7

Langsam dämmerte der Tag über der endlosen Ebene von Kentucky. Um sechs Uhr fing der Zug an, langsamer zu fahren, glitt durch die erwachenden Vororte von Louisville und kam mit einem Seufzen der hydraulischen Bremsen in dem hallenden, nahezu verlassenen Bahnhof zum Stehen.

Eine kleine, respektvolle Gruppe erwartete sie. Goldfinger, mit übernächtigten Augen, winkte einem der Deutschen, nahm eine schwarze, achtunggebietende Tasche und begab sich damit auf den Bahnsteig. Nach einer kurzen, ernsten Beratung, bei der der Fahrdienstleiter das Wort führte, wandte Goldfinger sich müde zum Zug zurück. Mr. Solo erwartete ihn an der hinteren Waggontür. Bond hörte Goldfingers besorgte Stimme: »Ich fürchte, Herr Doktor, die Lage ist so ernst, wie wir angenommen haben. Ich gehe jetzt mit dem da nach vorn< - er hielt die schwarze Tasche hoch - »auf die erste Diesellok, und wir fahren langsam in das verseuchte Gebiet ein. Wollen Sie bitte veranlassen, daß alles die Masken bereithält! Für den Lokführer und den Heizer hab’ ich sie mit. Das sonstige Bahnpersonal bleibt hier zurück.«

Mr. Solo nickte mit Würde. »Jawohl, Herr Professor.« Er schloß die Tür, und Goldfinger begab sich nach vorn. Seine Leibwächter und die respektvolle Gruppe folgten ihm.

Nach einer Weile rollte der Zug leise, fast ehrerbietig aus dem Bahnhof und ließ das kleine, jetzt um die vier verlegenen Schaffner vermehrte Empfangskomitee hinter sich.

Noch fünfzig Kilometer, eine halbe Stunde! Die Schwestern reichten Kaffee und Gebäck herum und hatten für jeden, der’s brauchte, zwei Dextrintabletten bereit. Sogar daran hatte Goldfinger gedacht! Es gab jetzt keine Scherze, keine Munterkeit mehr: Der Zug war mit Spannung geladen.

Nach zehn Minuten verlangsamte sich seine Fahrt, es gab einen zischenden Bremsruck, Kaffee wurde verschüttet, der Zug blieb fast stehen. Dann beschleunigte er plötzlich sein Tempo: Ein neuer Mann stand am Fahrschalter. Wenig später kam Mr. Strap durch den Waggon. »Noch zehn Minuten! Fertigmachen zum Aussteigen! Abteilungen A, B, C Ausrüstung anlegen! Alles geht nach Plan, nur mit der Ruhe. Denkt daran, was ihr zu tun habt!« Er ging rasch weiter, und Bond hörte ihn im nächsten Abteil das gleiche ausrufen.

Bond wandte sich an Fakto. »Hör zu, du Affe, ich geh’ jetzt auf die Toilette, und Miss Masterton wahrscheinlich auch.« Er wandte sich an das Mädchen: »Oder

nicht, Tilly?«

»Ja«, sagte sie gleichgültig, »’s wird gut sein.«

»Na gut, gehen Sie zuerst«, sagte Bond.

Der Koreaner neben ihr blickte fragend auf Fakto, der den Kopf schüttelte.

Bond sagte: »Wenn du sie nicht gehen läßt, dann gibt’s jetzt eine Schlägerei, und das mag Goldfinger nicht!« Er wandte sich an das Mädchen: »Gehen Sie nur, Tilly, ich kümmere mich um die Affen da!«

Fakto gab ein paar bellende Laute von sich, die der andere zu verstehen schien, denn er stand auf und sagte: »Okay, aber Tür nicht zusperren!« Er folgte dem Mädchen und wartete, bis sie herauskam.

Fakto verfuhr mit Bond ebenso. In der Toilette zog Bond seinen rechten Schuh aus, holte das Messer hervor und verbarg es unterm Hosenbund. Er wusch sich und betrachtete im Spiegel sein vor Spannung bleiches Gesicht. Dann trat er hinaus und begab sich wieder auf seinen Platz.

In der Ferne wurde ein Schimmer sichtbar, und bald stiegen undeutlich niedrige Gebäude aus dem Bodennebel der Frühe. Langsam erkannte man die Hangars und den gedrungenen Kontrollturm: Godman-Field! Das rhythmische Pochen des Zugs wurde langsamer. Ein paar schmucke, moderne Villen, die zu einer neuen Wohnanlage gehörten, glitten vorüber. Unbewohnt. Zur Linken lief jetzt das dunkle Band der Brandenburg Station Road. Bond reckte den Hals. Durch den leichten Nebel schimmerte sanft das moderne Stadtzentrum von Fort Knox. Die kristallklare Luft über seiner ausgezackten Silhouette war von keinem Rauchwölkchen getrübt. Der Zug fuhr immer langsamer. Auf der Bahnhofstraße hatte es einen schweren Autounfall gegeben, Frontalzusammenstoß. Aus einer zerbeulten Tür hing der Körper eines Mannes, der andere Wagen lag auf dem Dach wie ein toter Käfer. Bond bekam Herzklopfen. Jetzt glitt eine Bungalowreihe vorüber. Auf einer halbgemähten Rasenfläche lag reglos ein Mann. Die exakten Mähspuren liefen bis zu ihm, dann hatte die Maschine einen häßlichen Schnörkel gemacht und war nebenan auf die frisch umgestochene Erde gekippt. Es kam eine Wäscheleine, die abgerissen war, als die Frau nach ihr gegriffen hatte, die nun mit der herabgefallenen Wäsche einen weißen Haufen bildete. Und während der Zug im Schrittempo in die Stadt einfuhr, sah man in jeder Straße, auf jedem Gehsteig reglos hingestreckte Gestalten, einzeln und in Gruppen - in Schaukelstühlen vor der Tür; mitten auf den Kreuzungen, deren Verkehrsampeln weiter ihre Lichtsignale gaben; in Wagen, die noch an den Rand hatten fahren können, und in anderen, die in Schaufenstern steckten. Tod, nichts als Tod! Keine Bewegung, kein Laut außer dem eisernen Gelärm des in diesen Friedhof einfahrenden Mörders!

Jetzt entstand Bewegung in den Wagen. Billy Ring kam mit breitem Grinsen herein und blieb neben Bond stehen. »Du lieber Schwan!« sagte er entzückt. »Der gute Goldie hat denen vielleicht einen Cocktail verpaßt! Nur peinlich, daß es manche beim Fahren erwischt hat! Aber Sie wissen doch: kein Omelette ohne zerschlagene Eier, nicht?« Bond lächelte gezwungen: »Stimmt.« Billy Ring formte ein lautloses »O« an Stelle eines Lachens und ging weiter.

Der Zug ratterte durch den Brandenburg-Bahnhof. Leichen scharenweise! Männer, Frauen, Kinder, Soldaten! Der Bahnsteig war übersät mit ihnen. Bond spähte nach einer Bewegung, einem heimlichen Blick, einem Handzucken: nichts! Halt, was war das? Ein leises, gedämpftes Weinen drang durchs Fenster! Am Kartenschalter standen drei Kinderwagen, die Mütter lagen daneben. Natürlich! Die Säuglinge hatten die Milch getrunken, nicht das tödliche Wasser.

Fakto erhob sich, ebenso die ganze Abteilung Goldfinger. Die Gesichter der Koreaner waren gleichgültig, unverändert. Keiner sah auf den anderen, schweigend bildeten sie am Ausgang eine Reihe und warteten.

Tilly Masterton berührte Bonds Ärmel. Ihre Stimme zitterte. »Sind Sie sicher, daß die alle schlafen? Da war doch so etwas wie . . . Schaum auf manchen Lippen!«

Auch Bond hatte es gesehen, und der Schaum war blutig gewesen. Er sagte: »Ach, die haben Bonbons oder sonstwas gegessen! Sie kennen doch die Amerikaner - immer müssen sie etwas kauen.« Dann raunte er ihr zu: »Halten Sie sich von mir fern, man wird vielleicht schießen!« Sie nickte stumm, ohne ihn anzusehen. »Ich halt’ mich an Pussy, sie wird mir helfen.« Bond lächelte ihr aufmunternd zu: »Gut.«

Langsam holperte der Zug über ein paar Weichen und blieb stehen. Das Signalhorn der Diesellok tutete, die Türen öffneten sich, und die einzelnen Gruppen quollen auf der Seite des Golddepots auf den Bahnsteig.

