Kapitel 8
Das Zusammentreffen mit James hatte mich bis auf meine Grundfesten erschüttert. Die kalte Mauer, die ich ihm gegenüber um mich herum aufgebaut hatte, war von seiner plötzlichen Nähe regelrecht eingerissen worden. Seine Arme um mich zu spüren, auch wenn es nur kurz war, hatte mein Herz rasen und meinen Bauch kribbeln lassen. Wie früher fühlte ich mich in seiner Gegenwart so unglaublich geborgen und geliebt. Zwei Gefühle, die ich nach all der Zeit umso mehr vermisste.
Meine Sehnsucht nach ihm manifestierte sich als stechender Schmerz in meiner Brust und als brennender Kloß in meinem Hals. Ich kam nicht umhin, mich nach mehr davon zu sehen, auch wenn ich mich an seinem Feuer verbrennen würde.
Avery und ich hatten einen wunderschönen Tag verbracht. Wir waren gemeinsam einkaufen, ich hatte das Haus ein wenig geputzt und dann hatten wir uns hingesetzt und zusammen Schach gespielt. Avery liebte es, Spiele zu spielen, erklärte sie mir. Ich freute mich, denn früher hatte meine Familie sonntags Spieleabende gemacht.
Mit meinen Eltern war auch diese Tradition gestorben.
Aber vielleicht konnte ich Dina mal mitbringen, wenn sie wieder gesund war. Darüber würde Avery sich sicher freuen.
»Kaycee, sag mal, wie geht es deiner Schwester, gibt es etwas Neues?«, fragte Avery und sah mir in die Augen.
»Als ich letztes Mal da war, sah sie etwas besser aus. Ich hoffe wirklich, es wird alles wieder gut. Unsere Pechsträhne muss schließlich endlich vorbei sein. Aber Avery, sie macht es so toll. Sie ist so ein starker und unnachgiebiger Mensch, ich hätte gerne etwas von ihrem Mut«, sagte ich lächelnd und Tränen stiegen mir in die Augen.
Avery nickte und drückte meine Hand.
Sie wollte unglaublich viel über meine kleine Schwester wissen und hatte ehrliches Interesse an ihrem Wohl. Es machte mich jedes Mal stolz, von meiner liebreizenden, jüngeren Schwester zu reden. Sie war einfach voller Stärke, Mut und Lebenslust, obwohl sie so eine tödliche Krankheit hatte. Ich wusste, die beiden würden sich grandios verstehen, deshalb rief ich Dina nach Feierabend an.
Dina hob nach dem dritten Tuten ab und begrüßte mich freundlich.
»Kay, wie geht es dir?«
»Gut! Und dir?«
»Auch gut.« Ich war mir sicher, dass sie log, aber was sollte sie auch anderes sagen? Dinas Messlatte was »gut« und »schlecht« anging, war einfach eine andere. »Was gibt es, Schwesterchen? Ich höre doch, dass du ganz wild darauf bist, mir irgendetwas zu erzählen!«
Schmunzelnd, weil meine Schwester mich so gut kannte, erwiderte ich:
»Ich habe einen neuen Job! Bei Avery, James' Mutter, und es macht so viel Spaß bei ihr und ich verdiene nun wirklich gut! Also kann ich die anderen endlich kündigen. Den schmierigen Joe hätte ich auch nicht mehr lange ertragen!«
»Oh, wie kam das zustande? Das ist ja toll, gerade weil ich ja weiß, wie sehr du James' Mutter magst.« Ihre Freude drang durch das Mikro und steckte mich an.
»Uuund«, sagte sie langgezogen, »jetzt siehst du James auch öfter, oder?«, schob Dina noch hinterher.
Ich musste hüsteln, weil es mir unangenehm war.
»Ja, die erste Begegnung war ... Nun ja, seltsam. Aber es fühlt sich auch schön an, ihn wiederzusehen.«
»Was heißt seltsam?«, schnaubte sie.
»Er hat mir die Tür geöffnet, mir einen Vorwurf gemacht, dass ich nicht zu ihm gekommen war. Und na ja, wir haben uns ein wenig in den Haaren gehabt und dann hat er mich in seine Arme gezogen und Dina, es war so schön, ihn nach all der Zeit wieder zu spüren ...« Ich brach ab und verstummte.
»Wie romantisch! Ich wusste, dass es mit euch wieder was werden würde! Weil ich ein verdammter Hellseher bin!«, rief sie lachend aus und wir beide quatschten noch ein wenig, bis wir auflegten und uns verabschiedeten.
Meine Schwester war nicht nur meine Familie, sondern auch meine beste Freundin. Ihr davon zu erzählen, tat unheimlich gut. Vor allem auch, weil sie mich nicht dafür verurteilte, dass ich noch Gefühle für James hatte.
