78. Gustave Courbet, Die Getreidesieberinnen, 1854–1855, Öl auf Leinwand, Musée des Beaux-Arts, Nantes.

 

 

Schuhwerk und Armut

Im Zuge der Festlichkeiten am Kaiserhof des Zweiten Empire äußert sich der einer bestimmten privilegierten Schicht vorbehaltene Luxus der Garderobe auch in einer Prachtentfaltung bei den Schuhen. Die von der Aristokratie und dem zu Geld gekommenen Bürgertum getragenen Modelle kann man heute noch in öffentlichen und privaten Sammlungen bewundern. Sie sind für die Mode der Epoche bezeichnend, beweisen das von Generation zu Generation überlieferte handwerkliche Können und verraten gleichzeitig etwas vom Denken ihres jeweiligen Gestalters, gleich, ob berühmt oder anonym. Im Volk werden die Schuhe dagegen bis zum völligen Verschleiß getragen und sind daher nur in seltenen Fällen erhalten. Wir verdanken unser spärliches Wissen über ihr Aussehen der Malerei.

Der Schriftsteller Pierre-Joseph Proudhon (1809 bis 1865), ein Freund Gustave Courbets (1819 bis 1877), verkündet, die Kunst müsse im Dienst der Gesellschaft stehen und stellt Forderungen auf. Trotz der Anstrengungen Napoleons III., der sich für die Verbesserung der äußerst schwierigen Lebensbedingungen der Arbeiter einsetzt, bleiben die sozialen Konflikte virulent und stellen einen Angriff auf die bestehende Werteskala dar. In den Werken der Künstler, die Zeugen der durch die Industrialisierung eingetretenen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen wurden, schlägt sich diese Entwicklung nieder.

Der Maler Adolph Menzel (1815 bis 1905) hält sich 1855 das erste Mal in Paris auf. Bei der Weltausstellung entdeckt er den Pavillon, der Courbets realistischer Malerei gewidmet ist. Menzel, Maler am deutschen Kaiserhof, malt Feiern und Feste sozusagen als Chronist, aber er interessiert sich auch für die Arbeit in den Fabriken und versucht, sie aufrichtig und wahrhaftig darzustellen. Wichtig ist, dass durch die Gedanken und den Blick des Künstlers die Person des Arbeiters darstellungswürdig wird und er in den Mittelpunkt rückt. Auf dem Bild Eisenwalzwerk (Nationalgalerie Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, 1872 bis 1875) sieht man Arbeiter in Aktion, deren nackte Füße in groben, ausgetretenen Latschen stecken.

Der Schriftsteller und Kritiker Champfleury, Autor eines Buches über volkstümliche Bilder und Mitarbeiter der sozialistischen Zeitung, liefert Courbet Anregungen. Letzterer zeigt in seinen gesellschaftlichen Bildern einfache Schuhe, wie sie die arbeitende Bevölkerung trägt, wie auf dem im Zweiten Weltkrieg im Museum zu Dresden verloren gegangenen Bild Steinbruch. Auf diesem Bild sieht man deutlich ein Paar Holzschuhe, die der Arbeiter im Vordergrund trägt, der linke Holzschuh hat auf der Innenseite einen Riss. Der Steine tragende Mann auf der linken Seite schützt seine Füße mit rustikalen Schnürschuhen aus grobem Leder. Auf dem Bild Beerdigung in Omans versammelt Courbet die Armen und die Honoratioren des Dorfes bei der Beerdigung eines Armen im Gemeinschaftsgrab. Der auffällige Kontrast der sozialen Unterschiede kommt in dem einfachen, zerschlissenen und abgenutzten Schuh des Totengräbers und den schwarzen, eleganten, noch neuen Schuhen der Vertreter der besseren Gesellschaft zum Ausdruck.

Jean-François Millet (1814 bis 1875) malt Szenen aus dem Landleben, Zeugnisse der Arbeit der Bauern und der Noblesse der erdverbundenen Menschen. Knechte und Tagelöhner werden meist mit Holzschuhen dargestellt, wie auf dem L’Angelus (Das Angelusläuten, 1857 bis 1859), Le fendeur de bois (Der Holzfäller) oder Les glaneuses (Die Ährenleserinnen, ausgestellt im Salon von 1857). Der Maler Jules Breton interessiert sich ebenfalls für das Bauerntum und schildert es in lebendigen Szenen. In Rappel des Glaneuses (Erinnerung an die Ährenleserinnen, ausgestellt im Salon von 1859) zeigt er junge Frauen in Holzschuhen und andere mit bloßen Füßen. Das Fehlen von Schuhen, Ausdruck äußerster Armut, kommt symbolisch in der französischen Redewendung „va-nu-pieds“ (mit bloßen Füßen) zum Ausdruck. Wie Jean-Paul Roux erklärt: „… das Tragen von Schuhen bedeutet seit dem Mittelalter ein wichtiges Merkmal der Person von Stand. Es ist ohne Bedeutung, dass der Herr noch lange Zeit neben den Lederschuhen manchmal bäuerliche Holzpantinen trägt! Das ist nur ein alter Brauch. Jedenfalls ist ein Mann mit Schuhen alles, einer mit nackten Füßen nichts. Va-nu-pieds, Barfüßiger! Dieser lange gebräuchliche Ausdruck hat allmählich seinen Sinn verloren und sagt uns wenig. Einige Zeit vorher, höchstens hundert Jahre, hatte er noch seine volle Bedeutung als Synonym für Bettler, armer Mann, der sich noch nicht einmal ein Paar Schuhe kaufen kann, wie es uns die Romanschriftsteller des 19. Jahrhunderts bestätigen.“