Am nächsten Morgen benutzten die Jumbos nicht die M 4. Es hatte sich herumgesprochen, und jetzt folgten alle der Nordumfahrung. Die Leute sagten, das sei nur der Wind, weshalb sie aus einer anderen Richtung landeten, aber Duffy wusste es besser. Gestern hatten sie offensichtlich so viele Dellen in die Landebahn geschlagen, dass sie gezwungen waren, heute eine andere zu nehmen. Und das sagten sie den Passagieren natürlich nicht. Das war noch so ein Grund, warum Duffy nie fliegen würde: Sie sagten einem nie die Wahrheit. Von seinen Kollegen hatte er schon genug gehört, um zu wissen, dass die erste Maxime jeder Fluggesellschaft war: »Macht den Kunden keine Angst, vielleicht überleben sie’s ja und beehren uns mal wieder.« Darum hieß es: »Nur ein paar Turbulenzen«, wenn die Hälfte der Passagiere sehen konnte, dass eines der Triebwerke in Flammen stand; und es hieß: »Tut uns leid, der Captain hat seine Tempotaschentücher vergessen«, wenn die Hydraulik zusammengebrochen war und das Flugzeug in Panik kehrtmachte und dabei seinen ganzen Treibstoff über der Themsemündung versprühte.
Beim Fahren ließ er sich den Hendrick-Job durch den Kopf gehen. Es sah nach einer Arbeit aus, die Geld bringen würde, doch sonst war noch nichts abzusehen: einer von den Jobs, bei denen du dein Bestes gibst, bis der Kunde findet, dass er genug Geld in deine Richtung geworfen habe und nun etwas anderes versuchen wolle oder etwas Besseres oder zur Polizei gehen oder sich mit seinen Verlusten fortan abfinden. Solche Jobs hatte er auch schon gehabt. Er würde eindeutig mehrere Tage brauchen, um herauszufinden, wie die Spedition genau operierte, wie die Sicherheitsvorkehrungen des Terminals funktionierten und wie sie sich umgehen ließen; und das war erst Grundlagenforschung. Er wusste nicht, was am ehesten diebstahlgefährdet war (denn laut Hendricks Schilderung änderte sich das von Mal zu Mal), und er wusste auch nicht, wer die besten Voraussetzungen hatte, um es zu klauen.
Was tat man also bei diesen zähflüssigen Fällen, den Nadel-im-Heuhaufen-Fällen, den Auf-dem-Hintern-sitzen-und-die-Augen-offen-halten-Fällen? Nun, man besann sich auf die Grundlagenforschung und die Beinarbeit. Welche Anhaltspunkte hatte er? Er hatte einen Autounfall. Er hatte einen – soviel er gehört hatte – übel zugerichteten Frachtarbeiter, den er kaum aufsuchen und befragen konnte, da er vielleicht zu den Bösewichtern gehörte. Er hatte eine Reihe von Diebstählen in ungefähr monatlichen Abständen. Er hatte einen Schuppen voll Leute, die von seiner Anwesenheit nicht sonderlich beglückt waren – wozu sie auch keinen Grund hatten, wenn er Mrs Boseley glauben konnte, und abgesehen davon, dass er sie nicht mochte, hatte er keinen Anlass, ihr nicht zu glauben. Und er hatte fünfzig Pfund. Die hatte er mehr als alles andere.
Bares im Spind war natürlich ein alter Trick. Überall auf der Welt, wo Schiebereien liefen – selbst dort, wo das hübsche, beruhigende blaue Licht über der Tür brennt –, tauchte Bares im Spind auf. Und das mit gutem Grund: Es ordnete die Leute ein. Es stellte sie prompt vor eine Wahl, und ebenso prompt kompromittierte es sie. Wenn man es ablieferte, gab es zwei Probleme: Man konnte es dem Falschen abliefern, jemandem, der nicht wusste, was los war, jemandem, der als Folge davon einen Riesenstunk machte, was dazu führen konnte, dass einem nach Feierabend in irgendeiner Gasse der Kopf an einer Backsteinmauer poliert wurde. Oder man lieferte es dem Richtigen ab, dem, der es einem mehr oder weniger angeboten hatte, und damit sagte man ihm: »Schön zu wissen, dass du einer von den Bösen bist; ich bin zufälligerweise keiner, aber ich hoffe wirklich, dass wir uns trotzdem gut verstehen werden«; oder man war zwar durchaus etwas krumm, wollte aber nicht gerade bei diesem speziellen Arrangement mitmachen, bei dieser Pfadfindervereinigung von Betrügern, und schon wurde man als Supersaubermann angesehen, als das Pfarrersöhnchen mit der strahlend weißen Weste. Und das hatte zur Folge, dass anscheinend jede Dreckarbeit irgendwie an einem hängen blieb und dass einem die Kanne mit dem Altöl zufälligerweise über den besten Anzug gekippt wurde und dass einem die Nachtschicht ein bisschen öfter in den Schoß fiel als jedem andern, und manchmal wurde einem in der Kantine der Arm ein bisschen angestupst, wenn man sich gerade einen Löffel Bohnen in den Mund schieben wollte, bis man schließlich fand, scheiß drauf, sich aber nicht beschweren konnte, denn da würde man sich wie ein Schulmädchen anhören, und was hatten die einem denn schon groß getan?
So kam es oft – weil es schlicht einfacher war oder weil die Alte neue Gardinen wollte oder damit man sich einen Doppelten leisten konnte, während man beim Dartsspiel zusah –, dass man es einsteckte. Dafür hatte Duffy Verständnis. Er billigte es nicht, aber er hatte keine Mühe, es zu verstehen.
In diesem Fall hatte er keine Sekunde geschwankt. Kaum hatte er das grüne Bündel mit dem Gummiband darum gesehen, hatte er es sich in die Brusttasche seiner Jeansjacke gesteckt. Vielleicht sah ja gerade jemand zu, man konnte nie wissen. Und wenn, dann war es sicher gut, ihm ein Bild prompter und williger Korruption zu bieten.
