

»Wer ist da?«

»Ich. Kann man eintreten?«

»Ja.« Es klang nicht begeistert.

Sie trug die Sachen, in denen Bond sie zum erstenmal gesehen hatte, saß auf dem Bettrand und zog eben einen Schuh an. Sie wirkte kühl und gefaßt, sah Bond geringschätzig an und sagte: »Ihretwegen sitzen wir hier. Nun sehen Sie zu, wie Sie uns wieder herausbringen!«

Bond sagte freundlich: »Vielleicht kann ich das. Ich hab’ uns sogar aus dem Grab herausgebracht.«

»Nachdem Sie uns hineingebracht hatten.«

Bond sah gedankenvoll auf sie hinab. Es war ungalant, sie auf nüchternen Magen sozusagen zu verhauen. Er sagte: »So kommen wir nicht weiter. Wir sind nun einmal hier. Möchten Sie Frühstück oder Lunch? Es ist Viertel nach zwölf. Ich habe schon gegessen und werde für Sie bestellen. Nachher will ich Ihnen die Lage schildern. Es gibt hier nur einen Ausgang, und Fakto, der koreanische Affe, bewacht ihn. Also, Frühstück oder Lunch?«

Sie gab ein wenig nach. »Danke. Rührei und Kaffee. Und Toast und Marmelade,

bitte.«

»Zigaretten?«

»Danke, ich rauche nicht.«

Bond ging hinüber und klopfte. Es wurde einen Spalt geöffnet. Er sagte: »Schon gut, Fakto, ich bring’ dich jetzt noch nicht um.«

Die Tür ging weiter auf, Faktos Gesicht war ungerührt. Bond bestellte und goß sich dann einen Bourbon mit Soda ein. Er setzte sich auf den Bettrand und dachte nach, wie er mit dem Mädchen zurechtkommen könnte. Von Anfang an war sie gegen ihn gewesen. War das nur wegen ihrer Schwester? Und warum hatte Goldfinger diese dunkle Bemerkung bezüglich ihrer »Neigungen« gemacht? Sie war schön, körperlich begehrenswert. Aber sie hatte einen kalten, harten Kern, den Bond nicht definieren konnte. Nun, Hauptsache, sie machte mit, sonst würde das Leben hier nicht auszuhalten sein.

Bond ging wieder in ihr Zimmer, ließ aber beide Türen offen, um hören zu können, wenn jemand seinen Raum betrat. Sie saß immer noch auf dem Bert. Er lehnte sich an den Türpfosten, nahm einen langen Schluck und sagte: »Es ist besser, Sie wissen, daß ich von Scotland Yard komme. Wir sind hinter Goldfinger her. Er will, daß wir beide für ihn arbeiten, denn er hat ein Verbrechen vor, große Sache, ziemlich verrückt, aber mit einer Menge Papierarbeit. Die sollen wir machen. Können Sie Steno und maschineschreiben?«

»Ja.« Ihr Blick erhellte sich. »Was für ein Verbrechen?«

Bond sagte es ihr und setzte hinzu: »Das alles klingt natürlich absurd. Ein paar Fragen und Antworten müßten diesen Gangstern zeigen, wie unmöglich es ist. Aber ich weiß nicht, Goldfinger ist ein außergewöhnlicher Mensch. Verrückt ist er nicht - zumindest nicht verrückter als andere Genies. Und zweifellos ist er auf seinem Gebiet ein Genie!«

»Was wollen Sie also tun?«

Bond senkte die Stimme: »Sie meinen, was wir tun werden. Wir werden mitspielen, und zwar ohne auszuweichen, ohne zu schwindeln. Wir werden aufs Geld scharf sein und ihn erstklassig unterstützen. Das ist die einzige Möglichkeit, ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen.«

»Wie wollen Sie das bewerkstelligen?«

»Keine Ahnung. Es wird sich zeigen.«

»Und Sie glauben, daß ich da mitmache?«

»Warum nicht? Haben Sie einen besseren Vorschlag?«

Sie schürzte die Lippen: »Warum soll ich tun, was Sie sagen?« Bond seufzte: »Wozu hier die Suffragette spielen! Entweder Sie tun’s, oder man bringt Sie nach dem Frühstück um.«

Widerwillig verzog sie den Mund, zuckte die Achseln und sagte unfreundlich: »Na, schön. Aber wenn Sie mich anrühren, dann bringe ich Sie um!«

Bonds Zimmertür klickte. Er blickte nachsichtig auf das Mädchen hinunter. »Interessante Herausforderung! Aber keine Angst, ich nehm’ sie nicht an.« Er drehte sich um und ging. Einer der Koreaner trug das Frühstück an ihm vorbei. Ein zweiter war daran, in Bonds Zimmer einen Schreibmaschinentisch und -stuhl sowie eine tragbare Remington aufzustellen. In der Tür stand Fakto, ein Papier in der Hand. Bond nahm es ihm ab. Die Anweisung, ordentlich und lesbar geschrieben, lautete:

Machen Sie zehn Exemplare von dieser Tagesordnung:

Versammlung unter dem Vorsitz von Mr. Gold

Sekretäre: J. Bond, Miss Tilly Masterton

Anwesend: Helmut M. Springer - Der Purpurring, Detroit

Jed Midnight - Das Schattensyndikat, Miami und Havanna Billy Ring (Der Grinsende Billy) - Die Maschine, Chikago Jack Strap - Der Flimmermob, Las Vegas Mr. Solo - Unione Siciliano

Miss Pussy Galore - Die Zementmixer, Harlem, N.Y.C.

Tagesordnung: Ein Projekt mit Decknamen »Operation Großer Schlag« (Erfrischungen)

Sie werden um 14.20 Uhr abgeholt. Schreibzeug mitnehmen, Gesellschaftsanzug erbeten.

Lächelnd klemmte Bond sich hinter die Maschine. Das Mädchen sollte sehen, daß er gewillt war, sein Pensum zu erledigen. Mein Gott, was für eine Bande! Sogar die Mafia war dabei. Wie hatte Goldfinger die nur alle überredet? Und wer um Himmels willen war Miss Pussy Galore?

Um zwei Uhr hatte Bond die Kopien fertig. Er ging in das Zimmer des Mädchens, gab sie ihr zusammen mit einem Stenoblock und Bleistiften und las ihr Goldfingers Anweisung vor. »Merken Sie sich diese Namen! Die Herrschaften werden nicht schwer zu unterscheiden sein. Außerdem können wir ja fragen. Ich geh’ jetzt und zieh’ mich um.« Er lächelte ihr zu. »In zwanzig Minuten!«

Sie nickte.

Während sie hinter Fakto den Gang entlangschritten, konnte Bond die Geräusche vom Fluß her hören - das Wellenklatschen an den Lagerhauspfeilern, das lange, klagende Warnungsgeheul eines Fährboots, fernes Dieselpochen. Irgendwo unten fuhr ein Lastwagen an, wendete und rollte davon, wohl in

Richtung West Side Highway. Sie mußten im Oberstock des langen, zweistöckigen Gebäudes sein. Am Ende des Ganges klopfte Fakto an die einzige Tür. Ein Schlüssel drehte sich, zwei Riegel wurden zurückgeschoben, und sie betraten einen großen Raum, dessen Stirnwand ein Panoramafenster einnahm, durch das man einen Blick auf den Fluß und auf das ferne, braune Gewirr von Jersey City hatte. Alles war für die Sitzung vorbereitet. Goldfinger saß, mit dem Rücken zum Fenster, an einem großen runden Konferenztisch mit Wasserkaraffen, Schreibblocks und Bleistiften. Um den Tisch standen neun bequeme Armsessel, vor sechsen lagen kleine, weiße, rotgesiegelte Pakete. An der rechten Wand war ein Büfett aufgebaut, ihm gegenüber hing eine schwarze Tafel über einem Tisch, auf dem Papiere und ein großer länglicher Karton lagen.

Goldfinger wies auf die beiden Stühle neben sich: links für Tilly Masterton, rechts für Bond. Sie setzten sich.

»Die Tagesordnung?« Goldfinger nahm die Exemplare, prüfte das oberste und ließ das Mädchen sie auf die Plätze verteilen. Dann drückte er auf eine verborgene Klingel. Einer der Koreaner erschien. »Ist alles bereit?« Der Mann nickte. »Niemand außer den Eingeladenen hat diesen Raum zu betreten. Alle Begleiter bleiben im Vorraum. Du kümmerst dich um sie! Karten und Würfel sind da?« Goldfinger blickte auf Fakto, der noch hinter Bonds Stuhl stand. »Fakto, geh jetzt auf deinen Posten. Wie lautet das Signal?« Fakto hielt zwei Finger hoch. »Ja, zweimal läuten. Geh jetzt und sieh zu, daß alles genau funktioniert!«

Bond fragte beiläufig:

»Wie viele Leute haben Sie?«

»Zwanzig, zehn Koreaner und zehn Deutsche, alles ausgesuchte Leute. Es geht hier allerlei vor sich, fast wie unter Deck eines Kriegsschiffs.« Goldfinger legte die Hände auf den Tisch. »Und nun zu Ihnen, Miss Masterton. Sie notieren nur alle Fragen praktischer Art, also alles, was mein Eingreifen erfordern könnte. Geschwätz lassen Sie beiseite. Verstanden?«

Bond vermerkte erfreut, daß Tilly Masterton jetzt aufgeweckt und sachlich wirkte. Sie nickte. »Gewiß.«

