9. Ägyptische Sandalen aus Pflanzenfasern, Musée Bally, Schönenwerd, Schweiz.

 

 

Die Bibel: Der Schuh im Alten Testament

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Schuh zum ersten Mal in der Bibel erwähnt. Diese Aussage müsste allerdings noch in chinesischen, ägyptischen und mesopotamischen Texten überprüft werden. Die Völker der Bibel, die Israeliten, das von Gott auserwählte Volk, ihre Verbündeten und ihre Feinde tragen Sandalen. Dies ist zwar ein Beleg dafür, dass diese Schuhart schon seit uralten Zeiten im Nahen Osten vorkommt, aber ihre Form oder Machart wird im Alten Testament selten beschrieben. Außer ihrer Funktion als wertvolles Gehwerkzeug kommt der Sandale in der Heiligen Schrift vor allem symbolische Bedeutung zu. Je nach Anlass wird sie unter verschiedenen Aspekten betrachtet: das Ablegen an heiligen Orten, das Tragen in Feldzügen oder bei Rechtshandlungen und, nicht zu vergessen, einfach in den Gepflogenheiten des alltäglichen Lebens.

Als Gott dem Moses im brennenden Dornbusch erscheint, befiehlt er ihm, seine Schuhe auszuziehen: „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!“ (Pentateuch, Exodus III, 5)

Im Buch Josua finden wir die gleiche Situation, als die Israeliten in das verheißene Land einziehen: „Und es begab sich, als Josua bei Jericho war, dass er seine Augen aufhob und gewahr wurde, dass ein Mann ihm gegenüberstand und ein bloßes Schwert in seiner Hand hatte.

Und Josua ging zu ihm und sprach zu ihm: Gehörst du zu uns oder zu unsern Feinden? Er sprach: Nein, ich bin der Fürst über das Heer des Herrn und bin jetzt gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, betete an und sprach zu ihm: Was sagt mein Herr seinem Knecht? Und der Fürst über das Heer des Herrn sprach zu Josua: Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn die Stätte, darauf du stehst, ist heilig.“ (Das Buch Josua V, 13-14-15)

Josua und Moses erhalten den gleichen Befehl. Während sich die Könige jenseits des Jordans verbünden, um einmütig gegen Josua und gegen Israel zu kämpfen, wollen die Gibeoniter um jeden Preis einen Bund mit Israel schließen. Ihre List besteht darin, Israel weiszumachen, sie kämen aus einem fernen Land: „Sie nahmen alte Säcke auf ihre Esel und alte, zerrissene, geflickte Weinschläuche und alte, geflickte Schuhe an ihre Füße und zogen alte Kleider an.“ So gekleidet gingen sie zu Josua, der sie fragte: „Wer seid ihr, und woher kommt ihr? Sie sprachen: Deine Knechte sind aus sehr fernen Landen gekommen …“ „… und diese Weinschläuche waren neu, als wir sie füllten, und siehe, sie sind zerrissen; und diese unsere Kleider und Schuhe sind alt geworden über der sehr langen Reise.“ (Das Buch Josua IX, 5-8-13)

Jene Sandalen zeigen, im Gegensatz zu den von Moses in seiner letzten Rede an sein Volk erwähnten, Spuren der Abnutzung. „Er hat euch vierzig Jahre in der Wüste wandern lassen. Eure Kleider sind euch nicht zerrissen, auch deine Schuhe nicht an deinen Füßen.“ (Deuteronomium XXIX, 4)

In den Büchern Samuel, als die Israeliten Krieg gegen die Philister führen, lesen wir über den Kampf zwischen David und Goliath: „Der hatte einen ehernen Helm auf seinem Haupt und einen Schuppenpanzer an, und das Gewicht seines Panzers war fünftausend Lot Erz, und er hatte eherne Schienen an seinen Beinen …“ (Das erste Buch Samuel XVII, 5 und 6).