Alles rollte nun mit militärischer Präzision ab: Die Gruppen traten in Gefechtsordnung an - zuerst ein Sturmtrupp mit Maschinenpistolen, dann die Krankenträger mit den Bahren (jetzt gewiß überflüssig, dachte Bond), dann Goldfingers Sprengkommando mit dem umfangreichen Segeltuchpaket, weiterhin eine gemischte Gruppe von Ersatzfahrern und Verkehrseinweisern und schließlich die Schwesterngruppe, nun mit Revolvern, die mit einer schwerbewaffneten Reservegruppe zurückbleiben sollte, um jeder unerwarteten Einmischung zu begegnen, falls, wie Goldfinger es ausgedrückt hatte, »jemand aufwachen sollte«.

Bond und das Mädchen waren der Kommandogruppe zugeteilt, die aus Goldfinger, Fakto und den fünf Gangsterführern bestand. Sie sollten auf den Dächern der beiden Dieselloks bleiben, die jetzt wie geplant außerhalb der Seitengebäude, mit voller Sicht auf das Zielobjekt und seine Anmarschwege, standen. Bond und das Mädchen sollten sich um Karten, Zeitpläne und Zeitkontrolle kümmern und jede Verspätung sofort Goldfinger anzeigen, der über Sprechfunk mit den Gruppenführern in Verbindung stand. Vor der Explosion würden sie hinter den Dieselloks in Deckung gehen.

Ein doppeltes Tuten des Signalhorns, und der Sturmtrupp, hinter sich die anderen Gruppen, durchlief die zwanzig Meter freien Geländes von der Bahnlinie zum Bullion Boulevard. Bond hielt sich so nahe wie möglich an Goldfinger, der die Augen am Feldstecher und den Mund am Brustmikrophon hatte. Aber Fakto stand dazwischen, ein massiver Muskelberg, und ließ Bond nicht aus den Augen. Scheinbar in der Kartenmappe suchend und die Zeit kontrollierend, berechnete Bond Distanzen und Winkel zu den vier Männern und der Frau, die gebannt auf das Schauspiel starrten. Jetzt sagte Jack Strap aufgeregt: »Durch die ersten Tore sind sie durch!« Bond warf einen Blick auf das Kampf feld.

Es war ein außerordentlicher Anblick: der massive, in der Sonne glitzernde Granitbau inmitten des offenen Feldes, die Straßen mit den in Doppelreihen wartenden Lastern und Transportzügen, jeweils mit den Erkennungsflaggen der Banden auf dem ersten und letzten Fahrzeug jedes Konvois. Die Fahrer lagen hinter der Sperrmauer in Deckung, und durch das Haupttor strömten in Marschordnung die Gruppen aus dem Zug. Außerhalb dieses bewegten Bildes herrschte absolute Stille. Es war, als hielte angesichts dieses Riesenverbrechens Amerika den Atem an. Die Leiber der Soldaten lagen, wo sie umgesunken waren

- die Wachen neben den Bunkern, die Maschinenpistole noch in der Hand, und innerhalb der Schutzmauer zwei Abteilungen in Kampfanzügen. Sie lagen in unordentlichen Haufen, die Körper kreuz und quer übereinander. Draußen, zwischen Bullion Boulevard und Haupttor, standen zwei Panzerwagen ineinander verkeilt, die schweren Maschinengewehre zum Himmel und gegen den Boden gerichtet. Aus dem Turm des einen hing der Fahrer. Verzweifelt hielt Bond Ausschau nach einem Anzeichen dafür, daß alles dies nur ein sorgfältig gestellter Hinterhalt war. Nichts. Kein Laut aus den vielen Gebäuden im Hintergrund. Nur die Gruppen der Gangster waren eilig am Werk oder warteten auf ihren Einsatz.

Goldfinger sprach ruhig ins Mikrophon:    »Letzte Bahre heraus.

Sprengkommando fertig machen. Alles in Deckung.«

Die Bereitschaftsgruppen und die Krankenträger hasteten zum Ausgang zurück und gingen hinter der Schutzmauer in Deckung. In fünf Minuten würde das Sprengkommando in das Depot eindringen.

Bond sagte sachlich: »Eine Minute Vorsprung auf den Zeitplan.«

Goldfinger blickte über Faktos Schulter auf ihn. »Sehen Sie, Mr. Bond, ich habe recht behalten. In zehn Minuten bin ich der reichste Mann der Welt! Was sagen Sie nun?«

Bond sagte ruhig: »Das werde ich Ihnen nach diesen zehn Minuten sagen.«

»Werden Sie? Vielleicht.« Goldfinger sah nach der Uhr und sprach rasch ins Mikrophon. Das Sprengkommando setzte sich mit seiner Last in Bewegung. Triumphierend rief Goldfinger zum Dach der zweiten Dieselmaschine hinüber: »Noch fünf Minuten, meine Herren, dann müssen wir in Deckung gehen!« Und zu Bond gewandt, fügte er leise hinzu: »Und dann werden wir uns verabschieden, Mr. Bond. Ich danke Ihnen für die Hilfe, die Sie und das Mädchen mir geleistet haben.«

Etwas wischte seitlich durch Bonds Gesichtsfeld: ein dunkler, sausender Fleck am Himmel! Er erreichte den höchsten Punkt seiner Bahn, stand still - und dann kam der ohrenbetäubende Knall eines Leuchtsignals!

Bonds Herz hüpfte auf. Die Reihen der toten Soldaten erhoben sich, die Maschinengewehre der ineinander verkeilten Panzer schwenkten auf die Tore ein, irgendwoher tönte ein Lautsprecher: »Bleibt stehen, wo ihr seid! Legt die Waffen nieder!« Doch da kam ein zweckloser Feuerstoß von einer der Sicherungsgruppen, und dann brach die Hölle los.

Bond nahm das Mädchen um die Hüften und sprang. Es war ein Dreimetersprung auf den Bahnsteig, aber Bond dämpfte den Aufschlag mit der Linken und riß das Mädchen auf die Beine. Im Laufen, wobei er sich in der Deckung des Zuges hielt, hörte er Goldfingers Ruf: »Los und erledigt sie!« Links von ihm spritzte eine Geschoßgarbe aus Goldfingers Maschinenpistole in den Asphalt, aber Goldfinger mußte mit der linken Hand schießen. Fakto war gefährlicher! Schon hörte Bond die plumpen, hastigen Schritte.

Das Mädchen wehrte sich, schrie: »Nein, nein, halt, ich will bei Pussy bleiben! Bei ihr bin ich sicher!« Aber Bond schrie zurück: »Hält’s Maul! Renn, was du kannst!« Sie hielt ihn auf, behinderte ihn. Plötzlich riß sie sich los und stürzte auf eine offene Waggontür zu. Aus, dachte Bond, jetzt ist’s aus! Er riß das Messer heraus und fuhr herum.

Fakto hielt im Lauf gar nicht inne. Er riß den lächerlichen, todbringenden Hut vom Kopf, blickte seitwärts und ließ ihn, ohne zu zielen, durch die Luft sausen. Die Kante traf das Mädchen genau ins Genick. Lautlos fiel sie nach hinten und Fakto in den Weg. Das vereitelte den Stoß mit dem Fuß, den er eben gegen Bonds Kopf führen wollte. Es wurde ein Sprung daraus, wobei Faktos linke Hand wie ein Beil gegen Bond durch die Luft schnitt. Bond duckte sich, stieß sein Messer seitlich nach oben, traf irgendwie die Rippen, aber die Wucht des fliegenden Körpers schlug es ihm aus der Hand, und es klirrte zu Boden. Mit ausgestreckten Armen ging Fakto, anscheinend unverletzt, wieder auf Bond los, die Füße bereit zu einem neuen Stoß.

