DAS FEINDBILD – Unverschämt sind immer die anderen.

»Hab ich das richtig gehört?«, fragte ich den kleinen, alten Mann in der Fleece-Weste. »Haben Sie gerade ›weiße Pest‹ gesagt?«

Er war im Gespräch vertieft mit einer neuankommenden Frau, die ihrem Mann dabei behilflich war, seine weiße Pest einzuparken. Und ich glaube, ihm wurde in dem Moment klar, dass auch ich zu einem weißen Fahrzeug gehören musste, nämlich dem hinter mir. Also versuchte er, das Gespräch am Laufen zu halten, ohne seine Nachbarinnen zu vergraulen. Trotzig wiederholte er das Wort »weiße Pest«, während er mir in die Augen schaute, und fügte mit schiefem Grinsen hinzu: »Meiner ist grün. Ich stelle mich in den Wald, und keiner sieht mich.«

Seit über 40 Jahren sei er Camper, erzählte er, erst mit dem Zelt, dann mit dem VW-Bus, und jetzt mit dem Grünen, aber heutzutage würde »das alles überhandnehmen«. Die Folge: Alles verboten, Höhenbeschränkungen überall, gerade an den Parkplätzen nahe am Wasser. Ein Jahr noch würde er fahren, sagte er, bis zum nächsten TÜV, dann sei Schluss.

Man ist es als Wohnmobilfahrer gewohnt, Unwillen auf sich zu ziehen. Manche stehen offen zu ihren Gefühlen, wie in Italien und Frankreich, wo der Beifahrer andere Aufgaben hat, als ich sie kenne. So sah ich zwei Mal einen rechten Arm weit aus dem Fenster hängen. Was man ja auch positiv bewerten kann, sollen die Hände des Fahrers doch am Lenkrad bleiben und die Konzentration woanders liegen als auf der Streckung des Mittelfingers.

Natürlich provozieren diese vielen Wohnmobile, die man auf der Autobahn rollen sieht, eines nach dem anderen, eine Karawane von Monstern, kurz: die weiße Pest. Dazu noch diese Sprüche auf der Heckwand. Das fängt an bei »Ich sehe was, was du nicht siehst« und hört auf bei »Reise vor dem Sterben, sonst reisen deine Erben«. Einmal sah ich einen Camper, der ein Sternbild auf den Autolack geklebt hat. »Kleiner Wagen«, stand darunter. Mit dem würde ich ins Gespräch kommen, dachte ich sofort, schon deshalb, weil Männer einem ja sonst immer den großen Wagen zeigen wollen.

Trotzdem schmerzt der Spott, Joghurtbecher, Kühlschrank, was muss man sich nicht alles anhören. Nur weil man keinen gehäkelten Toilettenpapierhut auf die Sirene seines selbstausgebauten Feuerwehrautos setzen kann. Ein kleiner Trost ist der Ratschlag, den mir mal ein Händler auf einer Wohnmobilmesse gab. »Bleiben Sie so nah wie möglich an der Serie!«, hatte er gesagt. Je individueller das Auto, desto schwieriger sei es, später jemanden zu finden, der denselben Geschmack hat, dieselben Bedürfnisse und dieselben finanziellen Möglichkeiten. Es ging ihm um den Wiederverkaufswert. So muss man das auch mal sehen: Wohnmobile sind mittlerweile eine rollende Geldanlage. Auch wenn ich lieber an mein eigenes Glück denke als an das meines Nachfolgers.

Ich finde, man muss einfach das Beste aus der Ware machen. Wie jenes Pärchen, das ich in warmer Sommernacht vor seinem Wohnmobil sitzen sah. Es schaute sich mithilfe eines Beamers ein Fußballspiel an – mit Kinofeeling – dank seiner strahlend weißen Wohnmobilwand.

Die psychologischen Verstrickungen, in denen man sich als Camper wiederfindet, sind in jedem Fall interessant, dieses Schwanken zwischen Minderwertigkeitskomplex und Hochmut, zwischen Solidarität und Aversion. Kennen Sie diese Aggression, wenn man auf Leute trifft, die all das verkörpern, was einem selbst zuwider ist? Mit solchen will man nicht in einen Topf geschmissen werden. Die verderben den Ruf. Die Wahrheit ist: Der härteste Kritiker des Campers ist der Camper.

Den entsetzlichsten Campingplatz meines Lebens entdeckte ich an einem See im Südwesten Deutschlands. Es war unglaublich heiß, Waldbrandgefahr überall, die eine Hälfte des Platzes war schon betrunken, die andere auf gutem Weg, und alle hockten an ihren Feuerchen inmitten des trockenen Gehölzes und hatten es geschafft, dieses Stück Natur nicht zu bewohnen, sondern zu verwüsten.