»Und von Ihnen, Mr. Bond, möchte ich eine Beurteilung aller Sprecher. Ich weiß zwar eine Menge über sie, aber sie sind nur hier, weil ich sie bestochen habe. Von mir wissen sie nichts. Ich muß sie erst überzeugen, den Rest wird dann die Habgier besorgen. Während der Besprechung werden Sie entsprechende Bemerkungen auf diese Tagesordnung kritzeln und nebenbei jeden Namen mit einem Plus- oder Minuszeichen versehen, je nachdem, ob Ihnen sein Träger vertrauenswürdig erscheint oder nicht. Ich erfahre auf die Art Ihre Meinung, was nützlich sein könnte. Und vergessen Sie nicht, Mr. Bond: Ein Verräter genügt, und wir sind erledigt.«

»Wer ist diese Pussy Galore aus Harlem?«

»Amerikas einzige Bandenführerin. Sie führt eine Frauengang. Ich brauche auch Frauen für meine Unternehmung. Sie war Trapezkünstlerin, ist völlig verläßlich und hatte eine Gruppe namens >Pussy Galore und ihre Akrobatinnen<. Die Gruppe hatte keinen Erfolg, also trainierte sie sie als Einbrecher, Fassadenkletterer. Daraus wurde eine Bande von besonderer Rücksichtslosigkeit. Es ist eine lesbische Vereinigung und nennt sich jetzt >Die Zementmixer<. Sogar die großen Gangs respektieren sie. Eine bemerkenswerte Frau.«

Ein leiser Summton unterm Tisch, und Goldfinger setzte sich auf. Fünf Männer traten ein. Goldfinger erhob sich und neigte grüßend den Kopf. »Mein Name ist Gold. Bitte, nehmen Sie Platz.«

Man setzte sich. Fünf Augenpaare musterten Goldfinger kalt und aufmerksam. Er begann: »Meine Herren, in dem Paket vor sich findet jeder von Ihnen einen vierundzwanzigkarätigen Goldbarren im Werte von fünfzehntausend Dollar. Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Erscheinen. Die Tagesordnung versteht sich von selbst. Während wir aber auf Miss Galore warten, gehen wir vielleicht zur Information meiner Sekretäre - Mr. Bond und Miss Masterton - Ihre Namen durch. Notizen werden nur mit Ihrem Einverständnis gemacht, Mikrophone gibt es keine. Und nun, Mr. Bond, rechts von Ihnen sitzt Mr. Jed Midnight vom >Schattensyndikat<, das von Miami aus operiert.«

Mr. Midnight war ein großer, wohlgenährter Mann mit jovialer Miene, aber achtsam-bedächtigem Blick. Er trug einen leichten Tropical, darunter ein weißes Seidenhemd mit kleinem, grünem Palmenmuster. Seine komplizierte goldene Armbanduhr mußte ein Viertelkilo wiegen. Er lächelte Bond gezwungen an und murmelte eine Begrüßung.

»Dann haben wir Mr. Billy Ring, der die berühmte Chikagoer >Maschine< anführt.«

Ein Gesicht wie aus einem Alptraum wandte sich Bond zu. Es war bleich, birnenförmig, babyhaft flaumbedeckt. Der Mann hatte einen glatten, strohfarbenen Haarschopf, aber gelbbraune Augen. Das Weiße um die Pupillen verlieh dem harten, nachdenklichen Blick etwas Hypnotisches. Ein Tic im rechten Augenlid bewirkte ein rhythmisches Zwinkern. Im Verlauf von Mr. Rings Karriere mußte ihm jemand die Unterlippe abgeschnitten haben - vielleicht hatte er zuviel geredet -, und das verlieh ihm ein maskenhaftes, stetiges Grinsen. Mr. Ring mochte etwa vierzig Jahre zählen.

Bond lächelte ihm herzhaft zu und blickte auf den Mann, den Goldfinger als Mr. Helmut Springer vom »Purpurring« aus Detroit vorstellte.

Mr. Springer hatte den glasigen Blick eines entweder sehr reichen oder sehr toten Mannes. Die hellblau verschleierten Augen nahmen von Bond kurz Notiz und kehrten sich wieder nach innen zu völliger Selbstversunkenheit. Der Rest von Mr. Springer war das, was man einen distinguierten Herrn nennt. Er trug einen saloppen Fischgratanzug, weißes Hemd und roch nach Aqua Velva. In dieser Gesellschaft wirkte er wie der Besitzer einer Fahrkarte erster Klasse in einem Abteil dritter.

Mr. Midnight hielt die Hand an den Mund und raunte Bond zu: »Lassen Sie sich vom >Graf< nicht verblüffen. Freund Helmut hat bei den Gangstern das Piquehemd eingeführt. Die Tochter ist in Vassar, aber ihre Hockeystöcke werden mit Protektionsgeldern bezahlt.« Bond nickte dankend.

»Und nun Mr. Solo vom >Unione Siciliano<!«

Mr. Solos schweres, dunkles Gesicht war umdüstert vom Wissen um Schuld und Sünde. Seine dicke Hornbrille glänzte kurz zu Bond herüber, ehe sie sich erneut auf die Reinigung von Mr. Solos Fingernägeln mit Hilfe eines Taschenmessers konzentrierte. Er war ein großer vierschrötiger Mann, halb Boxer, halb Oberkellner, und es war nicht möglich zu sagen, woran er dachte oder worin seine Stärke lag. Aber da es nur einen Mafiaführer in Amerika gibt, mußte Mr. Solo diese Stellung wohl durch die Macht errungen haben, die ein Resultat des Terrors ist.

Mr. Jack Strap vom »Flimmermob« besaß den synthetischen Charme des Strohmanns eines Las-Vegas-Kasinos, aber Bond nahm an, er verdankte seine Stellung anderen Eigenschaften. Mr. Strap war ein freundlicher, auffallend gekleideter Mann um die Fünfzig. Hungrig kaute er an einem Zigarrenstummel. Von Zeit zu Zeit spuckte er ein Stück davon diskret hinter sich auf den Teppich. Solches Rauchen verriet ein gut Teil Nervosität. Mr. Strap schien zu wissen, daß sein rascher, beschwörender Blick die Leute einschüchterte, und so machte er auf Charme und zwinkerte Bond nur aus den Augenwinkeln zu.

Abermals ging die Tür auf. Eine Frau in schwarzem Kostüm von maskulinem Zuschnitt und mit hohem, kaffeebraunem Spitzenjabot stand im Eingang. Langsam und unbefangen trat sie näher und blieb hinter dem leeren Stuhl stehen. Goldfinger hatte sich erhoben. Sie musterte ihn aufmerksam und blickte dann rundum. Mit einem allgemeinen, gelangweilten »Hi« setzte sie sich. Mr. Strap sagte: »Hi, Pussy!«; und die anderen außer Mr. Springer, der sich verneigte, gaben sparsame Willkommensgeräusche von sich.

Goldfinger sagte: »Guten Tag, Miss Galore. Wir haben soeben das Vorstellen beendet. Vor Ihnen liegt die Tagesordnung sowie der Fünfzehntausend-DollarGoldbarren, den ich Sie für die Ausgaben und Ungelegenheiten anzunehmen bat, die Ihr Besuch mit sich brachte.«

Miss Galore griff nach dem Paket und öffnete es. Sie wog den gelbglänzenden Ziegel und blickte Goldfinger mißtrauisch an: »Durch und durch?«

»Jawohl, durch und durch.«

Sie sagte kurz: »Entschuldigen Sie die Frage.« Es war der Ton einer gerissenen Kundin beim Ausverkauf.

Bond gefiel sie. Er spürte den sexuellen Anreiz, den schöne Lesbierinnen auf Männer ausüben. Ihre kompromißlose Art schien zu sagen: »Alle Männer sind Schufte und Betrüger. Versuchen Sie bei mir keinen maskulinen Hokuspokus, ich falle nicht auf ihn herein, ich gehöre zur andern Fakultät.«

Sie mochte Anfang Dreißig sein, war eine blasse Schönheit mit hohen Backenknochen und reizvollem Gesichtsschnitt und besaß die einzigen violetten Augen, die Bond je gesehen hatte. Unter schwarzen, geraden Brauen blickten sie offen in die Welt. Ihr schwarzes Haar trug sie betont unordentlich und bubenhaft, ihr Mund hatte einen entschiedenen Zug und war tiefrot. Nicht nur Bond fand sie wunderbar, auch Tilly Masterton, die Miss Galore bewundernd und mit verlangendem Ausdruck anstarrte. Jetzt wußte er Bescheid.

