Kapitel 11
Es waren vier Tage vergangen, seitdem ich die Hiobsbotschaft von Dina bekommen hatte, dass nur noch eine Stammzellenspende sie retten konnte.
Ich hoffte und betete jeden Tag, dass sich jemand fand, der meiner Schwester helfen konnte. Die Ärzte taten ihr Bestmögliches, um die Gewebemerkmale mit den eingetragenen Spendern in der Datenbank abzugleichen. Die HLA-Merkmale mussten zu 100% mit denen von Dina übereinstimmen und die Chance, jemanden zu finden, auf den das zutraf, war sehr gering. Einige Leukämieerkrankte hatten das Glück, dass sie einen Spender in der Familie fanden, doch da unsere Eltern tot waren, gab es nur mich – und ich passte nicht. Allein in unserer Heimat Deutschland fand jeder 10. Patient keinen passenden Spender. Umgerechnet bedeutete dies, dass das erhoffte Wunder zu einer Wahrscheinlichkeit von 90% ausblieb. 90% Wahrscheinlichkeit, dass Dina sterben würde. Es war wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.
Die nächsten Tage verliefen ereignislos, einer glich dem anderen. Jeden Tag besuchte ich Dina und fuhr danach zu Avery.
Ich wusste nicht, wie lange ich es noch ertragen würde, um ihr Leben zu bangen. Wie gingen andere damit um, die dieses Schicksal ereilte? Die Ungewissheit zermürbte sie und mich. Aber uns blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sich aller Prognose zum Trotz jemand finden würde.
Als ich heute ins Krankenhaus fuhr, rumorte ein merkwürdiges Gefühl in meinem Magen.
Eine Vorahnung.
Ein Gefühl, dass etwas passieren würde. Keine Ahnung, ob es etwas Gutes oder Schlechtes sein würde, aber es war nicht das erste Mal, dass mich so eine Befürchtung beschlich.
Ich hatte Angst vor dem, was jetzt eventuell auf mich warten würde, denn meine Intuition täuschte mich fast nie.
Ich war vor Darinas Zimmer angekommen und hob gerade die Hand, um zu klopfen. In dem Moment kam mir jemand zuvor und öffnete von innen die Tür.
Es war Aiden.
Ich sah ein kleines Funkeln in seinen Augen, aber auch so viel Trauer. Er sagte im Vorbeigehen nur kurz: »Hallo«, und zog dann schnell von dannen.
Sofort rauschte die Angst und Aufregung heiß und kalt zur gleichen Zeit durch mich hindurch.
Mit pochendem Herzen und schwitzigen Händen betrat ich Darinas Zimmer und war ein wenig erstaunt, dass ich keine Tränen in ihren Augen sah. Jeden Tag seit der Nachricht über die geringen Heilungschancen hatte sie bitterlich geweint.
Sie hatte um ihr Leben geweint und darüber, dass es wahrscheinlich bald vorbei war. Darüber, dass all ihre Träume unerfüllt bleiben würden und dass sie mich allein lassen musste, nachdem sie das Letzte war, was mir geblieben war.
Ich wusste sofort, es hatte sich etwas geändert und vielleicht hatte sich jemand gefunden, der helfen konnte!
»Hey, Schwesterchen, wie geht’s dir?«, fragte ich sie.
Jetzt sah sie mich an, als würde sie mich erst in diesem Augenblick wirklich wahrnehmen.
»Hallo, Kay. Mir geht’s ganz in Ordnung.« Darina fackelte nicht lange und fiel sofort mit der Tür ins Haus: »Sie haben vielleicht einen Spender gefunden. Nur ich weiß nicht so recht, was ich darüber denken soll.«
Mein Herz machte einen so euphorischen Hüpfer, dass ich befürchtete, es würde gleich einfach herauspurzeln.
»Was?! Aber Dina! Das ist doch klasse! Wieso bist du denn so geknickt deswegen?« Ich überbrückte den Abstand zwischen uns mit wenigen, schnellen Schritten und lief zu ihrem Bett. Dort kniete ich mich nieder und drückte ihre Hände fest vor Freude. Ich blickte sie voller neu geschöpfter Hoffnung an und konnte das Glück kaum fassen. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen. Nein, nicht nur das, es schien ein ganzes Gebirge zu sein!