Nur um ganz sicherzugehen – soweit Duffy wusste, konnte ebenso gut an einem der Geldscheine etwas Winziges, aber Belastendes zu finden sein –, stopfte er sie in einen braunen Umschlag, schrieb Datum und Fundort darauf und gab ihn Carol in Verwahrung. Also, was diese Sache anging, galt es nun abzuwarten. Da konnte man nicht einfach bei Gleeson oder dem Chinesen, oder wen man sonst im Verdacht hatte, anmarschieren und sagen: »Vielen Dank für das Geld; was muss ich jetzt tun?« Zumindest nicht, wenn man nicht völlig blöd war. Man wartete einfach ab, und nach einer Weile, wer weiß, wie lange, stand man vielleicht gerade in der Sonne und dachte an nichts Böses, und da sagte eine Stimme hinter einem: »Schön, dass du zu uns gehörst«, und dann drehte man sich um und nickte und behielt seine Meinung für sich und dachte: Dann war er’s also doch.
Aber das würde bestimmt nicht heute geschehen, dachte Duffy. Mach einfach deine Arbeit und sieh dich um, so lauteten die Spielregeln. Sie hatten ihn wieder in seine Dummenecke gewiesen und erwarteten, dass er da hockte, bis sie ihn brauchten. An dieser Ecke war nichts Besonderes, außer dass man ihn dort leicht im Auge behalten konnte, insbesondere Mrs Boseley in ihrer kleinen Glaskabine. Duffy schob seinen Karren, wenn es ihm befohlen wurde, und stellte fest, dass sein Tag aus der üblichen Mischung von kurzen, erschlagenden Arbeitsschüben und langweiligen Perioden der Untätigkeit bestand. Nur dass es immer auch was anderes zu tun gab. Mit beiläufigen Blicken und ein wenig gelangweiltem Umherbummeln gelang es ihm, sich einen Überblick über die Sicherheitseinrichtungen der Frachthalle zu verschaffen. Die Alarmanlage und dazu der versteckte Notalarm, der losging, wenn sich jemand an der Hauptanlage zu schaffen machte: nicht schlecht, ein System mittlerer Preislage, etwa fünf Jahre alt. Und irgendwo gab es wahrscheinlich einen Knopf, um die Leute vom Terminal zu alarmieren.
Einmal, als er bemerkt hatte, dass Mrs Boseley nicht da war, bummelte er zu ihrem Horst hinüber. Er machte die Tür ein Stück auf und tat so, als schaute er hinein; na ja, sie hätte ja unter dem Schreibtisch stecken können oder so. Dann blieb er höflich vor der Tür stehen, obschon er durch das Glas alles sehen konnte, was ihn interessierte.
»Ja, was machen Sie denn hier?« Mrs Boseley war plötzlich wieder aufgetaucht.
»Oh, Miss, äh, Mrs, ich wollte nur wissen, ob es Arbeit gibt. Ich hab schon seit einer ganzen Weile nichts mehr zu tun.«
»Ich teile Ihnen keine Arbeit zu. Mr Gleeson teilt Ihnen die Arbeit zu.« Allein schon um mit der zu sprechen, brauchte man Samthandschuhe.
»Pardon, pardon. Ich wollte mich nur nützlich machen.« Und er verkroch sich feige wieder in seine Ecke. Aber er hatte das Türschloss in Augenschein genommen und rausgekriegt, wo ungefähr der Alarmknopf zu vermuten war.
Als es zur Mittagspause pfiff, trabte er hinter Casey zur Kantine. Es wäre ein bisschen verfrüht gewesen, das als Freundschaft zu bezeichnen: Bloß dass Casey Duffy nicht den Schädel einschlug, wenn er ihm an den Rockzipfeln hing. Sie saßen einander gegenüber, während Casey doppelt so viel verdrückte wie Duffy. Warum wurde der nicht dick? Vielleicht kriegte er viel Bewegung; vielleicht hatte es aber auch gar nichts damit zu tun, wie viel man aß. Duffy hatte Angst, dick zu werden, deshalb aß er wenig und bewegte sich so viel, wie er verkraften konnte; manchmal rannte er sogar die Treppe hoch – na ja, wenn er es eilig hatte. Im Allgemeinen aber machte er sich nur Sorgen, und die Sorgen ums Dickwerden schienen ihn schlank zu erhalten. Bis jetzt jedenfalls.
Duffy musterte Caseys langes, blässliches Gesicht, den schmalen Schnauzer, der einem alten Charles-Bronson-Film nachempfunden war, die Rocker-Nostalgie-Mähne. Ob sich unter dieser Mähne überhaupt etwas regte, fragte er sich. Casey sprach ihn nie an – nicht dass das Duffy störte –, aber als Zeichen seiner keimenden Toleranz ließ er sich herab, auf Fragen zu antworten, solange sie nicht gestellt wurden, während er aß. Nachdem er sein Besteck niedergelegt, die Baked-Beans-Soße von seinem Schnauzer getupft und laut ausgeatmet hatte, fragte ihn Duffy:
»Schlägst du viele Leute?« Er zeigte mit ehrerbietiger Geste auf Caseys Rechte, um die Unzulänglichkeit seiner Worte wettzumachen. Casey blickte auf seine Hand, und während er sie ansah, ballte sie sich zur Faust, scheinbar ohne Ermächtigung durch ihren Besitzer.
»Nur wenn ich muss«, erwiderte er.
»Hast du noch mehr Tätowierungen?«, fragte Duffy rasch, weil er Caseys Ungeduld angesichts der Länge dieser Unterhaltung spüren konnte.
