Zum Schweigen gebracht

A uf der Fahrt in den Rheingau sinnierte Ella, wie es nach der Verhaftung von Hartmut Wolf und Peter Ullreich weitergehen könnte. Sie hatten mit den Erkenntnissen über die beiden einen großen Teil der Wahrheit freigelegt, doch auf der anderen Seite noch keinen Plan, wie die Festsetzung von Wolf und Ullreich zu ihrem Hauptverdächtigen Anton Gerber führen könnte. Der Kommissar stimmte seiner Kollegin zu, war aber davon überzeugt, dass hierdurch eine Kettenreaktion in Gange käme, die zur Verhaftung von Gerber führen würde. Er sah Hartmut Wolf und Peter Ullreich als die nächsten Hauptziele des Mörders an. Durch deren Handeln waren die schlimmen Ereignisse erst losgetreten und alte Wunden wieder freigelegt worden.

Ella konnte immer noch nicht glauben, dass Hartmut Wolf tatsächlich eiskalt am Tod seiner Tochter beteiligt gewesen war, nur um zu verhindern, dass diese mit Anton Gerber eine Zukunft einging. Dazu kam zu allem Überfluss, dass auch ihr Liebhaber Gerber sich der Gier nach Geld hingegeben und dafür seine Liebste verraten hatte.

Kießling kommentierte dies scherzhaft: »Tja, Ella, kannst du mal sehen, was du für ein Glück mit deinem Arnold hast.«

Die Polizistin stimmte lächelnd zu. Mit Arnold hatte sie in der Tat das große Los gezogen. Er hatte in der Vergangenheit bedingungslos sein Leben für sie riskiert, und auch sonst trug er sie auf Händen, seitdem die beiden zusammengekommen waren.

Während die zwei sich unterhielten, brummte im Kofferraum Ellas auf lautlos gestelltes Mobiltelefon vor sich hin. Sie hatte es mit ihrer Tasche unachtsam hinten reingepackt und nicht mehr daran gedacht. Vor lauter Aufregung und Tatendrang hatte dann auch noch Kießling sein Telefon auf dem Schreibtisch im Revier liegen gelassen. Damit liefen Dr. Bergers Bestrebungen, die beiden Polizisten über neueste Entwicklungen zu informieren, ins Leere.

In Winkel angekommen steuerte der Kommissar zur Adresse von Peter Ullreich. Er war gespannt, wie der Bauarbeiter reagierte, wenn sie ihn mit den Ermittlungserkenntnissen konfrontierten. Kießling hoffte zudem, dass dieser seine These über Hartmut Wolf stützte und sie damit der Lösung des Falles ein ganzes Stück näher kämen. Außerdem ging er davon aus, dass Ullreich in jedem Fall ein potentielles Ziel Gerbers sein könnte. Diesen Schergen festzusetzen, dürfte in jedem Fall noch eine besondere Mammutaufgabe darstellen. Die ganze Situation mit dem Mord an Richard van Fraisaen, der Entführung und dem Mordversuch an dessen Kindern war bereits so weit eskaliert, dass Gerber in keinem Szenario etwas zu verlieren hatte. Dieser Gedanke machte dem Kommissar große Sorgen und Gerber unberechenbar.

Kießling bog in die Zielstraße ein, wo Ullreichs Haus stand. Dieses lag am dünn besiedelten Ortsrand. Vorsichtshalber stellte er das Auto mit einem gewissen Sicherheitsabstand ab, dass ihr Verdächtiger von der Anwesenheit der Polizisten so wenig wie möglich mitbekam. Ella und der Kommissar stiegen aus und gingen langsam zu dessen Hofeinfahrt. Ein Gartenzaun trennte das Grundstück vom Bürgersteig.