Als ich gemerkt hatte, wie sehr sie der neue Job erleichterte, fiel mir ein Stein vom Herzen.
Natürlich machte sich Darina auch Gedanken um unsere finanzielle Situation, aber in ihrer Lage konnte und musste sie sich primär auf ihre Genesung konzentrieren. Wenn sie es könnte, würde sie auch arbeiten und etwas beisteuern, das wusste ich, doch das ging einfach nicht. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als sich darauf zu verlassen, dass ich die Situation im Griff hatte.
Es war sehr schwer, allein klarzukommen, seitdem unsere Eltern nicht mehr da waren. Ich dachte jeden Tag an sie. Das würde sich auch mein Leben lang nicht ändern. Mittlerweile wartete ich allerdings immerhin nicht mehr darauf, dass die beiden abends nach Hause kommen würden.
Avery hatte mich zeitlich so eingeplant, dass ich früh am Vormittag zu Dina fahren konnte und nochmals abends nach der Arbeit. Die Klinik, in der Dina lag, befand sich ebenfalls in Phoenix, so wie das Haus der Torres. Wenn ich abends meine Schwester verließ, konnte ich mich danach in Ruhe auf den Weg nach Hause nach Queens Creek machen.
Heute, drei Tage nach meinem ersten Arbeitstag, hatte ich sie nach Feierabend jedoch nicht noch mal besucht, weil es zu spät geworden war. Dina nahm es mir zum Glück nicht übel. Im Gegenteil – so gern sie mich bei sich hatte, so oft protestierte sie, dass ich mich mehr ausruhen sollte und dass sie schon klarkam.
Ich saß also zuhause auf der Couch und streichelte Caspers Kopf, als meine Gedanken, ohne dass ich es wollte, um James kreisten. Ich konnte es weder verhindern noch abstellen, so sehr ich es auch versuchte.
Ich sehnte mich nach der Zeit, als er noch bei mir war. Als noch alles in Ordnung zwischen uns war. Jetzt in diesem Moment wollte ich nichts anderes, als mich an seine starke Schulter anlehnen und dieses warme Gefühl von Zuneigung genießen. Die Augen schließen und vergessen, mich einfach nur ein paar Minuten sicher und geborgen fühlen.
Es war eine schwere Zeit und ich brauchte jemanden an meiner Seite, doch ich hatte jeden verloren. … Nein, das stimmte nicht ganz! Denn ich hatte eine wahnsinnig gute Freundin gehabt: Stella. Möglicherweise hatte ich es mir jedoch inzwischen mit ihr versaut, denn sie hatte all die Zeit um mich gekämpft und ich dagegen kaum auf ihre Nachrichten reagiert. Augenblicklich erfasste mich ein schlechtes Gewissen, weil ich mich so in den Splittern meines gebrochenen Herzens verkrochen hatte, dass ich dieser Freundschaft kaum mehr Beachtung geschenkt hatte. Stella hatte das nicht verdient. Also atmete ich tief ein, griff zu meinem Telefon und wählte Stellas Nummer.
Als ob sie nur auf meinen Anruf gewartete hätte, hob sie sofort ab und nahm den Anruf entgegen.
»Hallo, Kaycee. Hast du dich verwählt?«, kam es aus dem Handy.
Ich schluckte hart. Klar, mit was hatte ich denn gerechnet? Dass sie Freudensprünge machen würde, wenn ich mich nach den ganzen Monaten wieder bei ihr meldete? Unser letztes Wiedersehen lag inzwischen schon drei Monate zurück und dieses hatte mit Stellas Tränen geendet.
»Ähm … Hi, Stella. Ich wollte fragen, wie es dir geht. Ich hoffe, es ist okay, dass ich mich melde?«
Ich hörte sie die angehaltene Luft auspusten, bevor sie antwortete:
»Ja, es ist okay. Aber ganz ehrlich, Kay, wieso hast du so lange damit gewartet, nach deinem beschissenen Handy zu greifen und mich einfach mal anzurufen? Ich konnte nichts dafür, was passiert ist. Du hast mich einfach hängen lassen, dabei dachte ich echt, dass wir Freunde sind …«
Sie brach ab.
Es hatte sich auch bei ihr einiges angestaut. Ich konnte es in ihrer belegten und gebrochenen Stimme hören. Und ich konnte sie verstehen. Ich selbst wäre auch traurig und frustriert gewesen, hätte sie mich derart fallen gelassen, nur weil ein Kerl, den ich kenne, ihr das Herz gebrochen hat.
Freundschaften waren meist von längerer Dauer als die Liebe, denn so häufig kam diese und ging auch wieder. Aber Freundschaften blieben. Sie waren dazu da, die Tränen aufzuwischen, die die Liebe verursachte.
