DIE NEUESTE TECHNOLOGIE
BRAUCHST DU DIE WIRKLICH?
I
ch erinnere mich noch, dass ich um 2013 herum meinen ersten LCD-Fernseher kaufte. Bis dahin genügte mir mein Röhrenfernseher vollauf.
Wenn Leute davor zu Besuch gekommen waren, hatten sie überrascht in der Wohnzimmerecke den gewölbten Bildschirm, einen emsigen Produzenten statischer Elektrizität, entdeckt. Als die Sender jedoch vom 4:3-Format auf 16:9 wechselten, musste ich meine langjährige Beziehung mit dem wunderbaren 70 Zentimeter messenden Sharp überdenken: Die beiden schwarzen, den Bildschirm schrumpfenden Balken brachten uns dazu, mit den Nasen am Bildschirm zu kleben, damit wir etwas erkennen konnten. Das war ärgerlich, denn der Fernseher selbst war so gut wie neu.
Ich hatte um die Jahrtausendwende inkl. Mehrwertsteuer etwas mehr als 350 Euro dafür bezahlt, umgerechnet kostete mich dieser Besitz im Jahr also weniger als 30 Euro. Sein Nachfolger war ein Flachbildschirmgerät für 1.000 Euro. Trotz meiner guten Absichten hatte mich das System am Ende doch erwischt: Es machte meinen Fernseher unbrauchbar, bevor er eines natürlichen Todes sterben konnte.
Der Aberwitz des Early Adopter
Was bringt es dir, ein Early Adopter (früher Anwender) neuer Technologien zu sein? Praktisch nichts. Okay, ich kann dir sagen, dass man in den 1980ern die Leute ein paar Tage lang echt beeindrucken konnte, wenn man einer der ersten mit einem gelben Walkman mit Autoreverse-Funktion war. Allerdings weckt der Besitz der neuesten Technologie keine Bewunderung, sondern Verlangen. Das Verlangen, in den Genuss von etwas zu gelangen, das man eigentlich nicht braucht.
Das Marketing trägt seinen Teil dazu bei. Wer war noch nie in einem Geschäft und verspürte diese Aufregung angesichts der Aussicht, etwas zu kaufen? Diese Aufregung verebbt in der Regel ein paar Stunden oder Tage später und lässt in ihrem Kielwasser die Reue zurück. Nachdem du etwas
gekauft hast, verspürst du ein Gefühl von Leere. Wenn dein Leben leer ist, spielt es keine Rolle, was du kaufst. Selbst wenn du bepackt nach Hause kommst, wirst du feststellen, dass dein Leben immer noch leer ist.
Etwas zu besitzen, verleiht deinem Leben nicht automatisch einen Sinn. Erfahrungen jedoch schon. Wenn du also etwas besitzt, musst du dessen Nutzen maximieren und dich fragen, welchen Vorteil oder welche Freude du aus jedem ausgegebenen Euro ziehst
.
Wenn der Kauf der neuesten Technologie zum doppelten Preis nicht auch unsere Freude oder Zufriedenheit verdoppelt, Zeit spart oder für erheblich mehr Komfort sorgt, wieso kaufen wir es dann? Weil wir tief in uns die falsche Überzeugung hegen, dass uns dieses Produkt besser machen wird.
Denk nur an die Headsets, die die Leute vor einigen Jahren ständig in den Ohren hatten. Man sah Menschen stolz damit im Restaurant sitzen, als wollten sie sagen: »Seht doch! Ich bin wie Robocop!« Lächerlich.
Der hohe Preis der Technologie
Hersteller müssen für die Forschung und Entwicklung neuer Technologien eine Menge Geld ausgeben. Was tun sie also, wenn sie ein sich stark abhebendes Produkt auf den Markt bringen? Sie versuchen, die frühen Anwender für die Kosten der technischen Entwicklung bezahlen zu lassen. Um das finanzielle Risiko abzudecken, setzen sie auf die Begeisterung und den ungebremsten Konsum dieser ersten Käufer. Sie wollen von dem profitieren, was man als Consumer Surplus
oder Konsumentenrente
bezeichnet: die
Differenz zwischen dem Geldbetrag, den die Konsumenten für ein Gut äußerstenfalls zu bezahlen bereit wären (maximale Zahlungsbereitschaft), und dem Marktpreis. Anders ausgedrückt: die Bereitschaft des einen Konsumenten, mehr zu bezahlen als ein anderer.