Kießling warnte seine Kollegin vor: »Pass auf, Ella. Falls gleich sein monströser Wachhund um die Ecke kommt, mach dich fluchtbereit.«

Ella gab dem Kommissar ein Zeichen, dass sie verstanden habe und bereit sei. Kießling beobachtete aufmerksam jeden Zentimeter des Grundstückes. Er persönlich war ebenfalls nicht sehr erpicht auf eine weitere Begegnung mit dem Zerberus. Es standen zwar einige Büsche in Ullreichs Vorgarten, doch war der Kommissar sicher, dass sich das Tier dort nicht befand.

»Ok, ich glaub, die Luft ist rein«, flüsterte er zu Ella rüber.

Sie betraten das Grundstück und gingen vorsichtig in Richtung Haustür, die aus ihrer Sicht noch von einer kleinen Tanne verdeckt war. Langsam und mit höchster Achtsamkeit bewegten sich die beiden immer weiter voran, ihre Hände stets griffbereit an der Dienstwaffe.

Kießling richtete seinen Blick auf einen Busch, hinter dem er etwas Verdächtiges wahrnahm, und blieb wie angewurzelt stehen. Ella schaute ihren Chef an und tat es ihm gleich.

»Was ist?«, flüsterte die Polizistin zu ihm rüber.

Kießling rührte sich keinen Zentimeter und deutete vorsichtig auf den Busch. Daneben erblickte Ella die große Pfote eines gewaltigen Hundes. Zerberus lag hinter dem Gestrüpp.

»Verdammte Scheiße«, flüsterte Kießling und wollte gerade den Rückzug antreten, da bemerkte er, dass der Wachhund sich nicht rührte. Vorsichtig näherte sich der Kommissar dem Tier. Mit der rechten Hand signalisierte er Ella, sich nicht zu rühren. Je näher er kam, desto größer war die Gewissheit, dass Ullreichs Wachhund wohl ein Nickerchen machte.

»Der pennt«, flüsterte der Kommissar seiner Kollegin zu.

Ella war dies sehr suspekt. Ein Wachhund, der schläft, während Fremde sein Grundstück betraten? Dies machte keinen Sinn. Sie ging zu Kießling und begutachtete den Hund. Dabei bemerkte sie ein großes Stück Fleisch, das neben dem schlafenden Hund lag.

»Sieh dir das hier an«, sagte Ella, deutete auf das Fleisch und fuhr fort: »Ein schlafender Wachhund und ein Stück rohes Rind, das er dazu nicht aufgefressen hat? Da stimmt doch was nicht.«

Kießling schwante nichts Gutes. Seine Kollegin hatte recht. Der Kommissar ging näher an das Stück Fleisch und nahm sofort den Geruch einer Chemikalie wahr, die zur Betäubung eingesetzt wird.

Kießling war sofort im Alarmmodus.

»Hier ist etwas oberfaul«, sagte er jetzt in lauterem Ton. Sofort zog ihn sein Bauchgefühl zum Hauseingang. Er bewegte sich schnell um die Tanne herum und starrte schockiert auf die Haustür. Ella folgte ihm und sah ebenfalls den Grund seiner Schockstarre. In die Haustür war ein Messer gerammt und daran hing eine herausgerissene Buchseite.

Langsam ging Kießling auf die Haustür zu, nahm ein Tuch aus seiner Tasche, wickelte dieses um seine Hand und zog das Messer aus der hölzernen Tür. Mit der anderen Hand nahm er die Buchseite von der Klinge. Ella stellte sich zu ihm. Eine unglaubliche Anspannung überkam die beiden Polizisten. Mit einer derartigen Situation hatten die erfahrenen Beamten nicht gerechnet. Aus irgendeinem Grund waren sie allerdings auch nicht überrascht. Der Kommissar schaute seine Kollegin immer noch völlig außer Fassung an. Doch dann überkam ihn die Sorge über Ullreichs Leben. Er ließ Messer und Buchseite fallen und donnerte mit der Faust gegen die Haustür.