So dachte ich zumindest jetzt nach der ganzen Misere mit James. Früher hatte ich an die eine Liebe geglaubt, die ein Leben lang hielt.
»Es tut mir leid, ich weiß, dass es falsch von mir war, dich so abzuweisen. Bitte verzeih mir. Ich vermisse dich, Stella. Es war eine harte Zeit für mich, nach dem, was James mir angetan hat.«
»Das weiß ich, Kay, aber ich wäre verdammt noch mal für dich da gewesen! Wir hätten das zusammen durchstehen können und du wolltest mich einfach nicht sehen, egal, was ich versucht habe! Weißt du, wie weh das tat? So oft habe ich mich gemeldet und du hast mich ignoriert.«
Ich konnte den Schmerz in ihrer Stimme durch das Telefon hören. Stella war eine herzensgute Person und ich hatte sie derart verletzt.
Wütend über mich selbst klopfte ich mir mit der Faust gegen die Stirn und kniff die Augen zusammen.
»Fuck, ich weiß. Ich möchte das wiedergutmachen. Wirklich, Stella. Bitte gib mir noch diese eine Chance. Ich habe mich von allem zurückgezogen, kam überhaupt nicht mehr klar und um ehrlich zu sein, hatte ich Angst, dass es nur noch mehr wehtut, weil du und James befreundet seid. Kannst du mir verzeihen?«
Am anderen Ende der Leitung breitete sich Stille aus. Dann seufzte Stella schwach und sagte:
»Okay, Kaycee. Aber mach sowas bitte nicht noch mal. Ich habe dich unheimlich vermisst. Und ich hätte mir einfach gewünscht, dass ich für dich da sein kann. Dass du mich an dich heranlässt. Aber denk dran, ich habe es dir noch nicht ganz verziehen! Ich kann sehr nachtragend sein!« Jetzt hörte ich schon ein leises Lächeln in ihrer Stimme und das zeigte mir, dass sie ihre Worte nicht ganz ernst meinte.
»Danke, ich bin so froh, dass du mir noch eine Chance gibst! Das kannst du dir nicht vorstellen!«
»Was gibt es bei dir Neues, Kay? Wie geht es Darina?«
»Nicht so gut, sie liegt im Krankenhaus. Der Krebs ist wieder da und es geht alles drunter und drüber ...«, sagte ich leise und schloss meine Augen. Es tat weh, darüber zu reden.
»Was?! Wieso zum Teufel hast du mir das nicht gesagt? Schreib mir nachher bitte, welches Krankenhaus es ist, mit Station und Zimmer. Ich werde sie auf alle Fälle morgen besuchen. Die arme Dina ... Das tut mir so leid, Kay.« Ich hörte, wie ihre Stimme brach und sie leise schluchzte.
»Sie wird wieder! Das muss sie einfach. Und wir werden es zusammen schaffen.«
»Das muss sie! Aber du doofe Kuh hättest es mir sagen sollen. Dann hätte ich sie schon längst besucht!«, rief sie nach wie vor weinend aus.
»Du hast recht, entschuldige ...«
Stella schwieg eine Weile, dann hörte ich Mina im Hintergrund bitterlich weinen.
»Kay, ich muss Schluss machen, tut mir leid. Mina hat zurzeit oft böse Alpträume.«
Wir legten auf und ich hatte schlimme Gewissensbisse, weil ich mich nicht eher bei Stella gemeldet hatte.
Gerade als ich mich nach dem Gespräch mit Stella bettfertig machen wollte, fiel das helle Licht von Auto-Scheinwerfern durch die Wohnzimmerfenster ins Innere des Hauses. Irritiert legte ich meine Stirn in Falten. Wer sollte das denn um diese Uhrzeit sein? Ein schneller Blick auf die Uhr verriet mir, dass es kurz vor elf war. Vielleicht drehte einfach nur ein Auto in unserer Einfahrt, das sich verfahren hatte, versuchte ich, mich zu beruhigen.
Doch dann blieb ich stocksteif stehen, als ich merkte, dass das Auto nicht drehte, sondern dort anhielt und parkte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, denn ich war allein zuhause und unsere Nachbarschaft war nicht so eng bewohnt, dass es gleich jemand mitbekommen würde, wenn mir hier etwas passieren sollte.
Ich gab mein Bestes, ruhig zu bleiben, denn irgendeine vernünftige Erklärung würde es sicher geben, und wartete ab.
Aber als es dann an der Tür klingelte, hatte sich mein Verdacht bestätigt.
Voller Unbehagen schlich ich auf Zehenspitzen zur Tür und linste zunächst durch den Spion.