Über dem Gefechtslärm jenseits des Bahnhofs ertönten drei Huptöne aus der

Dieselmaschine. Mit wütendem Knurren sprang Fakto los, während Bond sich zur Seite warf. Ein fürchterlichen Schlag traf seine Schulter und riß ihn nieder. Jetzt kommt der Tod, dachte er. Benommen raffte er sich auf und zog den Kopf ein, um den Schlag abzuschwächen. Aber es kam nichts. Fakto raste den Bahnsteig zurück, der vorderen Diesellok nach, die schon anfuhr. Er holte sie ein, erwischte die Griff Stange, zappelte für Sekunden haltsuchend in der Luft - und war in der Kabine verschwunden. Die riesige Stromlinienlok fuhr davon.

Hinter Bond wurde die Tür der Fahrdienstleitung aufgestoßen. In das Rennen der Füße tönte der Schrei »Santiago!« - St. James! Cortes’ Schlachtruf, den Leiter einmal scherzhalber Bond zugedacht hatte. Er wandte den Kopf. Der strohhaarige Texaner stürmte in seinem alten Marine-Kampfanzug den Bahnsteig herauf, gefolgt von einem Dutzend Khakigestalten. An dem Stahlhaken, der ihm als Hand diente, trug er eine Ein-Mann-Bazooka. Bond lief ihm entgegen und rief: »Schieß mir meinen Fuchs nicht ab! Gib her!« Er riß die Bazooka an sich und warf sich auf den Bahnsteig. Die Diesellok war jetzt schon zweihundert Meter entfernt, kurz vor der Brücke über den Dixie Highway. Bond schrie: »Aus dem Weg!«, um die Leute aus der Linie der Rückstoßflamme zu bringen, klinkte die Sicherung aus und zielte sorgfältig. Die Bazooka erbebte, die panzerbrechende Fünfkilorakete war draußen! Ein Blitz - eine blaue Rauchwolke! Einige Metallteile flogen von der fahrenden Maschine, aber dann war sie über die Brücke hinaus, ging in die Kurve und war verschwunden.

»Gar nicht schlecht für einen Anfänger«, bemerkte Leiter.

»Vielleicht ist der hintere Diesel kaputt, aber das sind Zwillingsmaschinen, er kommt mit der vorderen allein auch durch.«

Bond erhob sich und lächelte zur Begrüßung. »Du Pfuscher«, sagte er sarkastisch, »warum, zum Teufel, hast du die Linie nicht blockiert?«

»Paß auf, du Würstchen, wenn du dich beschweren willst, dann geh zum Präsidenten! Er leitet die Operation höchstpersönlich, es ist ja auch eine Pracht. Jetzt fliegt da oben ein Aufklärer. Sie werden die Diesellok kriegen, und bis Mittag haben wir Goldlöckchen im Kittchen. Hast du vielleicht gewußt, daß er im Zug bleiben würde?« Er schlug Bond auf die Schultern. »Teufel, was bin ich froh, dich zu sehen! Wir hatten Auftrag, dich herauszuholen, sind in der Gegend herumgesaust und haben dafür von beiden Seiten Feuer gekriegt!« Er wandte sich an die Soldaten: »Oder vielleicht nicht!«

Sie lachten: »Aber sicher, Käpt’n!«

Bond blickte den Texaner, mit dem er schon so viel durchgestanden hatte, herzlich an. »Felix, du warst schon immer groß darin, mir das Leben zu retten! Und diesmal war’s verdammt knapp! Tilly Masterton, fürchte ich, hat’s erwischt.« Er ging zum Zug, Felix dicht hinter ihm. Die zarte Gestalt lag noch so, wie sie gefallen war. Bond kniete neben ihr nieder, aber der unnatürlich abgeknickte Kopf verriet ihm alles. Er fühlte nach dem Puls, stand auf und sagte leise: »Arme Kleine! Aus Männern hat sie sich nie viel gemacht.« Dann, wie zur Verteidigung: »Felix, wenn sie mir gefolgt hätte, wär’ das nicht passiert!«

Leiter verstand nicht, griff nach Bonds Arm und sagte: »Aber gewiß, Junge, beruhige dich nur.« Er wandte sich an seine Leute: »Zwei von euch tragen sie in die Fahrdienstleitung da drüben! O’Brien, Sie holen eine Ambulanz! Dann gehen Sie zum Gefechtsstand rüber und erstatten Bericht. Sagen Sie, Commander Bond ist hier, und ich bringe ihn gleich mit!«

Bond sah auf das tote Bündel aus Kleidern und Gliedmaßen nieder. Er dachte an das stolze, fröhliche Mädchen in dem vorübersausenden TR 3.

Hoch über ihm stieg ein wirbelnder Fleck in den Himmel. Dann kam der scharfe Knall des Leuchtsignals. Es war das Zeichen zur Einstellung des Feuers.

8

Zwei Tage später lenkte Felix Leiter seinen schwarzen Studillac waghalsig durch den zähflüssigen Verkehr bei der Triboroughbrücke. Es war zwar noch Zeit genug, um Bonds Flugzeug, die BOAC Monarch nach London, zu erreichen, aber Leiter machte es Spaß, Bonds schlechte Meinung über amerikanische Wagen zu erschüttern. Jetzt riß der Stahlhaken seiner Handprothese den Schalthebel in den zweiten Gang, und das niedrige schwarze Auto drängte sich mit einem Sprung zwischen einen riesigen Gefrierwagen und einen dahintrödelnden Oldsmobile, dessen Hinterfenster fast völlig mit Urlaubsschildern verklebt war.

Bonds Körper wurde zurückgeschleudert, und seine Zähne schlugen aufeinander, als die 300 PS so plötzlich anzogen. Nachdem das wütende Hupen hinter ihnen verklungen war, meinte er milde: »Höchste Zeit, daß du dir statt dieses Spielzeugautos was Schnelleres zulegst!«

Leiter lachte: »Siehst du das grüne Licht da vorn? Wetten, ich komm’ durch, bevor’s rot wird!« Der Wagen sprang vorwärts, als hätte man ihm einen Tritt versetzt. Für einen Moment benahm es Bond den Atem - er hatte den Eindruck, die stählerne Wagenmauer würde durch Leiters Dreitonhorn auseinandergepeitscht, hundert Meter lang stand der Zeiger auf hundertfünfzig, dann waren sie unter der Ampel durch und fuhren brav in der Mittelspur.

Bond sagte ruhig: »Du brauchst nur an den falschen Polizisten zu kommen, dann nützt dir dein Pinkertonausweis auch nichts. Nicht, weil du so langsam fährst, wird er dich aufschreiben, sondern weil du den Verkehr hinter dir aufhältst. Was du brauchst, ist ein hübscher, älterer Rolls-Royce Silver Ghost mit großen Spiegelfenstern, damit du die Naturschönheiten genießen kannst.« Bond wies nach rechts auf einen riesigen Autofriedhof. »Höchstens achtzig, und er kann anhalten und sogar rückwärtsfahren, wenn man will. Ballonhupe, das paßt zu deinem Altherrenstil. Wirklich, jetzt wird bald einer auf dem Markt sein - der von Goldfinger. Richtig, was ist mit dem? Noch immer nicht erwischt?«

Leiter sah nach der Zeit und wechselte auf die Seitenspur. Er ging auf sechzig herunter und sagte ernst: »Um die Wahrheit zu sagen, wir sind da etwas in Sorge. Die Zeitungen zerreißen uns oder vielmehr Edgar Hoovers Leute, es ist nicht auszuhalten. Zuerst hat ihnen die Geheimhaltung deiner Person nicht gepaßt, aber wir konnten ihnen doch nicht sagen, daß so ein alter Tommy namens M darauf bestanden hat! Jetzt saugen sie sich’s aus den Fingern, sagen, daß wir die Sache auf die lange Bank schieben und so weiter. Aber tatsächlich, James«