Goldfinger sagte: »Und nun muß ich mich selbst vorstellen. Ich heiße nicht Gold. Meine Referenzen sind die folgenden: Durch meist ungesetzliche Unternehmungen habe ich in zwanzig Jahren sehr viel Geld verdient. Zur Zeit sind es sechzig Millionen Dollar.« (Respektvolles Gemurmel um den Tisch.) »Diese Unternehmungen waren größtenteils auf Europa beschränkt, vielleicht interessiert es Sie aber, daß ich die Großhandelsfirma >Goldmohn<, die von Hongkong aus operierte, gegründet und später wieder aufgegeben habe.« (Mr. Jack Strap pfiff leise.) »Ich habe ferner das Reisebüro >Glückliche Fahrt<, das manche von Ihnen in dringenden Fällen benützt haben, organisiert und geführt, bis ich auch das aufgab.« (Mr. Helmut Springer steckte ein randloses Monokel ins glasige Auge, um Goldfinger näher zu betrachten.) »Ich erwähne das alles nur, um Ihnen zu zeigen, daß ich, wie ich glaube, schon früher für Sie alle eingetreten bin. Auf diese Weise, meine Herren und - äh - Madame, habe ich von Ihrer Existenz erfahren, und so habe ich Sie heute hergebeten, da ich aus eigener Erfahrung weiß, daß Sie, wenn ich so sagen darf, die Verbrecheraristokratie Amerikas verkörpern.«

Bond war beeindruckt. In knapp drei Minuten hatte Goldfinger die Versammlung auf seine Seite gebracht. Alle, sogar Miss Pussy Galore, blickten jetzt aufmerksam auf ihn. Bond wußte nichts von der Firma »Goldmohn« und dem Büro »Glückliche Fahrt«, aber nach dem Gesichtsausdruck ihrer früheren Kunden mußten sie wie ein Uhrwerk gearbeitet haben. Goldfinger machte eine wegwerfende Bewegung. »Ich habe zwei meiner kleineren Projekte erwähnt, die Erfolg hatten. Viele andere harten weit größeres Ausmaß, aber kein einziges ist mißlungen, und soviel ich weiß, steht mein Name nirgends in den Polizeiakten. Sie sehen, daß ich meinen - unseren - Beruf gründlich verstehe. Und jetzt, meine Herren und Madame, schlage ich Ihnen eine Partnerschaft für ein Unternehmen vor, das jedem von Ihnen innerhalb einer Woche mit Sicherheit eine Billion Dollar einbringen wird!« Mr. Goldfinger hob die Hand. »Wir in Europa rechnen die Billion anders. Ich verwende das Wort in der Bedeutung von tausend Millionen. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

4

Vom Fluß herauf tutete ein Schlepper, ein zweiter antwortete. Man hörte sich entfernendes Motorengeräusch.

Mr. Jed Midnight räusperte sich nachdrücklich: »Mr. Gold oder wie Sie heißen, was braucht’s da Definitionen? Eine Billion ist allemal ein Haufen Geld. Sprechen Sie weiter.«

Mr. Solo sandte langsam einen Blick seiner schwarzen Augen über den Tisch und sagte: »Issa serr vill Geld, ja. Aber wievill für Sie, Mister?«

»Fünf Billionen.«

Jack Strap aus Las Vegas lachte auf: »Hört mal, Jungs, was sind ein paar Billionen unter Freunden! Wenn Mr. - eh - Dingsda mir eine Billion Dollar verschafft, so laß ich ihm gern den Fünfer, da sind wir doch nicht so, ha?«

Mr. Helmut Springer klopfte mit dem Monokel auf seinen Goldziegel. Alles sah zu ihm hin. »Mr. - äh - Gold« - er sprach gewichtig wie ein Familienanwalt -, »Sie gebrauchen da sehr große Zahlen. Wenn ich recht verstehe, sind das insgesamt an die elf Billionen!«

Goldfinger präzisierte: »Die Gesamtziffer wird eher bei fünfzehn liegen. Ich nannte bewußt nur jene Summen, die wir, wie ich glaube, auch fortschaffen können.«

Mr. Billy Ring kicherte aufgeregt. »Gewiß, gewiß, Mr. Gold.« Mr. Springer klebte sich das Monokel wieder vors Auge und musterte Goldfinger. »Aber derartige Gold- oder Münzreserven gibt es in den Staaten nur an drei Orten: in der Bundesmünze in Washington, in der Bundesreservebank in New York City und in Fort Knox, Kentucky. Wollen Sie einen von diesen nehmen? Und wenn, welchen?«

»Fort Knox.«

In das allgemeine Aufstöhnen sagte Mr. Midnight resigniert: »Mister, außerhalb von Hollywood hab’ ich noch niemand mit so viel Einbildungskraft getroffen. Und Einbildungskraft, Mister, ist das Talent, Augenflimmern für fabelhafte Projekte zu halten. Sie sollten mal mit Ihrem Kopfschrumpfer reden.«

Er schüttelte sorgenvoll den Kopf: »Schade, schade, und die Billion war so schön, solang ich sie hatte!«

Miss Pussy Galore sagte gelangweilt: »Tut mir leid, Mister, in diese Art Sparschwein paßt keine meiner Haarnadeln!« Sie machte Anstalten, aufzustehen.

Goldfinger blieb liebenswürdig: »Aber meine Herren und Madame, hören Sie doch erst zu Ende! Ihre Reaktion ist ganz natürlich! Wir wollen aber doch so sagen: Fort Knox ist eine Bank wie jede andere auch, nur viel größer. Demgemäß sind die Schutzvorrichtungen stärker und raffinierter. Deshalb erfordert die Ausschaltung dieses Schutzes entsprechend größere Stärke und Raffinesse. Das einzig Neue an meinem Projekt ist also seine Größe, sonst nichts. Fort Knox ist so wenig uneinnehmbar wie andere Festungen. Wir alle dachten, die Brink sei unschlagbar, bis 1950 ein halbes Dutzend entschlossener Burschen aus einem Brink-Panzerwagen eine Million Dollar raubte. Man sagt, es sei unmöglich, aus Sing-Sing zu entkommen, und doch haben Leute das fertiggebracht. Nein, meine Herren, Fort Knox ist ein Mythos wie vieles! Darf ich Ihnen jetzt den Plan erläutern?«

Billy Ring zischte durch die Zähne und meinte rauh: »Hör zu, vielleicht weißt du’s nicht, aber in Fort Knox steht die Dritte Panzer. Wenn das ’n Mythos ist, warum kommen dann die Rußkis nicht, wenn sie gerade ein Eishockeyteam hier haben, und erobern die Vereinigten Staaten?«

Goldfinger lächelte flüchtig: »Ich will mich nicht brüsten, Mr. Ring, aber ich weiß noch mehr. Derzeit sind folgende Einheiten in Fort Knox stationiert: von der Dritten Panzer nur die Vorausabteilung, aber auch das 6. Panzerkava llerieregiment, die 15. Panzergruppe, das 160. Pionierregiment und ungefähr eine halbe Division aus allen möglichen Einheiten im Ausbildungslager der Panzerauffüllung und der militärpsychologischen Forschungsgruppe 1. Außerdem ein beträchtliches Kontingent von Leuten, die zum Panzerkommando 2 und sonstigen Dienststellen gehören. Dazu kommen Polizeikräfte in der Stärke von zwanzig Offizieren und etwa vierhundert Mann. Kurz, von den zirka sechzigtausend Einwohnern gehören rund zwanzigtausend der Truppe an.«

»Und wer wird denen Buh sagen?« spottete Mr. Jack Strap durch seine Zigarre, riß den zerbissenen Stummel ärgerlich aus dem Mund und zerquetschte ihn im Aschenbecher.

Miss Pussy Galore gab das Geräusch eines spuckenden Papageis von sich: »Geh und kauf dir was Besseres zu rauchen, Jacko! Das Zeug stinkt wie der verbrannte Rumpf von ’nem Boxer!«

»Halt die Klappe, Pussy«, gab Mr. Strap unfein zurück.

Goldfinger klopfte leicht zur Ordnung und sagte geduldig: »Wollen die

Herrschaften mich weiter anhören, bitte!« Er stand auf, ging zur Tafel und entrollte daran eine Karte. Es war der Stadtplan von Fort Knox mit dem Godman-Militärflugplatz und den zur Stadt führenden Bahnlinien und Straßen. Goldfinger zeigte auf das Golddepot links unten, innerhalb des Straßendreiecks aus Dixie Highway, Bullion Boulevard und Vine Grove Road. Er sagte: »Gestatten Sie, daß ich die Hauptpunkte dieser ziemlich einfachen Stadtanlage erkläre. Hier« - sein Finger lief abwärts durch die Stadt - »haben wir die Illinois Central Railroad von Louisville, fünfzig Kilometer nördlich, nach Elizabethtown, dreißig Kilometer südlich. Brandenburg-Station im Stadtzentrum interessiert uns nicht, wohl aber dieses Verschubgleis neben dem Golddepot, denn es ist eine der Verladerampen für das Gold aus der Washingtoner Münze. Andere Transportarten, die aus Sicherheitsgründen unregelmäßig wechseln, sind per Lastwagenkonvoi über den Dixie Highway oder per Flugzeug über den Godwin-Flughafen. Wie Sie sehen, steht das Tresorgewölbe isoliert und ohne jede natürliche Deckung inmitten von zwanzig Hektar Grasland. Nur eine 45 Meter breite Zufahrtstraße führt durch ein schwergepanzertes Tor am Bullion Boulevard. Innerhalb der Stahlabsperrung fahren die Laster um das Gewölbe herum zum Hintereingang, wo die Barren abgeladen werden. Diese kreisförmig angelegte Straße, meine Herren, besteht aus Stahlplatten oder -klappen, die im Alarmfall hydraulisch zu einer zweiten Stahlsperre aufgerichtet werden können. Außerdem läuft ein unterirdischer Tunnel vom Bullion Boulevard zur Vine Grove Road. Von ihm aus führen Stahltüren ins erste unterirdische Stockwerk des Gewölbes.« Goldfinger trat von der Karte zurück und blickte in die Runde. »Ja, meine Herren, das wären die Hauptzufahrtswege. Irgendwelche Fragen?«

Es gab keine. Alle Blicke hingen an dem Sprecher. Dieser Mann schien mehr über die Geheimnisse von Fort Knox zu wissen, als jemals an die Öffentlichkeit gedrungen war.

