24. Der Hl. Markus heilt den Schuhmacher Aniane, Detail eines Mosaiks aus dem 13. Jh., Markusdom, Venedig.
Noch zu Beginn des Mittelalters ist im Westen Europas der Einfluss der römischen Antike an den Schuhen zu erkennen. Die Franken tragen mit Riemen versehene Schuhe, die bis über das Knie reichen. Nur die Schuhe der Anführer haben einen Schnabel. Dank einiger außerordentlich gut erhaltener Gräber können wir uns ein Bild von den Schuhen der Merowinger machen. Das Grab der Königin Aregunde, Gattin von Clothar I. (497 bis 561), das in Saint-Denis (Frankreich) entdeckt wurde, hat die Rekonstruktion der Schuhe jener Epoche ermöglicht. Es handelt sich um Sandalen aus weichem Leder, die mit kreuzweise geschnürten Riemen an den Waden befestigt wurden.
Schuhschnallen aus vergoldeter Bronze, mit stilisierten Tieren geschmückt, die man im Grab eines Anführers in Hordaim fand, beweisen, welch wichtige Rolle der Schmuck der Schuhe in dieser Zeit spielte. Im Mittelalter waren Schuhe sehr teuer. Daher werden sie in den Testamenten und Schenkungen an die Klöster aufgeführt. Vor der Heirat schenkte der Bräutigam seiner zukünftigen Frau ein Paar bestickter Schuhe. Dieser hübsche Brauch stammt aus der Zeit Gregor von Tours (538 bis 594). Die im Musée de Chelles in der Gegend von Paris erhaltenen Schuhe aus dieser Zeit vermitteln uns eine Vorstellung vom Wert dieses Geschenks. Der Schuh mit Riemen oder Bändern wird auch noch während der Dynastie der Karolinger verwendet, dabei weist das für Frauen bestimmte Modell jedoch mehr Verzierungen auf.
Was den als Gallique oder Galoche bezeichneten Holzschuh anbelangt, so ist er immer noch in Gebrauch. Von dieser Zeit an schützen die Soldaten ihre Beine mit „Bamberger“ genannten Wadenstrümpfen aus Leder oder Metall. Im 9. Jahrhundert taucht als Vorläufer des Stiefels die Heuse auf, ein hoher Schuh aus geschmeidigem Leder.
Durch den Mönch Sankt Gallus wissen wir, wie Kaiser Karl der Große beschuht war: Er trug einfache, halbhohe Stiefel mit gekreuzten Bändern, die nur bei feierlichen Anlässen durch die mit Edelsteinen geschmückten Stiefel ersetzt wurden. Durch den häufigen Kontakt mit Italien entwickelt sich jedoch ein Hang zur Prunksucht, und die Schuhe werden immer mehr zum Luxusobjekt. Aus diesem Grund schreiben die Konzile den Geistlichen vor, bei der Messe liturgische Schuhe zu tragen. Diese, ebenfalls Sandalen genannten Kirchenschuhe, sind aus Stoff und bedecken den Fuß vollständig.
Hadrian I., Papst von 772 bis 795, führt zwar das Ritual des Fußkusses ein, aber die Mitglieder des Klerus betrachten es als eine Verletzung ihrer Würde. Daher wird ein Kompromiss gefunden. Der Schuh des Papstes wird mit einem Kreuz geschmückt und dieses Kreuz zu küssen ist nicht Ausdruck der Unterwürfigkeit, sondern der Ehrerbietung gegenüber dem Stellvertreter Jesu Christi. Im 11. Jahrhundert wird in Frankreich das Wort „cordouanier“ gebräuchlich, aus dem sich „cordonnier“ entwickelt. Es bezeichnet denjenigen, der mit Leder aus Córdoba und daher mit allen Arten von Leder arbeitet. Wie in der Antike unterscheidet sich die Form des rechten Schuhs von der des linken. Lederne Schuhe aus Córdoba sind dem Adel vorbehalten. Die von „Flickschustern“ hergestellten Schuhe sind erheblich gröber. Trotzdem werden von dieser Zeit an vermehrt Schuhe getragen.