Das konnte Casey ohne ein Wort beantworten. Er griff an den Halsausschnitt seines Hemds und riss die obersten beiden Jeansdruckknöpfe auf. Eine gestrichelte Linie mit Buchstaben dazwischen lief um seinen Hals. Duffy las:
––––H–I–E–R––––S–C–H–N–E–I–D–E–N––––
Caseys Adamsapfel bildete ein klobiges Satzzeichen in dieser komplexen Anweisung, deren Tragweite er Duffy ermessen ließ, während er loszog, um zwei Portionen Nachtisch zu holen. Duffy sah zu, wie er sie verputzte, und versuchte dabei den Gedanken ans eigene Dickwerden zu verdrängen. Er stellte sich vor, wie er in mittlerem Alter, mit schütterem Haar irgendwo erschien, um Sicherheitsberatung anzubieten, und ausgelacht wurde. »Wir wollen doch keinen dicken Sicherheitsmann«, riefen sie ihm nach, »wer hat denn je von einem dicken Sicherheitsmann gehört?«
Am Ende des Nachtischs wusste Duffy, dass er wieder sprechen durfte. Er wählte den Tonfall eines Kollegen, der entschieden weniger mutig war als Casey, sich aber alle Mühe gab.
»Gibt es – gibt es hier viel Gewalttätigkeiten?«
Casey lächelte beinahe; das heißt, er schien ein Lächeln durch sein Gesicht zu sieben, und die geseihten Überreste sickerten am anderen Ende durch.
»Hatte mal ’n Kumpel«, erwiderte Casey, »Riesenzinken. Riesenzinken.« Casey tippte gegen seinen eigenen Kolben, um Duffy weiterzuhelfen. »Ham ihn in einem von diesen großen Kühlschränken gefunden. Auf’n Tulpen.«
Casey verfiel in Schweigen und schaute beinahe nachdenklich drein; dann, als Duffy ihm gerade sein Beileid aussprechen wollte, fuhr er laut fort, mit einem polternden Lachen:
»Dem ham wer keine Blumen schicken brauchen.« Und zur Bekräftigung versetzte er Duffy unter dem Tisch einen harten Tritt.
Auf dem Rückweg in den Schuppen machte Duffy an der Telefonzelle halt und rief drei Schrotthändler in der Umgebung an. Zwei meldeten sich nicht; die waren wohl in der Mittagspause. Dem dritten beschrieb Duffy McKays Wagen und erklärte, sein hospitalisierter Freund habe etwas darin vergessen.
»So was haben wir hier nicht, Mann.«
»Sicher?«
»Sicher bin ich sicher. Hören Sie, ich merk’s vielleicht nicht, wenn Sie ’n Tiger im Tank haben, aber wenn er über das ganze verdammte Auto verteilt ist, müsst ich das doch sehen, oder?«
»Sicher. Tut mir leid, Mann.«
»Schon gut.«
Dem würde er später nachgehen müssen. Noch ein Nachmittag, dann wäre Freitag. Vielleicht sollte er es an diesem Wochenende tun – einbrechen. So konnte er hier noch tagelang herumhängen, bis er kapierte, wie der Schuppen lief; bis er auch nur wüsste, was sie alles an Waren verschickten. Er bräuchte nichts weiter als ein paar ungestörte Stunden; er hatte ja nicht vor, irgendetwas kaputt zu schlagen.
Aber natürlich brauchte er gar nicht einzubrechen. Er konnte sich von Hendrick den Schlüssel geben lassen. Vorausgesetzt, dass Hendrick selbst in Ordnung war. Duffy vergaß nie, den Kunden selbst in Betracht zu ziehen. Aber wenn Hendrick an der Schieberei beteiligt war, wieso hatte er dann Duffy überhaupt engagiert? Vielleicht gab es ja auch zwei Schiebereien, die von Hendrick und die von jemand anderem? Wir sind hier in Schieber-City, Duffy, wiederholte Willetts Stimme in seinem Kopf. Ja, aber trotzdem würde Hendrick ihn doch nicht beiziehen, wenn er selbst an einer Schieberei beteiligt wäre, oder? Oder doch? Egal, spielte ja keine Rolle – wenn er Hendrick um den Schlüssel bat und Hendrick Nein sagte, würde er den Job hinschmeißen; wenn er darum bat und ihn kriegte und dann etwas geschah, das Duffy vermuten ließ, dass Hendrick mehr mit der Sache zu tun hatte, als er Duffy gesagt hatte, würde er den Job noch viel schneller hinschmeißen. Und dann würde er mit den fünfzig gebrauchten Ein-Pfund-Noten Carol ausführen.
Die Arbeit am Freitag war wie die am Donnerstag und die am Mittwoch und die am Dienstag. Als es zur Mittagspause pfiff, sprang er zur Telefonzelle. Hendricks Sekretärin erzählte er, er mache sich immer noch Sorgen wegen der Papayas. Er hoffte, der Job würde sich nicht über das Ende der Papayasaison hinausziehen, er käme sonst in Schwierigkeiten. Sie stellte ihn durch.
»Mr Hendrick, es geht um diese Papayas.« (Es war immer nützlich, die Kunden an ihre eigenen kindischen Sicherheitstricks zu erinnern; das gefiel ihnen.) »Ich brauche vielleicht den Schlüssel.«
»Den Schlüssel zu den Papayas? Oh, die schneiden Sie einfach auf, mit einem Messer.«
»Sehr komisch, Mr Hendrick.« (Sehr verschwenderisch, was meine Zehn-Pence-Münze angeht, Mr Hendrick.) »Ich kann, so wie’s läuft, nicht schnell genug etwas herausfinden. Ich denke, ich sollte mich am Wochenende mal hier umsehen. Können Sie mir einen Schlüssel geben?«
»Hm, ja, ich sehe nichts, was dagegenspricht. Aber Sie müssten schon vorbeikommen und ihn bei mir zu Hause abholen.«
»Kein Problem, Mr Hendrick, setze ich alles auf die Rechnung.« (Es war auch ganz nützlich, den Kunden an die Spesen zu erinnern.)
Hendrick gab ihm eine Adresse in Fulham an und bat ihn, am Samstagmorgen vorbeizukommen. Dann rief Duffy die anderen beiden Schrotthändler an; der eine war immer noch in der Mittagspause von gestern, der andere, in Yiewsley, meinte, den Wagen gesehen zu haben, wusste aber nicht mehr, wo. Vielleicht würde Duffy gerne mal vorbeischauen? Ja, samstags hatten sie geöffnet: bis vier Uhr.