- Leiters Stimme war verdrossen -, »wir haben einfach keine Spur. Den Diesel haben sie erwischt. Goldfinger hatte - die Hebel auf fünfzig blockiert und ihn weiterfahren lassen. Er und die Koreaner sind irgendwo abgesprungen, wahrscheinlich auch dieses Galoremädchen und die vier Gangster, denn die sind ebenfalls weg. Seinen Lastkonvoi haben wir gefunden, außerhalb Elizabethville auf der östlichen Autobahn, aber ohne Fahrer. Goldfinger hält sich vermutlich irgendwo mit ein paar harten Burschen versteckt. Den Swerdlowsk-Kreuzer in Norfolk hat er jedenfalls nicht erreicht. Wir hatten eine Zivilpostenkette um die Docks gezogen, und die haben das planmäßige Auslaufen beobachtet, ohne daß jemand an Bord gegangen wäre. Das Lagerhaus am East River war leer, und weder in Idlewild noch an den Grenzen nach Mexiko und Kanada ist jemand aufgetaucht. Ich möchte ja wetten, Jed Midnight hat sie irgendwie nach Kuba gebracht! Mit zwei, drei Lastern aus dem Konvoi im Höllentempo nach Florida, in die Gegend von Daytona Beach. Midnight ist dort prima organisiert. Küstenwache und Air Force haben nichts bemerkt, wahrscheinlich sind sie in der Nacht nach Kuba hinüber. Der Präsident ist wütend, aber das hilft auch nichts.«

Am Tag vorher war Bond in Washington mit Ehrungen überschüttet worden: Es gab Reden im Münzamt, einen Imbiß mit allen großen Tieren im Pentagon, eine eher peinliche Viertelstunde beim Präsidenten, und der Rest des Tages verging unter harter Arbeit mit einem Stenoteam in Edgar Hoovers Büro und in Gegenwart eines Kollegen der Abteilung A. Danach kam ein belebendes Viertelstundengespräch über die Gesandtschaftsleitung mit M, der Bond vom europäischen Stand der Angelegenheit unterrichtete. Wie erwartet, war Goldfingers Telegramm an Universal Export mit höchster Dringlichkeit behandelt worden. In den Fabriken von Reculver und Coppet hatte man zusätzliche Beweise für den Goldschmuggel gefunden, die indische Regierung war auf die Mecca-Maschine aufmerksam gemacht worden, und so war diese Seite der Unternehmung im Begriff, hochzugehen. Die Schweizer Bundespolizei hatte Bonds Wagen rasch gefunden und Bonds Spur bis Amerika verfolgt. Aber in Idlewild hatte das FBI sie verloren. Über die Art, wie Bond die »Operation Großer Schlag« aufgedeckt hatte, schien M erfreut, fügte aber hinzu, die Bank von England dränge ihn wegen ihrer zwanzig Millionen Pfund. Goldfinger hatte zuletzt alles bei der Paragon Safe Deposit Co., New York, deponiert, jedoch am Vortag der Operation abgehoben und mit seinen Leuten in einem geschlossenen Laster abtransportiert. Die Bank von England hatte einen Beschlagnahmebeschluß erwirkt, aber man mußte natürlich noch beweisen, daß es englisches Gold war. Bond solle am besten gleich heimkommen und die Dinge klären helfen. Ja, noch etwas - Ms Stimme war barsch geworden -, es sei da eine sehr freundliche Anfrage an den Premier gekommen, man möge Bond doch erlauben, die amerikanische Verdienstmedaille anzunehmen. Natürlich habe er, so sagte M, über den Premier erklären lassen müssen, daß die Dienststelle dergleichen nicht gern sehe - besonders von fremden Mächten nicht, wie befreundet sie auch seien. Bond hatte gesagt, es sei alles in Ordnung und er werde das nächste Flugzeug nach Hause nehmen.

Während sie nun ruhig die Van-Wyck-Straße hinunterfuhren, fühlte Bond sich irgendwie unbefriedigt. Er ließ nicht gern einen Fall so unabgeschlossen. Weder die großen Gangster waren gefaßt worden noch Goldfinger mit seinem Gold. Auch den »Großen Schlag« hatte Bond nur durch ein Wunder vereiteln können: Erst nach zwei Tagen war die Beechcraft zum Service gekommen, und der Putzboy, der die Nachricht gefunden hatte, erwischte Leiter gerade noch eine halbe Stunde vor seiner Abfahrt - er sollte wegen eines Rennskandals an die Küste fahren. Dann aber war Leiter losgezogen - erst zu seinem Chef, dann zum FBI und weiter zum Pentagon. Die FBI-Informationen über Bond sowie die Rücksprache mit M hatten genügt, die Sache innerhalb Stundenfrist vor den Präsidenten zu bringen. Danach war nur mehr der Riesenbluff vorzubereiten, bei dem die Einwohner von Fort Knox mitgewirkt hatten. Die beiden »Japaner« waren bald gefaßt, und die chemische Abteilung des Kriegsministeriums bestätigte, daß ihre drei Halbliterflaschen GB gereicht hätten, ganz Fort Knox auszurotten. Sobald man den Wortlaut des vereinbarten Telegramms an Goldfinger aus den »Japanern« herausgebracht hatte, schickte man es ab. Die Armee gab Alarm, jeder Verkehr nach Fort Knox wurde unterbunden, nur die Gangsterkonvois blieben unbehelligt. Alles übrige war dann Beater gewesen. Langsam fuhren sie durch das eintönige Flachland von Idlewild, vorbei an den Zehn-Millionen-Skeletten aus Stahl und Zement, die einmal ein Flughafen sein würden, und hielten dann neben dem Betongewirr aus Behelfsgebäuden, die Bond so gut kannte. Die höflichen Mikrophonstimmen drangen bereits zu ihnen heraus: »Pan American World Airways meldet den Abflug ihres Präsident-Flugs PA 100« - »Transworld Airways ruft Kapitän Murphy. Kapitän Murphy, bitte.« Dann die schöngerundeten Vokale und die sanfte Diktion der BOAC: »BOAC meldet die Ankunft ihres Bermuda-Fluges BA vierainunnoinzig. Die Passagiere

werden bai Tor Nummer noin ausstaigen.«

Bond nahm seine Tasche und verabschiedete sich von Leiter: »Also, danke für alles, Felix! Und schreib mir jeden Tag!«

Leiter drückte ihm die Hand. »Aber sicher, Kleiner. Und nur mit der Ruhe! Sag dem alten M, er soll dich bald wieder rüberschicken. Beim nächsten Besuch mach’ ich mich aus der Tretmühle frei, du mußt endlich mal mit zu mir nach Haus, meine Ölquellen besichtigen. Alles Gute!«

Leiter stieg in seinen Wagen und fuhr davon, Bond winkte ihm nach. Der Studillac schleuderte auf die Zufahrtsstraße hinaus. Leiters Stahlhaken blinkte noch einmal grüßend aus dem Fenster, dann war er weg.

Bond seufzte, nahm seine Tasche auf, trat ein und ging zum BOAC-Kartenschalter. Er hatte Flughäfen ganz gern, solang er allein war. Da ihm noch eine halbe Stunde Zeit blieb, schlenderte er durch die Menge, nahm im Restaurant einen Whisky Soda und suchte am Bücherstand nach etwas Lesbarem. Schließlich kaufte er Ben Hogans neuestes Buch über die Grundregeln im Golfspiel und einen Raymond Chandler. Dann ging er weiter zum Andenkenladen, um zu sehen, was er seiner Sekretärin mitbringen könne.

Jetzt verlas eine Männerstimme über das Ansagennetz von BOAC eine lange Liste von Monarch-Passagieren, die am Kartenschalter gewünscht wurden. Zehn Minuten später, Bond bezahlte gerade den neuesten und teuersten Kugelschreiber, hörte er seinen eigenen Namen ausrufen: »Mr. James Bond, Passagier der BOAC Monarch, Flug Nr. 510 über Gander nach London, bitte zum Kartenschalter! Mr. James Bond, bitte!« Diese verdammte Einkommensteuer! Sicher wieder das Formular, auf dem er angeben sollte, wieviel er während seines Amerika-Aufenthalts verdient hatte. Er trat aus dem Laden und ging zum Schalter hinüber. Der Beamte fragte höflich nach Bonds Gesundheitspaß. Bond zog das Formular hervor und reichte es ihm.

