Kapitel 5
Ich war in einem rasenden Tempo nach Hause gefahren, um Darinas Sachen für die nächsten Tage zu packen. Schnell suchte ich alles Nötige zusammen, damit sie nicht so lange allein sein musste. Ich stellte die Reisetasche in den Kofferraum meines Wagens, setzte mich hinters Steuer und fuhr die 45 Meilen zurück Richtung Phoenix. Im Klinikum angekommen nahm ich das Gepäck und machte mich wieder auf den Weg zu Station 5.
Als ich den langen Gang entlanglief, sah ich bereits, dass die Zimmertür von Darinas Zimmer aufstand.
Ich kam dem Raum näher und hörte Männerstimmen nach draußen dringen. Stutzend beschleunigte ich meine Schritte, bis ich nun genau vor der Tür stand und meinen Augen kaum trauen konnte.
James und Aiden saßen an Dinas Bett und hielten jeweils eine ihrer Hände. Sie unterhielten sich leise, sodass ich ihre Worte nicht verstehen konnte.
Wollte ich aber auch gar nicht!
Was zum Teufel tat James hier? Wollte er jetzt als Nächstes meiner Schwester Lügen auftischen? Nein. Er war zwar ein Arschloch, hatte mich belogen und betrogen, doch das hatte nichts mit meiner Schwester zu tun. Sicher begleitete er lediglich Aiden.
Der Vulkan in mir tobte dennoch und meine Gefühle und Emotionen übermannten mich.
Ich hatte anscheinend ein Geräusch von mir gegeben, denn auf einmal richteten sich alle drei Augenpaare auf mich und sahen mich an.
Es war mir mehr als unangenehm, aber ich konnte mich nicht ihrer Blicke entziehen, denn ich stand im Türrahmen wie auf dem Präsentierteller. Ganz toll. Am intensivsten spürte ich die blauen Augen von James auf mir und es war, als würde er mich mit einem Röntgenblick geradezu scannen.
Ich holte tief Luft, sammelte mich und sagte:
»Hallo. Dina, ich habe deine Sachen mitgebracht. Wenn ich störe, kann ich auch gleich wieder gehen.« Ab und zu konnte ich gut schauspielern. Und ich würde mich vor den dreien sicher nicht lächerlich machen, in dem ich anfing, zu heulen wie ein Baby. Stark sein! Das war ab jetzt mein Mantra.
Der Gedanke, dass meine kleine Schwester mich wegschicken konnte, stach in meiner Brust. Denn ich wollte bei ihr sein. Sie war mein Ein und Alles. Sie war meine Familie
.
»Komm doch einfach rein und setz dich hin«, kam es bestimmend ausgerechnet aus James‘ Mund, bevor irgendeiner der anderen zum Sprechen ansetzen konnte.
Alles in mir spielte verrückt. Schon allein seine Anwesenheit machte mich auf der Stelle wahnsinnig. Ich klappte meinen Mund zu, den ich wie ein Fisch auf dem Trockenen bewegt hatte. Mein Herz klopfte wild in meiner Brust und ich hatte das Gefühl, dass alle in diesem Zimmer es vernehmen konnten. Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen. Meine Hände schwitzten und ich wischte sie an meiner dunklen Jeans ab. Dabei wurde mir heiß und kalt zur gleichen Zeit und ich glaubte, gleich in Ohnmacht zu fallen, weil sich plötzlich alles um mich herum drehte.
Ich antwortete nicht und setzte mich einfach stumm auf den Stuhl, der noch im Zimmer stand. Die Reisetasche stellte ich daneben ab. Ich klammerte mich an ihr fest, als wäre sie mein Rettungsanker. Während die anderen weiterredeten, schweiften meine Gedanken völlig ab, sodass ich kein Wort mehr verstehen konnte.
Es war so verdammt schwer, James zu sehen, und gerade jetzt, wo ich wieder in seiner Nähe war, musste ich feststellen, dass ich alles doch weniger verarbeitet hatte, als mir lieb war. Ihn zu sehen, schnürte meine Kehle zusammen, bis ich kaum mehr atmen konnte. Der Schmerz zog von meiner Brust bis in meine Fingerspitzen. Doch mein verräterisches Herz sendete zur selben Zeit Glücksgefühle aus, sodass mein Bauch zu kribbeln begann. Ich wünschte, es wäre anders, aber ich liebte ihn noch immer. Spätestens jetzt hatte ich den Beweis, denn alles in mir zog mich zu ihm hin und ich wünschte mir, wir könnten all die schrecklichen Dinge einfach ungeschehen
machen.
Auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte. Gefühle verschwanden nicht einfach so. Sie saßen so tief, dass ich ihm am liebsten alles verzeihen wollte. Aber mein noch halbwegs funktionierender Verstand ermahnte mich, dass es falsch wäre. Ich würde es ihm nicht so leicht machen! Dabei wusste ich nicht mal, ob er
noch etwas für mich
empfand. Vielleicht liebte er mich nicht mal mehr und war nun glücklich mit Charlie – was wusste ich unerfahrene Pute schon von der Liebe?
Ich spürte wieder einen Blick auf mir und als ich meinen Kopf hob, um zu schauen, wer mich beobachtete, sah ich automatisch in James’ wunderschöne blaue Augen. Mein Verräterherz machte sofort einen Satz und hüpfte mir fast aus der Brust. In meinem Bauch flatterten die Schmetterlinge noch heftiger und es fühlte sich noch genauso an wie an dem Tag, an dem wir uns das erste Mal gesehen hatten. In diesem Augenblick wusste ich wieder, wieso James und ich so perfekt füreinander waren. Er sah mich mit einer Sehnsucht in den Augen an, die mir in der Brust schmerzte. Und ich vermisste ihn nicht weniger.
So sehr.
Innerlich gab ich mir eine Backpfeife, die mich zurück in die Realität riss.
Nein! Ich konnte und würde ihn nicht zurücknehmen. Nicht nach dem, was er mir angetan hatte. Wie konnte ich nur so empfinden? Wie konnte ich überhaupt mit dem Gedanken spielen, ihm zu verzeihen?! Ich durfte nie vergessen, wie sehr er mich hintergangen hatte. Dieser Schmerz damals, der mir die Luft zum Atmen geraubt
hatte, war so unerträglich gewesen, dass ich so was nie wieder empfinden wollte. Jetzt hatte ich genug mit meiner Schwester zu tun und musste mich ganz auf sie konzentrieren.
Wir sahen uns weiterhin in die Augen, zogen uns an wie zwei Magnete, denn wir konnten nicht ohne einander.
Er hatte mich fliegen lassen und mir dann die Flügel brutal herausgerissen.
Ich wartete einen Augenblick, schüttelte meinen Kopf und blickte wieder zum Boden, der plötzlich sehr interessant war.