So weit, so gut. Duffy ging rasch in die Kantine, wo er zu seiner Überraschung feststellte, dass Casey ihm einen Platz freigehalten hatte. Nicht dass diese Geste bedeutet hätte, dass er in irgendeiner anderen Weise auftauen würde. Das gewohnte Schweigen herrschte weiterhin bis zum Abschluss des ernsten Geschäfts der Nahrungsaufnahme. Außer dass Casey, nachdem er seinen Dessertlöffel schließlich in die Schüssel gedonnert hatte, tatsächlich Duffy ansprach, erst zum zweiten Mal in ihrer nunmehr sprießenden Beziehung.
»Wo haste dann den Ring her?«
»Was?«
»Wo haste dann den Ring her, wenne nich annersrum bist?«
Ah, das also hatte Casey die ganze Zeit auf der Seele gelegen: der Ohrstecker.
»Hat mir ’ne Frau geschenkt.«
Zur Antwort gab Casey seinen verzögerten Ausatmer von sich.
»Und ich denk, du wärst annersrum.«
Vielleicht habe ich einen Freund gewonnen, dachte Duffy. Freitagnachmittag war Zahltag. Punkt vier stellten sich alle sechs vor Mrs Boseleys Büro auf und gingen einer nach dem andern hinein. Duffy, der Dienstjüngste, war der Letzte in der Schlange.
»Ich hoffe, meine Arbeit war zufriedenstellend, Mrs Boseley«, sagte er in einem Tonfall, der, wie er hoffte, nicht zu offensichtlich anbiedernd klang. Mrs Boseley bedachte ihn mit einem ihrer besonders tiefgekühlten Blicke und wandte sich dann wieder dem Abzählen seines Lohns zu. Als sie ihm das Geld überreichte, sagte sie:
»Dazu kann ich nichts sagen, ich habe Sie nicht beobachtet.«
Was nur zum Teil stimmte, denn in den letzten vier Tagen hatte Duffy gelegentlich aus seiner Dummenecke im Schuppen aufgeblickt und gesehen, dass ihr halbhoch toupierter Schopf in seine Richtung gewandt war. Sie gab Duffy jedenfalls das Gefühl, beobachtet zu werden, ob es nun zutraf oder nicht.
Er ging und setzte sich auf eine Packkiste in seiner Ecke. Er blickte zurück zu der Glaskabine. Wo mochte eine Frau wie Mrs Boseley herkommen? Hatte sie zum Beispiel einen Vornamen? Hatte sie eine Vergangenheit? Hatte sie Eltern, oder war sie einfach eines Tages durch das Dach von Hendricks Schuppen gefallen, adrett und um die vierzig und bestrebt, seinen Laden zu leiten? Sie konnte doch nicht immer Geschäftsführerin gewesen sein; und bei Hendrick hatte sie sich bestimmt nicht hochgearbeitet. Was hatte sie vorher getan? Duffy dachte an ihr zurückgekratztes Haar, an ihre hübsche, aber für ihn unattraktive Figur, an ihr nichtssagend gutes Aussehen mit den hohen Wangenknochen; dann zog er zehn, fünfzehn Jahre davon ab und steckte sie in eine Uniform (ohne hinzusehen, während sie sich umzog), und da war sie: eine Flugbegleiterin. Oder, wie man sie damals noch nannte, eine Stewardess. Das war es, das passte. Sie war eine ehemalige Stewardess; die wurden irgendwann mal in Pension geschickt – in welchem Alter genau, wusste er nicht; aber es war wie bei den Playboy-Bunnys. Ziemlich unfair, fand Duffy; heute bist du noch die kostenlosen Reisen und die Blicke der Geschäftsreisenden wert, und morgen heißt es, tut uns leid, Sie will niemand mehr ansehen, nein, sonst ist alles in Ordnung, aber ist die Haut an Ihrem Kinn nicht vielleicht ein bisschen schlaff, jedenfalls haben wir hier einen hübschen kleinen Arbeitsplatz am Boden, wo Sie gar nicht mehr reisen müssen, außer aufs Klo und in die Kantine.
Was machten alte Stewardessen? Was machten alte Irgendwer? Alte Golfspieler sterben nie, sie treffen nur nicht mehr ins Loch. Wo hatte er das gelesen? Und wie stand es mit alten Sicherheitsexperten? Was würde mit Duffy geschehen, wenn er fett und alt wurde und aufhörte, schlau zu sein? Würde er Nachtwächter werden und in einem Kabäuschen sitzen und Kastanien über dem Feuer rösten und darauf warten, dass er angepisst wurde von ein paar Halbstarken, die ihn Opa nannten? Und würde er vielleicht eines Tages durch den Flur irgendeiner Fabrik schlurfen, nicht weil er argwöhnisch war, sondern weil seine Beine Bewegung brauchten, und irgendein überenthusiastisches Schlitzohr käme auf den Gedanken, ihn mit dem Kolben einer Schrotflinte auszuschalten? So was passierte laufend.
»Wagenschlüssel.«
Duffy schreckte auf. Gleeson stand neben ihm und kaute was, sodass seine langen Koteletten sanft auf und nieder wippten. Gleeson war einer von diesen pummeligen Leuten, die so aussehen, als hätten sie von Natur aus ein freundliches Wesen; in seinem Fall trog der Schein.
»Dein Wagen steht falsch, kann ich die Schlüssel haben?«
»Tut mir leid, ich fahr ihn weg.«
Duffy hatte die Hand in der Tasche und wollte sich schon auf den Weg machen, als Gleeson ihn am Arm packte.