Der zahlreichste Typus ist ein offener Schuh, der mit Hilfe einer geklammerten Schnalle oder einem Knopf am Fuß festgehalten wird. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts tauchen die Estivaux auf. Es handelt sich hierbei um Schnürstiefel für den Sommer aus dünnem, weichen Leder. Im Freien werden Beinkleider mit Sohlen, eine Art mit Ledersohlen verstärkte Stiefel aus Stoff, mit Holzschuhen getragen. Die zuerst den Edelleuten vorbehaltenen Heuses, weiche Stiefel in unterschiedlicher Form, finden unter der Regierung von Philippe Auguste (1165 bis 1223) weite Verbreitung. Im 12. Jahrhundert werden die Schuhe länger.
Die so genannten Pigaches gehen den Schnabelschuhen voraus, deren Erfindung man dem Ritter Robert le Cornu zuschreibt. Dieses extravagante Modell mit seiner übertrieben großen Spitze brachten die Kreuzfahrer aus dem Orient mit. Es handelt sich vermutlich um eine Nachahmung des syrischen, akkadischen oder hethitischen Schuhs mit hoher Spitze und entspricht der Vorliebe der gotischen Ästhetik für die Vertikale. Diese exzentrische Mode, die zunächst dem Adel vorbehalten war, wird bald von den Bürgern und den kleinen Leuten nachgeahmt. Die Regierungen sehen sich sogar gezwungen, die Länge der Spitze je nach sozialem Rang festzulegen: ein halber Fuß für das gemeine Volk, ein Fuß für die Bürger, eineinhalb Fuß für die Ritter, zwei Fuß für die Fürsten und zweieinhalb für die Prinzen.
Um das Gehen zu ermöglichen, wird die Spitze mit goldenen oder silbernen Ketten am Knie befestigt. Der Ausdruck „auf großem Fuß leben“ stammt von dieser hierarchisch bestimmten Länge. Aus Leder, Samt oder Brokat, oft auf der Oberseite fensterartig durchbrochen oder manchmal mit obszönen Zeichnungen geschmückt, mit einem Glöckchen oder Vogelschnabel am Ende, taucht der Schnabelschuh auch in einer militärischen Variante auf.
In der Schlacht von Sempach zwischen den Schweizer Eidgenossen und den Österreichern im Jahr 1386 – so eine andere Anekdote – sahen sich die Ritter gezwungen, die beim Kampf Mann gegen Mann hinderlichen Spitzen ihrer Schnabelschuhe abzuschneiden. Von den Königen verboten, von den Konzilien mit Exkommunion bestraft, von den Bischöfen verdammt, aber von Männern wie Frauen und manchen Geistlichen in ganz Europa getragen, wird der Schnabelschuh von nun an zur „verbotenen Frucht“, was ihn nur noch anziehender erscheinen lässt. Und so macht er am Hof von Burgund Furore. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts, nachdem er vier Jahrhunderte lang die Schuhmode beherrscht hat, verschwindet der Schnabelschuh.
Während des ganzen Mittelalters erfreuen sich Schuhe mit flacher Sohle großer Beliebtheit. Dennoch lassen sich schon Vorläufer des Absatzes erkennen, wie das Bild Eheleute Arnolfini von van Eyck zeigt. Die Holzschuhe, die links achtlos hingeworfen auf dem Boden liegen, zeigen eine leichte Neigung. Die Ferse ist im Vergleich zur Spitze leicht erhöht. Im Mittelalter sind Schuhe selten und teuer. Um auf den schlammigen Straßen zu gehen, zieht man zum Schutz Holzschuhe über. Da sie Lärm machen, ist es verboten, sie in der Kirche zu tragen.