Da werde ich bissig. Genauso wie an jenem Freitagabend, als wir an einem Parkplatz ankamen mit ausgewiesenen Stellflächen für Wohnmobile. Zwei dieser Stellflächen waren noch frei, und auf anderthalb von diesen zweien machte sich gerade ein älteres Ehepaar breit.

Ich, freundlich lächelnd: »Können wir da reinfahren?«

Camper-Hexe: »Das wird ein bisschen eng.«

Ich: »So ist’s Leben.«

Camper-Hexe: »Wir wollten morgen die Markise rausmachen!«

Ich: »Wer will das nicht?«

Also nahmen wir die einzig andere verbliebene Parklücke, deren Bewohner bereitwillig ihr SUP zur Seite räumten, die Camper-Hexe baute trotzig bei untergehender Sonne ihre Markise auf, windschief und ungesichert auf dem Asphalt. Erst als am nächsten Morgen das radelnde Ordnungsamt routinemäßig vorbeikam aus dem nächsten Dorf, begnügte sie sich mit nur einem Stellplatz.

Wir dagegen lernten in unserem Camperleben nicht durch das Ordnungsamt, sondern durch das Funkeln in den Augen der Nachbarn, wie mir mein Mann neulich verriet. Denn anfangs hatte er, aus Unwissenheit oder Unverschämtheit, unser Wohnmobil gern so geparkt, dass es auf der einen Seite die größtmögliche Terrasse bot und auf der anderen direkt auf der Grenzlinie stand.

Was zur Folge hatte, dass wir beim Be- und Entladen der Heckgarage immer auf dem Grundstück unseres Nachbarn herumtanzten, genauer gesagt: auf seiner Terrasse. So etwas macht man nicht. Und man stellt auch keinen einzelnen Stuhl auf seinen Stellplatz, während man mit dem Wohnmobil zum Einkaufen fährt. Stellplatz ist Stellplatz, weg ist weg. Das zumindest hatten wir von Anfang an begriffen.

Es liegt eine Sollbruchlinie zwischen den Alt-Campern, die »schon immer« gecampt haben, und zwar zu Zeiten, als es noch Geheimplätze gab und anständiges Camper-Benehmen, also »früher«, und den Neu-Campern. Oder wie einer unserer Stellplatznachbarn sie mal nannte: den »Corona-Campern«.

Sofort fühlte ich mich damals bemüßigt festzustellen, dass wir keinesfalls »Corona-Camper« seien, sondern schon ein paar Jahre vor der Pandemie angefangen hatten, nämlich als unsere Tochter drei Jahre alt war und wir feststellten, dass in einem fahrenden Zuhause unsere Zukunft liegen könnte.

Auf der anderen Seite wollte und konnte ich nicht leugnen, dass wir das »Früher« unseres Nachbarn auch nicht kannten, aber mittlerweile unser eigenes »Früher« haben, und auch in unserem »Früher« gab es weniger von uns.

Der Stellplatznachbarin aber ging es nicht nur um die Masse, sondern um den Menschenschlag. »Es campen Leute, die keine Camper sind«, sagte sie. Woran sie diese erkennen würde, fragte ich zurück und machte mich bereit für einen schnellen Sündenabgleich im Kopf.

»Keine Camper« würden nicht auf den Wegen bleiben, sondern quer über die Plätze laufen. »Die gehen quasi unter deinem Dach durch.«

(Puh, mache ich nicht, also höchstens, wenn der Stellplatz nicht besetzt ist und ich eine Abkürzung durch die Gluthitze suche. Und na ja, neulich, als der Weg außen herum so weit war, habe ich mich an der Wand eines Hauszeltes entlanggedrückt, Verzeihung!)

»Keine Camper« würden nicht grüßen bei der Ankunft, wollten überhaupt am liebsten mit niemandem reden und säßen vor ihrem Fahrzeug mit »so einem Gesicht«. (Ohne Schuld!)

»Keine Camper« würden siezen. (Nur im Ausland kleine Unsicherheiten und bei großem Altersunterschied!)

»Keine Camper« würden unbekannte Flüssigkeiten einfach in den Gully entleeren. (Natürlich nicht, was für eine Sauerei! Oh Gott, das halbe Glas Apfelsaft mit den schwimmenden Insekten!)

Es sei aber auch, gab ihr Mann zu bedenken, eine Frage des Fortschritts. »Jeder hat alles«, sagte er. Auch sie hätten mittlerweile eine Rangierhilfe mit Motor für ihren Wohnwagen. Früher dagegen habe man sich schnell gegenseitig geholfen, wenn einer ein Problem gehabt habe, und schon sei der Kontakt da gewesen.