»Dein Wagen steht falsch.«
»Ja, ich hab’s verstanden.«
Sie starrten einander ein paar Sekunden lang an. Duffy fragte sich, warum sie wohl den ganzen Tag gewartet hatten, bis sie ihn baten, den Wagen zu verschieben; und er konnte doch unmöglich …
»Dein Wagen steht falsch.«
Gott, war er blöd. Himmel, war er blöd. Wortlos kramte er die Schlüssel hervor und reichte sie rüber. Vielleicht hätte er es rascher geschnallt, wenn er nicht gerade über sein Alter nachgegrübelt hätte, aber trotzdem … Er schämte sich beinahe. Du kassierst die fünfzig, wartest auf den Kontakt, und wenn es endlich so weit ist, merkst du’s nicht mal. Vielleicht setzt du jetzt schon Fett an, Duffy. Nach ein paar Minuten kam Gleeson zurück. Duffy rechnete halb damit, dass Gleeson etwas sagen würde, auch wenn er nicht genau wusste, was; vielleicht so etwas wie »Wir treffen uns hinter dem dritten Tiefkühlcontainer rechts«. Doch stattdessen warf Gleeson Duffy nur aus vier Meter Entfernung die Schlüssel zu und wandte sich ab. Als er sie auffing, blickte Duffy durch die Halle zu Mrs Boseleys Büro. Hatte da etwas blond aufgeblitzt, als sich ein Kopf abwandte?
Immerhin, es tat sich etwas. Lieber irgendwas als gar nichts, selbst wenn man es nicht versteht. Duffy konnte es kaum erwarten, dass es halb sechs wurde und er feststellen konnte, warum sie seinen Wagen hatten verschieben wollen.
Als es dann aber zum Feierabend pfiff, lungerte er noch ein wenig herum. Er zog sich gemächlich um und beeilte sich auch nicht auf dem Weg zum Tor der Frachthalle. Falls sich jemand ihm unauffällig anschließen wollte, konnte der das von ihm aus gerne tun. Aber keiner tat es. Draußen auf dem kleinen Vorplatz stand sein Lieferwagen an exakt derselben Stelle, wo er ihn morgens geparkt hatte. Das überraschte ihn nicht im Geringsten. Er ging langsam hinüber zum Wagen und wartete darauf, vielleicht von Casey, der gerade in seinen Capri stieg, angesprochen zu werden. Aber nichts geschah. Also kletterte Duffy in den Lieferwagen. Nichts auf dem Sitz. Er klappte das Handschuhfach auf, auch hier nichts. Nichts auf dem Armaturenbrett. Er blickte über die Schulter ins Wagenheck, aber auch da sah alles aus wie gewohnt. Vielleicht haben sie im Motor etwas angesägt, dachte Duffy; doch er verwarf den Gedanken als paranoid. Dann, als er aus seinem Parkfeld zurücksetzte, schob er die Hand in die Seitentasche an der Fahrertür. Ein Plastikbeutel. Aha. Er hob ein Päckchen auf seinen Schoß und sah nicht hin, bis er im zweiten Gang war. Dann ließ er seinen Blick sinken. Taschenrechner. Sechs Taschenrechner; immer noch in der Originalverpackung; immer noch in ihrer Klarsichtfolie.
Wie großzügig, dachte Duffy. Fünfzig Ein-Pfund-Noten am Mittwoch, sechs Taschenrechner am Freitag. Dieser Gedanke entzückte ihn nicht mehr als eine halbe Sekunde, dann legte er den dritten Gang ein und nahm Gas weg, bis der Motor abstarb. Er rollte an den Straßenrand, vierhundert Meter von Hendricks Schuppen und auf halbem Weg zum Tor. Dann legte er, nur für den Fall, dass ihn jemand beobachtete, den ersten Gang ein und drehte den Zündschlüssel. Die Maschine zündete, der Lieferwagen machte einen Ruck vorwärts und starb wieder ab. Duffy wiederholte das noch zwei Mal, dann stieg er mit einer Nicht-schon-wieder-Miene aus und klappte die Motorhaube auf.
Er fummelte ein bisschen an den Zündkerzen herum und versuchte herauszukriegen, weshalb er nicht überzeugt war. Er wusste nicht, wie diese Sachen abliefen, aber er war sicher, dass sie so nicht abliefen. Man kriegte die fünfzig Pfund, und dann kam der Kontakt; oder man kriegte die Taschenrechner, und dann kam der Kontakt; man kriegte nicht beides – und dann nichts. So konnte es nicht funktionieren; man musste etwas tun, um etwas zu verdienen. Außerdem waren die Taschenrechner immer noch in der Originalverpackung; auf der Klarsichtfolie klebten noch Etiketten; jeder Polizeischüler wäre in der Lage, ihre Herkunft festzustellen.
Duffy knallte die Motorhaube zu und stieg wieder auf den Fahrersitz. Er holte ein Staubtuch und ein paar Rallyehandschuhe aus dem Handschuhfach. Er zog die Handschuhe an und rieb mit dem Staubtuch kräftig die ganze Klarsichtverpackung ab; es wäre schön gewesen, Gleesons Fingerabdrücke draufzulassen, aber das ging nicht. Dann wickelte er das Päckchen in das Staubtuch, zog die Handschuhe aus, ließ den Motor an, schaute längere Zeit in den Rückspiegel und fuhr rasch los. Er bog scharf links ab, wieder links, rechts und bremste scharf vor den Toiletten, als wüsste er nicht, ob er es noch länger einhalten könnte. Er rannte den Weg zur Herrentoilette hoch, stürzte in ein Klo, stieg auf die Schüssel und verstaute die Taschenrechner hinter dem Spülkasten. Eines Tages, dachte er, werden die öffentlichen Klos auf tief stehende Spülkästen umstellen, wie wir sie zu Hause haben, und was machen wir dann?
Er grinste zufrieden, während er gemächlich zum Tor zurückfuhr. Es machte ihm überhaupt nichts aus, von einem Sicherheitsbeamten willkürlich rausgepickt und in eine besondere Spur gewinkt zu werden, wo ein Polizist wartete. Natürlich verstand er das, reine Routinekontrolle. Klar, wo hier doch immer so viel wegkam. Nur zu, suchen Sie. Handschuhfach, unter den Sitzen, vergessen Sie die Seitentasche an der Fahrertür nicht. Kurze Leibesvisitation, hier lang, bitte, kein Problem, macht mir vielleicht sogar Spaß, sagte er sich. Der Polizist tatschte ihn überall ab, und als er sich an der Innenseite der Schenkel hocharbeitete, sagte sich Duffy: Werd nicht zu unverschämt. Der Polizist war sehr freundlich, als sie wieder hinaus zum Lieferwagen gingen, wo der Sicherheitsbeamte gerade seine Arbeit beendet hatte; auch er war freundlich zu Duffy. Duffy erwiderte die Freundlichkeit. Er hatte durchaus Verständnis, nein, machte ihm gar nichts aus, jederzeit, nur zu, bis zum nächsten Mal.