Vor meinem Haus stand James. Was wollte er hier? Aufregung machte sich in mir breit und vertrieb die Angst, die sich in mir festgesetzt hatte. Sie machte einem anderen Gefühl Platz. In meinem Bauch flatterte es nervös, als ich die Tür langsam und unsicher öffnete.
Nun befand sich keine Barriere mehr zwischen mir und ihm und ich sah abwartend zu ihm hinauf. Die Schmetterlinge in mir tanzten vor Aufregung und auch vor Verlagen nach James. Meine Hände schwitzten wie verrückt und schon wieder war mein innerlicher Vulkan aktiv, der glühte und darauf wartete, die Emotionen hinauszusprühen.
Was wollte er so spät noch hier?!
Er sah mich verlangend und unsicher an, als er das Wort an mich richtete.
»Hey, Kay, darf ich vielleicht reinkommen?«, fragte James mit rauer Stimme.
Ich ließ mir nichts anmerken, obwohl alles in mir tobte und ich nervös war, trat zur Seite, um ihm Platz zu machen und ihn hereinzulassen.
So ruhig ich konnte, sagte ich:
»Was machst du hier, James? Hast du mal auf die Uhr gesehen?«
Casper kam jetzt aus dem Wohnzimmer und begrüßte James so stürmisch wie in alten Zeiten und dieser Anblick stach in meiner Brust. Ich war verdammt verwirrt, verstand nicht, was geschah. James war hier in meinem Zuhause, kuschelte mit meinem Hund und ich war völlig perplex. Ich spielte an meiner kurzen Schlafshorts herum, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte.
»Ja, es tut mir leid. Ich habe es nicht eher geschafft, aber ich wollte dich unbedingt sehen und ich muss mit dir reden, Kay. Bitte ...«
Er blickte fest in meine Augen. Er log nicht, das konnte ich sehen, doch er sagte es auch mit einem gewissen Unterton, der bestimmend klang und keinen Widerspruch zuließ.
»Ist das dein Ernst? Wieso kommst du ausgerechnet jetzt so spät abends damit an? Du weißt, ich muss morgen früh auf und zu Dina fahren.« Auch wenn ich mich insgeheim freute, ihn zu sehen, würde ich es ihm nicht so leicht machen. Nach außen hin blieb ich kalt, obwohl alles in mir in hellem Aufruhr war.
James, der Mann, den ich über alles liebte und der mir mein Herz aus der Brust gerissen hatte, war hier und er stand genau vor mir!
Ich spürte wieder dieses verräterische Kribbeln im Bauch, das sich wie ein Schwarm Schmetterlinge anfühlte. So wie dieser zarte, gebrochene Falter auf seinem linken Handrücken. Mein Herz flatterte und ich wartete gespannt ab, was jetzt kommen würde.
»Doch, natürlich, aber ich musste dich einfach sehen! Gib mir nur ein paar Minuten Zeit, mich zu erklären. Danach haue ich ab, wenn du mich dennoch nicht mehr sehen willst«, sagte er.
Sollte ich es zulassen? Ich hatte keine Ahnung. An sich wollte ich schon mit ihm reden und hören, was er zu sagen hatte. Andererseits wusste ich nicht, ob es etwas bringen würde. Noch nie war er ehrlich zu mir gewesen. Würde er jetzt endlich damit anfangen?
Ich dachte nach und sah dabei zu Boden, damit er nicht in meinem Gesicht lesen und erraten konnte, für was ich mich entschied.
»Okay, aber wenn ich sage, dass du gehen sollst, gehst du. Das ist meine Bedingung«, sagte ich zu ihm.
Er sah mir in die Augen und nickte leicht.
Damit schloss ich die Tür und betrat gefolgt von ihm das Wohnzimmer. Dort angekommen setzten wir uns aufs Sofa.
Unwohl klemmte ich meine Hände zwischen meine Knie und biss mir auf die Unterlippe. Kurz herrschte Stille. Das Einzige, was ich nach ein paar Momenten fragte, war:
»Soll ich dir was zu trinken holen?«
Er winkte jedoch dankend ab und fing endlich an, zu reden. Nach Sekunden des unangenehmen Schweigens eine Wohltat.
»Weißt du, Kay, nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Ich will, dass du das weißt. Was du damals gesehen hast, habe ich nicht getan, weil ich meinen Schwanz nicht in der Hose lassen konnte, und erst recht nicht, um dich zu verletzen. Ich liebe dich über alles und das Letzte, was ich will, ist, dich zu verlieren. Was ich getan habe, ist nicht zu entschuldigen, aber ich kann die Zeit nicht zurückdrehen und es ändern. Ich hoffe, dass du es mir eines Tages verzeihen kannst. Vielleicht, wenn ich irgendwann in der Lage dazu bin, dir meine Gründe dafür zu nennen.« Er sah mich flehend an und in seiner Stimme lag so viel Reue, dass ich es ihm sofort abnahm.
