Leseprobe Destroyed Bodies
Kapitel 1
Stella
Alles, was ich mir wünschte, war, normal zu sein. Ich war sicher vieles, aber nicht normal
.
Jeden Tag wurde ich aufs Neue mit der Vergangenheit konfrontiert – insbesondere dann, wenn ich meiner Tochter in die Augen sah. Immerhin hatte sie die gleichen wie ihr Vater. Man könnte meinen, dass dieser Umstand alles andere als etwas Schlechtes sei, aber für mich war es die Hölle auf Erden. Jeden Tag der vergangenen sechs Jahre sah ich dieses Monster
in den Augen meines Kindes und jeden Tag wusste ich nicht, was ich ihr gegenüber empfinden sollte. Ich liebte meine Tochter. Unendlich. Doch ich hasste die Umstände, die zu ihrer Geburt geführt hatten. Hasste das Blut, das durch ihre Adern floss. Jeder in meinem Umfeld nahm an, dass mich Minas Vater einfach mit seinem Kind sitzen gelassen hatte, weil er sich nicht den damit verbundenen Verantwortungen stellen wollte. Aber das war nichts als eine dicke, fette Lüge, um uns zu schützen.
Noch nie hatte ich jemandem die Wahrheit gesagt. Noch nie hatte ich mich jemandem anvertraut. Wenn ich das tun würde, würde es mich noch mehr verfolgen als ohnehin schon.
Aber ich wusste, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem ich darüber reden musste, denn selbst mein bester Freund und Halbbruder James wusste nun, dass an der Sache mehr dran war, als ich zugeben wollte. Immerhin hatte er nun von einem meiner
Peiniger erfahren, was er mit mir gemacht hatte. James wollte es wissen. Jeden Tag aufs Neue merkte ich die fragenden Blicke von ihm, aber ich wollte es ihm nicht erzählen. Besser gesagt, ich konnte es einfach nicht. James war viel zu impulsiv, um das zu verdauen. Ich hoffte, dass dieser Tag nicht allzu bald kommen würde, doch er würde kommen und dann müsste ich mich dem, was damals passiert war, stellen. Meine Vergangenheit würde mich früher oder später einholen. Diese Angst verfolgte mich seit Jahren. Und als auch noch ans Licht kam, dass es sich bei James Torres um meinen Halbbruder handelte, hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, mich zu schützen und endlich zu erfahren, was passiert war. Dieses Schicksal – mein Schicksal – kannten viele. Allerdings wagte es niemand, über dieses Thema zu sprechen. Es war, als würde es nicht existieren. Als wäre es bloß meiner blühenden Fantasie entsprungen. Jeden Tag wurde ich schmerzlich daran erinnert, dass es alles andere als ein Hirngespinst, sondern bittere Realität war,
auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte.
Verdrängen konnte ich unglaublich gut. Gleichzeitig wusste ich, dass einen die Sachen früher oder später wieder verfolgen würden. Das war immer so.
Gerade befand ich mich auf dem Weg zu meiner neuen Arbeitsstelle. James hatte mir geholfen, diese zu finden. Früher hatte ich in einem seiner Clubs gearbeitet, die mittlerweile nicht mehr existierten. Jetzt stand ich wieder hinter dem Tresen in so einem Schuppen, wobei hier alles ganz legal ablief. Nicht so wie im Heavenly‘s
. Obwohl ich sagen musste, dass ich den Club sehr vermisste. Mit diesem verband ich so viele gute Erinnerungen, dass
mich seine Schließung ein wenig schmerzte. Aber es war besser für James.
Mit zielstrebigen Schritten steuerte ich das Golden Sparkles an,
einen Stripclub mit Casino, in dem ich wieder als Barkeeperin arbeitete. So konnte ich nachts unseren Unterhalt verdienen und hatte am Tag genügend Zeit für meine Tochter. In diesem neuen Club gab es zudem gutes Trinkgeld, was sehr positiv war, denn so konnte ich mein Gehalt etwas aufbessern. Das Leben war teuer, wenn man alleinerziehend mit Kind war. Und man besaß ja auch noch Wünsche, die man sich erfüllen wollte.
Ich ging die noch belebten Straßen von Phoenix entlang und blickte mich in der unendlichen Dunkelheit um, die nur von der Leuchtreklame einiger Läden und den Straßenlaternen erhellt wurden. Die Leute, die sich um diese Uhrzeit noch draußen tummelten, waren fast ausschließlich Partymenschen oder Junkies. Von diesen gab es hier einige, denn Reichtum und Leid lagen eng beieinander.