Wieder wandte Goldfinger sich der Tafel zu und zog eine zweite Karte über die erste. Es war der detaillierte Plan des Goldtresors. »Wie Sie sehen, meine Herren, ist das ein außerordentlich solider, zweigeschossiger Bau. Das Dach ist zum Schutz gegen Bomben gestuft. Vier Stahlbunker an den unteren Ecken des Gebäudes sind mit dessen Innerem verbunden. Seine Ausmaße betragen zweiunddreißig und sechsunddreißig, die Höhe über dem Erdboden ist zwölfeinhalb Meter. Das Baumaterial ist stahlverstärkter Tennessee-Granit. Dieser Stahl-Beton-Granitmantel enthält ein zweistöckiges, unterteiltes Eisenbetongewölbe, dessen Zwanzig-Tonnen-Panzertür und Innenverschalung aus Stahl sind, ebenso wie das Dach, das vom Gebäudedach unabhängig ist. In beiden Geschossen führt ein Gang um das Gewölbe. Vom Gang aus gelangt man zum Gewölbe und zu den Büros und Lagerräumen innerhalb der Außenmauer. Die Öffnung der Panzertür erfolgt durch Teilkombinationen, die unabhängig voneinander durch verschiedene Personen eingestellt werden müssen. Dazu kommen natürlich die modernsten und besten Alarmanlagen. Im Gebäude selbst liegt eine starke Bedeckung, die jederzeit aufs wirksamste von dem nur einen Kilometer entfernten Panzerkommando verstärkt werden kann. Nun zum derzeitigen Inhalt des Gewölbes: wie erwähnt, beläuft er sich auf etwas fünfzehn Billionen Dollar in Standardmünzbarren mit Feingehalt tausend. Jeder Barren ist doppelt so groß wie der vor Ihnen liegende, sein Handelsgewicht beträgt also zwölfeinhalb Kilo. Die Barren lagern unverpackt in den Gewölbekammern.« Goldfinger blickte rundum. »Und das, meine Herren und Madame, wäre alles, was ich Ihnen an Einzelheiten sagen kann und was wir darüber wissen müssen. Wenn es zu diesem Punkt keine Fragen gibt, kann ich erörtern, wie wir in das Gewölbe eindringen und die Barren wegschaffen werden.«

Schweigen. Jeder wartete gespannt und aufmerksam auf das Weitere. Mr. Jack Strap zog nervös eine neue Zigarre aus der Westentasche und steckte sie sich in den Mundwinkel.

Pussy Galore sagte unfreundlich: »Ich schwöre dir, wenn du das Zeug anzündest, schlag’ ich dich mit meinem Goldziegel k.o.!« Sie langte drohend nach dem Barren.

»Immer mit der Ruhe, Süße«, sagte Mr. Strap aus seinem freien Mundwinkel.

Mr. Jed Midnight bemerkte entschieden: »Mister, wenn Sie dieses Lokal ausnehmen können, dann gebührt Ihnen ein summa cum laude! Also machen Sie weiter. Entweder wird das eine Mordspleite oder das kolossalste Verbrechen aller Zeiten!«

Goldfinger sagte ungerührt: »Sehr wohl, meine Herren, Sie sollen den Plan hören.« Er blickte jeden einzelnen an. »Ich hoffe aber, Sie verstehen, daß von nun an alles absolut geheim bleiben muß. Das bisher Gesagte könnte man noch als Gefasel eines Verrückten abtun. Was aber jetzt folgt, verwickelt uns in die größte Verschwörung, die je zu Friedenszeiten in diesem Land erfolgt ist. Darf ich Sie alle als durch einen Eid gebunden betrachten?«

Instinktiv beobachtete Bond die Augen Mr. Springers. Während alle anderen ihr Einverständnis bekundeten, verschleierte sich Mr. Springers Blick. Sein feierliches »Ehrenwort« klang hohl. Bond machte neben Mr. Springers Namen ganz nebenbei ein Minuszeichen.

»Also gut.« Goldfinger kehrte an den Tisch zurück, setzte sich, nahm seinen Bleistift auf und sprach nachdenklich auf ihn ein. »Die erste, gewissermaßen schwierigste Frage ist die nach dem Abtransport. Eine Billion Dollar in Goldbarren wiegt etwa tausend Tonnen. Das erfordert hundert Zehntonner oder an die zwanzig schwere Dreiachser. Ich rate zu diesen Lastwagen und würde empfehlen, daß Sie, sobald wir Partner sind, sofort mit den entsprechenden Leihfirmen Verträge abschließen. Natürlich werden Sie Ihre eigenen Fahrer einsetzen wollen, das muß ich ganz Ihnen überlassen. Zweifellos« - Mr. Goldfinger lächelte leicht -»wird die Gewerkschaft der Lastwagenfahrer eine Fundgrube für verläßliche Leute sein, ebenso vielleicht der Negro Red Ball Express, der im Krieg für die Armee arbeitete. Solche Details verlangen genaue Planung und Koordinierung. Auch das Verkehrsproblem muß gelöst werden, Sie werden sich also über die Einteilung der bestehenden Straßen einigen müssen. Eine weitere Möglichkeit bieten Transportflugzeuge. Wir werden trachten, die Nord-Süd-Straße zum Godman-Flugplatz freizuhalten. Die Weiterbeförderung der Barren ist dann natürlich Ihre Sache. Ich selbst« -Goldfinger blickte kalt rundum - »werde zunächst die Eisenbahn benützen, da für mich das Transportproblem größer ist. Ich nehme an, Sie sind damit einverstanden.« Ohne eine Entgegnung abzuwarten, setzte er fort: »Verglichen mit dem Transportproblem sind die übrigen Anordnungen relativ einfach. Zuerst müssen wir einen Tag vor der Operation die gesamte militärische und zivile Einwohnerschaft von Fort Knox außer Gefecht setzen. Die Vorkehrungen dafür sind getroffen, es bedarf nur meines Zeichens. Die Wasserversorgung der Stadt erfolgt durch zwei Quellen und zwei Filtrieranlagen, die von einem Stationsingenieur betreut werden. Dieser Ingenieur wird zwei Herren meines Stabes als Direktoren der Tokioter Wasserwerke empfangen. Die beiden besichtigen die Anlagen angeblich zu Studienzwecken. Der Stationsingenieur war sehr geschmeichelt über die Ankündigung des Besuches und wird ihnen in jeder Weise entgegenkommen. Die beiden Herren werden relativ geringe Mengen eines hochkonzentrierten Opiats bei sich tragen, das deutsche Chemiker entwickelt haben. Diese Substanz verteilt sich sehr rasch, über das ganze Wasservolumen und bewirkt sofortige Narkose. Ein halbes Glas des infizierten Wassers genügt. Nach etwa drei Tagen erwacht der Schläfer sehr erfrischt. Meine Herren, da im Juni in Kentucky jedermann mindestens ein halbes Glas Wasser pro Tag trinkt, werden wir in eine Stadt mit schlafender Bevölkerung kommen, ein paar hartgesottene Alkoholiker vielleicht ausgenommen.«

»Nur weiter, Mister«, sagte Jack Strap. »Bisher läßt sich’s hören. Aber wie kommen wir in die Stadt?«

»Wir kommen mit einem Sonderzug, der am Vorabend des Stichtages von New York abgeht. Wir werden etwa hundert sein und als Rotkreuzhelfer kommen. Miss Galore wird, wie ich hoffe, das nötige Schwesternkontingent stellen. Wegen dieser kleinen, aber wichtigen Rolle ist sie hier.«

Miss Galore sagte begeistert: »In Ordnung, da mach’ ich mit! Meine Mädchen werden in Steifleinen einfach süß sein, was meinst du, Jacko?« Sie puffte Mr. Strap in die Rippen.

»Zementmäntel ständen ihnen besser«, sagte Mr. Strap.

»Red nicht immer drein! Weiter, Mister.«

»In Louisville werden ich und mein Assistent darum ersuchen, auf der Diesellok mitfahren zu dürfen, weil wir bei der Annäherung an Fort Knox Luftproben nehmen müßten. Bis dahin wird man bereits Nachricht von der rätselhaften Seuche haben, und wahrscheinlich wird in der Umgebung, wenn nicht im ganzen Land, Panik ausbrechen. Da wir bald nach unserem Eintreffen mit Rettungsflugzeugen rechnen müssen, wird es nötig sein, frühzeitig den Kontrollturm zu besetzen, den Flugplatz für gesperrt zu erklären und alle Flugzeuge nach Louisville zurückzudirigieren. Inzwischen werden mein Assistent und ich uns so human wie möglich des Lokomotivführers und Heizers entledigt haben.« (Das wert’ ich, dachte Bond.) »Ich selbst bringe dann den Zug durch Fort Knox zu den Verschubgleisen längs des Depots.« Goldfinger hielt inne und blickte ernst um sich. Befriedigt fuhr er fort: »Zu diesem Zeitpunkt, meine Herren und Madame, sollten Ihre Lastwagen bereits eintreffen. Der Transportleiter wird sie nach Plan einweisen. Das Flugplatzpersonal wird mit Lastwagen zum Flughafen gebracht und dort eingesetzt. Wir selbst betreten das Depot ohne Rücksicht auf die Schläfer, mit denen die Gegend - äh - dekoriert sein wird.«