»Aber wieso sagst du es mir nicht einfach? Und was lässt dich so sicher sein, dass du mich nicht bereits verloren hast?«, fragte ich ihn herausfordernd. Ich zog meine linke Braue in die Höhe und sah ihn abwartend an.
»Du bist eine schlechte Schauspielerin, Kay. Ich weiß, wie es in dir aussieht, ebenso, wie du weißt, wie es in mir aussieht. Wir beide gehören zusammen. Daran hat sich nichts geändert. Du liebst mich nach wie vor und ich fehle dir. Ich sehe es in deinem Blick, erkenne es in jeder deiner Reaktionen und daran kann auch deine kühle Maske nichts ändern«, sagte er mit einem überheblichen Grinsen im Gesicht, wie er es zu oft trug.
Ich schüttelte meinen Kopf und musste innerlich über ihn lächeln, da er mich wirklich kannte und recht hatte. Er war manchmal ein arroganter Mistkerl.
Mir war klar, dass ich meine Gefühle für ihn nicht ausradieren konnte. Sie waren noch genauso stark wie damals – bloß waren sie überschattet von dem Schmerz seines Betrugs. Natürlich wusste ich auch nach der letzten Begegnung mit Charlie, dass etwas an der ganzen Sache nicht stimmte, aber es änderte nichts daran, dass das Bild der beiden, wie sie in seinem Büro fickten, für immer in mein Gedächtnis gebrannt war. Ich konnte es ebenso wenig ausradieren wie meine Gefühle für ihn.
»Du hast recht«, gab ich nach einem kurzen Moment leise zu, »aber ich kann es einfach nicht vergessen. Die Bilder haben sich einfach zu tief in meine Netzhaut gebrannt, James. Und wer einmal untreu ist, wird immer wieder fremdgehen.«
»Ich bin mir sicher, dass du diese Meinung ändern wirst, wenn du erfährst, warum ich das tun musste. Dann wirst du alles anders sehen, das schwöre ich dir! Aber es ist noch nicht an der Zeit, auszupacken, Kay. Ich kann es noch nicht«, sagte er leise und blickte auf den Boden.
»Also willst du mich weiter anlügen?«, fragte ich empört und ballte meine Hände zu Fäusten. Mein Blick musste tödlich sein, denn er hob seine Augen und sah unsicher in meine.
»Nein, ich lüge nicht, Kay. Aber ich kann es dir einfach noch nicht sagen. Ehrlicher kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht zu dir sein, glaube mir! Bitte vertrau mir und hab etwas Geduld. Ich will es ja gar nicht beschönigen. Ich will bloß, dass du weißt, dass alles nicht ist, wie es auf dich gewirkt haben muss. Und auch wenn ich dir nicht die Details erklären kann, so ist es keine Lüge!«
Tja, recht hatte er, aber änderte das etwas? Konnte ich damit leben, mir nicht im Klaren darüber zu sein, was wirklich in seinem Leben geschah? Eine Beziehung sollte auf Vertrauen beruhen, nicht auf ungesagten Wahrheiten.
James sah mir so tief in die Augen, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Der intensive Blick seiner blauen Iriden, in denen ein Sturm aus Reue, Schmerz, aber auch Verlangen herrschte, hielt mich gefangen. Das hatte sich auch nach den ganzen Monaten, in denen wir getrennt gewesen waren, nicht geändert. Meine Herzfrequenz beschleunigte sich und ich konnte die Anziehungskraft, die er auf mich ausübte, körperlich spüren. Obwohl mein Verstand weiterhin: »Nein«, schrie, zog mich alles zu ihm hin.
Er rückte näher zu mir, legte eine raue Hand an meine Wange und streichelte leicht darüber.
Ich wich nicht zurück und ließ es zu. Die letzte Zeit hatte ich mich so sehr nach seiner Berührung gesehnt, dass ich sie nun fast verdurstet begrüßte. In dem Moment, in dem ich die Augen schloss, um das kribbelnde Gefühl seiner Finger auf meiner Haut zu genießen, war er plötzlich dicht vor mir.
Er verschloss meine Lippen mit seinen. Sanft und ohne Nachdruck. Zart wie kleine Federn, küsste er erst meinen Mund, dann meine Wange und zum Schluss auch meinen Hals.
Ich wusste nicht, wohin mit meinen Gedanken. James Torres schaffte es aufs Neue, meine Gefühle aus der Bahn zu werfen und mein Herz in Flammen aufgehen zu lassen. Doch ihn in diesem Augenblick zu spüren, seine Nähe in mich aufzusaugen, fegte all meine Zweifel, zumindest für den Moment, hinfort.