Nach sorgfältiger Prüfung sagte der Beamte: »Tut mir leid, aber in Gander ist ein Typhusfall aufgetreten, und man besteht dort auf der Nachimpfung sämtlicher Transitpassagiere, die im letzten Halbjahr nicht geimpft wurden. Es ist sehr unangenehm, Sir, aber Gander ist in diesen Dingen genau.«

Bond konnte Impfungen nicht leiden. Verärgert sagte er: »Aber Sie sehen doch, daß ich vollgepumpt bin mit allen möglichen Injektionen! Seit zwanzig Jahren bekomm’ ich sie aus den unmöglichsten Gründen!« Er sah sich um. Der BOAC-Flugplatzausgang schien merkwürdig verlassen. »Wo sind denn die anderen Passagiere?«

»Die sind alle einverstanden, Sir, und werden eben geimpft. Es geht ganz schnell, wenn Sie bitte mitkommen wollen, Sir.«

»Na, schön.« Bond zuckte unwillig die Achseln, folgte dem Mann hinter den

Schalter und durch eine Tür zum Büro des BOAC-Stationsleiters. Da war der übliche Arzt in Weiß, mit Atemmaske und Impfnadel. »Der letzte?«

»Jawohl, Doktor.«

»Okay. Bitte, den Rock ausziehen und den linken Hemdsärmel hochstreifen. Unangenehm, daß sie in Gander so genau sind.«

»Verdammt unangenehm«, sagte Bond. »Wovor haben die eigentlich Angst? Vorm Schwarzen Tod?«

Es roch stark nach Alkohol, dann kam der Einstich.

»Danke«, sagte Bond verdrossen. Er rollte den Ärmel hinunter, wollte seinen Rock von der Stuhllehne nehmen, seine Hand streckte sich danach aus, verfehlte ihn, ging hinunter, hinunter, sein Körper folgte ihr, hinunter, hinunter . . .

Alle Lichter brannten, und eine Menge Plätze waren frei. Warum mußte er neben einem Fluggast kleben, der die ganze mittlere Armlehne für sich beanspruchte? Bond wollte den Platz wechseln, aber eine Welle von Übelkeit ließ ihn zurückfallen. Er schloß die Augen und wartete. Merkwürdig! Er wurde doch sonst nie flugkrank? Er spürte kalten Schweiß auf der Stirn. Taschentuch, abwischen. Er öffnete die Augen wieder und sah auf seine Arme hinunter: Seine Handgelenke waren an die Armlehnen gefesselt! Was war geschehen? Er hatte eine Spritze bekommen und mußte dann ohnmächtig geworden sein. Hatte er zu toben begonnen? Was, zum Teufel, war mit ihm los? Er blickte nach rechts und war entgeistert: da saß Fakto. Fakto in BOAC-Uniform!

Fakto blickte ihn stumpf an und drückte die Stewardklingel. Bond hörte das freundliche Klingeln aus dem Anrichteraum. Dann raschelte es neben ihm, er blickte auf und sah Pussy Galore frisch und adrett in blauer Stewardessenuniform! Sie sagte: »He, Süßer!« Woher nur erinnerte er sich an ihren tiefen, fragenden Blick? »Um Himmels willen«, sagte er, »was ist hier los? Wo kommen Sie her?«

Sie lächelte aufmunternd. »Vom Kaviaressen und Champagnertrinken. Ihr Engländer lebt wie Gott in Frankreich, wenn ihr sechstausend Meter hoch seid. Keine Spur von Brüsseler Sprotten, und wenn’s hier wo Tee gibt, dann hab’ ich ihn noch nicht gesehen. Aber bleiben Sie schön still, Onkel möchte mit Ihnen sprechen!« Mit wiegenden Hüften schlenderte sie nach vorn und verschwand durch die Cockpittür.

Jetzt konnte Bond nichts mehr überraschen: auch nicht Goldfinger in der Uniform eines BOAC-Kapitäns! Sie war ihm etwas zu groß, er hatte die Kappe fest auf den Kopf gedrückt, schloß die Cockpittür hinter sich und kam durch den Gang heran.

Grimmig sah er auf Bond nieder. »Nun, Mr. Bond, das Schicksal will, daß wir das Spiel zu Ende spielen. Aber diesmal haben Sie keine Karte mehr im Ärmel. Ha!« Ärger und Respekt sprachen aus seiner Stimme. »Mit Ihnen habe ich tatsächlich den Bock zum Gärtner gemacht!« Er schüttelte langsam den großen Kopf. »Warum habe ich Sie am Leben gelassen! Warum habe ich Sie nicht wie ein Ungeziefer zertreten! Ja, Sie haben mir geholfen, damit hatte ich recht. Aber es war Wahnsinn, dieses Risiko einzugehen, jawohl, Wahnsinn!« Er wurde ruhiger. »Und jetzt sagen Sie mir eines, Mr. Bond: Wie haben Sie das gemacht? Wie haben Sie Verbindung aufgenommen?« Bond sagte gleichmütig: »Wir werden uns darüber unterhalten, Goldfinger, aber erst, wenn diese Fesseln weg sind, und ich eine Flasche Whisky Bourbon, Eis, Soda und ein Paket Chesterfield habe. Und wenn Sie mir gesagt haben, was ich wissen will. Sie haben recht, meine Lage ist ungünstig oder scheint es zumindest zu sein. Ich habe also nichts zu verlieren, und wenn Sie etwas aus mir herauskriegen wollen, dann nur zu meinen Bedingungen.«

Goldfinger blickte ernst zu Boden. »Aus Respekt vor Ihren Fähigkeiten habe ich nichts dagegen. Fakto, läute nach Miss Galore, mach ihm die Fesseln auf und setz dich ihm gegenüber! Hinten im Flugzeug kann er keinen Schaden anrichten, nur dem Cockpit darf er nicht nahe kommen! Nötigenfalls bringst du ihn um, aber ich möchte ihn lieber lebend ans Ziel bringen, verstanden?«

»Arrgh.«

Fünf Minuten später hatte Bond, was er wollte. Er goß sich einen Whisky ein, während Goldfinger in dem Sitz schräg gegenüber wartete. Bond nahm seinen Drink und nippte daran. Eben wollte er einen tiefen Schluck tun, als er etwas sah. Vorsichtig, damit das unten angeklebte Papier sich nicht löse, stellte er das Glas ab, zündete sich eine Zigarette an, griff erneut danach, nahm die Eiswürfel heraus und legte sie in den Eiskübel zurück. Dann trank er so viel von dem Whisky, daß die Worte durch den Boden des Glases lesbar wurden. Sie lauteten: »Ich halte zu dir. XXX. P.«

Bond wandte sich um, machte sich’s bequem und sagte: »Also, Goldfinger, zunächst, was geht hier vor, wo haben Sie dieses Flugzeug her, und wohin fliegen wir?«