Mr. Solos dunkle Augen glühten über den Tisch. Er sagte leise: »Gewiß, so weit, so gutt. Und jetzt Sie machen Pfff! - und Zwanzigtonnentür fällt um! Ja?«

»Ja«, sagte Goldfinger gleichmütig, »fast genauso.« Er stand auf, trat an den Tisch bei der Tafel, nahm den gewichtigen Karton auf und legte ihn vor sich auf den Tisch. Dann nahm er wieder Platz und fuhr fort: »Während zehn geübte Mitarbeiter die Öffnung des Gewölbes vorbereiten, werden Tragbahrenmannschaften möglichst viele der Insassen in Sicherheit bringen.« Bond hörte jetzt einen verräterischen Ton mitschwingen. »Wir sind uns ja sicherlich alle darüber einig, daß unnötige Verluste an Menschenleben vermieden werden sollten. Außer zwei Angestellten der Illinois Central, die etwas Kopfschmerzen bekommen haben, hat es ja bis zu diesem Punkt noch keinerlei Verluste gegeben! Nun, meine Herren« - er legte seine Hand auf den Karton -, »nur eine einzige Waffe ist stark genug, die Panzertür von Fort Knox aufzubrechen. Ich erhielt sie nach langem Suchen von einem alliierten Militärstützpunkt in Deutschland. Das hat mich genau eine Million Dollar gekostet. Denn dies, meine Herren, ist ein Atomsprengkopf für eine Corporal-Mittelstreckenrakete.«

»Jesses!« Jed Midnight klammerte sich an die Tischkante. Alle waren blaß geworden, auch Bond. Um die Spannung zu brechen, griff er in die Tasche und zündete sich eine Chesterfield an. In was war er da hineingeschlittert? Also wieder einmal in die Bresche, ihr Freunde! Aber diesmal war’s wirklich Sankt Georg und der Drache. Und Sankt Georg sollte noch rasch etwas tun, ehe der Drache das kleine Drachenei ausbrütete, das er so zuversichtlich gelegt hatte. Aber was? Was, um Himmels willen, konnte er tun?

Goldfinger hob die Hand. »Meine Herren und Madame, glauben Sie mir, das Ding ist völlig harmlos. Es ist nicht scharfgemacht, und solange es das nicht ist, kann es auch nicht losgehen. Das wird erst am Stichtag der Fall sein.«

Billy Rings bleiches Gesicht glänzte vor Schweiß. Aus dem Mund mit dem falschen Grinsen kam eine zitternde Stimme. »Mister - und wie ist’s mit dem, was man - eh - radioaktiven Abfall nennt?«

»Der ist nicht der Rede wert, Mr. Ring, und ganz örtlich begrenzt. Das hier ist das neueste Modell, eine sogenannte saubere Atombombe. Die als erste eindringende Gruppe wird jedenfalls Schutzanzüge tragen. Sie bildet den Anfang der Kette aus Menschen, die das Gold zu den Lastern schaffen wird.«

»Na, und die Sprengbrocken, Mister? Stahl und Beton und so fort?« fragte Mr. Midnight gepreßt.

»Wir liegen hinter der äußeren Stahlsperre in Deckung, Mr. Midnight. Jeder wird Ohrenpfropfen tragen. Kleinere Schäden an den Lastern müssen wir freilich in Kauf nehmen.«

»Und die schlafenden Kerle?« Mr. Solo hatte gierige Augen. »Vielleicht sie schlafen ein bißgen längerr?« Allzusehr schien Mr. Solo sich nicht um die schlafenden Kerle zu sorgen.

»Wir werden so viele wie nur möglich in Sicherheit bringen. Kleinere Schäden in der Stadt werden wir auf uns nehmen müssen, aber die Verluste werden nicht hoch sein. Sie werden die der Straßenunfallstatistik von Fort Knox nicht übersteigen.«

»Das ist aber verdammt nett von uns!« Mr. Midnight hatte sich wieder in der Hand.

»Noch irgendwelche Fragen?« Goldfingers Stimme war sanft. Die Zahlen waren verlesen, die Aussichten abgeschätzt. Es war Zeit für die Abstimmung. »Die Details müssen noch ausgearbeitet werden. Dabei wird mich mein Stab hier unterstützen.« Er wandte sich zuerst Bond, dann Miss Masterton zu. »Dies ist unser Kommandoraum, zu dem Sie Tag und Nacht Zutritt haben. Gebrauchen Sie stets nur den Decknamen Operation >Großer Schlag<! Außerdem darf ich vorschlagen, daß jeder von Ihnen, sofern er mitmachen will, nur einen einzigen seiner sichersten Mitarbeiter ins Vertrauen zieht. Die übrige Mannschaft kann für einen ganz gewöhnlichen Raubüberfall vorbereitet werden und erhält erst am Tag vor dem Coup erweiterte Anweisungen. Überflüssig zu sagen, daß das gesamte Projekt kriegsmäßig zu behandeln ist. Saumseligkeit und Verrat sind schärfstens zu ahnden. Und jetzt, meine Herren und Madame, bitte ich Sie, für Ihre Organisationen zu antworten. Wer von Ihnen wünscht mitzumachen? Der Preis ist enorm, das Risiko minimal. Mr. Midnight?« Goldfinger wandte den Kopf etwas nach rechts. Bond bemerkte den Röntgenblick. »Ja---oder nein?«

5

»Mr. Gold«, sagte Jed Midnight dröhnend, »es ist mir eine Ehre, mich an diesem Unternehmen zu beteiligen.«

»Danke, Mr. Midnight. Und Sie, Mr. Ring?«

Bei Mr. Billy Ring war Bond im Zweifel. Alle anderen hatte er positiv beurteilt, nur Mr. Ring hatte er eine Null, Mr. Springer ein Minus gegeben. Bond hatte nur auf Augen, Mund und Hände geachtet, aber aus des »Grinsenden Billy« unerschütterlich falschem Lächeln hatte sich nichts entnehmen lassen. Das Zucken in seinem rechten Auge war exakt wie ein Metronom, und die Hände hatte er unterm Tisch gehalten.

Jetzt brachte Billy Ring seine Hände zum Vorschein. Er verschränkte sie daumendrehend vor sich auf dem Tisch und wandte sein Alptraumgesicht Goldfinger zu. Das Zucken im rechten Auge hatte aufgehört. Die beiden Zahnreihen begannen zu arbeiten wie der Leib eines Bauchredners. »Sehen Sie, Mister, meine Freunde und ich sind längst zur Legalität zurückgekehrt. Ich meine, die alten Tage, als die Leichen nur so in der Gegend herumlagen, sind vorbei. Wir sind jetzt sehr erfolgreich mit Mädchen, Haschisch und auf dem Rennplatz, und wenn wir was brauchen, dann haben wir unsere Freunde von der Gewerkschaft. Schauen Sie, Mister« - der Grinser öffnete die Hände und faltete sie wieder -, »wo sind jetzt die Big Jim Colossimo, Johnny Torrio, Dion O’Bannion, Al Capone - wo sind sie jetzt alle, ha? Die sehen sich die Kartoffeln von unten an! Ja, mein lieber Herr, damals! Da haben die Leute verdammt rasch aufeinander geschossen, aber dann waren sie’s eben müde - soweit sie nicht schon todmüde waren, Sie verstehen -, und als ich in den fünfziger Jahren den Laden übernahm, da hieß es nur: Raus aus dem Feuerwerksgeschäft! Und jetzt kommen Sie daher und schlagen mir das größte Knallfeuerwerk der Geschichte vor! Was soll ich dazu sagen, Mister Dingsda? Na ja, jeder hat seinen Preis, wissen Sie - und für eine Billion Dollar sind wir dabei. Werden also die Murmeln weglegen und die Schleuder wieder hervorholen. Wir machen mit!«

»Grinser, du brauchst aber verdammt lang zum Jasagen!« kommentierte Mr. Midnight ungehalten. Aber Goldfinger sagte herzlich: »Ich danke Ihnen für die hochinteressanten Ausführungen, Mr. Ring, und freue mich sehr, Sie und Ihre Mitarbeiter willkommen zu heißen - Mr. Solo?«

Statt einer Antwort griff Mr. Solo in die Rocktasche und zog einen Batterierasierapparat heraus. Er schaltete ihn ein, lehnte den Kopf zurück und begann seine rechte Gesichtshälfte zu rasieren. Dabei suchte sein Blick nachdenklich an der Zimmerdecke nach Entscheidung. Plötzlich schaltete er ab, sah drohend auf Goldfinger und musterte ihn Zug für Zug. Mr. Solos Gesicht besaß nur mehr zur Hälfte jene dunkle, italienische Gesichtsfarbe, die von unbezähmbarem Bartwuchs herrührt. Sicherlich mußte er sich so alle drei bis vier Stunden rasieren. Jetzt hatte er sich entschlossen und sagte mit eisiger Stimme: »Misterr, für eine Mann, der über so große Dinge spricht, Sie sind serr ruhig. Der letzte, den ich hab’ gesehen so ruhig, war dann auf einmal durch Hackmesser ganz ruhig. Okay, okay.« Mr. Solo lehnte sich zurück und gab widerstrebend nach.