Mit angehaltenem Atem ging ich an einer Gruppe aus fünf Personen vorbei, welche sich gerade die Venen stauten, um sich den nächsten Schuss zu setzen. Alle trugen Lumpen an den Körpern. Stofffetzen, die man nicht einmal ansatzweise als Kleidung bezeichnen konnte. Sie mussten unglaublich frieren in dieser Eiseskälte. Aus eigener Erfahrung wusste ich, wie schwer das Leben auf der Straße war. Ich fasste mir kurzerhand ein Herz, lief in den nächsten Einkaufsladen und kaufte ein wenig Essen, Trinken und 3 dicke Decken, die ich in der Haushaltsabteilung fand. Nicht gerade die Welt, aber mehr konnte ich mir nicht leisten. Als ich meine
Einkäufe beendet hatte, lief ich quer über die stark befahrene Straße und ging auf die Gruppe zu, welche mich erstaunt anblickte.
»Hallo, ich habe hier ein paar Decken und Lebensmittel für euch. Wenn ihr möchtet.« Ich reichte es dem Mädchen, was links saß. Ihre Augen waren gerötet, weit aufgerissen und ... dankbar. Ich wusste zu gut, wie sie sich fühlte. Die Gruppe freute sich und bedankte sich für meine Herzensgüte, als ich sie wieder verließ. Viele sahen nur ihre Drogensucht und Arbeitslosigkeit, und nicht, dass hinter jedem dieser Menschen ein Schicksal steckte. Genauso wie jeder andere auch verdienten sie es, respektvoll behandelt zu werden. Schließlich wusste niemand, warum sie in diese schreckliche Lage gekommen waren.
Bei meinem Blick auf die Armbanduhr riss ich erschrocken die Augen auf. Es war verdammt spät geworden! Jetzt musste ich mich beeilen.
Als ich endlich die Tür aufzog und mich warme Luft begrüßte, war ich unendlich froh, im Club angekommen zu sein. Seit Jahren verfolgte mich diese Angst, wenn ich allein im Dunkeln durch die Straßen der Stadt wanderte, und egal, was ich versucht hatte, ich bekam sie nicht unter Kontrolle. Nach jedem zweiten Meter drehte ich mich um und überprüfte, ob mich jemand verfolgte oder beobachtete. Ich war vorsichtig geworden.
Übervorsichtig, wohl eher.
Aber meine Furcht kam nicht von ungefähr. Jahrelang hatte ich erlebt, wie grausam und unberechenbar Menschen sein konnten.
Einige merkten nicht, was sie mit ihrem Handeln bewirkten, aber die meisten waren sich sehr wohl bewusst darüber, was sie in
anderen Menschen auslösten. Diese Leute waren der Grund, warum man krank wurde. Aber ihnen war das scheißegal.
Ich ging durch die Hintertür in den Barbereich des Golden Sparkles
und machte mich an meine Arbeit.
In den ersten Tagen hatte mich noch ein mulmiges Gefühl geplagt. Immerhin bediente ich Männer und Frauen, die hierherkamen, um nackte Haut zu sehen. Ich hatte mich jedoch schnell daran gewöhnt, da die Frauen hier gut behandelt wurden und die Security auf alle Fälle eingreifen würde, wenn einer der Gäste zu übermütig werden sollte. Das gab einem das Gefühl von Sicherheit.
Es kamen Leute aus den verschiedensten Schichten in dieses Etablissement, von alt bis jung war alles dabei und vielen sah man nicht einmal an, dass sie sich für so eine Unterhaltung interessierten. Aber jeder sollte das machen, was er gut fand. Zumindest, solange er niemandem damit schadete. Es waren auch einige Leute dabei, die eine sehr schlimme Spielsucht hatten und von morgens bis abends an einem der Pokertische oder den einarmigen Banditen saßen. Aber wenn es den Leuten Freude bereitete ... Ich zuckte mit den Schultern und dachte:
Leben und leben lassen.
Eine Gruppe von Männern kam auf mich zu und bestellte Getränke. Ich verhielt mich wie immer höflich und zuvorkommend gegenüber den Gästen, denn so gab es am meisten Trinkgeld. Ich mixte die Cocktails, stellte sie auf den Tresen, kassierte das Geld und machte mich dann wieder daran, Gläser zu spülen und zu polieren.