Das Bild in meinem Kopf von ihm und Charlie wurde von dem Sturm aus Sehnsucht und Liebe, der in meinem Inneren tobte, einfach überschattet. Wie von selbst legten sich meine Arme um seine Schultern, nur um mich noch dichter an ihn zu pressen.
Diese kleinen Küsse von ihm reichten aus, um meinen Schoß ungeduldig pochen zu lassen. Er schaffte es nach wie vor, mich zum Glühen zu bringen. Kein anderer hatte es bisher so zustande gebracht, bei mir diese Gefühle hervorzurufen.
Seine warmen, weichen Lippen wanderten wieder zu meinem Mund und dieses Mal küsste er mich stürmischer und leidenschaftlicher als je zuvor. Seine Zunge tanzte zusammen mit meiner und mir entwich ein leises Stöhnen.
Das war ihm wohl Zuspruch genug, denn er fing an, mich mit seinen großen Händen zu streicheln. Langsam bahnte er sich einen Weg unter meinen weiten Pullover, schob seine Hand nach oben und liebkoste meine Brust. Er drückte mich runter, sodass ich auf der Couch lag. Gefährlich ragte er über mir auf und berührte mich unter meinem Pulli.
Mit der anderen Hand umfasste er fest meinen Hintern und drückte mich noch fester an seinen harten, heißen Körper. Er umspielte meine Nippel mit seinen Fingern und ich konnte mir ein weiteres Stöhnen nicht verkneifen. Wir küssten uns weiterhin und er zog mich langsam aus. Nun lag ich, bis auf meinen dünnen Spitzentanga, nackt vor ihm auf der Couch und konnte seinen gierigen Blick sehen. Das letzte Mal, dass er mich auf diese Weise angesehen hatte, war viel zu lange her, und doch war es eigentlich nicht richtig, das hier jetzt zu tun.
Aber in diesem Moment gab es für mich kein ›oder‹ mehr. Es gab nur uns beide und dieses unbändige Verlangen zwischen uns.
Er betrachtete meinen Körper, der sichtlich dünner als früher war, doch James ließ sich davon nicht beirren. Wenn er es in irgendeiner Weise bemerkte, und ich war mir sicher, dass er es tat, ließ er keine Reaktion nach außen dringen.
Er berührte meine Klit über dem Stoff meines Tangas mit seinem Daumen und die erste Berührung nach all der Zeit erregte mich derart, dass ich das Gefühl hatte, sofort auszulaufen. Der dünne Stoff meiner Unterwäsche war im Weg, aber seine Berührungen reichten aus, um mir ein heiseres Keuchen zu entlocken.
Ich schloss die Augen, genoss seine andere Hand auf meiner Haut. Seine Lippen senkten sich auf meinen Nippel und er zog ihn zwischen seine Zähne. Dann hakte er seine Daumen unter den Rand des Slips und zog ihn langsam meine Oberschenkel hinab. Unter seinen glühenden Blicken fühlte ich das heiße Pochen meines Geschlechts nur noch stärker werden.
Sein Gesicht kam meinem Körper wieder näher und zuerst küsste er meine beiden steifen Nippel, bis er sich meiner feuchten Mitte widmete.
So lange hatte ich diese Gefühle nicht mehr gespürt und ich hatte es unglaublich vermisst. Dieses erotische Prickeln, die übersteigerten Nervenenden meiner Haut. Alles kribbelte, als seine Zunge sich den Weg zu meiner Perle bahnte, die er gekonnt umkreiste und leckte. Es fühlte sich unglaublich gut, aber auch verboten an. Denn wir waren kein Paar und ich war keine Frau, die schnell und leicht zu haben war.
Er fuhr mit seinen Liebkosungen meiner Klitoris fort und mein Stöhnen wurde lauter. Dann schob James einen Finger in mich und begann, mich langsam von innen zu massieren. Ich stand kurz vor dem Höhepunkt, als er auf einmal aufhörte und sich seiner Kleidung entledigte.
Nun kniete James nackt vor mir und ich konnte nach all der Zeit endlich wieder seinen wunderschönen Körper betrachten. Seine muskulöse Brust, die Haut, die voll schwarzer Tinte war. Seine versteckten Narben, von denen er dachte, niemand würde sie sehen. Seine starken Arme, in denen ich mich völlig fallen lassen konnte. Mein Blick wanderte tiefer zu seiner Härte, die steil in Richtung seines Bauchs zeigte. Es waren noch mehr Tattoos hinzugekommen, das konnte ich auf den ersten Blick erkennen. Ich hatte zwar nicht viel Zeit, diesen neuen Körperschmuck genauer zu betrachten, aber so wie die anderen Gemälde aus Tinte standen ihm auch diese unwahrscheinlich gut.
