Alte Sünden

W o bin ich? Wie komme ich hierher?«, hallte eine verzweifelte Stimme dumpf durch einen spärlich beleuchteten Kellerraum. Die Worte kamen aus dem Mund eines Mannes, der inmitten des Raums auf einem hölzernen Stuhl platziert war. Die Augen verbunden, die Hände hinter dem Rücken gefesselt und an der Rückenlehne des Stuhls fixiert. Schweißperlen glitzerten auf der Stirn und rannen in das Tuch, das die Augen verdeckte. Die Halsschlagader pochte sichtbar und spiegelte die Angst des Mannes wider, der sich jeden Moment der Wucht einer Panik zu ergeben schien. Gerade vor ein paar Minuten hatte er sein Bewusstsein zurückerlangt und sich in der prekären Situation wiedergefunden. Der Raum hatte keine Fenster, nur eine hölzerne Treppe führte zu einer Luke am oberen Rand des Kellerlochs. Es roch modrig und nach altem Gebälk. Der Geruch, gepaart mit der niedrigen Deckenhöhe, ließ darauf schließen, dass es ein sehr altes Gebäude war. Auf dem Boden raschelte es überall. Mäuse teilten sich mit anderem Ungeziefer den Raum und fühlten sich anscheinend durch die neue Gesellschaft gestört.

Das Gebälk der Decke knirschte. Über sich vernahm er Schritte und jemand näherte sich der Luke. Gebannt horchte der Mann auf und wartete, was nun geschehen mag. Gedanken schossen durch seinen Kopf. Wo war er und was war geschehen? Wer könnte dies sein? Was war der Grund für seine Gefangenschaft?

Langsam öffnete sich die Luke. Die Scharniere knirschten laut. Das Geräusch schnitt sich wie heißes Eisen in die Gehörgänge des Mannes, dessen Puls immer weiter anstieg. Schritte bewegten sich eine hölzerne Treppe herunter.

Verzweifelt rief der gefesselte Mann: »Wer ist da?«

Keine Antwort. Nur die immer näher kommenden Schritte waren weiterhin zu hören.

Er versuchte es ein weiteres Mal, wurde lauter: »Wer ist da? Was wollen Sie?« Der Gefangene atmete immer schneller. Er erkannte keine Möglichkeit, Herr der Lage zu werden. Außer der sich immer weiter ausbreitenden Angst verspürte er nichts mehr. Plötzlich wurde es still. Keine Schritte waren mehr zu hören. Der gefesselte Mann bewegte den Kopf hin und her, versuchte, einen weiteren Laut zu erhaschen. Kein Ton drang mehr in seinen Gehörgang. Auf seiner Haut verspürte er einen leichten Atemzug und nahm verstört den Mundgeruch eines anderen Menschen wahr. Offensichtlich stand jemand direkt vor ihm, hatte sich zu ihm heruntergebeugt und schien sein Gesicht zu mustern.

Eingeschüchtert versuchte er nochmals Kontakt aufzunehmen. Seine Stimme war mittlerweile entkräftet von der Angst und der Aufregung, die diese Situation mit sich brachte.

»Wer ist da?« Er machte eine kurze Pause und fügte an: »So sagen Sie mir doch, wer Sie sind und was Sie von mir wollen!«

Jetzt bekam er eine Reaktion.

Sein Gegenüber hauchte in geheimnisvoll bedrohlicher Stimmlage: »Was ich von dir will? Sag du es mir!«

Verwirrt schüttelte der Gefangene den Kopf. Er konnte sich in keiner Weise erklären, was er verbrochen haben sollte, um einer derartigen Tortur zum Opfer zu fallen. Er versuchte, sich zu erklären.

»Was soll ich Ihnen sagen? Ich habe doch nichts getan. Lassen Sie mich in Gottes Namen frei!«

Sein Entführer wurde zornig. »In Gottes Namen? Hast du denn in Gottes Namen gehandelt, als du deine Sünden begingst?«

»Was für Sünden? Ich habe niemals jemandem was zu Leide getan.«

Sein Gegenüber lachte hämisch. Dann packte er den Gefangenen wuchtig am Unterkiefer, kam mit seinem Kopf nahe an sein Gesicht und raunte ihn wütend an: »Selbst im Angesicht deiner unglücklichen Lage bist du nicht willens, dich zu deinen Taten zu bekennen.«

Trotz des starken Griffes an seinem Kiefer versuchte der Gefangene, sich zu artikulieren. »Was für Sünden, was für Taten? Ich habe nie jemandem etwas getan.«

Der Entführer entspannte seinen Griff und zog seine Hand wuchtig zurück.

»Nun, wenn dem so ist, hast du dein Schicksal in diesem Moment selbst bestimmt!«

»Schicksal selbst bestimmt? Was meinen Sie damit?«

Stille! Keine Antwort. Der gefesselte Mann hoffte auf einen Hinweis seines Peinigers, doch es folgte keine Reaktion. Der Raum versank in Totenstille. Seine Angst mehrte sich. Plötzlich war eine Anspannung spürbar, die nicht von ihm herrührte. Etwas war im Gange, irgendetwas würde passieren, was er nicht erfassen konnte. Es geschah. Aus dem Nichts schwang sich ein festes Seil um den Hals des gefangenen Mannes. Blitzschnell zog es sich zu, sodass das Atmen nicht mehr möglich war. Er versuchte zu schreien, doch konnte er keinen Ton herausbringen. Das Adrenalin stieg in seinem Körper an, ließ das Blut in den Adern gefrieren. Die Schlinge zog sich immer fester zu. Die Augen quollen aus seinem Kopf, die Zunge wellte sich und strich zitternd über seine Unterlippe. Sein ganzer Körper bebte, versuchte, sich zu wehren. Es dauerte nicht lange, bis die Pein ein Ende fand. Er hatte verloren und ergab sich dem Todeskampf.