Als Duffy davonfuhr, erinnerte er sich an Willett und sagte sich: willkürliche Nase oder wissenschaftliche Nase? Oder ein bisschen Nachhilfe?
Hendrick öffnete Duffy die Tür mit besorgter Miene. Er führte ihn schweigend durch den Flur in die Küche, wo er ein kleines Töchterpaar aufscheuchte, das er anwies, draußen spielen zu gehen. Als die Hintertür zuknallte, machte sich Hendrick furchtbare Gedanken, ob er Duffy den Schlüssel zum Frachtschuppen tatsächlich geben sollte. Duffy kannte diese Situation gut: Erst engagierte man jemanden, der einem im Sicherheitsbereich helfen sollte, und erzählte ihm seine ganzen Sorgen, und dann fing man an zu wünschen, man hätte es nicht getan. Das war ein wohlbekanntes psychologisches Verhaltensmuster. Und wie man damit umging, war ebenso wohlbekannt. Man zeigte sich nicht in seiner Ehre angegriffen und wurde pikiert und rieb seine beruflichen Qualifikationen dem Kunden unter die Nase; man wurde nur einen Augenblick still, um ihm zu zeigen, dass man nicht so gekränkt war, wie er erwartet hatte, und dann rührte man an seine Krämerseele.
»Ganz wie Sie wünschen, Mr Hendrick, ich meine, das liegt natürlich ganz bei Ihnen. Ich kann ja nicht beschwören, dass ich etwas Nützliches finde, wenn Sie mir den Schlüssel leihen. Es ist nur so, bei dieser Art von Auftrag würde es viel Zeit und Geld sparen, wenn ich in den Schuppen reinkann, solange niemand da ist. Aber das liegt natürlich ganz bei Ihnen.«
Es war schon fast kriminell, wie gut das immer funktionierte. Hendrick gab auf, entschuldigte sich, willigte ein, kramte den Schlüssel hervor und händigte ihn aus.
»Zwei Punkte wären da noch, Mr Duffy.« Auch dieser Spruch war altbekannt; er entsprang dem Drang, sich wieder als Auftraggeber zu behaupten, als Bedingungssteller, als Zahlmeister. »Erstens will ich ganz genau wissen, wann Sie rübergehen und wie lange Sie dort bleiben wollen. Und zweitens will ich den Schlüssel postwendend zurückhaben, sobald Sie damit fertig sind.«
»Kein Problem.« Duffy gab sich respektvoll, wie es das Schema verlangte. »Heute habe ich noch viel zu tun, also gehe ich wohl am besten am Sonntagnachmittag hin – am mittleren Nachmittag; sagen wir, um drei? Ich werde nur etwa ein oder zwei Stunden da sein. Genauer kann ich’s nicht sagen, das werden Sie sicher verstehen –« Appell an den Verbündeten, den Mitverschwörer; Hendrick nickte, wie es sich gehörte – »und dann werde ich Ihnen den Schlüssel so gegen sechs zurückbringen können, würde ich sagen. Wenn Sie nicht da sind, schiebe ich ihn durch den Briefschlitz.«
Hendrick fing nun an, ihm unnötig detailliert zu erklären, wie er verhindern konnte, dass die Alarmanlage losging, wenn er durch die Seitentür eintrat. Duffy hörte mit halbem Ohr hin, für den Fall, dass ihm doch etwas neu war, und mimte völlige Konzentration, indem er durch das Küchenfenster in den hinteren Garten schaute. Draußen vor der Hintertür war eine hübsche Mosaikpflasterterrasse, dahinter ein Geranienbeet und dann ein Kinderspielplatz. Da gab es einen Sandkasten und ein Planschbecken und eine Rutschbahn. Die zwei Mädchen, die Duffy auf etwa sieben oder acht schätzte, spielten lärmend auf der Rutschbahn. Das eine stand gerade oben auf der Rutsche. Duffy verzog das Gesicht: Für einen Erwachsenen wäre das kein tiefer Sturz, aber für ein Kind? Auf den Beton? Das bereitete Duffy Sorgen. Er wandte seinen Blick zu der Backsteinmauer am Ende des Gartens, die nur etwa elf Meter von seinem Standort entfernt war, und stellte fest, dass noch eine andere Sorge in seinem Kopf herumspukte, die er nicht identifizieren konnte, die irgendwie mit den letzten Tagen zu tun hatte, die er aber nicht festnageln konnte. Unterdessen war Hendrick am Ende seiner Gebrauchsanweisungen für die Alarmanlage angelangt, und Duffy nickte, als hätte er, wenn auch mit einiger Mühe, das Ganze einigermaßen kapiert. Den Kunden gefiel das. Sie glaubten dann, ein sicheres System zu besitzen.
Als Erstes fuhr Duffy auf der Rückfahrt nach Westen bei einem Schlüsseldienst vorbei und ließ sich ein Duplikat machen. Er wollte nicht von Hendricks wankelmütiger Einschätzung seiner Zuverlässigkeit abhängig sein, falls er einen weiteren Besuch abstatten wollte; und außerdem war es eine ziemliche Ecke nach Fulham hinüber.
Was den Zeitpunkt seines Besuchs im Frachtschuppen anging, so hatte er Hendrick belogen. Für den Fall, dass Hendrick ihm gegenüber nicht völlig ehrlich war, hatte er beschlossen, sofort hinzufahren. Er erreichte den Schuppen um halb zwölf und öffnete die Seitentür mit dem Schlüssel, den er eben hatte anfertigen lassen (am besten gleich ausprobieren, falls er ihn zum Nachfeilen zurückbringen musste). Der Alarm ging mit zwanzig Sekunden Verzögerung los, damit Hendrick jeweils genügend Zeit hatte, eine kurze Treppe hinaufzuwatscheln und ihn auszuknipsen.