»Herr Ullreich? Sind Sie da drin?«

Keine Antwort. Der Kommissar schob Ella etwas zur Seite, nahm einen kurzen Anlauf und öffnete mit einem beherzten Tritt die einfache Haustür. Er zog seine Dienstwaffe hervor und ging in den Flur. Im Haus wiederholte er seine Rufe. Ella hatte sich ebenfalls bewaffnet und folgte ihrem Chef. Gemeinsam prüften sie alle Zimmer der unteren Etage. In der Küche fiel ihnen sofort ein umgefallener Stuhl ins Auge. Hier hatte anscheinend ein Kampf stattgefunden. Am anderen Ende des Raumes stand eine Balkontür offen. Hier hatte sich der Täter wohl Zutritt verschafft, nachdem er den Hund außer Gefecht gesetzt hatte. Ella und Kießling prüften noch die zweite Etage. Von Ullreich keine Spur. Kießling eilte wieder zur Haustür und hob die Buchseite auf. Darauf war die Zeichnung einer Mordszene zu erkennen. Die beiden Polizisten starrten wie versteinert auf das Blatt. Die Zeichnung zeigte einen Körper, der an ein Fass gebunden und mit einem Strick stranguliert wurde. Menschen standen darum und schienen diese Folter wohl zu beobachten.

»Was soll das darstellen?«, fragte Kießling sichtlich nervös.

Ella schwieg und überlegte. Ihr schien etwas durch den Kopf zu gehen. Kießling registrierte, dass seine Assistentin wohl einen Einfall hatte.

»Hast du eine Idee?«

Ella schob ihren Zeigefinger vor ihren Mund und legte diesen dann auf die Zeichnung.

Sie sagte: »Mir kommt das bekannt vor, so etwas Ähnliches hab ich hier in Winkel schon mal gesehen.«

»Hier in Winkel?«, fragte der Kommissar ungläubig.

Ella erklärte: »Natürlich nicht exakt wie auf der Zeichnung. Aber ich könnte mir vorstellen, wo uns dieser Hinweis hinführen soll. Wir sind schon mal dran vorbeigegangen, als Willi uns seine Geschichte von damals erzählte.«

»Jetzt spann mich nicht so auf die Folter. Wo soll das sein?«

Ella blickte auf und antwortete: »Die Winkeler Fasseiche!«

Kießling und Ella eilten aus dem Haus, rannten zum Auto und machten sich auf den Weg zur Fasseiche. Dies war ein historischer Ausstellungsort in der Stadt. Früher wurden dort durch einen Eichmeister die Holzfässer für die Weine geeicht. Heute diente der Platz ausschließlich als kleines Museum. Noch bevor die Beamten ins Auto einstiegen, ertönte der Feueralarm der Stadt.

Ella schaute auf Kießling. Der erwiderte ihren Blick mit den Worten: »Ich befürchte, jetzt beginnt das Finale.«

Sie stiegen ins Auto ein und fuhren in höchstem Tempo zur Fasseiche. Vor dem Schaufenster der Ausstellung sahen sie bereits aus der Ferne schockierte Einheimische, die offensichtlich einen grauenvollen Anblick vor sich hatten.

»Ich ahne Böses«, murmelte Ella.

Ein Passant hatte aus Verzweiflung einen nahe gelegenen Feueralarm ausgelöst, nachdem er einen Blick durch die Scheibe geworfen hatte. Ella klemmte sich ans Funkgerät und forderte Verstärkung an. Die Zentrale bestätigte und alarmierte weitere Beamte zur Unterstützung.

Kießling fuhr direkt auf den Vorplatz zur Fasseiche und rammte dabei einen aufgestellten Pfosten, der zur Absperrung diente. Die beiden Polizisten stiegen hektisch aus, rannten die paar Meter zu dem kleinen Museum und blickten durch die Scheibe. Wie auf der Buchseite skizziert, war Peter Ullreich an eines der Fässer gebunden. Mit einem Strick um seinen Hals war er mutmaßlich zu Tode stranguliert worden. Sein Gesicht aufgequollen, die Augen quälend aufgerissen und aus dem Mund hing seine Zunge.