Kontakt gerne, aber muss es gleich Hautkontakt sein? Einmal waren wir auf einem Campingplatz, der sich über einen ganzen Hügel bis hinunter ans Meer erstreckte, nur zu befahren mithilfe eines detaillierten Stadtplans, den man an der Rezeption ausgehändigt bekam. Auf dem schmalen Strand waren so viele Camper wie Tauben.

Trotzdem traf ich an jenem Taubenstrand eine Frau, die fand, dass sich die Menschen doch gut auf dem Gelände verteilten. Und auf einem Campingplatz, der neben dem Flughafen lag, sagte unser Nachbar ins Dröhnen der Privatjets hinein: »Ach, die höre ich gar nicht mehr.«

Seine Lieblingsplätze lässt sich eben niemand vermiesen, auch nicht an den oberitalienischen Seen, wo sich der Campingplatz oft am tiefsten Punkt befindet, eingeklemmt zwischen Straße und Seeufer. Dort nahmen die Camper freudig einen Sundowner auf Höhe des Lastwagenauspuffs. Natürlich kann man es konsequent finden, dass campende Verkehrsteilnehmer in den Abgasen anderer Verkehrsteilnehmer Urlaub machen, aber man muss den Duft der Kamelienblüte schon inhalieren, um es zu vergessen.

Fest steht: Der Camper hat Sitzfleisch, und im Laufe der Jahre wird ihm die sitzende Haltung zur inneren Haltung. So beklagte sich eine erfahrene Wohnwagen-Camperin mal über dieses Gerenne am Flughafen. Wie erholsam sei dagegen ein Stau: »Man hat Essen dabei, man hat Getränke dabei und das Klo am Haken – da kann nicht mehr viel passieren.«

Die schlimmsten Feinde sind ohnehin die unsichtbaren. Sie machen einen fertig, ohne dass man sie fassen kann. Wie jener unbekannte Parkplatzmanager in Italien, der den Zorn meines Mannes auf sich zog.

Man muss dazusagen, dass sich mein Mann selbst in labilem Zustand befand an jenem Nachmittag. Draußen herrschten den neunten Tag in Folge Temperaturen um die 36 Grad, und ich hatte ihn mitten in der Nacht geweckt, nachdem ein Blick in den Wohnmobilspiegel mir gezeigt hatte, dass ich aussah wie ein Hamster. Woraufhin wir im Dunkeln aufgebrochen waren, ich mit einem Eispack an der Wange, um über tausend Hügel zur nächstgelegenen Zahnklinik einer Großstadt zu fahren. Diese wiederum war in einem Einkaufszentrum untergebracht, und dort, auf dem Parkplatz, hatte mein Mann geparkt.

Es war eine Szene, die das Zeug gehabt hätte zum YouTube-Hit: eine riesige Asphaltfläche, ohne Autos, ohne Menschen, aber mit Bäumen durchsetzt. Parkplatzbäumen, die einst als Schattenspender gepflanzt, doch seit langem nicht mehr gestutzt worden waren. Bäume, die in jede Fahrspur hineinwucherten, die ihre Äste ausbreiteten und sich reckten und streckten, nur um uns den Lack zu zerkratzen, rechts, links, oben, unten, überall, Bäume, die wuchsen und gediehen, lebensfroh und ungestüm, ohne sich um den Preis für professionelle Lackreparaturen zu scheren.

Dazu mein Mann, der den armen Parkplatzmanager verwünschte wegen seiner Verfehlung, also des fehlenden Baumbeschnitts: »Das kommt davon, wenn man sich um nichts kümmert!«, ich als Hamster auf dem Beifahrersitz, der immer neue Wege durch den Dschungel vorschlug: »Schau mal, da ist der Pfeil zur Ausfahrt!« Ein Wohnmobil, das vor- und zurücksetzte, ein Quietschen, ein Schleifen, ein Fluchen, Blätter, Äste, die auf die Windschutzscheibe klatschten, mein Mann blind vor Grün und grün vor Wut, und dann, nach 20 Minuten, der Erlöser, der aus dem Nichts auftauchte.

Er habe gesehen, dass wir Probleme hätten, sagte der Italiener freundlich. Er würde nun die Schranke an der Einfahrt für uns öffnen. Nur für uns. Wir sollten schnell sein auf dieser Fahrspur entgegen der Pfeilrichtung und auf den Verkehr achten als Geisterfahrer.

Als wir kurz darauf durch die Einfahrt preschten, auf einer Straße ohne Bäume, winkte ich euphorisch Richtung Kamera. Es war der Abschied für einen wahren Freund.