Goldfinger kreuzte die Beine und starrte den Gang entlang. Dann begann er im Plauderten: »Ich bin mit drei Lastwagen bis in die Gegend von Kap Hatteras gekommen. Einer davon enthielt meinen persönlichen Goldschatz, in den beiden anderen waren meine Fahrer, Reservepersonal und die Gangster. Da ich außer Miss Galore keinen von ihnen brauchen konnte, behielt ich nur die wichtigsten Leute des Personals, zahlte die anderen aus und setzte sie nach und nach auf dem Weg ab. An der Küste hielt ich an einem verlassenen Ort mit den vier Gangsterführern eine Besprechung ab, nachdem ich Miss Galore unter einem Vorwand bei den Wagen gelassen hatte. Ich erschoß dann alle vier in meiner üblichen Art - eine Kugel für jeden. Jetzt waren wir sechs Männer, eine Frau und das Gold. Ich charterte ein Flugzeug nach Newark, New Jersey, wobei ich das Gold als Bleiplatten für Röntgenaufnahmen deklarierte. Dann fuhr ich allein nach New York, von wo ich über Funk mit Moskau sprach und das Mißlingen der >Operation Großer Schlag< durchgab. Gesprächsweise erwähnte ich dabei Ihren Namen. Meine Freunde, die Ihnen ja bekannt sein dürften« - Goldfinger blickte Bond scharf an - »laufen unter der Bezeichnung SMERSH. Sie kannten den Namen Bond und sagten mir das Nötige. Nun war mir vieles klar. Da SMERSH sich an Ihrer Person interessiert zeigte, faßte ich jenen Plan, dessen Ausführung Sie jetzt erleben. Ich gab mich als Ihren Freund aus und erfuhr so, für welchen Flug Sie gebucht hatten. Drei meiner Leute waren früher bei der Luftwaffe und meinten, es wäre nicht schwierig, dieses Flugzeug zu fliegen. Der Rest war nur mehr Kleinarbeit: durch kalten Bluff, ^eaterspielen und eine gewisse Gewaltanwendung erhielten alle BOAC-Angestellten in Idlewild, die Besatzung und die Passagiere die nötigen Spritzen, von denen sie sich jetzt erholen werden. Wir tauschten die Kleider, das Gold wurde verladen, Sie wurden per Tragbahre hinausgeschafft. Dann bestieg die neue Besatzung samt Stewardess die Maschine und flog ab.« Goldfinger hob die Hand. »Natürlich gab es kleine Schwierigkeiten. Man sagte uns, wir sollten Rollbahn Alpha zur Startbahn vier nehmen, und das gelang uns nur, indem wir einer KLM-Maschine folgten. Die Routine von Idlewild war nicht leicht zu meistern, und wir müssen etwas ungeschickt und unerfahren gewirkt haben. Aber mit Selbstsicherheit, starken Nerven und schroffem, einschüchterndem Auftreten, Mr. Bond, setzt man sich rasch über die Beamtenmentalität der kleinen Angestellten hinweg. Der Funker sagte mir übrigens, daß man uns bereits sucht. Man hat schon angefragt, bevor wir noch aus dem Ultrakurzwellenbereich von Nantucket heraus waren. Dann suchte uns das Fernwarnungsnetz auf Kurzwelle. Das hat mich weiter nicht gestört, wir haben genügend Treibstoff. Von Moskau haben wir schon Landeerlaubnis für Ost-Berlin, Kiew oder Murmansk. Unsere Route wird vom Wetter abhängen. Sollte es noch Schwierigkeiten geben, dann werde ich sie über Sprechfunk beilegen. Niemand wird so rasch ein wertvolles BOAC-Flugzeug abschießen. Die allgemeine Verwirrung wird uns helfen, und sind wir erst weit genug über Sowjetterritorium, dann verschwinden wir natürlich spurlos.«

Seit Bond die Einzelheiten der »Operation Großer Schlag« kannte, schien ihm nichts mehr unmöglich, was mit Goldfinger zusammenhing. Der Diebstahl dieses Stratocruisers war nicht unerhörter als Goldfingers Methoden des Goldschmuggels oder gar der Erwerb des Atomsprengkopfes. Goldfinger war ein Künstler, ein Wissenschaftler des Verbrechens.

»Und nun, Mr. Bond vom britischen Geheimdienst, was haben Sie mir jetzt zu sagen? Wer hat Sie auf mich angesetzt? Wie haben Sie meinen Plan verhindert?«

Bond sagte Goldfinger nicht die ganze Wahrheit. Er erwähnte nichts von SMERSH und dem »Briefkasten«, er sagte auch nichts über den »Homer«, der den Russen vielleicht unbekannt war, und schloß mit den Worten: »Sie sehen also, Goldfinger, daß Sie nur ganz knapp davongekommen sind. Wäre mir in Genf nicht Tilly Masterton dazwischengekommen, Sie säßen jetzt in einem Schweizer Gefängnis und sähen Ihrem Abtransport nach England entgegen. Sie unterschätzen uns Engländer. Wir sind vielleicht langsam, aber wir kommen. Glauben Sie wirklich, in Rußland sicher zu sein? Wir haben auch von dort schon Leute herausgeholt.«

9

Hoch über der weiten, mondbeleuchteten Wolkenlandschaft dröhnte die Maschine dahin. Die Lichter waren gelöscht, und Bond saß ruhig in der Finsternis, schwitzend bei dem Gedanken an das, was er zu tun vorhatte.

Vor einer Stunde hatte das Mädchen ihm sein Dinner gebracht. In der Serviette war ein Bleistift verborgen gewesen. Nach ein paar kessen Bemerkungen für Faktos Ohren war sie gegangen. Bond hatte einige Bissen gegessen und ziemlich viel Whisky getrunken, wobei seine Phantasie fieberhaft nach einer Gelegenheit suchte, eine Notlandung in Gander oder sonstwo in Neuschottland zu erzwingen. Sollte er als letzten Ausweg Feuer legen? Oder den Einstieg aufreißen? Beides schien undurchführbar und selbstmörderisch.

Einer von Goldfingers Helfern, derselbe, den Bond vom Kartenschalter her kannte, ersparte ihm weiteres Kopfzerbrechen. Er kam heran und grinste zu Bond hinunter: »BOAC betreut Sie gut, nicht? Mr. Goldfinger meint, Sie könnten auf schlechte Gedanken kommen, und da soll ich Sie im Auge behalten. Also lehnen Sie sich nur zurück und genießen Sie den Flug, ja?«

Bond nahm keine Notiz von ihm, und der Kerl ging nach hinten.

Irgend etwas ging Bond im Kopf herum, es hing mit dem Aufreißen der Tür zusammen! Wie war das doch damals, 1957, mit dem Flugzeug über Persien gewesen? Bond saß und starrte abwesend auf die Lehne des Vordersitzes. Ja - so könnte es gehen! Das war denkbar! Er schrieb innen auf die Serviette: »Ich tue mein Bestes. Schnall dich fest. XXX. J.«

Als das Mädchen das Tablett holen kam, ließ Bond die Serviette fallen, hob sie auf und reichte sie ihr. Dabei hielt er ihre Hand fest und lächelte in ihre forschenden Augen. Während sie sich nach dem Tablett bückte, küßte sie ihn rasch auf die Wange und sagte ironisch im Weggehen: »Ich werd’ von dir träumen, Süßer!« Dann verschwand sie im Anrichteraum.

Bald danach hatte sich Bond entschlossen, wie er vorgehen würde. Er hatte alles überlegt. Das Messer aus dem Schuh steckte unter seiner Jacke, das längere Ende des Sicherheitsgurts schlang sich fest um sein linkes Handgelenk. Nun brauchte sich Fakto nur mehr vom Fenster abzuwenden. Daß er einschlief, war kaum zu erwarten, aber ein wenig bequem würde er sich’s schon machen. Bond ließ das im Vorderfenster sich undeutlich spiegelnde Profil nicht aus den Augen, aber Fakto saß weiter stur unter dem Leselicht, das er vorsorglich hatte brennen lassen, und starrte zur Decke, den Mund leicht offen und die Hände auf den Armlehnen in Bereitschaft.

Eine Stunde, zwei Stunden. Bond begann zu schnarchen, regelmäßig, schwer und, wie er hoffte, hypnotisch. Faktos Hände lagen jetzt im Schoß. Der Kopf sank ihm auf die Brust, wurde hochgerissen und blieb nun, in bequemerer Lage, vom Fenster abgewandt.

Bond achtete darauf, daß sein Schnarchen regelmäßig klang. Faktos Wachsamkeit war schwer zu täuschen - eher kam man an einer hungrigen Dogge vorbei. Zentimeterweise beugte Bond sich auf seine Fußballen vor und schob dabei die Hand mit dem Messer zwischen die Wand und Faktos Sitz. Jetzt war er dort! Jetzt zielte die nadelscharfe Dolchspitze mitten auf den Quadratzoll Plexiglas, den er treffen wollte! Bond umkrampfte das Ende seines Sicherheitsgurts, nahm den Dolch etwas zurück und stieß zu.