Mittlerweile war aufgrund des Feueralarms die Feuerwehr vorgefahren. Kießling winkte sofort einen der Männer zu sich. Der Feuerwehrmann eilte zum Kommissar. Noch bevor dieser ein Wort sagen konnte, blickte er durch die Scheibe und begann schockiert zu würgen, als sein Blick auf Peter Ullreichs Leiche fiel. Noch nie zuvor hatte der ehrenamtliche Brandbekämpfer einen derart schrecklichen Anblick ertragen müssen. Kießling packte ihn und schüttelte ihn durch, bis er aus seinem Schockzustand wieder zu sich fand.

»Hey … Hey, reißen Sie sich zusammen! Sperren Sie den Bereich um den Platz hier weitläufig ab, bis unsere Verstärkung eintrifft.«

Der Feuerwehrmann versuchte, die Fassung zurückzuerlangen. Nachdem Kießling ihn noch mal kräftig geschüttelt hatte, nahm der junge Mann die Aufgabe wahr und organisierte mit seinen Kameraden eine Absperrung.

Ella fragte sich, wie der Täter Ullreich hier im Ortskern unbemerkt in die Fasseiche hatte schaffen können. Kießling hatte seine Theorie. Er ging davon aus, dass der Täter Ullreich in der Nacht entführt und bei Dunkelheit hierhergeschafft hatte. Ob er ihn letztendlich hier zu Tode stranguliert hatte, machte für den Kommissar in diesem Moment keinen Unterschied.

Mittlerweile fuhren weitere Polizeifahrzeuge vor. Ein Beamter sprang heraus und eilte zum Kommissar.

»Herr Kießling, Herr Kießling …«, begann er zu rufen. Doch sowie er am Schaufenster der Fasseiche ankam und einen Blick auf Ullreichs Leiche warf, vergingen ihm die Worte.

Der Kommissar erkannte den jungen Kollegen. Er gehörte zu der Einsatztruppe, die Hartmut Wolf inhaftieren sollte. Wie schon den Feuermann zuvor, musste Kießling auch diesen jungen Mann in die Realität zurückholen.

»Schauen Sie mich an. Was wollten Sie sagen? Habt ihr Hartmut Wolf verhaftet?«, wollte der Kommissar wissen.

Der Kollege holte tief Luft, wandte seinen Blick von der Leiche ab und antwortete Kießling: »Nein. Hartmut Wolf war nicht aufzufinden. Dafür haben wir den Wagen der Detektei gefunden, mit dem Sie und Frau Nilsson beschattet wurden.«

Der Polizist machte eine Pause. Er schien mit der ganzen Situation überfordert.

Kießling rief: »Und weiter? Kommen Sie schon!«

Stotternd fuhr er fort: »Im Kofferraum fanden wir die Leiche des Fahrers, auf der Rückbank einen Gehstock.« Er machte eine kurze Pause, griff in seine Innentasche und zog eine abgerissene Buchseite in einer Klarsichthülle heraus. »Zusammen hiermit!«

Wieder die Skizzierung einer Mordszene. Kießling nahm die Seite an sich und schaute mit Ella zusammen darauf.

Die Polizistin schüttelte fassungslos den Kopf und murmelte: »Das will er doch nicht wirklich machen?«

Kießling entgegnete leise: »Mittlerweile traue ich diesem Kerl alles zu!«

Die Seite zeigte einen Mann im Todeskampf, an ein hölzernes Kreuz gebunden. Davor seinen Henker, mit einer Fackel in der Hand – bereit, das Feuer zu entzünden.

So schrecklich der Gedanke auch war, jetzt mussten beide Polizisten sich anstrengen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. So wie es den Anschein hatte, war Hartmut Wolf entführt worden, und sein Entführer hatte direkt den Hinweis hinterlassen, wie er den alten Mann ermorden würde.

