6
Es hieß, Vater sei abgetaucht. Es klang fast so, als wünschten sich die Medien das für ihre Schlagzeilen. Das ließ ihn nur noch mystischer erscheinen. Doch zugleich war er die ganze Zeit da und in unserem Leben mehr als präsent.
Kurz bevor er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, war das Herrenhaus in Flammen aufgegangen. Die Polizei war zuerst von Versicherungsbetrug ausgegangen und hatte Vater verdächtigt, aber sie fanden keine Beweise. Bis heute ist es ein Rätsel, wie es dazu kommen konnte. Aber er hatte das Haus sofort wiederaufbauen lassen, jetzt sieht es noch prachtvoller und stattlicher aus als vorher. Ich war damals – als es geschah – natürlich noch viel zu klein, aber ich habe gehört, dass es nicht lange gedauert hat. Und danach war alles genauso wie zuvor.
Die Frage bleibt: Warum hat sich Vater danach aus der Öffentlichkeit zurückgezogen?
Ich habe keine endgültige Antwort, aber eine Sache ist gewiss: Er tauchte ab und in eine ganze Reihe von neuen Projekten ein. Zukunftsvisionen, die er verwirklichen wollte.
Eines dieser Projekte war Kinder der Erde.
Aber bevor das ins Leben gerufen wurde, kam Großmutter. Wäre sie nicht gewesen, würde ich heute nicht hiersitzen und dir diese Geschichte aufschreiben .
Großmutter
Mutter hat einen ihrer besseren Tage. Sie ist mit uns draußen auf dem Spielplatz und auf einem kleinen Waldspaziergang gewesen. Jetzt sitzen wir drei auf dem Sofa, und sie liest uns etwas vor. Sie kann nicht so gut lesen, nur ganz langsam und ein bisschen abgehackt, aber das macht nichts.
Wir sind so von der Geschichte gepackt, dass wir Vater erst bemerken, als sein Schatten auf uns fällt.
»Liest du denen immer noch vor? Wann sollen die denn bitte selber lesen lernen?«, fragt er.
Mutter windet sich. Ihre Fröhlichkeit ist wie weggeblasen.
Ihre Stimme klingt kindlich und flehend.
»Sie sind doch erst vier. Außerdem kann Thor schon ein bisschen lesen.«
Er reißt ihr das Buch aus den Händen und legt es in meinen Schoß. Ich sehe Mutter unsicher an, hoffe inständig, dass sie mich aus dieser unangenehmen Situation befreit, aber sie sagt kein Wort.
»Also, Thor. Dann lies mir mal was vor! Da bin ich ja gespannt.«
Ich starre auf die aufgeschlagene Seite. Sie ist voller unbegreiflicher Zeichen in langen schwarzen Reihen, die alle ineinanderfließen. Mir steigen die Tränen in die Augen, und alles verschwimmt.
»Die Sterne leuchten an dem großen, dummen Himmel«, stammele ich, weil ich mich an Mutters Worte erinnere. Aber Vater schüttelt verärgert den Kopf.
»Da steht dunklen , Thor, nicht dummen«, korrigiert er mich. »Ich sehe, so gut kann er also lesen. Analphabetin.«
Ich weiß, dass er Mutter die Schuld dafür gibt. Sie ist kreidebleich und kaut nervös auf ihrer Unterlippe .
Vater reißt mir das Buch aus den Händen und schleudert es quer durch den Raum. Es fliegt gegen die Wand und fällt mit einem lauten Poltern zu Boden. Seine Augen glühen vor Zorn, er brüllt Mutter an, wie nichtsnutzig und faul sie sei. Wie außer sich wirft er Sachen durch die Gegend, Bücher, Kaffeebecher und Mutters Nagellack, der an der Wand zerschellt und sie mit roten Flecken übersät. Ich habe ihn noch nie so wütend gesehen. Er starrt mich an, und ich bekomme furchtbare Angst. Ich habe keine Angst, geschlagen zu werden, sondern dass ich seine Liebe verliere.
Fanny kommt aus der Küche gestürmt, auch sie wird angeschrien. Sie solle sofort ins Büßerprogramm verschwinden. Das Wort kenne und verstehe ich nicht, aber Fanny ist zu Tode erschrocken, sammelt ihre Sachen zusammen und geht. Mutter hat sich aufgerappelt und steht wie ein Soldat vor Vater stramm. Er packt ihre schönen, langen Haare und zieht sie zu sich heran.
»Wenn du versuchst, mir dumm zu kommen, wirst du sehen, was du davon hast«, zischt er.
Dann lässt er ihre Haare los und reißt mit einem Griff ihre Bluse auf, die Knöpfe fliegen zu Boden, der Stoff gibt nach und entblößt ihre Brüste. Er packt sie und drückt so fest zu, dass sie laut aufschreit.
»Wenn du nicht so fett geworden wärst, würde ich dir jetzt eine Lektion erteilen. Du bist noch nicht mal zum Ficken geeignet.«
Angewidert stößt er sie von sich und stampft davon.