Duffy begann bei den großen Doppeltoren an der Südseite des Schuppens. Der Fußboden war mit farbigen Linien markiert wie eine Sporthalle, und die Waren lagerten in verschieden großen Quadraten und Rechtecken auf ihren rostfarbenen Regalen. Manche Bereiche waren für Stammkunden reserviert, deren Namen auf Schildern standen: Fraser Matthews, Bamco, Holdsworth & French und so weiter. So kamen regelmäßige Sendungen immer an den genau gleichen Platz im Schuppen, Woche für Woche, Monat für Monat, was Hendricks Leuten die Arbeit erleichterte – oder auch den Kunden selbst, wenn sie etwas abholten.
Duffy sah sich die Frachtsendungen eingehender an, als es ihm tagsüber möglich gewesen war, erfuhr aber nicht viel Neues. Die Etiketten an den Sendungen waren für Befugte aufschlussreich und für jeden anderen – wie Duffy – bewusst nicht. Frachtführer, Gewicht, Anzahl der Pakete, Luftfrachtbriefnummer, Bestimmungsort (was sich auf den Flughafen bezog, nicht etwa auf den Importeur oder den Empfänger). Nun, das war ganz in Ordnung, wenn auch ganz nutzlos. Name, Dienstgrad, Nummer: besonders die Nummer. Einige der Kisten verkündeten ihren Inhalt. Hier Taschenrechner (das war ein Fehler – Duffy konnte erkennen, dass man sich an einem der Kartons zu schaffen gemacht hatte), da amerikanische Wochenzeitschriften, weiter hinten gekühlter Fisch. Packkisten, Teekisten, Wellpappkartons, in Sackleinen eingeschlagene Ballen. Hendrick hatte recht – was zum Teufel wollte Duffy hier finden, indem er einfach herumspazierte? Hielt er sich etwa für Alice im Wunderland mit ihren Iss-Mich-Keksen und Trink-mich-Tränken: Meinte er, er würde auf eine große Packkiste mit der Aufschrift Klau mich stoßen und müsste nur noch hineinklettern und warten, bis sie jemand abholte, um dann mit einem baumelnden Paar Handschellen am Gürtel herauszuspringen und »Keine Bewegung!« zu brüllen? Hatte er es sich etwa so vorgestellt?
Egal, wenn dieser Teil enttäuschend war, konnte er ja zum nächsten übergehen. Er ging an seiner Dummenecke vorbei und schlenderte zu den Spinden hinüber. Sechs Personen arbeiteten hier, und Spinde gab es zehn. Mit einem Taschenmesser öffnete er diejenigen, die von seinen Kollegen benutzt wurden: Jeder enthielt einen Overall, neben anderem männlichen Zubehör, das entweder nützlich war oder nicht nach Hause gebracht werden konnte: Zigaretten, Kaugummi, Schnaps, da und dort ein Pornoheft, speckige Pullover. Caseys Spind enthielt eine Flasche Mundwasser, was Duffy etwas überrumpelte; vielleicht war da noch ein verborgener Casey, von dem er nichts wusste, einer, der sich Kölnisch Wasser ins Haar kämmte und seine Achselhöhlen rasierte?
Dann öffnete Duffy die vier Spinde, die er nie jemanden hatte benutzen sehen. Zwei waren leer; einer enthielt eine zwei Jahre alte Ausgabe der Sun, der andere eine ungeöffnete Dose Hundefutter. Duffy machte alle sorgfältig wieder zu und ging weiter. Dann überkam ihn eine Ahnung. Er ging zurück und öffnete seinen eigenen Spind und schaute hinein. Hmmm. Er nickte bedächtig. Genau wie er ihn gestern zurückgelassen hatte. So viel zum Thema Ahnungen.
Das Schloss an Mrs Boseleys Tür hielt ihn etwa anderthalb Minuten auf. Wieder musste er schnell zum Aus-Schalter der Alarmanlage treten. Nachdem er zuerst die genaue Position des Alarmknopfs unter dem Schreibtisch ausgemacht hatte, setzte er sich in ihren Sessel und überblickte den Schuppen aus Mrs Boseleys Perspektive. Ja, kein Zweifel, von hier oben sah man viel mehr, auch wenn man sich nur knapp anderthalb Meter über dem Niveau des übrigen Schuppens befand. Da drüben war die Ecke dieses Scheißers Duffy; dort hatten wir den kleinen Arsch hingestellt; dort ließen wir ihn Karren umherschieben und Scheiße fressen. Nehmen Sie doch ein paar Taschenrechner, Mr Duffy. Vergessen Sie nicht, sie am Tor zu verzollen, Mr Duffy. Ein paar Wochen Knast gefällig, Mr Duffy?
Er riss sich zusammen. Er konnte Mrs Boseley zwar nicht leiden, aber deswegen hatte er noch keinen Grund, anzunehmen, dass sie etwas mit den Taschenrechnern zu tun gehabt hatte. Dass ihm das mehr als recht gewesen wäre, bedeutete nur, dass er doppelt vorsichtig sein musste mit diesbezüglichen Schlussfolgerungen. Hör mal auf, sie zu hassen, Duffy. Nimm dir lieber ihren Schreibtisch vor.
Er holte ein Notizbuch heraus und fing an, sich langsam durch den Schreibtisch vorzuarbeiten. Er ging durch Archivschachteln voller Rechnungen und notierte die Namen und Telefonnummern der Firmen, die Stammkunden zu sein schienen. Das Geschäft lief offenbar gut, soweit Duffy dies beurteilen konnte, obschon er zugeben musste, dass er eine frisierte Buchhaltung auch dann nicht erkannt hätte, wenn sie von Brillantine getrieft hätte.