»Wir müssen rauskriegen, wo Gerber den alten Wolf in eine lebendige Fackel verwandeln will«, sagte Kießling, wieder klar bei Sinnen.

Ella stimmte zu und hatte eine Idee.

»Lass uns in die Fasseiche gehen. Gerber scheint doch ein Freund von Hinweisen zu sein, vielleicht finden wir etwas bei Ullreichs Leiche, was uns weiterhelfen könnte.«

Kießling nickte und empfand dies als eine gute Idee. Die beiden gingen langsam durch die Eingangstür. Beim Betreten kam ihnen sofort dieser beißende Geruch eines Toten entgegen. Es roch nicht nach Verwesung. Der Dunst eines ermordeten Menschen ließ sich schwer einfangen und in Worte fassen. Wenn Kießling Vorträge an der Polizeischule hielt und den Anwärtern versuchte, den Moment nahezubringen, wenn er einen Tatort betritt, ist dies ein fast unmögliches Unterfangen. Diesen Moment zu beschreiben, was einem durch den Kopf und die Nase geht, entbehrte jeder Vorstellung, bis es selbst erlebt wurde. Jetzt war wieder ein derartiger Zeitpunkt. Langsam näherten sich Ella und der Kommissar dem ermordeten Ullreich. Der Anblick war grauenhaft. Die Vorstellung, wie ein Mensch einem anderen solches Leid antun konnte, fern jeder Art von Menschlichkeit, war schwer zu ertragen.

Kießling und Ella konzentrierten sich auf das Wesentliche, blendeten ihre Gefühle aus. Der Kommissar ging nah heran, berührte den toten Mann und zog ihn etwas nach vorn.

»Da ist etwas, Ella.«

Hinter Ullreichs Kopf war etwas in das hölzerne Fass geritzt.

»Wir brauchen ein Messer oder einen scharfen Gegenstand, um das Seil am Hals durchzuschneiden«, rief Kießling.

Ella schaute sich hektisch um und sah ein altes Messer in der Ecke liegen. Sie griff danach und reichte es schnell dem Kommissar. Dieser schnitt das Seil durch, dabei sank der tote Körper zur Seite. Ella verzog das Gesicht. Dieser Anblick erzeugte in ihr ein Gefühl, als hätte sie selbst Ullreichs Todesqualen erleben müssen.

Zum Vorschein kamen drei Zahlen, nebeneinander angeordnet.

Kießling las laut vor: »3 – 6 – 18.«

Kurzes Schweigen. Beide überlegten, bis Ella ein paar Sekunden später eine Eingebung bekam. »Das erinnert mich an Bibelstellen.«

Kießling schaute sofort seine Kollegin an. »Das ist es! Der beschreibt eine Buchstelle von van Fraisaen. Da verwette ich meinen Hintern darauf.«

Ella erwiderte umgehend: »Wir müssen in den Buchladen.«

Der Kommissar antwortete zustimmend: »Genau! Das ist unsere einzige Chance, rauszufinden, worauf Gerber hindeuten will. Mach ein Bild von diesen Zahlen und dann lass uns starten!«

Ella suchte nach ihrem Handy.

»Ich kann mein Telefon nicht finden. Ich glaube, das liegt in meiner Tasche im Kofferraum. Ich hole es schnell!«

Kießling rief seine Kollegin zurück: »Keine Zeit. Die drei Zahlen können wir uns auch merken.«

Die beiden Polizisten rannten aus der Fasseiche zu ihrem Dienstfahrzeug.

»Macht Platz da!«, rief der Kommissar zu den Kollegen, die ihre Autos zur Absperrung geparkt hatten. Schnell wurde ein Korridor geschaffen und Kießling raste zur nahe gelegenen Buchhandlung von Georg Tessler.

Kießling legte vor dem Laden eine Vollbremsung hin. Die Reifen quietschten und das Fahrzeug stieß gegen den Bordstein.