Er hatte keine Vorstellung von dem, was beim Durchstoßen des Fensters passieren würde. Aus den Zeitungsmeldungen über den Fall in Persien wußte er lediglich, daß es den am Fenster sitzenden Fluggast aus der Druckkabine gesaugt und in die Luft hinausgewirbelt hatte. Aber nun löste sein Dolchstoß ein so phantastisches Aufheulen, ja Aufbrüllen der Luft aus, nun wurde er mit solcher Gewalt gegen Faktos Sitzlehne gesaugt, daß es ihm den Gurt aus der Faust riß. Über die Rückenlehne hängend, war er Zeuge eines Wunders: Faktos Körper schien der heulenden, schwarzen Öffnung entgegenzuwachsen! Krachend fuhren Kopf und Schultern durch den Rahmen, und dann zog es den Koreaner langsam, stückweise wie Zahnpasta und mit schrecklichem Pfeifen hinaus in die Schwärze der Nacht. Schon war er bis zum Gürtel draußen, doch seine starken Hinterbacken blieben noch stecken. Aber dann gab es einen Knall, die Hinterbacken waren durchgerutscht und die Beine verschwunden wie aus der Pistole geschossen!

Dann ging die Welt unter. Zugleich mit dem entsetzlichen Zerklirren des Geschirrs in der Anrichte stellte sich der Riesenvogel auf den Kopf und raste im Sturzflug hinunter. Das letzte, was Bond wahrnahm, ehe ihm die Sinne schwanden, war das heulende Kreischen der Jets und der gespenstische Anblick der durchs offene Fenster sausenden Läufer und Polster. Verzweifelt umklammerte er den Sitz vor sich, und unter sengenden Lungenschmerzen

brach sein sauerstoffhungriger Körper zusammen.

Das nächste war ein harter Fußtritt in die Rippen und Blutgeschmack im Mund. Bond ächzte. Wieder trat jemand gegen seinen Körper. Unter Schmerzen erhob er sich zwischen den Sitzen auf die Knie und sah wie durch einen roten Vorhang nach oben. Alle Lichter brannten, und die Kabine stand unter dünnem Nebel. Der plötzliche Druckverlust hatte die Luft unter den Taupunkt gebracht. Das Gebrüll der Jets durch das offene Fenster war gigantisch, und die Haut brannte in dem eisigen Orkan. Goldfinger stand über ihm, das Gesicht in dem gelblichen Licht nicht mehr menschenähnlich. Aus seiner reglosen Hand starrte der kleine, automatische Tod. Nochmals holte er aus und traf. Wut stieg in Bond auf. Er packte zu und drehte dem anderen fast den Fuß aus dem Knöchel. Goldfinger brüllte auf und krachte auf den erzitternden Boden, Bond sprang in den Laufgang und warf sich auf ihn. Ein Schuß verbrannte ihm das Gesicht, aber schon stieß sein Knie in Goldfingers Leib, schon preßte seine Linke sich auf den Revolver.

Und dann wurde Bond zum Berserker: mit Fäusten und Knien stieß er hinein in den sich wehrenden Körper und hämmerte mit der Stirn wieder und wieder mitten in das glitzernde Gesicht unter sich. Nochmals kam schwankend der Revolver hoch, und fast gleichgültig fegte er ihn mit der Handkante zwischen die Sitze, wo er mit metallischem Aufschlag liegenblieb. Goldfinger umkrallte jetzt seine, er Goldfingers Gurgel. Tief, tiefer, noch tiefer bohrte Bond seine Daumen in die Schlagader, stieß atemringend sein ganzes Gewicht nach. Nur jetzt nicht auslassen, ehe der andere tot war! Schon wechselte das schweißnasse Mondgesicht die Farbe, schon trat durch die Sonnenbräune ein bläuliches Rot, schon begannen die Augen zu flackern! Und dann lockerte sich Goldfingers Griff, seine Hände fielen zurück, die Zunge hing ihm aus dem offenen Mund, und tief aus den Lungen stieg ein schreckliches Gurgeln. Bond setzte sich rittlings auf den reglosen Rumpf und löste, einen nach dem anderen, die verkrampften Finger.

Aufseufzend ließ er sich auf die Knie gleiten und stand langsam auf. Benommen blickte er umher. Neben der kleinen Kombüse hing Pussy wie ein Wäschebündel in ihrem Sitzgurt. Weiter unten lag, mitten im Gang ausgebreitet, der Wächter, Arm und Kopf grotesk abgewinkelt. Da er ohne den haltenden Sicherheitsgurt gewesen war, mußte ihn das plötzliche Absacken der Maschine gegen das Dach geschleudert haben.

Bond fuhr sich übers Gesicht. Erst jetzt spürte er das Brennen an Handflächen und Wangen. Müde ging er wieder auf die Knie und suchte nach dem kleinen Revolver. Es war ein .25er-Colt. Er zog das Magazin heraus: noch drei Patronen und eine in der Kammer. Er tastete sich zu dem Mädchen, knöpfte ihr die Jacke auf und befühlte ihre Brust. Herzflattern. Er schnallte den Gürtel los, legte sie flach, mit dem Gesicht nach unten, auf den Boden und kniete sich über sie. Nach fünf

Minuten Wiederbelebungsversuchen begann sie zu stöhnen. Er ließ sie liegen, erhob sich, ging den Gang zurück und zog dem toten Wächter die geladene Luger aus dem Schulterhalfter. Auf dem Rückweg sah er in den Trümmern der Anrichte eine heilgebliebene Flasche Whisky hin und her rollen. Er hob sie auf, entkorkte sie und setzte sie an den Mund. Es brannte wie ein Desinfektionsmittel. Er machte sie wieder zu und ging nach vorn. Einen Augenblick blieb er vor der Pilotenkabine stehen und überlegte. Dann, einen Revolver in jeder Hand, drückte er auf die Klinke.

Fünf Gesichter drehten sich ihm im blauen Skalenlicht zu, die Münder waren schwarze Löcher, die Augen weiß. Der Lärm war hier schwächer, es roch nach Angstschweiß und Zigarettenrauch. Bond stand breitbeinig da, die Revolver zitterten nicht. Er sagte: »Goldfinger ist tot. Wer sich rührt oder nicht gehorcht, wird erschossen. Flugzeugführer, Ihre Position, Richtung, Höhe und Geschwindigkeit?«

Der Pilot schluckte, ehe er sprechen konnte. »Sir, wir sind etwa achthundert Kilometer östlich von Goose Bay. Mr. Goldfinger sagte, wir würden so knapp als möglich vor der Nordküste aufs Wasser gehen. Wir sollten uns dann in Montreal treffen und zurückkommen, um das Gold zu bergen. Wir fliegen durchschnittlich vierhundert Kilometer und sind sechshundert Meter hoch.«

»Wie weit können Sie in dieser Höhe kommen? Da verbraucht sich doch der Treibstoff viel rascher!«

»Jawohl, Sir. Ich schätze, bei dieser Höhe und Geschwindigkeit reicht es noch für zwei Stunden.«

»Geben Sie mir ein Zeitsignal.«

Der Navigator sagte rasch: »Gerade hatte ich eins von Washington, Sir. Fünf vor fünf. In einer Stunde wird’s hell.«

»Wo liegt Wetterschiff Charlie?«

»Etwa fünfhundert Kilometer nordöstlich, Sir.«

»Und Sie glauben, bis Goose Bay durchzukommen?«

»Nein, Sir, uns werden hundertfünfzig Kilometer fehlen. Wir können nur die Nordküste erreichen.«

»Gut. Nehmen Sie Kurs auf Wetterschiff Charlie. Funker, rufen Sie es und geben Sie mir das Mikro!«

»Jawohl, Sir.«

Während das Flugzeug eine große Kurve beschrieb, horchte Bond auf die Geräusche und Gesprächsfetzen aus dem Verstärker über seinem Kopf. Dazwischen vernahm er leise die Stimme des Funkers: »Seestation Charlie. Hier Speedbird 510. G-ALGY ruft C wie CHARLIE, G-ALGY ruft CHARLIE, G-ALGY