Die zahlreichen bildlichen Darstellungen dieser Szene, die erst lange nach der tatsächlichen Begegnung (zwischen 1010 und 970 vor Christi) entstehen, zeigen den Riesen Goliath mit Sandalen und Beinschienen, während der Bibeltext nur die Schienen erwähnt. In Davids Ermahnungen an Salomo erinnert der König seinen Sohn an den Mord, den sein Diener Joab an zwei Feldhauptleuten der Armeen Israels begangen hat: „… wie er sie ermordet hat und so im Krieg vergossenes Blut im Frieden gerächt und unschuldiges Blut an den Gürtel seiner Lenden und an die Schuhe seiner Füße gebracht hat.“

Jesaja, der Prophet der messianischen Erlösung, spricht von der Bedrohung durch ein fernes Volk; die assyrische Armee und ihre Bogenschützen sind allein an ihren Sandalen zu erkennen: „Keiner unter ihnen ist müde oder schwach, keiner schlummert oder schläft; keinem geht der Gürtel auf von seinen Hüften, und keinem zerreißt ein Schuhriemen. Ihre Pfeile sind scharf und alle ihr Bogen gespannt.“ (Jesaja V, 27)

Zu der Zeit, als Assyrien und Ägypten um die Vormachtstellung im Nahen Osten kämpfen, prophezeit Jesaja dem besiegten Ägypten: „Im Jahr, da der Tartan nach Aschdod kam, als ihn gesandt hatte Sargon, der König von Assyrien, und er gegen Aschdod kämpfte und es eroberte, zu der Zeit redete der Herr durch Jesaja, den Sohn des Amoz, und sprach: Geh hin und tu den härenen Schurz von deinen Lenden und zieh die Schuhe von deinen Füßen. Und er tat so und ging nackt und barfuß.

Da sprach der Herr: Gleichwie mein Knecht Jesaja nackt und barfuß geht drei Jahre lang als Zeichen und Weissagung über Ägypten und Kusch, so wird der König von Assyrien wegtreiben die Gefangenen Ägyptens und die Verbannten von Kusch, jung und alt, nackt und barfuß, in schmählicher Blöße, zur Schande Ägyptens. Und sie werden erschrecken in Juda und zuschanden werden wegen der Kuschiter, auf die sie sich verließen, und wegen der Ägypter, deren sie sich rühmten.“ (Jesaja XX, 1 bis 5)

Man konnte von einem Ort Besitz ergreifen, allein indem man seine Schuhe dort ablegte oder hinwarf. Die Psalmen sechzig und hunderteins, die einen bevorstehenden Feldzug zur Eroberung Edams lobpreisen, bestätigen dies: „Moab ist mein Waschbecken, meinen Schuh werfe ich auf Edom, Philisterland, jauchze mir zu!“ „Mit Gott wollen wir Taten tun. Er wird unsre Feinde niedertreten.“ Dies erinnert an die Sandalen des Pharaos Tutenchamon, der seine Feinde niedertritt. Das hebräische Leviratsgesetz, das einen Mann verpflichtet, die Witwe seines Bruders zur Frau zu nehmen, wenn dieser keine männlichen Nachkommen hat, unterstreicht die juristische Bedeutung der Sandale. Im Deuteronomium finden wir eine eindeutige Erklärung: „Gefällt es aber dem Mann nicht, seine Schwägerin zu nehmen, so soll sie, seine Schwägerin, hingehen ins Tor vor die Ältesten und sagen: Mein Schwager weigert sich, seinem Bruder seinen Namen zu erhalten in Israel, und will mich nicht ehelichen. Dann sollen ihn die Ältesten der Stadt zu sich rufen und mit ihm reden. Wenn er aber darauf besteht und spricht: Es gefällt mir nicht, sie zu nehmen, so soll seine Schwägerin vor den Ältesten zu ihm treten und ihm den Schuh vom Fuß ziehen und ihm ins Gesicht speien und soll antworten und sprechen: So soll man tun einem jeden Mann, der seines Bruders Haus nicht bauen will! Und sein Name soll in Israel heißen des Barfüßers Haus.“