»Also ja, ich bin dabei. Aber Misterr---entweder die Billion, oder Sie sind toter

Mann! Okay?«

Goldfinger verzog ironisch die Lippen. »Danke, Mr. Solo, Ihre Bedingungen sind durchaus annehmbar. Ich wünsche dringend, am Leben zu bleiben. - Mr. Helmut Springer?«

Mr. Springers Augen waren noch toter als sonst. Er sagte hochtrabend: »Ich bin eben dabei, alle Aspekte gründlich zu erwägen. Bitte, fragen Sie inzwischen meine Kollegen.«

Mr. Midnight bemerkte ungeduldig: »Immer dasselbe! Gibt vor, auf die Inspiration zu warten - Botschaft vom Allmächtigen auf Engelfrequenz! Hat seit zwanzig Jahren keine menschliche Stimme mehr gehört.«

»Und Sie, Mr. Strap?«

Mr. Jack Strap kniff die Augen zusammen und sagte freundlich: »Mister, mir scheint, Sie kennen die Chancen und sind der beste Zahler, der mir je begegnet ist. Ich denke, wenn wir die Muskeln und Waffen hergeben, muß es klappen. Rechnen Sie mit mir!« Mr. Strap schaltete den Charme ab. Seine Augen, nun wieder fürchterlich, wandten sich Miss Pussy Galore zu. Auch Goldfinger sah sie an.

Miss Galore schlug den Blick nieder, um keinen von beiden ansehen zu müssen, und sagte gleichgültig vor sich hin: »Das Geschäft ist bei mir draußen in letzter Zeit nicht so blendend gegangen.« Sie klopfte mit ihren langen, silberlackierten Fingernägeln auf ihren Goldbarren. »Nun ja, nicht daß mein Bankkonto überzogen wäre - nennen wir’s lieber ein wenig unterdeckt. Tja. Natürlich mach’ ich mit. Ich und meine Mädels wollen essen.«

Goldfinger erlaubte sich ein Lächeln. »Das ist sehr erfreulich, Miss Galore. Und jetzt« - er blickte über den Tisch - »Mr. Springer: Dürfen wir fragen, ob Sie sich entschieden haben?« Mr. Springer stand langsam auf, gähnte diskret wie ein gelangweilter Opernbesucher, ließ einen Rülpser folgen, zog ein feines Linontuch heraus und betupfte sich die Lippen. Seine Glasaugen wanderten um den Tisch und hefteten sich auf Goldfinger. Langsam wiegte er den Kopf, als versuche er, ein steifes Genick einzurenken. Dann sagte er ernst: »Mr. Gold, ich fürchte, Ihre Vorschläge würden bei meinen Freunden in Detroit wenig Gegenliebe finden.« Er machte eine leichte Verbeugung, die alle Anwesenden einschloß. »Mir bleibt nur übrig, Ihnen für diese hochinteressante Gelegenheit zu danken. Meine Herren, guten Tag.« Eisiges Schweigen herrschte. Mr. Springer steckte sein Taschentuch sorgfältig in die linke Manschette seiner makellosen Fischgratjacke, drehte sich um und ging leise hinaus. Während die Tür sich mit scharfem Klicken schloß, sah Bond Goldfingers Hand wie zufällig unter den Tisch schlüpfen. Nun erhielt Fakto sein Zeichen. Wofür wohl? Mr. Midnight sagte böse: »Bin froh, daß er weg ist! Ein ausgesprochenes Brechmittel! Aber jetzt« - er erhob sich plötzlich und wandte sich an Bond -, »wie war’s mit einem kleinen Drink?«

Alles begab sich zu dem vorbereiteten Büfett. Bond, zwischen Miss Pussy Galore und Tilly Masterton stehend, bot beiden Champagner an. Miss Galore musterte ihn kühl und sagte: »Geh mal rüber, Süßer, wir Mädchen haben Geheimnisse. Nicht wahr, Kleines?« Miss Masterton wurde rot und blaß.

»O bitte, sicher, Miss Galore!« hauchte sie hingerissen.

Bond lächelte sie ein wenig gequält an und machte, daß er wegkam. Jed Midnight, der die Abfuhr bemerkt hatte, trat ernst zu ihm: »Mister, wenn das Ihre Puppe ist, dann geben Sie lieber acht! Pussy kriegt jedes Mädel herum. Sie vernascht sie büschelweise - wie die Trauben.«

Bond sagte munter: »Ich werde aufpassen. Machen kann ich ja nicht viel, sie ist eher der selbständige Typ.«

»Ist sie das? Na, vielleicht kann ich mithelfen, sie kleinzukriegen. Auf später!« Er grinste und wandte sich ab.

Bond war eben bei Kaviar und Champagner, als die Tür aufging und einer der Koreaner rasch auf Goldfinger zukam. Der neigte seinen Kopf zu der geflüsterten Nachricht und wurde sehr ernst. Er klopfte mit der Gabel an sein Glas Vichywasser. »Meine Herrschaften!« Er blickte traurig um sich. »Eine schlechte Nachricht! Eben erfahre ich, daß unser Freund Mr. Springer einen Unfall gehabt hat. Er stürzte die Treppe hinunter und war sofort tot.«

»Ho, ho!« Mr. Rings Lachen war kein Lachen, es war ein Loch im Gesicht. »Und was sagt sein Torpedo Slappy Hapgood dazu?«

Goldfinger sagte ernst: »Mr. Hapgood ist leider auch die Treppe hinuntergefallen und seinen Verletzungen erlegen!«

Mr. Solo blickte mit neuem Respekt auf Goldfinger und sagte sanft: »Misterr, lassen Sie doch lieber reparieren diese Treppe, bevor ich und mein Freund Giulio sie benützen!«

Goldfinger sagte mit Würde: »Die schadhafte Stelle wird soeben ausgebessert.« Gedankenvoll fügte er hinzu: »Wenn man diese Unfälle in Detroit nur nicht mißversteht!«

Heiter meinte Jed Midnight: »Nicht der Rede wert! Dort lieben sie Begräbnisse. Und, zu Ihrer Beruhigung, das alte Ekel hätt’ es sowieso nicht mehr lange gemacht, der sitzt schon seit zwölf Monaten auf der brennenden Lunte.« Er wandte sich an Mr. Strap: »Hab’ ich nicht recht, Jacko?«

»Klar, Jed«, bestätigte Mr. Strap ernst. »Du sagst es. Mr. Helmut Springer war fällig.«

Als Bond an diesem Abend zu Bett ging, mußte er noch lange an das Ende Mr. Springers und seines Leibwächters denken. Nun, wahrscheinlich hatten beide es reichlich verdient. Nun aber waren sechzigtausend andere Menschen an der Reihe, wenn nicht er -und nur er - etwas dagegen unternahm.

Nach Auflösung der Gangsterversammlung hatte Goldfinger auch das Mädchen entlassen und nur Bond zurückbehalten. Länger als zwei Stunden ging er dann die ganze Unternehmung bis ins kleinste durch, wobei Bond sich Notizen machen sollte. Als die Präparierung der beiden Reservoire zur Sprache gekommen war, hatte Bond nach dem Gift und seiner Wirkungszeit gefragt.

»Das braucht Sie nicht zu kümmern.«

»Aber warum? Davon hängt doch alles ab!«

»Mr. Bond.« Goldfinger hatte wieder den in die Ferne gerichteten Blick. »Da Sie keine Gelegenheit haben werden, es weiterzusagen, sollen Sie die Wahrheit hören. Von jetzt an wird Fakto nicht mehr von Ihrer Seite weichen, und sein Auftrag wird sehr präzise sein. Ich kann Ihnen daher sagen, daß die gesamte Bevölkerung von Fort Knox um Mitternacht des Tages vor dem >Großen Schlag< tot oder unschädlich sein wird. Die außerhalb der Filteranlagen dem Wasser beigemengte Substanz ist ein GB-Konzentrat.«

»Sie sind wahnsinnig! Sie wollen doch nicht im Ernst sechzigtausend Menschen umbringen?«

»Warum nicht? Die amerikanischen Autofahrer tun das alle zwei Jahre.«

Entsetzt starrte Bond Goldfinger an. Das konnte nicht wahr sein! Gepreßt fragte er: »Was ist dieses GB?«

»GB ist das stärkste Nervengift der Trilongruppe. Es wurde 1943 von der Wehrmacht entwickelt, aber aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen nie eingesetzt. Es ist tatsächlich wirksamer als die Wasserstoffbombe. Sein Nachteil liegt in der schwierigen Anwendung. Die Russen erbeuteten die gesamten deutschen Vorräte, und Freunde konnten mir die notwendige Menge besorgen. Die Verbreitung des Gifts durch das Trinkwasser ist eine ideale Methode für dichtbevölkerte Gebiete.«

Bond sagte: »Goldfinger, Sie sind ein lausiger, ver -«

»Seien Sie nicht kindisch! Wir haben zu arbeiten.«

Später, bei den Transportfragen, hatte Bond noch einen letzten Versuch gemacht und gesagt: »Goldfinger, Sie können das Zeug unmöglich wegschaffen! Niemand wird seine hundert Tonnen herausretten können - geschweige denn Sie Ihre fünfhundert! Sie werden den Dixie Highway hinunterrasen, ein paar radioaktive Goldbarren mit sich und die ganze amerikanische Armee im Rücken! Und dafür wollen Sie sechzigtausend Menschen umbringen? Das ist absurd! Sogar wenn Sie ein oder zwei Tonnen herausbringen, wo, zum Teufel, wollen Sie sie verstecken?«