Die dabei verwendete Preisstrategie nennt sich Price Skimming
(Abschöpfungspreispolitik). Die ersten Käufer zahlen viel, bis der Produktpreis sinkt, entweder weil eine ausreichende Masse an Käufern erreicht wurde (was Größenvorteile zulässt) oder weil jemand ein Produkt eingeführt hat, das dem Original einen harten Wettkampf ums Geld bietet
.
Du solltest generell nicht die neueste Technologie kaufen
. Denk nur an den Preis eines Videorecorders in den 1980ern, den Preis eines DVD-Players in den 1990ern und den Preis eines Blu-ray-Players, als diese neu auf dem Markt waren. In seiner Anfangszeit kostete ein Blu-ray-Player 1.000 Euro, heutzutage bekommt man ihn 20 Mal günstiger.
Denk auch nur an diese Narren, die bereitwillig eine ganze Nacht draußen vor dem Geschäft kampieren, um vor allen anderen das neueste Apple-Produkt zu ergattern. Was verkauft Apple da eigentlich wirklich? Sie verkaufen das »Privileg«, der erste Kunde zu sein, der eine bestimmte Technologie besitzt und nutzt.
Die ersten Konsumenten zahlen für die nachfolgenden, sie subventionieren sie also im Grunde. Deshalb möchte ich mich bei den Menschen bedanken, die sich um Mitternacht in die Schlange stellen, um die neueste Version von Dingsbums zu kaufen, denn Ihr ermöglicht es mir, das gleiche Produkt später zu einem Bruchteil des Preises zu erwerben.
Du kannst den frühen Erwerb nicht einmal damit rechtfertigen, dass er lange hält. Laut dem Titel eines Romans des französischen Autors Frédéric Beigbeder »hält Liebe drei Jahre« – und Technologie hat eine ähnliche Lebensdauer.
Natürlich kannst du etwas drei Jahre lang benutzen, dich dann auf eine länger währende Beziehung von fünf oder sechs Jahren einlassen und die Nutzung verlängern. Aber an einem bestimmten Punkt wird dir die Werbung und dein soziales Umfeld das Gefühl geben, du seist ein Dinosaurier.
Tatsächlich ist alles geplant, sogar dein Wunsch nach Veränderung. Wenn es um das Ausgeben von Geld geht, sind wir Menschen Marionetten.
Wir glauben, wir würden einen wohlüberlegten Kauf tätigen, aber die Logik hinter unserem Kauf ist oft fehlerhaft. Es ergibt keinen Sinn, neue Technik zu kaufen, wenn du die vorhandene reparieren, gebraucht kaufen oder gar ganz darauf verzichten kannst.
Geplantes Veralten
Bei jedem technologischen Fortschritt ist ein geplantes Veralten am Werk. Außerdem wird es zunehmend schwieriger, technische Geräte auf erschwingliche Weise instand zu halten oder zu reparieren
.
Es gibt zwei Hauptarten des geplanten Veraltens:
- Das Produkt funktioniert nicht mehr.
- Die Nützlichkeit des Produkts ist begrenzt oder nicht mehr zeitgemäß in Anbetracht der geplanten Einführung einer Reihe von Produktverbesserungen. Denk nur an Computer. Kaum hast du dir einen gekauft, kommt schon ein neuer auf den Markt, der schneller, praktischer und leichter ist.
Du gibst Geld aus, also ziehst du da mit.
Die Sache mit der Waschmaschine
Meine Mutter hatte ihre Waschmaschine fast 28 Jahre lang. Das Gerät war so alt, dass die Zeichen auf dem Drehknopf zur Einstellung des Programms nicht mehr lesbar waren; meine Mutter wusste einfach, dass sie den Knopf um 180 Grad drehen musste.
Die Mechanik der Waschmaschine war einfach und kostengünstig in der Reparatur. Aber im Laufe der Jahrzehnte hat sich viel verändert.
Die Maschinen haben elektronische Schaltknöpfe mit 28 Programmen und nahezu genauso viele Optionen bei jedem Programm.
