12. François Boucher, Sankt Peter versucht auf dem Wasser zu gehen, 1766. Kathedrale St. Louis von Versailles.

 

 

Der Schuh im Neuen Testament – die Sandalen Jesu

Die Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zeugen von der Verkündigung Johannes des Täufers in Betanien jenseits des Jordans, der im Wasser taufte. Sie alle erwähnen mit der Stimme des Propheten die Schuhe Jesu: „… der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen.“ (Matthäus III, 11) „… und predigte und sprach: Es kommt einer nach mir, der ist stärker als ich; und ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse.“ (Markus I, 7) „Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse.“ (Lukas III, 16) „… aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt. Der wird nach mir kommen, und ich bin nicht wert, dass ich seine Schuhriemen löse“. (Johannes I, 26 und 27). Offenbar handelt es sich hier um Sandalen, die mit Riemen am Fuß befestigt werden; das waren die charakteristischen Schuhe der römischen Besatzungsmacht in Palästina und sie wurden von den Zeitgenossen Jesu getragen. Sie werden im Neuen Testament an mehreren Stellen erwähnt. Bei Matthäus und Lukas lesen wir, dass Jesus den zweiundsiebzig Jüngern, die er aussandte, empfahl, barfuß zu gehen: „Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken Und wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören will, so geht heraus aus diesem Hause oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen“. (Matthäus X, 9 und 10) „… ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. Tragt keinen Geldbeutel bei euch, keine Tasche und keine Schuhe …“ (Lukas X, 7)

Bei Markus lesen wir jedoch: „… und gebot ihnen, nichts mitzunehmen auf den Weg als allein einen Stab, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel, wohl aber Schuhe … “ (Markus VI, 8 bis 11) Obwohl der Evangelist empfiehlt, sich aller materiellen Dinge zu entledigen, symbolisiert der Schuh für ihn die Reise, wie Jean-Paul Roux in einem Artikel der Zeitschrift des Instituts für Calzeologie erklärt: „Die Symbolik des Schuhs in den abrahamischen Religionen: Judaismus Christentum Islam“. In der Parabel vom verlorenen Sohn spricht der Vater des wieder gefundenen Kindes bei Lukas: „Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße“. (Lukas XV, 22)

Die Sandalen gehören zur Kleidung des freien Menschen im Gegensatz zum Sklaven, der nicht das Recht hat, Schuhe zu tragen. In der Apostelgeschichte ist in der Befreiung des Petrus auch von Schuhen die Rede: „Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. Und siehe, der Engel des Herrn kam herein, und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir!“ (XII, 6 bis 8) Ein späteres Bild aus dem 17. Jahrhundert, das im Augustinermuseum in Toulouse aufbewahrte Gemälde Le Christ cloué sur la croix (Christus ans Kreuz genagelt) von Philippe de Champaigne zeigt achtlos auf dem Boden liegende Sandalen, die den von Johannes dem Täufer in seiner Verkündigung erwähnten Sandalen mit Riemen entsprechen. Im Matthäusevangelium können wir lesen: „Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! Und schrieen vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!“. Dieser Text inspiriert Boucher im 18. Jahrhundert zu seinem Gemälde Saint Pierre tentant de marcher sur les eaux (Petrus versucht, auf dem Wasser zu gehen). Auf diesem Bild trägt der Apostel keine Schuhe, Jesus hingegen wird mit wunderschönen Sandalen, die auf den Einfluss der römischen Patrizier zurückgehen, dargestellt. Abschließend kann man feststellen, dass die einfacheren Schuhe, die in der von Herodes in der Wüste des Toten Meers erbauten Festung Massada entdeckt wurden und die als Gehwerkzeug und nicht zur Prachtentfaltung gedacht waren, eine genaue Vorstellung der Schuhe geben, die Christus und die von den Evangelisten erwähnten Zeitgenossen trugen. Sie entsprechen ganz der Anspruchslosigkeit des Herrn. Zudem sind sie in ihrer Machart so modern, dass wir ihnen in allen Jahrhunderten, vor allem in Afrika und selbst heutzutage noch in den Ländern der Dritten Welt begegnen, wo sie nur aus einem als Sohle ausgeschnittenen Stück alten Reifens mit einem y-förmigen Band bestehen. Dieser Schuhtypus hat auch Designer des 21. Jahrhunderts zu modernen Varianten inspiriert.