Manchmal zog sich ein Arbeitstag wie Kaugummi in die Länge, aber Kellnern war das Einzige, was ich gut konnte. Beziehungsweise,
was ich je ausprobiert hatte. Nach der High School hatte ich mir gleich einen Job gesucht und von da an gearbeitet. Ich kannte nichts anderes, als das Nachtleben und Drinks zu mixen.
Gerade polierte ich ein Glas, als sich ein neuer Gast vor mir an den Tresen setzte. Ich stellte meine angefangene Arbeit beiseite und blickte auf. Sogleich formten sich meine Lippen zu einem breiten Grinsen. Es handelte sich nämlich um keinen ordinären Gast, sondern um meine Freundin Kaycee. Sie war mir in den letzten beiden Jahren unglaublich ans Herz gewachsen und ich konnte mir kein Leben mehr ohne sie vorstellen. Sie war die Frau meines Halbbruders – und ein wahrlicher Engel.
»Hey, was führt dich denn her? Die nackten Frauen oder doch das Glücksspiel?« Kaycee warf den Kopf in den Nacken und lachte laut..
»Hmm ... Lass mich überlegen, nichts davon. Ich wollte nur die neue Barkeeperin in Begutachtung nehmen und schauen, wie sie so die Drinks mixt.«
Unwillkürlich hob ich eine Braue. Ich liebte Kaycees kokette Art einfach.
»Was möchtest du denn trinken?«, fragte ich sie.
»Eine Coke, danke.«
»Echt jetzt? Na, das verlangt natürlich nach meinen Fähigkeiten«, sagte ich und lachte schallend. Ich füllte das gewünschte Getränk in ein Glas, tat Eiswürfel hinzu, stellte ihr das kalte Getränk dann vor die Nase und sah sie abwartend an.
»Ich habe was Neues von meiner Schwester gehört«, rückte Kaycee nun endlich mit der Sprache raus. Mein sechster Sinn hatte mir bereits zugeflüstert, dass sie nicht ohne Grund hier war.
Schließlich kannte ich Kay dafür schon zu gut.
Ihre Schwester Darina ist vor zwei Jahren zurück nach Deutschland gegangen und hatte sich bisher kaum bei ihrer Schwester gemeldet. Seitdem sind wir zu engen Vertrauten geworden, denn sie hatte hier niemanden außer James.
»Ach was? Und was wollte sie?«
»Sich entschuldigen ... Aber ganz ehrlich, ich war ihr so lange egal und jetzt will sie wieder Kontakt. Auch wenn sie meine Schwester ist, sie hat die ganze Zeit einen Scheiß auf mich gegeben. Ich weiß nicht, was ich denken soll.«
Ich nickte einfach nur, weil ich nichts Falsches sagen wollte. Da ich keine Schwester hatte, konnte ich nicht beurteilen, wie man sich in so einer Situation verhielt oder gar fühlte. Ehrlich gesagt war ich froh, keine Schwester zu haben – bei meiner Vergangenheit. Ich konnte nur sagen, dass ich es als Freundin nicht so machen würde. Aber jeder Mensch war anders.
Darina Moore hatte außerdem unserem Freund Aiden das Herz gebrochen. Er war nie darüber hinweggekommen, dass sie ohne ein Abschiedswort gegangen war. Er hätte alles für sie getan.
Man suchte sich nie aus, an wen man sein Herz verlor.
»Weißt du, ich liebe Dina und ich bin heilfroh, dass der Krebs besiegt ist. Trotzdem fühlt es sich komisch an. Ich kann ihr zwar vergeben, aber ich kann es einfach nicht vergessen«, sagte Kaycee zu mir und kaute zähneknirschend auf dem Strohhalm herum.
Ich verstand sie.
Mein Blick schweifte durch den Club, als ich über ihre Worte nachdachte und blieb plötzlich an einem Typen hängen, der mir vage
bekannt vorkam. Er schaute in meine Richtung, vielleicht auch nur hinter mich.
Auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen, wieso ich dachte, ich könnte ihn kennen. Er sah aus wie Jax. Das konnte einfach nicht sein. Seit sieben Jahren hatte ich Jax nicht mehr gesehen! Ich musste es mir einbilden. Vielleicht spielte mir mein Unterbewusstsein auch nur wieder einen Streich, weil sich mein Herz noch immer nach Jax sehnte. Und das, obwohl ich so verletzt worden war. In dieser einen Nacht, in der Jaxon West mich gerettet hatte, war er gleichzeitig aus meinem Leben verschwunden. Kein einziges Mal hatte er sich gemeldet. Und es gab keinen Tag, an dem ich nicht an ihn dachte.