89. Pumps mit „Schockabsatz”, Paris, 1987, entworfen von Roger Vivier, Internationales Schuhmuseum, Romans

 

 

Das 20. Jahrhundert

Will man die Geschichte und die Entwicklung des Schuhs im 20. Jahrhundert verstehen, so muss man auf frühere Persönlichkeiten und Häuser zurückkommen, deren Bedeutung für das handwerkliche und industrielle Schaffen prägend war. Bei manchen dieser Schuhmacher oder Fabriken handelt es sich um regelrechte Dynastien, die noch im 21. Jahrhundert in voller Blüte stehen. Über einige der begabten Schöpfer der bekannten Häuser wird berichtet werden, noch mehr allerdings werden fehlen. Unser Ansatz erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie alle verdienen es jedoch, dass ihr Beitrag zum Ansehen der Mode in Frankreich und in der Welt sowie die Weitergabe ihres Könnens an jüngere Generationen bekannter wird.

Der Schuh im 20. Jahrhundert kann nur in Verbindung mit den ineinander übergreifenden geschichtlichen, wirtschaftlichen und künstlerischen Faktoren erklärt werden. Diese tiefer liegenden Ursachen wirken sich nicht nur fruchtbar auf die Inspiration der Modeschöpfer aus, sondern sie bewirken auch eine grundlegende Veränderung der Kleidung, die nun zweckmäßig und für alle Anlässe geeignet ist.

Zu dieser Entwicklung tragen zunächst mehrere Ereignisse bei: Durch den Ausbau der internationalen Beziehungen wirken äußere Einflüsse auf die Mode ein und die Teilnahme an den Weltausstellungen fördert den künstlerischen Austausch. Später spielen die Modeschauen der Haute Couture sowie Modezeitschriften, Fotografie und Kino eine entscheidende Rolle. Auch die Entwicklung des Sports und das Aufkommen des Autos leisten ihren Beitrag. Parallel zu der zunehmenden Industrialisierung gibt es jedoch weiterhin reiche französische und ausländische Kunden, die nur maßgeschneiderte Kleider und Schuhe tragen. Die von der Haute Couture beeinflusste Serienfertigung fördert die Entwicklung des Schuhhandels, da aufgrund niedrigerer Preise die Artikel auch für die Masse zugänglich werden. Namen wie André oder Bata stehen für den Vertrieb des Schuhs auf breiter Ebene. Die Auswirkungen der beiden Weltkriege werden ebenso spürbar sein wie das Aufkommen des Designs und die technologischen Neuerungen in der Schuhherstellung. Um 1900 wird die Mode durch das Kostüm grundlegend verändert. Die aus England kommende Begeisterung für Sport und Aktivitäten im Freien finden großen Anklang und das Gepäck für Etretat oder Trouville enthält nun Schnürstiefel aus Stoff mit Gummisohlen. Die Frauen, die es wagen, Rad zu fahren, haben auch den Mut, halblange, bauschige Hosen zu tragen, die jenseits des Ärmelkanals in Mode sind. Sie erregen großes Aufsehen, denn sie geben den Blick auf die Schuhe frei, wie man auf dem Gemälde von Jean Béraud um 1900 Le Chalet du cycle au bois de Boulogne (Das Fahrradhäuschen im Bois de Boulogne), das im Musée Carnavalet in Paris aufbewahrt wird, sehen kann.

Zwischen 1900 und 1914 steigt die Zahl der Modeschöpfer im Zuge der Belle Epoque und von Worth zusehends: Paquin, Callot, Soeurs, Doucet, Lanvin… Die Damen von Welt und die der Halbwelt geben ein Vermögen für ihre Toilette aus. Die Neureichen stolzieren in ihrem schönsten Staat umher, um auf ihren erst vor kurzem errungenen Wohlstand aufmerksam zu machen. Während man bis 1910 im Winter goldbeige oder schwarze Halbstiefel mit Knöpfen oder Schnürsenkeln trägt, sind im Sommer geschlossene Schuhe in Mode.

Die ausgeschnittenen Schuhe mit Absätzen im Stil Ludwigs XV., deren oberes Schaftende spitz zuläuft, sind mondän und werden auf Abendgarderobe und Strümpfe abgestimmt. Die Schuhmode der Männer besteht aus geknöpften Stiefeln und aus geschlossenen, über dem Rist geschnürten Schuhen zu sportlicher und zwangloser Kleidung. Die meisten dieser Schuhe werden von unbekannten Pariser Handwerkern angefertigt, die gut und schnell, aber nur auf Bestellung arbeiten.