Er kam näher zu mir und beugte sich herab, um mir einen Kuss zu geben, dann legte er sich neben mir auf die breite Sitzfläche auf den Rücken, stülpte sich ein Gummi über seinen harten Schwanz und zog mich über sich.
Ohne zu zögern, setzte ich mich auf ihn und als seine ganze Härte auf einmal in mich glitt, entwich mir ein heiseres Stöhnen. Er füllte mich komplett aus und als ich mich an ihn gewöhnt hatte, fing ich an, ihn zu reiten.
Seine Augen schlossen sich, ich sah, dass er sich zurückhalten musste. Seine Hände umfassten meine Hüfte und hielten mich hart fest.
Wie hatte ich es die letzten Monate aushalten können, ohne seine Nähe und Zuwendung zu spüren? Ohne seine Hände auf meiner Haut, ohne seine Lippen auf meinen und ohne auf diese Weise von ihm erfüllt zu werden?
Das Gefühl war unbeschreiblich. Das Prickeln in meinen Innern, die Lust, die sich animalisch ihren Weg in meinen Körper bahnte. Mein Herz raste und überschlug sich fast. In diesem Moment fühlte ich mich so verbunden mit ihm. Nicht nur körperlich, sondern auch auf einer anderen, einer seelischen Ebene.
Ich erhöhte das Tempo.
Auch James atmete schwer unter mir und zeigte mir so, dass ihm gefiel, was ich hier tat. Seine Finger krallten sich regelrecht in mein Fleisch, was mich noch mehr antrieb.
In mir baute sich ein Sturm aus Gefühlen auf, die ich nicht länger unterdrücken konnte. Ich kam so hart, dass sich meine Muskeln fest um seinen Schwanz schlossen und ihn regelrecht molken.
James Beherrschung bekam Risse, er zog sich schnell aus mir zurück und drehte mich um, sodass ich auf Knien vor ihm hockte.
Mein Arsch streckte sich ihm entgegen und ich fühlte mich entblößt unter seinen Blicken. Sein Finger glitt von meinem unteren Rücken zwischen meine Backen und umkreiste die verbotene Öffnung. Er ließ sich Zeit, mit mir zu spielen, sodass ich mich irgendwann kaum noch zusammenreißen konnte.
All die Monate ohne ihn ... dieses angestaute Verlangen. Es machte mich fertig! Sein Finger tauchte in meine heiße Pussy ein, ehe er die feuchte Lust an der Öffnung meines Arsches verteilte und ihn hineingleiten ließ.
Dieses Gefühl war so verdorben und gut, dass ich laut aufstöhnte und mich gegen den Widerstand drückte. Ich blickte zwischen meinen Beinen durch und sah, dass er seinen Schwanz in der Hand hatte und daran mit seiner Faust hart auf und ab fuhr.
»James!«, rief ich aus, da ich es kaum noch ertragen konnte, ihn nicht in mir zu spüren.
Er beugte sich wieder herab und leckte durch meine Spalte, bis er mich mit seiner Zunge fickte und begann, seinen Schwanz zu massieren.
Die Wellen der Lust, die seine Berührungen wie Stromstöße durch mich sandten, und der Anblick seiner Härte ließen mich aufschreien und in tausend Teile zersplittern. Der Höhepunkt kam so schnell und hart, dass ich nur noch Funken vor den Augen sah und an nichts mehr denken konnte außer an ihn. An James.
Er zog seine Finger zurück und rammte seinen Schwanz erneut in mich. Fickte mich mit heftigen Stößen und ließ so die heiße Erregung in mir nur noch weiter anschwellen. Die Reibung war so stark, das Gefühl, von ihm derart in Besitz genommen zu werden, so berauschend, dass ich merkte, wie sich ein zweiter Orgasmus in mir aufbaute.
Dieses Mal kamen wir zusammen, ich keuchte und alles in mir zuckte. Ich hörte James animalisches Knurren und krallte mich an der Decke unter mir fest.
Als wir wieder zu Atem kamen und sich unser Puls beruhigte, legte er sich neben mich und ich kuschelte mich automatisch an seine Brust.
Just in diesem Moment wurde mir klar, was ich gerade getan hatte.
Ich riss die Augen auf.
Fuck, ich hatte ihn so dicht an mich herangelassen, obwohl ich das nicht gewollt hatte. Klar hatte ich den Sex mit ihm ersehnt, aber jetzt wusste er wieder, woran er bei mir war.
Er konnte sich nun sicher sein, dass ich ihn nach wie vor wollte und liebte. Genau das, was er sich bereits gedacht hatte.
Ich wand mich aus seinen Armen und stand auf, um nach oben zu gehen. Noch immer berauscht von den Nachbeben des heißen Ficks ging ich ins Bad und wusch mich. Ein Glück hatte ich im Bad noch eine Yogahose und ein Shirt, das ich anziehen konnte, um ihm nicht wieder nackt gegenüberzutreten.