Vic und ich weinen. Meine größte Sorge ist, dass ich nie wieder Vaters Hand halten und auf seinen Schultern reiten darf, weil ich ihn angelogen habe und er mich jetzt dumm und unnütz findet. Auch Mutter weint. Sie unternimmt einen halbherzigen Versuch, das Wohnzimmer aufzuräumen, dabei höre ich sie vor sich hin murmeln. Dieser verdammte Scheißkerl, bescheuerter Idiot … Mutter sagt manchmal schlimme Wörter. Fanny hat uns erzählt, dass sie noch sehr jung ist und nie gelernt hat, wie man sich richtig ausdrückt. Also wie eine Erwachsene. Danach aber schweigt sie für den Rest des Abends. Wir essen die Reste vom Nudelauflauf, und es gibt auch keine Gutenachtgeschichte.
Den nächsten Tag verbringt sie auf dem Sofa und starrt wortlos aus dem Fenster.
Fanny kommt nicht. Vic und ich, wir müssen uns allein versorgen, was wir auch tun. Allerdings sorgen wir dafür, keine Unordnung zu machen. Denn keiner von uns will vom Teufelsfelsen geworfen werden.
Das große Wunder geschieht am darauffolgenden Tag. Draußen vor dem Haus hören wir laute Stimmen. Ich klettere aufs Sofa und spähe durch das geöffnete Fenster.
Auf dem Rasen vor der Eingangstür steht Vater mit einer älteren Frau. Sie hat langes weißes Haar, ist braungebrannt und fast so groß wie Vater selbst. Sie streiten.
»Wie bist du hier hereingekommen?«, schreit er.
»Die Wachen haben mich reingelassen, das ist doch offensichtlich.«
»Du bist hier nicht willkommen. Für mich bist du tot, du alte Hexe. Mausetot.«
»Nach alldem, was du mir angetan hast, bist auch du für mich gestorben«, erwidert sie. »Aber ich möchte meine Enkelkinder sehen.«
»Du hast noch nie etwas für mich getan. Ich mag dich nicht in meiner Nähe haben.«
Vater ist wie von Sinnen vor Wut, aber die Frau hat überhaupt keine Angst vor ihm. Sie hat die Arme vor der Brust verschränkt und starrt ihn unverwandt an. Ich habe Angst, dass sie mich entdecken könnten, aber sie sind so in ihren wortlosen Kampf versunken, dass sie mich nicht bemerken.
Dann bewegt sich etwas in Vaters Gesicht. Ich kann fast hören, wie die Kugeln an ihren Platz rollen. So sieht er immer aus, wenn er einen Einfall hat. In solchen Augenblicken darf man ihn auf keinen Fall stören.
»Bei einer Sache könntest du allerdings von Nutzen sein«, sagt er. »Du hast mir das Lesen beigebracht. Bring jetzt auch meinen Kindern das Lesen und Schreiben bei. Du darfst zweimal in der Woche kommen, aber nicht öfter. Und ich will dich weder sehen noch hören.«
Er wartet ihre Antwort gar nicht erst ab, dreht sich auf dem Absatz um und marschiert zum Herrenhaus hinüber. Sie lächelt. Und obwohl sie schon so alt ist, sieht sie wunderschön aus, wenn sie lächelt.
Dann bewegt sich das Wunder auf unser Haus zu. Sie nimmt uns in den Arm und drückt uns so fest, dass uns fast die Luft ausgeht. Wir sind verlegen, weil wir die Frau, die so gut riecht, gar nicht kennen. Trotzdem genieße ich es sehr. Es ist so weich und warm in ihren Armen.
Von diesem Tag an kommt sie zweimal in der Woche, immer wenn Vater nicht auf dem Anwesen ist.
Sie bringt uns bei, die Buchstaben in den Büchern zu erkennen, und erklärt uns, wie sie sich unterscheiden, wie sie klingen und wie man sie zu Wörtern zusammensetzt.
Bei jedem Besuch bringt sie auch Mutter etwas Neues bei. Großmutter zeigt ihr, wie man andere Gerichte als Nudeln kocht, wie man Brötchen backt und solche Sachen. Mutter gefällt das sehr. Sie lacht sogar wieder, wenn Großmutter da ist.
Ihr Duft aber ist das Beste, sie riecht wie eine Mischung aus Holz und süßen Winteräpfeln. Wir dürfen sie Großmutter nennen, aber nicht, wenn Vater es hören kann. Sie erzählt uns auch, wo sie wohnt. In einer kleinen Hütte nämlich, in der Vater als Kind gelebt hatte. Aber auch das sollen wir am besten nie ansprechen.
»Ich werde das Häuschen isolieren und für den Winter bereit machen, damit ich das ganze Jahr dort wohnen und euch besuchen kann«, sagt sie eines Tages.
»Und wie macht man das?«, frage ich.
»Man tauscht die Fenster gegen doppelverglaste Scheiben aus und baut eine Heizung ein.«
»Oh, ist das nicht sehr teuer?«, fragt Vic.
Da lacht sie.
»Ja, das ist es, aber das seid ihr mir wert.«
Das klingt so schön, dass mir ganz warm wird, wie nach einem Bad in der Wanne. Das macht mich so mutig, dass ich auf ihren Schoß klettere. Zum allerersten Mal.