»Mr. Bond.« Goldfingers Geduld war unerschöpflich. »Zufällig wird um diese Zeit ein Kreuzer der Swerdlowsk-Klasse Norfolk, Virginia, einen Freundschaftsbesuch abstatten. Am Tage nach der Operation läuft er aus Norfolk aus. Und mein Gold wird noch um Mitternacht des Stichtages an Bord dieses Kreuzers sein. Ich werde auf dem Kreuzer nach Kronstadt fahren. Alles ist eingeplant, jede mögliche Störung berücksichtigt. Ich habe mich fünf Jahre lang mit diesem Projekt beschäftigt. Jetzt ist der Moment da. Meine Tätigkeit in England und auf dem Kontinent ist beendet, ihre wenigen Spuren kümmern mich nicht mehr. Ich werde fort sein, ausgewandert. Aber, Mr. Bond, ich werde das Goldherz Amerikas mit mir genommen haben. Natürlich« - Goldfinger war nachsichtig - »wird diese einzigartige Tat nicht ohne Makel sein. Ich brauche die ungeschickten Gangster, und sie werden Fehler machen. Aber was mit ihnen geschieht, interessiert mich nicht. - Doch nun weiter mit der Arbeit! Bis heute abend brauche ich sieben Exemplare. Wo waren wir? . . .«

Wer würde wissen, daß Gold in Rußland war? Niemand, wenn alles nach Goldfingers Plänen ging! Keine Spur würde zurückbleiben, kein Zeuge. Es war moderne Freibeuterei mit allen Zutaten von früher. Goldfinger plünderte Fort Knox wie Bloody Morgan Panama geplündert hatte, da gab es keinen Unterschied. Nur die Waffen und die Technik waren auf dem neuesten Stand.

Es gab nur einen Menschen auf der ganzen Welt, der das verhindern konnte. Aber wie?

Der nächste Tag brachte endlose Papierarbeit. Jede halbe Stunde kam aus Goldfingers Kommandoraum eine Anweisung, die Verzeichnisse von dem, Kopien von jenem forderte, Schätzungen, Zeitpläne, Vorratslisten. Man brachte eine zweite Schreibmaschine, Karten, Nachschlagewerke - alles, was Bond verlangte. Aber nicht ein einziges Mal ließ Faktos Wachsamkeit nach, wenn er auf Bonds Klopfen öffnete und hereinkam, um Essen, Notizen oder sonst etwas zu bringen. Bond und das Mädchen wurden als gefährliche Sklaven behandelt, sonst nichts.

Tilly Masterton arbeitete wie eine Maschine - rasch, willig, genau, blieb aber verschlossen. Mit kühler Höflichkeit begegnete sie Bonds Versuchen, Freundschaft zu schließen und Gedanken auszutauschen. Bis zum Abend hatte er nichts weiter über sie erfahren, als daß sie während ihrer Büroarbeit für Unilever auch eine erfolgreiche Amateureisläuferin gewesen war. Später hatte sie Starrollen in Eisrevuen bekommen. Ihr Hobby war Pistolen-und Gewehrschießen, und sie war Mitglied zweier Scharfschützenklubs. Sie hatte wenig Freunde gehabt und war niemals verliebt oder verlobt gewesen, hatte zwei Zimmer in Earls Court bewohnt und war jetzt vierundzwanzig. Ihre böse Lage war ihr klar, sie war aber sicher, daß irgend etwas geschehen würde. Miss Pussy Galore war für sie »einfach wundervoll«, und sie schien zu hoffen, mit deren Hilfe aus der Klemme herauszukommen. Offensichtlich war Tilly Masterton eines jener Mädchen, deren Hormone durcheinandergeraten waren. Bond lächelte sauer in sich hinein, als er daran dachte, welche Phantasien er auf der Fahrt durch das Loiretal um dieses Geschöpf gesponnen hatte.

Abends kam eine letzte Notiz von Goldfinger:

Fünf Chefs und ich fliegen morgen 11 Uhr mit von meinem Piloten gesteuerter Chartermaschine von La Guardia ab zwecks Luftinspektion für »Großer Schlag«. Sie kommen mit, Masterton bleibt hier. G.

Bond setzte sich auf die Bettkante und starrte die Wand an. Dann ging er zur Schreibmaschine. Eine Stunde lang tippte er die genauen Einzelheiten des Unternehmens auf die beiden Seiten eines Blattes, rollte es dann zu einer Röhre von Kleinfingergröße und verklebte sie sorgfältig. Dann tippte er auf einen Papierstreifen:

Dringend! Lebenswichtig! Fünftausend Dollar Belohnung garantiert für den Finder, der diese Botschaft ungeöffnet an Felix Leiter bei Pinkertons Detektivbüro 154. Nassau Street N. Y. C. abliefert. Bezahlung bei Ablieferung.

Bond rollte diese Botschaft um den Zylinder, schrieb außen mit roter Tinte »$ 5 ooo Belohnung« darauf, setzte sich wieder auf den Bettrand und klebte sich das Röllchen mit einem Klebestreifen innen an den Oberschenkel.

6

»Mister, die Flugkontrolle fragt an, wer wir sind. Sie sagen, hier ist Sperrgebiet.« Goldfinger stand auf und ging nach vorn in die Kanzel, Bond sah ihn das Mikrophon aufnehmen. Durch das ruhige Brummen des zehnsitzigen Executive Beechcraft war jedes Wort deutlich hörbar. »Guten Morgen, hier spricht Mr. Gold von Paramount Pictures Corporation. Wir machen einen genehmigten Besichtigungsflug für den geplanten A-Streifen über den berühmten Angriff der

Südstaatler im Jahr 1861, der zu Shermans Gefangennahme am Muldraugh Hill führte . . . Jawohl, mit Cary Grant und Elizabeth Taylor in den Hauptrollen . . . Wie bitte? Freigabe? Haben wir, haben wir, lassen Sie mich nachsehen!« Goldfinger sah nichts nach. - »Ja, hier ist sie: unterschrieben vom Leiter der Spezialabteilung im Pentagon . . . Gewiß, der Kommandeur des Panzerkommandos muß eine Kopie haben . . . Okay, danke sehr! Hoffentlich gefällt Ihnen der Film. Bye.« Goldfinger kam in die Kabine zurück. Breitbeinig blieb er stehen und blickte auf seine Passagiere. »Nun, meine Herren und Madame, haben Sie genug gesehen? Ich möchte nicht zu sehr unter zweitausend gehen. Vielleicht kreisen wir noch einmal und fliegen dann zurück. Fakto, die Erfrischungen!«

Der Reihe nach beantwortete Goldfinger jetzt das Durcheinander von Fragen und Einwürfen, während Fakto aufstand und nach hinten ging. Bond folgte ihm, betrat unter seinem mißtrauischen Blick die kleine Toilette und versperrte die Tür.

Er setzte sich hin und überlegte. Bisher hatte er keine Möglichkeit gehabt, seine Botschaft loszuwerden, er war immer unter Aufsicht gewesen. Also hieß es jetzt oder nie! Aber wohin damit? Zwischen die Blätter des Klosettpapiers? Die könnten zu früh oder erst nach Wochen abgerissen werden. In den Aschenbecher? Man würde ihn vielleicht nicht reinigen. Einen Gegenstand würde man jedoch sicher reinigen.

Am Türgriff rüttelte es, Fakto wurde unruhig. Vielleicht setzte Bond das Flugzeug in Brand? Bond rief: »Ich komm’ ja schon, du Affe!« Er erhob sich, klappte den Sitz hoch, riß das Paketchen von der Innenseite seines Schenkels und klebte es vorn unter die Brille. Zur Reinigung des Beckens mußte man sie aufklappen, und das würde nach der Rückkehr bestimmt geschehen. Die »$ 5 ooo Belohnung« konnten nicht einmal dem hastigsten Putzboy entgehen - falls niemand ihm zuvorkam. Aber Bond glaubte nicht, daß ein Passagier die Brille hochheben würde, das kleine Abteil war einfach zu eng. Leise klappte er den Sitz wieder herunter, ließ Wasser in das Waschbecken fließen, wusch sich das Gesicht, fuhr sich durchs Haar und trat hinaus. An Bond vorbei betrat Fakto ärgerlich die Toilette, sah sich darin um, kam wieder heraus und schloß die Tür. Bond ging zu seinem Sitz zurück. Nun war es soweit. Die Flaschenpost war unterwegs. Wer würde sie finden? Und wann?

Alle bis hinunter zum Kopiloten benützten die verdammte kleine Toilette, bevor sie wieder auf der Erde waren. Und so oft einer herauskam, glaubte Bond die kalte Pistolenmündung im Genick zu spüren, die mißtrauischen Worte und das Knistern aufgerollten Papiers zu hören. Aber dann sausten sie endlich wieder mit dem Buick zum oberen Manhattan und durch die gutbewachten Tore des Lagerhauses zurück an die Arbeit.

Jetzt war es ein Wettrennen - ein Wettlauf zwischen Goldfingers gutfunktionierendem Apparat und der dünnen Zündschnur, die Bond angebrannt hatte. Was ging draußen vor? Während jeder Stunde der folgenden drei Tage malte Bond sich aus, was sich draußen wohl abspielen mochte

- wie Leiter seinen Chef informierte, dann die Besprechung, ein Blitzflug nach Washington, das FBI und Hoover, die Armee, der Präsident . . . Wie Leiter darauf bestand, daß Bonds Bedingungen eingehalten, keine verdächtigen Schritte unternommen, keine Nachforschungen angestellt würden . . . Und daß man nur nach einem Generalplan vorgehen dürfe, der an dem gewissen Tag die ganze Bande festsetzen würde, so daß keiner entkommen konnte . . . Würden sie Bonds Bedingungen annehmen oder es nicht wagen, das Risiko einzugehen? Hatten sie über den Atlantik mit M gesprochen? Hatte M darauf bestanden, daß man Bond noch irgendwie heraushauen müsse? Hatte er ihn aufgegeben? Es galt auch, sich der beiden »Japaner« zu versichern, um den Wortlaut der Kode-Botschaft aus ihnen herauszuprügeln, auf die Goldfinger am Tage vor der Operation warten würde!