Dann blätterte er die neuere Korrespondenz durch und sah, warum Hendrick beschlossen hatte, ihn anzuheuern. Ein Pelzgroßhändler hatte beschlossen, sich nach einem anderen Spediteur umzusehen – nicht, dass er keine Versicherung gehabt hätte, aber wenn es einmal vorkam, dann konnte es eben wieder vorkommen, nicht wahr, Mr Hendrick, und es ist nun mal sehr lästig (das ist natürlich nicht persönlich gemeint) –, und ein Generalimporteur hatte geschrieben, wie ernstlich besorgt er über den Verlust einer Sendung italienischer Sonnenbrillen war.
In der obersten linken Schublade fand er Mrs Boseleys Schminksalon: diverse Puder, Lotions, Cremes, Lippenstifte, Kämme, Spiegel; wenn er gründlich genug suchte, würde er wahrscheinlich die Kragenstäbchen finden, die sie sich immer in den Mund schob, bevor sie mit ihm sprach. Stattdessen nahm er sich die nächste Schublade vor, wo er ihr Adressbuch entdeckte. Das hielt ihn eine Weile auf, allerdings ohne großen Erfolg: keine Namen, die ihn aus Mrs Boseleys Sessel aufspringen ließen; mehrere Nummern von Stammkunden, was weiter nicht verwunderlich war. Er suchte die Adressen und Telefonnummern aller Mitarbeiter von Hendrick Freight heraus und notierte sie. Er sah noch einmal unter »B« nach, aber Mrs Boseley kannte offenbar niemand anderen ihres Namens. Er blätterte zurück zum Vorsatzblatt und schrieb die Adresse und Telefonnummer von Mrs E. Boseley ab. Dieses »E« war das Einzige, was er bisher über sie herausgefunden hatte. E wie Eisschrank.
Er machte mit den anderen Schubladen weiter und fand nur den üblichen Büroschlick – einen Hefter, der den Geist aufgegeben hatte, ein paar verschlissene Gummibänder, die unbenutzte Packung Hafties. In der drittobersten Schublade rechts jedoch fand er etwas, das eindeutig diesem Büro eigentümlich war: ein gerahmtes Foto, das, Bildseite nach unten, in der Lade lag. Duffy drehte es ganz langsam um, wie ein Zauberer, der seine erwartbar überraschende Karte aufdeckt. Dabei ließ er seine Zunge trommelwirbelartig gegen seinen Gaumen vibrieren und intonierte dann »Ta-taaaaaa-TAM«, als das Gesicht sich nach oben wandte.
Es war niemand, den er kannte. Die Aufnahme zeigte einen rundgesichtigen Mann in den Vierzigern; schütteres Haar, Goldrandbrille mit kleinen runden Gläsern, ein gönnerhaftes Lächeln auf den Lippen; er trug einen Nadelstreifenanzug mit einem recht kunstvollen Sträußchen im Knopfloch. Ein Hochzeitsfoto vielleicht? Mr Boseley? Gab es einen Mr Boseley? Es war ein Foto jüngeren Datums; hatte die Bürochefin in den letzten fünf Jahren geheiratet? Er wusste es nicht. Die wahrscheinlichste Lösung war natürlich die einfachste: dass es wirklich Mr Boseley war, und die Tatsache, dass dies Duffy nicht passte – dass ihm ein Gorilla von Liebhaber mit einer komplett ausgestatteten Folterkammer lieber gewesen wäre –, warnte ihn davor, dieser Phantasievorstellung zu trauen. Ein kleiner Punkt wollte ihm allerdings nicht aus dem Kopf. Es war ja begreiflich, dass man ein solches Foto nicht auf seinen Schreibtisch stellte – die Leute würden nur darüber grinsen, und Mrs Boseley sah nicht nach jemandem aus, der für solches Grinsen viel übrighätte, aber wenn man es in eine Schublade legte, damit man hineingreifen und es sich ansehen konnte, wenn man trübsinnig war oder in Bedrängnis oder scharf oder fluchbeladen, würde man es da nicht mit dem Foto nach oben hinlegen?
Duffy stellte beim Gehen wieder die Alarmanlage ein und fuhr zum Schrottplatz. Er hatte angerufen wegen des Autos seines Freundes, dieser Cortina-Spezialausführung. Mit mir hamse nich gesprochen, Chef. Cortina, wie? So als Tiger bemalt? Na, das müsste ich doch noch wissen, nich? Ich fürchte, da hamse Pech, Chef. Na schön, wenn Sie drauf bestehen. In den Schuppen, Blick in die Bücher. Ja, einen Cortina hatten wir, aber der ist jetzt etwa so groß (Handbewegungen wie ein größenwahnsinniger Angler). Erstaunlich, wie klein so ein Ding in der Presse wird, nicht? Sind Sie sicher, dass er hierhergeschleppt wurde?
Egal, es war sowieso nur reine Spekulation gewesen. Und ab sieben Uhr spielte das auch keine Rolle mehr. Carol rief an.
»Tut mir leid, ich hab dich gestern zu erreichen versucht, aber da warst du anscheinend nicht zu Hause.«
»…?«
»Es geht um den Wagen.«
»Gut.«
»Ich hab mir den Rapport vorlesen lassen. Soweit man feststellen konnte, muss es irgendeine Kollision gegeben haben, bevor der Wagen über die Leitplanke flog. Am hinteren Kotflügel auf der Fahrerseite waren Lackspuren, und weiter vorn war eine große Delle, als hätte ihn da was gerammt.«
»Geplatzte Reifen?«
»Die Reifen seien alle in Ordnung gewesen.«
»Lenkung?«
»Der Wagen sei prima in Schuss gewesen. Abgesehen von den Unfallfolgen, natürlich.«
»Und nichts über das andere Fahrzeug?«
»Nicht das Geringste. Niemand hat angehalten. Niemand etwas gesehen.«
»Das ist mir eine große Hilfe, Schatz. Vielen Dank.« Carol lächelte ins Telefon. Diese beiden Worte bekam man von Duffy nicht eben oft zu hören. Sie hing zärtlichen Gedanken nach.
Die Gedanken, denen Duffy nachhing, waren anderer Art. Er dachte: Wofür ist man bereit zu töten – oder so gut wie? Tötet man für einen Karton italienischer Sonnenbrillen? Tötet man für ein paar Kisten Räucherlachs?