Den Trauerriten entsprechend gehen die Verwandten des Toten ohne Kopfbedeckung und barfuß, das Gesicht wird teilweise mit einem Tuch verhüllt und sie essen das von ihren Nachbarn dargebotene Brot. Zur Trauer des Propheten lesen wir bei Hesekiel: „Du Menschenkind, siehe, ich will dir deiner Augen Freude nehmen durch einen plötzlichen Tod. Aber du sollst nicht klagen und nicht weinen und keine Träne vergießen. Heimlich darfst du seufzen, aber keine Totenklage halten, sondern du sollst deinen Kopfbund anlegen und deine Schuhe anziehen; du sollst deinen Bart nicht verhüllen und nicht das Trauerbrot essen.“

Im 8. Jahrhundert vor Christus erinnert Amos an das Gesetz, das die Rechte der Armen und Notleidenden festlegt und empört sich gegen die Bestechlichkeit der Gerichte Israels. Der Prophet prangert das Verhalten der Richter Israels an, die für kleine Geschenke Geringfügigkeiten verurteilen: „… will ich sie nicht schonen, weil sie die Unschuldigen für Geld und die Armen für ein Paar Schuhe verkaufen.“ (Amos II, 6-8)

Wenn man im Reich Israels den Fuß auf ein Feld setzte oder seine Sandale niederlegte, kam dies einer Eigentumsurkunde gleich. Im Buch Rut können wir dazu folgendes lesen: „Es war aber von alters her ein Brauch in Israel: Wenn einer eine Sache bekräftigen wollte, die eine Lösung oder einen Tausch betraf, so zog er seinen Schuh aus und gab ihn dem andern; das diente zur Bezeugung in Israel. Und der Löser sprach zu Boas: Kaufe du es! Und zog seinen Schuh aus. Und Boas sprach zu den Ältesten und zu allem Volk: Ihr seid heute Zeugen, dass ich von Noomi alles gekauft habe, was Elimelech, und alles, was Kiljon und Machlon gehört hat. Dazu habe ich mir auch Rut, die Moabiterin, die Frau Machlons, zum Weibe genommen, dass ich den Namen des Verstorbenen erhalte auf seinem Erbteil und sein Name nicht ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tor seiner Stadt; dessen seid ihr heute Zeugen.“ (Das Buch Rut IV, 7 bis 10). Im Buch Judith geht es um die Belagerung der kleinen palästinensischen Stadt Betulia durch die Armeen des assyrischen Königs Nabuchodonosor. Die Lage dieser Stadt beherrscht den Zugang zum übrigen Land und zu Jerusalem und Nabuchodonosor spricht: „Die ganze Erde werde ich mit den Füßen meiner Truppen bedecken.“ (Das Buch Judith II, 7)

Da ist Judith, eine fromme Witwe, gerade dabei, die Stadt zu verlassen, um sich ins feindliche Lager zu begeben: „… auch zog sie Sandalen an, legte ihre Fußspangen, Armbänder, Fingerringe, Ohrgehänge und all ihren Schmuck an und machte sich schön, um die Blicke aller Männer, die sie sahen, auf sich zu ziehen.“ (Das Buch Judith X, 4) Die Schönheit der jungen Frau entfacht die Leidenschaft des Generals Holophernes. Nach einem Bankett nützt sie dessen Trunkenheit aus und schlägt ihm den Kopf ab. Die Angreifer hundertzwanzig-tausend Infanteristen und hundertzwanzigtausend Kavalleristen ergreifen die Flucht. Im Lobgesang, den Judith, die Jeanne d’Arc der Bibel, anstimmt, gehört die Siegessandale zum Accessoire weiblicher Verführung: „Ihre Sandalen bezauberten sein Auge. So schlug ihre Schönheit sein Herz in Bann.“ (Das Buch Judith XVI, 9) Die Machart des Schuhs wird in der Bibel so gut wie nicht erwähnt. Hesekiel weist in Jerusalem ein treuloses Weib diskret darauf hin: „… und kleidete dich mit bunten Kleidern und zog dir Schuhe von feinem Leder an.“ Das Wort Stiefel finden wir ein einziges Mal bei Jesaja: „Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht…“ (Der Friedefürst wird verheißen IX, 4), während der Sandale hauptsächlich symbolische Bedeutung zukommt. Die Moslems haben den Ritus, die Schuhe auszuziehen, übernommen. Noch heute wird die Moschee nur ohne Schuhe betreten.