Sie atmete stoßweise aus, runzelte die Stirn und meinte dann:
»Kay, … du kannst dir nicht vorstellen, wer als Spender infrage kommt. Es ist wahrscheinlich Schicksal.« Sie schluckte mühsam und sah mir wieder in die Augen.
Ich wartete ab, da ich sie nicht stressen oder unter Druck setzen wollte. Wenn sie dazu bereit war, würde sie mir die Antwort sicher geben.
»Es ist Aiden …«
Okay, James’ bester Freund kam als Spender infrage, aber wieso machte sie so ein Fass damit auf? Er war doch ein netter Kerl und ich wusste, dass sie ihn sehr mochte.
Wahrscheinlich sogar mehr als das.
Verdutzt und verständnislos sah sich sie an, da ich mir nicht vorstellen konnte, was daran so schlimm sein sollte.
»Was ist denn das Problem daran? Es ist doch völlig egal, wer der Spender ist. Aiden ist ein netter Kerl, ihr versteht euch fantastisch! Ist das nicht eher ein noch größerer Grund zur Freude?!«
Ich verstand wahrlich nicht, wieso es überhaupt eine Rolle spielte, denn alles, was für mich zählte, war, dass meine Schwester weiterleben durfte. Zumindest, dass wir wieder Hoffnung schöpfen konnten. Und wenn es ausgerechnet Aiden war, der uns dieses kleine Licht in unser Dunkel brachte, dann umso besser!
»Es wäre einfacherer, es von einem fremden Menschen anzunehmen. Ich bin ihm unendlich dankbar, dass er mir mein Leben retten möchte. Aber es fühlt sich nicht richtig an, weil ich mich schon jetzt schuldig fühle. Ich dachte, vielleicht hätten wir irgendwann eine Chance. Dass er dasselbe empfindet wie ich. Aber, Kaycee, unter solchen Umständen kann ich das nicht! Ich hätte ewig das Gefühl, ihm niemals auch nur widersprechen zu dürfen, weil ich so unendlich in seiner Schuld stehe. Kann das denn die Basis für eine ... eine Beziehung sein? Außerdem hast du das größte Problem nicht bedacht: Aiden ist mein genetischer Zwilling! Wie kann ich denn überhaupt mit ihm zusammen sein?! Es wäre doch wie Inzest!«
Ihren Einwand, dass eine Beziehung mit der Person, die ihr wie ein Zwilling glich, verstörend und abstrus war, konnte ich mehr als nachvollziehen. Dennoch musste ich ihr diesen Gedanken schnell wieder austreiben. Ja, es war ein merkwürdiges Konstrukt – aber war es wirklich problematisch? Dazu sollten wir einen Arzt befragen, bevor wir uns den Kopf zerbrachen. Auch wenn ich befürchtete, dass diese Abneigung eher eine emotionale denn eine medizinische war.
»Aber Dina, Aiden macht es doch für dich und nicht aus Mitleid. Jeder unserer Freunde würde das tun. So was darfst du nicht denken. Es stellt dich in keine Schuld. Und das sieht er sicher ganz genauso. Hast du denn mit ihm darüber gesprochen? Und ich denke nicht, dass es wie Inzest wäre, schließlich stimmen ja nicht alle eure Gene überein, nur bestimmte Merkmale!«
»Vielleicht hast du recht, aber es ist falsch. Nein, habe ich noch nicht. Ich kann es einfach nicht. Es fühlt sich falsch an. Und weißt du, Kay, wenn ich ehrlich bin, habe ich mich bereits in ihn verliebt. Aber jetzt? Das ändert alles!«, sagte Dina voller Wut und Trauer in ihrer dünnen Stimme, dass es mich innerlich zerriss. Die Tränen, die sie bislang zurückgehalten hatte, lösten sich nun doch und rannen über ihre Wangen. Ich beugte mich vor, um sie fest in meine Arme zu ziehen.
»Ich verstehe dich, Dina. Aber erst mal musst du diesen Gedanken in den Hintergrund rücken lassen. Außerdem, meine liebe Schwester, ist das nicht das Problem, über das du dir jetzt Gedanken machen solltest. Wichtig ist nur, dein Leben zu retten. Das ist alles, was jetzt zählt. Über solche kleinen, moralischen Stolpersteine kannst du dir deinen hübschen Kopf zerbrechen, wenn die Spende geklappt hat und es bergauf mit dir geht.«
Ich lächelte sie an und streichelte behutsam über ihr Haar.