Von dem Getöse aufgeschreckt, blickte Tessler durch seine gläserne Ladentür. Der Kommissar und seine Assistentin stürmten auf die Eingangstür zu. Irritiert trat Tessler etwas von seiner Ladentür zurück. Kießling schob wuchtig die Tür auf und sie betraten das Geschäft.

Tessler fragte besorgt: »Herr Kommissar, was ist hier los?

Der Buchhändler hatte einen sorgenvollen Gesichtsausdruck. Natürlich hatte er die Aufregung im Ort mitbekommen und jetzt standen zwei aufgewühlte Polizisten vor ihm.

Kießling kam gleich zum Punkt. »Wir brauchen Ihre Hilfe. Haben Sie einen Zettel und was zum Schreiben?«

Der Buchhändler nickte und reichte dem Kommissar umgehend Papier und Stift.

Der Polizist kritzelte eilig die Zahlenreihe vom Fass auf den Zettel und hielt diese Tessler hin.

»Schauen Sie hier. Wir brauchen den dritten Band aus der Buchreihe von van Fraisaen. Darin Seite 6 und Zeile 18.«

Schnell wühlte der Buchhändler in seinem Sortiment. Er schien sehr nervös, doch er fand zügig das benötigte Buch und reichte es Kießling. Dieser schlug hektisch die besagte Seite auf und fuhr mit dem Finger zur Zeile 18.

Laut las er vor: »… qualvoll ging sein Körper in Flammen auf und entweihte damit die friedliche Welt des Schlossgartens …«

Der Kommissar hob den Kopf, blickte fragend Ella und Tessler an.

Die Polizistin hatte keine Idee, doch dem Buchhändler schien ein Gedanke durch den Kopf zu gehen.

Kießling erkannte dies sofort und fragte: »Haben Sie eine Idee, was damit gemeint sein könnte?«

Tessler versuchte, seinen Gedanken zu erläutern: »Ich gehe jetzt mal davon aus, das dies mit der schrecklichen Mordserie zusammenhängt. Wenn ich das lese, denke ich sofort an den Garten von Schloss Vollrads.«

»Das muss es sein«, resümierte Ella.

Kießling war ebenfalls davon überzeugt, dass mit dieser Stelle auf Schloss Vollrads hingewiesen wurde.

»Ich denke auch. Wie kommen wir am schnellsten von hier aus dorthin?«, fragte Kießling.

Tessler ging zur Ladentür und öffnete diese. Er zeigte zur Hauptstraße und versuchte, den Weg zu erklären.

Kießling folgte ihm und ging auf die Straße. Er schüttelte den Kopf, denn ganz Winkel war von Einsatzfahrzeugen verstopft. Durch die Stadt gab es kein Durchkommen.

»Unten ist alles zu. Wir müssen uns irgendwie durch die Gassen schlängeln«, sagte der Kommissar hektisch.

Ella kam hinzu, überlegte ebenfalls, wie sie schnellstens in die Weinberge zu Schloss Vollrads kommen könnten.

Tessler kam zu ihnen und erklärte: »Es gibt einen Schleichweg in dieser Richtung.«

Dabei zeigte er in die entgegengesetzte Richtung der chaotischen Zustände im Ort und versuchte, Kießling den Weg zu erklären.

»Dafür haben wir keine Zeit«, sagte der Kommissar zu dem Buchhändler, packte ihn am Ärmel und zog ihn zum Auto. »Sie kommen mit und zeigen uns den Weg.«

Ella schaute kritisch. Einen Unbeteiligten in eine derart gefährliche Situation hineinzuziehen war nicht Kießlings Art, geschweige denn erlaubt. Doch schnell wurde auch ihr klar, dass sie keine andere Wahl hatten.

Tessler schien zwar überfordert und verängstigt, aber er hatte ein Einsehen und stieg umgehend mit in das Polizeiauto. Kießling setzte zurück und folgte Tesslers Anweisungen zu Schloss Vollrads.