Scheiße! Ich ärgerte mich darüber, schwach geworden zu sein! Nun musste ich mich dem stellen, was ich eben zugelassen – ja, sogar selbst herbeigeführt – hatte. Ich wollte ihn zwar zurück, aber nicht so .
Er sollte aufrichtig zu mir sein.
Wenn ich ehrlich war, wusste ich selbst nicht, was ich wollte!
Als ich die Treppe wieder hinunterging und den Raum betrat, lag er noch immer nackt auf der Couch und sah auf. In seinen Augen lag eine unheimliche Wärme, die von der Liebe zu mir sprach, aber als er meinen Blick wahrnahm und merkte, dass ich mich angezogen hatte, verschwand dieser Ausdruck und wurde von einer schmerzlichen Leere ersetzt. Es war, als wüsste er, was jetzt kommen würde und als würde er sich emotional bereits vollkommen zurückziehen.
»Ich möchte, dass du gehst, James. Das eben war ein Fehler. Wir haben so viel zu klären, das kannst du auch damit nicht wieder vergessen machen«, sagte ich mit belegter Stimme. Mein Herz schmerzte und es fühlte sich an, als würde es auseinanderbrechen. Ich ließ die Schultern hängen und zog die Stirn kraus, um ihm zu verdeutlichen, wie ernst ich es meinte.
Er hatte wohl damit gerechnet, denn er nickte bloß, warf sich schweigend seine Kleidung über und ging Richtung Tür.
Doch mit jedem Schritt änderte sich seine Körperhaltung ein wenig. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und jeder Muskel an ihm spannte sich an. Als er die Tür erreichte und seine Hand nach der Klinke ausstrecken wollte, machte er plötzlich auf dem Absatz kehrt und kam auf mich zu.
Er drehte mich schwungvoll um, drückte mich gegen die Wand und flüsterte in mein Ohr:
»Du und ich, wir gehören zusammen, Kay. Dieses Mal noch lasse ich dir deinen Willen, weil ich es dir versprochen habe. Bald gehörst du wieder mir, hörst du?« Dann ließ er mich abrupt los und ging.
Ich verharrte regungslos an Ort und Stelle, sah ihm nach, als er schon verschwunden war, und dachte die ganze Zeit darüber nach, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, ihn wegzuschicken.
Momentan brauchte ich James mehr als je zuvor, doch der vernünftige Teil von mir wollte, dass er verschwand. Der andere, emotionale und verletzliche Teil jedoch wünschte sich, dass er blieb. Allein der Gedanke daran, wie gleich alles dunkel, leer und einsam ohne ihn sein würde, machte mir Angst.
Die Lichter seines Autos schienen erneut ins Wohnzimmer, als er den Wagen startete.
Augenblicklich kam Bewegung in mich und ich rannte zur Tür. Ich riss sie auf und James ließ das Autofenster herunter.
Aus einem Impuls heraus sagte ich: »Warte.« Nichts anderes, nur dieses eine Wort.
Es reichte, um ihn verharren zu lassen. Er schaltete den Motor ab und stieg aus dem Wagen.
Wartend blieb er bei seinem Mercedes stehen, eine Hand noch auf der geöffneten Tür liegend. Forschend sah er mich an und obwohl ich meinen Blick verlegen senkte, konnte ich die Hoffnung in seinem spüren.
Ich biss mir auf die Lippe und wagte es kaum, ihn anzusehen, während ich sprach. Mein Herz raste, klopfte bis in meinen Hals.
Verdammt, was tat ich hier?
»Bitte bleib«, brachte ich leise hervor. »Ich habe mich geirrt. Bitte bleib hier. Nur diese eine Nacht. Lass mich nicht allein.«
Die wenigen Sekunden, die er brauchte, um eine Entscheidung zu fällen, zogen sich für mich wie Stunden. Doch schließlich schloss er die Autotür, verriegelte den Wagen und kam mit großen, eiligen Schritten auf mich zu. Wortlos zog er mich in seine Arme und an seine Brust und umfing mich mit solch einer liebevollen Geborgenheit, dass es mir die Tränen in die Augen trieb.
»Ich bleibe«, flüsterte er leise an mein Haar. »Solange du mich bei dir haben willst, bleibe ich.«
Obwohl sich der Vernunft-Teil in mir lauthals beschwerte, schmiegte ich mich gegen ihn und sog seine Nähe regelrecht in mich auf. James war weicher geworden, seitdem er mich derart verletzt hatte. Von dem finsteren »Bad Boy«, den ich damals kennengelernt hatte, war nicht mehr viel übriggeblieben.