Sie dachte über meine Worte nach, doch weinte noch weiterhin bitterlich. Es fiel ihr sichtlich schwer, dass ich dieses Mal nicht ihrer Meinung war, aber ihre Ansicht war einfach falsch. Aiden freute sich mit Sicherheit sehr, dass ausgerechnet er ihr mit der Knochenmarkspende helfen konnte, wo ihm doch so viel an ihr lag.
Ich hätte es auch gemacht.
Stella hätte es gemacht.
James hätte es gemacht.
Jeder, verdammt nochmal, hätte meiner Schwester geholfen.
Ich würde alles für sie tun, damit sie weiterleben konnte. Sogar mein eigenes Leben würde ich mit Freude für sie hergeben. Wenn ich es könnte, hätte ich längst meine Gesundheit mit ihrer getauscht. Damit sie endlich ohne irgendwelche Bedenken und ohne jegliche Beschwerden leben konnte. Auch wenn sie wahrscheinlich selbst nach der Knochenmarkspende nicht für alle Zeit geheilt war. Es konnte Komplikationen oder Rückfälle geben. Aber daran wollte ich jetzt nicht denken. Meine Schwester würde es schaffen! Und mit der Hilfe von Aiden auf alle Fälle. Dann hätte sie endlich wieder ein Leben für sich und konnte nach und nach genesen. Ich wäre so froh, wenn bei dieser letzten Hürde alles gut ging und wir wieder ein normales Leben haben konnten.
»Wenn du an dem Krebs stirbst, Dina, helfen dir deine Vorstellungen von Moral nichts mehr. Verstehst du, was ich meine? Nimm das Geschenk an, was Aiden dir macht. «
»Wahrscheinlich hast du recht. Aber es fühlt sich so falsch an, Kay.« Langsam versiegten ihre Tränen.
Ich wischte sie ihr von den Wangen und gab ihr einen Kuss.
»Wir schaffen das, hörst du? Egal wie!«
Mit einem letzten, entschlossenen Blick und einem verhaltenen von ihrer Seite beendeten wir das Thema. Stattdessen versuchte ich, sie mit belanglosen Plaudereien von ihrer Situation abzulenken. Ich erzählte ihr von Casper und zeigte ihr Bilder, wie er in verrenkten Positionen schlief oder verrückt herumtollte. Meine Schwester dagegen gab mir ein paar nähere Einblicke in den Klinikalltag, schwärmte von dem Kuchen in der Cafeteria und von ihren Mitpatienten.
Nach einer weiteren Stunde verabschiedete ich mich und fuhr los zu meinem Job bei den Torres.
Nach meiner Arbeit, die heute Spaß gemacht hatte, setzte ich mich um 20:00 Uhr in meinen BMW und überlegte, was ich jetzt tun konnte. Ich wollte nicht wieder allein zuhause sein, also beschloss ich kurzerhand, ins Heavenly’s zu fahren und ein bisschen Zeit mit Stella zu verbringen. Jeden Abend, wenn ich einsam war, zerfraßen mich die Gedanken.
Vielleicht war James auch im Club und ich konnte ein wenig mit ihm reden. Trotz allem, was passiert war, schlug mein Herz schneller bei dem Gedanken an ihn. Natürlich wusste ich nicht, wie und ob ich ihm die Sache mit Charlie verzeihen konnte, aber ich würde sehen, was die Zeit mit sich brachte. Noch hatte ich die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden würde. Vielleicht war ich aber auch nur durch die gute Nachricht von Darina so beflügelt, dass ich jetzt so positiv dachte. Es lag zu einem gewissen Teil in meiner eigenen Hand, ob ich die Liebe meines Lebens zurückhaben oder für alle Zeit verlieren wollte. Der andere Teil, der, auf den ich keinen Einfluss hatte, waren meine Gefühle selbst. Auch wenn ich von meinem Verstand her entscheiden würde, ihm zu verzeihen, wusste ich nicht, ob mein Herz es ebenfalls konnte. Was er getan hatte, war schrecklich, aber ich merkte jedes Mal aufs Neue, dass James mich liebte. Die Art, wie er mich ansah, die Wärme in seinen Augen, diese Sehnsucht und das Verlangen, welches er mir gegenüber zeigte – all das konnte er mir nicht vorspielen.