Ging es so vor sich, oder herrschte ein großer Wirrwarr? War Leiter vielleicht gerade irgendwo unterwegs? »Wer ist oo7? Was soll das heißen! Irgendein verrückter Lümmel. He, Smith, gehen Sie bitte der Sache nach! Fahren Sie zu dem Lagerhaus und sehen Sie sich um! Tut mir leid, Mister, aber mit den fünf Tausendern ist es nichts. Da haben Sie das Geld für die Rückfahrt. Fürchte, Sie sind reingefallen.«

Oder, noch ärger, war gar nichts geschehen? Stand das Flugzeug ohne Wartung auf dem Flugplatz herum? Tag und Nacht quälten Bond solche Gedanken, während er seine Arbeit verrichtete, die Stunden vorübertickten und die tödliche Maschinerie weiterlief.

Der Stichtag kam heran und verflog in letzter, fieberhafter Geschäftigkeit. Endlich, abends, kam eine Notiz von Goldfinger: Erste Phase der Operation erfolgreich. Verladen wie geplant um Mitternacht. Kopien aller Karten, Zeitpläne und Einsatzbefehle mitbringen. G.

In geschlossener Gruppe, mit Bond und Tilly Masterton in der Mitte - er in weißem Ärztemantel, sie in Schwesterntracht -, begab sich Goldfingers Abteilung rasch durch die fast leere Halle des Pennsylvania-Bahnhofs zu dem wartenden Sonderzug. Alle, auch Goldfinger, trugen die übliche weiße Kleidung und die Armbinde des Sanitätskorps. Der schwach erhellte Bahnsteig war voll von den wartenden Gestalten des Gangsteraufgebots. Das gespannte Schweigen paßte durchaus zu einem Katastropheneinsatz. Die Tragbahren und Entgiftungsanzüge, die in die Abteile verladen wurden, erhöhten noch die Dramatik des Bildes. Der Bahnhofsvorstand sprach ruhig mit den vorgesetzten Ärzten in Gestalt von Midnight, Strap, Solo und Ring. Daneben stand Miss Galore mit einem Dutzend blasser Schwestern, die gesenkten Blickes warteten, als stünden sie neben einem offenen Grab. Ohne Schminke, ihre exotischen Frisuren unter Rotkreuzhauben verborgen, wirkten sie, wie sie sollten: pflichtgetreu, barmherzig, der Linderung menschlichen Leidens ergeben.

Sobald der Vorstand Goldfinger und seine Abteilung kommen sah, eilte er ihnen entgegen. »Dr. Gold?« Sein Gesicht war ernst. »Ich fürchte, die Nachrichten, die durchgekommen sind, sind nicht gut! Heute abend wird alles in den Zeitungen stehen. Alle Züge in Louisville aufgehalten, keine Antwort aus Fort Knox. Aber wir werden Sie gut hinbringen. Allmächtiger Gott, Herr Doktor! Was ist dort los? Leute, die aus Louisville herüberkamen, sprachen davon, daß die Russen dort etwas aus der Luft versprühen. Natürlich glaube ich nicht an solches Zeug! Aber was kann es sein? Lebensmittelvergiftung?«

Goldfinger sagte würdevoll-freundlich: »Mein Bester, eben das müssen wir herausfinden, deshalb fahren wir ja hin. Wenn Sie aber meine Ansicht hören wollen, aber bitte, es ist nur eine Vermutung, dann ist es eine Art Schlafkrankheit.«

»So, glauben Sie?« Der Vorstand war beeindruckt. »Also, Herr Doktor, wir sind alle sehr stolz auf Sie und Ihre Leute vom Katastrophendienst.« Er streckte die Hand aus, Goldfinger drückte sie. »Viel Glück, Herr Doktor! Und jetzt werde ich den Zug so rasch wie möglich abfertigen.«

»Alles einsteigen!«

Bond befand sich in einem Pullman mit Tilly Masterton auf der anderen Seite des Mittelgangs und den Koreanern und Deutschen um sie herum. Goldfinger saß vorn im Wagen und unterhielt sich gut gelaunt mit seinen Unterführern. Jetzt kam Miss Pussy Galore vorbei. Sie achtete nicht auf Tilly Mastertons erhobenes Gesicht, sondern sah Bond fragend an. Türen schlugen zu. Pussy Galore blieb stehen, stützte sich auf die Rückenlehne gegenüber Bond und sah auf ihn herab. »Hallo, Süßer. Lang nicht gesehen. Der Onkel läßt Sie nicht viel von der Leine.«

Bond gab zurück: »Hallo, Schöne, die Tracht steht Ihnen gut. Ich fühle mich sehr schwach, wie war’s mit einer kleinen Betreuung?« Die dunkelvioletten Augen blickten ihn prüfend an. Leise sagte sie: »Wissen Sie was, Mr. Bond? Ich hab’ das Gefühl, irgendwas stimmt nicht mit Ihnen. Ich frage mich, was Sie und die Puppe dort in dem Laden zu suchen haben!«

»Wir machen die ganze Arbeit.«

»Kann sein. Aber wenn was schiefgeht morgen früh, dann wette ich, daß unser Süßer den Grund weiß. Verstanden?« Sie wartete Bonds Antwort nicht ab, sondern ging weiter und gesellte sich zur Versammlung der Stabschefs.

Es war eine anstrengende Nacht. Man mußte unter den forschenden, freundlichen Blicken der Schaffner den Schein wahren. Letzte Besprechungen vorn und hinten im Zug mußten den Anschein ernster ärztlicher Beratungen erwecken - kein Zigarrenrauchen, kein Fluchen, kein Spucken. Eifersucht und Konkurrenzneid zwischen den Banden mußten unterdrückt werden. Die kalte Überheblichkeit der Mafia, besonders Jack Strap und seinen leichtlebigen Leuten aus dem Westen gegenüber, hätte vielleicht zu einer Schießerei geführt, wenn die Bandenchefs nicht ständig aufgepaßt hätten. Alle diese kleinen psychologischen Faktoren hatte Goldfinger vorausgesehen. Die »Zementmixer«-Mädchen waren abgesondert, es gab nichts zu trinken, und die Bandenchefs beschäftigten ihre Leute, indem sie ihnen weitere Unterweisungen gaben und längere Ausführungen machten über die Art, das Gold wegzubringen. Nebenbei spionierte man die Pläne der anderen aus, und des öfteren wurde Goldfingers Entscheidung eingeholt, wer nun die Straßen zur mexikanischen Grenze, zur Wüste und nach Kanada bekommen sollte. Goldfinger hatte da ein Wunder zustande gebracht. Abgesehen von seiner Person beruhigte seine genaue Planung und seine Zuversicht die gespannten Nerven und ließ unter den rivalisierenden Banden fast eine Art Teamgeist aufkommen.

Sobald der Zug das flache Land von Pennsylvanien durchbrauste, begannen seine Passagiere in schweren, unruhigen Schlaf zu fallen. Nur Goldfinger und Fakto blieben wach und aufmerksam. Bald gab Bond seine Idee auf, Fakto mit einem seiner verborgenen Messer zu erledigen und die Flucht zu wagen, sobald sich die Geschwindigkeit des Zuges vor einer Station oder bei einer Steigung verringerte. So döste er dahin und dachte über die Worte des Bahnhofsvorstands nach. Der hatte bestimmt alles für wahr gehalten und glaubte ernstlich, Fort Knox sei Katastrophengebiet. Entsprach die Nachricht aus Louisville den Tatsachen, oder war sie ein Teil des riesigen Verschleierungsplanes, der nötig war, um alle Verschwörer zu erwischen? Und wenn es solch einen Plan gab, wie genau war er vorbereitet? Würde alles klappen oder würde Goldfinger rechtzeitig gewarnt sein? Wenn aber die Nachricht stimmte, das Gift bereits seine Wirkung getan hatte - was blieb da für Bond noch zu tun?

Zu einem war er entschlossen: Irgendwie, in der Aufregung der entscheidenden Stunde, würde er sich an Goldfinger heranmachen und ihm die Gurgel durchschneiden. Aber würde das mehr bedeuten als einen persönlichen Racheakt? Würde jemand stark und besonnen genug sein, die Führung zu übernehmen? Mr. Solo? Wahrscheinlich. Das Unternehmen würde halb und halb gelingen, sie würden mit einer Menge Gold davonkommen - außer Goldfingers Leuten, die ohne ihn verloren waren. - Oder waren die sechzigtausend bereits tot? Hätte er, Bond, etwas tun können, das zu verhindern? Hatte es jemals eine Chance gegeben, Goldfinger umzubringen? Hätte er im Pennsylvania-Bahnhof eine Szene machen sollen? Bond starrte sein dunkles Spiegelbild im Fenster an, horchte auf das freundliche Klingeln an den Bahnübergängen und auf das Heulen des Signalhorns vorn und marterte seine Nerven mit Vorwürfen, Zweifeln und

Fragen.