In meinen 38 Jahren auf diesem Planeten habe ich höchstens drei verschiedene Programme benutzt. Aber wenn ich etwas kaufe, möchte ich trotzdem den ganzen Schnickschnack, den ich niemals brauchen werde. Die Bedienblende ist wunderschön designt, aber wenn etwas kaputt geht, zahlst du für die Ersatzteile plus Anfahrtskosten des Monteurs fast so viel wie beim Kauf der Maschine. Also sagst du dir, dass du für 200 Euro mehr ein neues Gerät bekommst, und ehe du dich versiehst, ist der Lieferwagen mit der neuen Maschine unterwegs zu dir und nimmt die alte gleich mit.
Du bist auf der Bedienblende des geplanten Veraltens.
Du hast den Knopf für das Programm »neu kaufen« gedrückt.
Dein Urteilsvermögen als Verbraucher wurde zum Trocknen rausgehä
ngt.
Die Sache mit meinem Schwager und seinem Telefon
Man muss wissen, wie man Technologiezyklen überspringt. So ging mein Schwager geradewegs von einem Klapphandy mit Monochromdisplay und einer herausziehbaren Antenne über zu einem Smartphone.
Über die Jahre wurden ihm Zwischenstufen mit begrenztem Nutzen angeboten. Was interessierte ihn ein Farbdisplay? Durch das Überspringen der Technologiezyklen finanzierst du den Kauf, den du tätigst, wenn dein altes Gerät wirklich veraltet oder kaputt ist. Immer die neueste Technik zu haben, ist ein Rezept für eine finanzielle Katastrophe. Der Kaufwunsch ist unerschöpflich, deine Brieftasche nicht.
Die Sache mit dem automatischen Wasserhahn
Eine der neuesten überflüssigen und teuren Technologien ist ein Wasserhahn mit einem Sensor. Nach Jahrzehnten manuell zu bedienender Wasserhähne habe ich gegenüber diesem Modell klein beigegeben, denn es hat die Kunst perfektioniert, Menschen dazu zu bringen, ihr Geld den Abfluss herunterzuspülen.
Das war primär frustrierend. Bevor ich ihn jedoch kaufte, muss ich mich dreimal gefragt haben: »Brauche ich das wirklich?« Aber nun besaß ich einen teuren Wasserhahn, der sich einschaltete, wenn ihm
der Sinn danach stand. Statt Wasser zu sparen, fluchte ich mehr. Schließlich löste ich das Problem, indem ich die Batterie herausnahm.
Der moderne Sklave
Menschen, die stets das neueste Modell kaufen und etwas Vorhandenes dadurch ersetzen, sind Sklaven eines Systems des sich erneuernden geplanten Konsums.
Das Beispiel der Handys ist Gold wert. Lange Zeit tauschten die Menschen ihre Handys immer gegen das neueste Modell ein, weil es »nichts kostete«. Aber nichts auf dieser Welt ist gratis. Man muss ziemlich naiv sein, wenn man mit 40 immer noch an den Weihnachtsmann glaubt. Alles fließt in den Preis ein – wenn also dein Handy nichts kostet, dann zahlst du umso mehr für das Paket. Wie der französische Chemiker Antoine Lavoisier zu sagen pflegte: »Nichts geht verloren, nichts wird neu erschaffen, alles wird nur umgewandelt.
«
Ich will damit nicht sagen, dass du auf sämtliche Technik verzichten sollst. Ich rate nur zur Geduld. Das schaffst du doch auch, wenn du im Vergnügungspark für eine fünfminütige Spaßfahrt zwei Stunden anstehst. Wieso genießt du nicht stattdessen in diesen zwei Stunden dein Leben?
Wenn es nicht kaputt ist, solltest du es auch nicht reparieren. Warum sich neue Technik zulegen, wenn die alte noch wunderbar funktioniert? Die eigentlichen Fragen, die du dir stellen solltest, lauten:
- Warum willst du dieses neue Teil kaufen?
- Welche Leere hoffst du damit zu füllen?
Also, brauchst du diese neue Technologie wirklich? Falls deine Antwort lautet: »Ich möchte das Leben genießen« oder »Es ist wichtig, mir etwas zu gönnen«, dann arbeitest du vielleicht grundlos zu hart. Arbeite weniger, lebe mehr. Wenn du dich an dieses Prinzip hältst, wird es dir lange Zeit gut gehen – und damit meine ich nicht nur drei Jahre.