So verlogen konnte niemand sein.
Oder?
Nein! Ich durfte nicht wieder so negativ denken, das würde mich nur runterziehen!
Ich wurde schlagartig aus den Gedanken gerissen, als ich mich auf dem Interstate Highway Richtung Phoenix City befand. Hinter mir fuhr die ganze Zeit ein schwarzer Geländewagen sehr dicht auf und betätigte die Lichthupe. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was er von mir wollte! Zur Sicherheit checkte ich mein Tempo und meine Lichteinstellungen, doch ich konnte nichts finden, worauf er mich vielleicht aufmerksam machen wollte. Also drückte ich das Gaspedal ein wenig mehr durch, um diesem Verrückten zu entkommen.
Aber es reichte diesem Irren nicht, denn er fuhr nur noch dichter auf und in diesem Moment hatte ich panische Angst, dass er mir gleich im Kofferraum hängen und aus meinem BMW einen Smart machen würde.
Fuck.
Ich umfasste das Lenkrad fester und meine Knöchel traten weiß hervor. Mein Herz raste in meiner Brust und trieb mir den Schweiß aus den Poren. Das war nicht einfach nur drängeln, das war lebensgefährlich, was dieser Amokfahrer dort tat! Nur hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich machen sollte! Die nächste Abfahrt war noch mindestens eine Meile entfernt. Sollte ich bremsen? Rechts auf den Standstreifen fahren? Panik erfasste mich. Nackte, blanke Angst, die sich über meinen gesamten Körper verteilte. Mir liefen Schauder über den Rücken und eine Gänsehaut überzog meine Arme.
Wieder sah ich in den Rückspiegel und konnte die dunklen Umrisse eines Mannes auf dem Fahrersitz erkennen. Er war komplett schwarz gekleidet und hatte sogar sein Gesicht mit einem Tuch vor dem Mund und einer Basecap verhüllt, die tief in die Stirn gezogen war. Dieser Mensch am Steuer des Jeeps wusste ganz genau, was er da tat, und er hatte es wahrscheinlich auf mich abgesehen. Aber wieso? Wieso ich? War es einfach nur ein Zufall, dass ich in seinen Fokus geraten war? War er einfach nur ein Verrückter? Jemand, der einen anderen Menschen töten wollte – egal wen? Oder hatte es einen Grund, dass es ausgerechnet mich traf?
Meine Gedanken drehten sich weiter und weiter.
Es war nicht mehr weit bis zur nächsten Ausfahrt, aber was würde das nützen? Er würde mich wahrscheinlich weiter verfolgen und ich fürchtete, dass ich dann auf der Straße sterben würde. Er fuhr immer dichter auf, es konnten nur noch Zentimeter zwischen seiner Front und meinem Heck liegen. Ich konnte nichts gegen diesen Verfolger tun, außer zu hoffen, dass er bald aufgeben und lockerlassen würde. Doch wie es aussah, war das nichts als ein Wunschdenken. Ich versuchte, noch ein wenig schneller zu fahren. Da es allerdings Winter und die Straße nass vom kürzlich gefallenen Schneeregen war, schien das unmöglich. Die Glätte sorgte dafür, dass der Wagen immer wieder leicht ins Schlittern geriet. Meinem ESP zum Dank verlor ich jedoch noch nicht die Kontrolle. Dennoch war ich am Limit der Geschwindigkeit, sonst würde ich mich selbst noch zu Tode fahren und an der Leitplanke zerschellen.
Ich hatte die fragwürdige Wahl.
Wenn ich schneller fuhr, würde ich die Kontrolle über den Wagen verlieren, aber wenn jetzt nicht ein Wunder passierte, würde dieser Typ entweder in mein Auto fahren oder mich von der Straße abdrängen. Eine andere Option sah ich nicht! Was sollte ich tun? Ich würde sterben, verdammt! Wenn nicht auf die eine, dann auf die andere Art! Angst und Panik krochen mehr und mehr in mir hoch, griffen mit kalten, hässlichen Klauen um mein Herz und erfüllten mich so sehr, dass ich nicht mehr klar denken konnte.