. . .«

Eine scharfe Stimme platzte dazwischen: »G-ALGY geben Sie Position, G-ALGY geben Sie Position. Hier Flugüberwachung Gander. Notruf. G-ALGY . . .«

Ganz leise kam London durch. Eine aufgeregte Stimme begann zu schnattern, aus allen Richtungen kamen jetzt Stimmen. Bond konnte sich vorstellen, wie überall die Peilungen koordiniert wurden, wie Männer unter starken Lampen an Diagrammen arbeiteten, Telefone abgehoben wurden, dringende Stimmen über die ganze Welt miteinander sprachen. Das starke Signal von Gander überlagerte alles andere: »Wir haben G-ALGY geortet, auf etwa 50 Nord zu 70 Ost. Alle Stationen Funksrille. Vorrang. Ich wiederhole, wir haben Peilung auf G-ALGY . . .«

Plötzlich kam die ruhige Stimme von C wie Charlie herein. »Hier Seestation Charlie, wir rufen Speedbird 510, Charlie ruft G-ALGY, hören Sie mich? Speedbird 510 bitte kommen!« Bond steckte den kleinen Revolver in die Tasche und nahm das Mikrophon. Er drückte den Sprechknopf und sprach ruhig, wobei er die Mannschaft im Auge hielt.

»C wie Charlie, hier ist G-ALGY-Speedbird, gestern abend in Idlewild gekapert. Ich habe den Schuldigen getötet und die Flugtüchtigkeit durch Beschädigung der Druckkabine reduziert. Halte die Mannschaft mit Revolver in Schach. Zu wenig Treibstoff für Goose, schlage daher vor, daß wir so nahe an Ihnen wie möglich notwassern. Bitte um Leuchtfeuerreihe.«

Eine neue, kommandogewohnte Stimme, vielleicht die des Kapitäns, kam aus dem Äther: »Speedbird, hier C wie Charlie. Verstanden! Wer spricht, ich wiederhole, wer spricht dort? Bitte kommen!«

Grinsend dachte Bond an die Sensation, die seine Worte hervorrufen würden. Er sagte: »Speedbird an C wie Charlie. Hier britischer Geheimagent Nummer 007, ich wiederhole 007! Whitehall-Radio wird bestätigen, ich wiederhole, kontrollieren Sie bei Whitehall-Radio! Kommen!«

Eine erstaunte Pause trat ein. Dann meldeten sich von überall Stimmen. Eine Kontrollstation, wahrscheinlich Gander, jagte sie aus dem Äther. C wie Charlie kam wieder: »Speedbird, hier C wie Charlie alias Erzengel Gabriel. Okay, ich rufe Whitehall. Leuchtfeuer geht in Ordnung, aber London und Gander wollen noch Einzelheiten . . .«

Bond unterbrach: »Tut mir leid, C wie Charlie, aber ich habe hier fünf Mann vor der Spritze und kann nicht Konversation machen. Geben Sie mir nur die Meeresbedingungen, dann blende ich aus bis zur Notwasserung.«

»Okay, Speedbird, verstanden! Windstärke zwei, lange, ruhige Dünung, keine Sturzwellen, Sie müßten durchkommen. Ich werde Sie bald im Radar haben und bleibe auf Ihrer Welle. Haben hier Whisky für einen und Handschellen für fünf

bereit, viel Glück, kommen!«

»Danke C wie Charlie, geben Sie noch eine Tasse Tee drauf, ich habe ein hübsches Mädchen an Bord. Hier Speedbird, Ende!«

Bond drehte ab und gab das Mikro dem Funker. Er sagte: »Also Vorsicht, und sehen wir zu, daß wir hier lebend herauskommen! Sobald wir aufs Wasser niedergehen, öffne ich die Außentür. Wer bis dahin durch die Cockpittür kommt, wird erschossen, klar?«

Hinter Bond erklang die Stimme des Mädchens: »Sie können den Mann zurückrufen und zwei Whisky verlangen. Vom Tee bekomm’ ich immer Schluckauf.«

Zwei Stunden später lag Bond in einer warmen Kabine auf Wetterschiff Charlie und hörte verträumt eine Frühsendung aus Kanada. Verschiedene Körperteile taten ihm weh. Er war im Flugzeug ganz nach hinten gegangen, hatte das Mädchen mit über dem Kopf verschränkten Armen auf einen Sitz knien lassen, sich selbst von hinten über sie gezwängt, ihren in der Schwimmweste steckenden Körper fest in die Arme geschlossen und sich gegen die Rücklehne des Vordersitzes gestemmt. Sie gab eben ein paar nervös-schlüpfrige Bemerkungen über diese undelikate Stellung von sich, als der Bauch des Stratocruisers mit hundertsiebzig Sachen auf den ersten Dünungsberg aufschlug. Das riesige Flugzeug machte einen Sprung und krachte dann in eine Wasserwand. Der Aufschlag hatte den Rumpf zerschlagen, die Goldlast im Gepäckraum riß ihn vollends entzwei, und Bond und das Mädchen wurden in die eisige, im Schein der Leuchtfeuer rot erstrahlende Dünung geschleudert. Halbbetäubt trieben sie in ihren gelben Schwimmwesten, bis das Rettungsboot sie aufnahm. Zu diesem Zeitpunkt schwammen nur mehr wenige Wrackteile an der Oberfläche. Die Flugzeugbesatzung mit drei Tonnen Gold um den Hals war längst zum Grunde des Atlantik unterwegs. Das Boot suchte noch zehn Minuten lang, als aber keine Körper an die Oberfläche kamen, gab man es auf und knatterte im Scheinwerferkegel auf die alte Fregatte zu.

Dort hatte man sie empfangen, als kämen sie aus dem Königshaus oder vom Mars. Bond hatte die wichtigsten Fragen beantwortet, dann war es für seinen müden Kopf zu viel gewesen. Jetzt lag er da, genoß die Ruhe und die Whiskywärme, und dachte nach, warum sich Pussy Galore wohl unter seinen und nicht unter Goldfingers Schutz begeben hatte.

Die Verbindungstür zur Nachbarkabine öffnete sich, und Pussy trat ein. Sie trug nichts außer einem grauen Fischerjersey, dem unten gerade ein Zentimeter zur Schicklichkeit fehlte. »Die ganze Zeit fragt man mich, ob ich eine Alkoholabreibung will, und ich sage die ganze Zeit, wenn einer mich abreibt, dann sollst du mich abreiben. Ja, und da bin ich jetzt«, schloß sie etwas linkisch.

Energisch sagte Bond: »Pussy, mach die Tür zu, zieh diesen Sweater aus und komm ins Bett. Du wirst dich noch erkälten.«

Wie ein folgsames Kind gehorchte sie.

Sie lag in Bonds Armbeuge und blickte zu ihm auf. Und gar nicht im Gangsterton fragte sie: »Wirst du mir nach Sing-Sing schreiben?«

Bond sah in die dunkelvioletten Augen, die nun nicht mehr hart und befehlend waren. Er beugte sich und küßte sie leicht. »Man hat mir erzählt, du magst nur Frauen«, sagte er.

»Ich hab’ bis jetzt noch keinen wirklichen Mann getroffen.« Ihre Stimme war wieder hart. »Ich bin nämlich aus dem Süden. Weißt du, was sie dort von einer Jungfrau sagen? Das ist ein Mädel, das schneller rennen kann als ihr Bruder. In meinem Fall war der Onkel schneller, ich war erst zwölf. So was ist nicht schön, James, das kannst du dir doch denken.«

Bond lächelte in das blasse, schöne Gesicht. »Weißt du, was du brauchst? Eine Kur bei mir.«

»Das wär’ schön!« Sie blickte auf den leidenschaftlichen, eher grausamen Mund, der über dem ihren wartete, langte hinauf und strich die schwarze Haarsträhne zurück, die Bond ins Gesicht hing. Ihre Blicke trafen sich.

»Und wann fängst du damit an?«

Bonds Rechte glitt langsam über ihre festen, muskulösen Schenkel und den zarten, schlanken Leib hinauf. Leise sagte er: »Jetzt.«