101. Kniehohe Stiefel aus rosa Ziegenleder auf einem Gestell aus goldbronzenen Spiralen. Verschluss vorne mit 17 Knöpfen. Kreation des Schuhmachers Hellstern. Paris, um 1950.

 

 

Hellstern

Das Schuhhaus Hellstern, dessen erste Berufung der Herrenschuh war, wurde um 1870 in Paris, in der Rue du 29 juillet, gegründet und um 1900 an die Place Vendôme verlegt. Die drei Söhne, Maurice, Charles und Henri Hellstern, entwickelten durch aktive Zusammenarbeit das Unternehmen, das zu seiner besten Zeit (1920–1925) über hundert Arbeiter beschäftigte, zu seiner Zeit also tatsächlich bedeutend war. Zahlreiche Handwerker sicherten dem Haus eine Herstellung ersten Ranges: an der Loire, wo es wegen der Kavallerieschule viele in der Stiefelherstellung geschulte Arbeitskräfte gab, und im Süden, wo sich sehr begabte italienische Handwerker angesiedelt hatten.

Die Erweiterung des Unternehmens ist sehr wichtig für seine Zeit: Eine Zweigstelle in Brüssel wird bis 1949 unterhalten, eine weitere in London schließt 1965 und eine Boutique in Cannes, die auf den Vertrieb von Konfektion ausgerichtet ist, besteht bis 1970. Dennoch ist der Name Hellstern im Wesentlichen mit Paris verbunden. Das Unternehmen nimmt an den Modenschauen der Haute Couture teil, was ihm die Käufer von Luxusgegenständen aus Frankreich und dem Ausland als Kunden verschafft. Es versorgt die berühmtesten Füße seiner Zeit mit Schuhen: Prinzen und Prinzessinnen der europäischen Höfen, berühmte Schauspieler, Damen von Welt. Einige Kunden sind wahre Abonnenten und bestellen bis zu drei Paaren in der Woche, über hundertfünfzig im Jahr, die sie monatlich, vierteljährlich oder jährlich zahlen. Es handelt sich um wahre Vermögen. Das Paar Schuhe der Marke HELLSTERN kostet im Schnitt etwa 125 Francs (20 Euro) im Jahr 1919, 250 Francs (38 Euro) im Jahr 1924 und 1000 Francs (152 Euro) im Jahr 1929!

Die drei Brüder teilen die Aufgaben unter sich auf. Henri, der nach dem Krieg von 1940 Vorsitzender der nationalen Handwerkskammer der französischen Schuhmacher wird, ist für die öffentlichen Beziehungen zuständig. Charles entwickelt die Konzepte und ist an der Entstehung der Damenschuhmode beteiligt, die in den 20er-Jahren wesentlich durch drei Typen gekennzeichnet ist: den Schuh „Charles IX“, flach oder mit Absatz, der an der Fessel mit einem Querriemchen versehen ist, das vom inneren zum äußeren Fersenleder verläuft und dort mit einem Knopf oder einer Schnalle befestigt ist (Abb. 99); den Schuh „Salomé“, abgeleitet vom Charles IX, rings um den Knöchel mit einem T-förmigen Riemchen versehen; den Schuh „Escarpin“, flach oder mit Absatz, ausgeschnitten, mit dünner Sohle, ohne Verschluss an der Fessel.

Das Internationale Schuhmuseum von Romans besitzt über 250 Paar Schuhe, die Zeugnis von der Produktion der Manufaktur Hellstern ablegen und einer einzigen Frau gehört haben. Diese außergewöhnliche Sammlung, erworben von der Vereinigung der Freunde des Museums von Romans, ist bezeichnend für jeden Moment im Leben einer Frau aus der „betuchten“ bürgerlichen Schicht ihrer Zeit. Dies sind die Jahre zwischen den Weltkriegen mit der verrückten Explosion der Lebensfreude nach der schrecklichen Prüfung: Die Frau soll schön sein und es zeigen tagsüber, abends und im Intimleben. Ganz selbstverständlich finden sich in der Kollektion Hellstern die drei modischen Schuhtypen sowohl als Stadtschuhe als auch als Abendschuhe.

Was „Charles IX“ und „Salomé“ betrifft, werden die hinsichtlich der Form und der Verzierung gleichen Modelle in zahlreichen Farbtönen hergestellt (man zählt bis zu dreizehn) und in Wildleder, Eidechse, Schlange und Krokodil angefertigt. Leuchtende Farbtöne herrschen vor: Violett, Grün, Fuchsia, Gelb, Rot, Blau, Weiß usw. Die allgemeine Linie der Formen wird durch den leicht abgerundeten Stiefel erweitert. Die ledernen Anbringungen in Farben, die zu derjenigen des Schaftes kontrastieren, bilden für gewöhnlich eine Verzierung aus geometrischen Linien von großer handwerklicher Qualität. Sie betonen die virtuose Kunstfertigkeit des Maschinennähens mit einer sehr feinen Nadel, die es ermöglicht, weniger als einen Millimeter starke Stiche auszuführen. Diese Technik wird heute nicht mehr angewandt. Die meisten Absätze entsprechen dem Typ Louis XV., sind fünf bis acht Zentimeter hoch und stets aus lederüberzogenem Holz oder aus mit Strass oder mehrfarbigem Glasschmuck besetztem Zelluloid.

Die Verzierung besteht im Wesentlichen in der Verschiedenheit der Schnallen, die lediglich eine dekorative Funktion erfüllen. Sie geben jedem Paar unabhängig vom jeweiligen Modell eine persönliche Note. Die Schnalle ist hier eine Zierde oder sogar ein Schmuckstück: Manche sind aus massivem Silber, aus Gagat oder einfach aus Perlen, bemaltem Metall, Strass, Markassit. Andere, noch ältere stammen aus dem 19. Jahrhundert und zeugen von der Phantasie des Schuhmachers. Was die Abendschuhe anbelangt, sind die Modelle aus Samt, Lamé, bestickter Seide, gold- oder silberdurchwirktem Ziegenleder, durchbrochenem Ziegenleder, das eine wahre Spitzenstickerei aus Leder mit sehr glänzenden Verzierungen bildet, die an Foxtrott und Charleston denken lässt.

Der Tanzschuh, aus Ziegenleder und mit einer Borte aus grobkörniger Seide umnäht, unterscheidet sich durch seine elegante Schlichtheit, obwohl „Salomé“ und vor allem „Charles IX“ wesentlich verzierter sind. Während des Zweiten Weltkrieges verwendet Hellstern kein anderes Material als Leder, aber die Kreationen des Hauses haben das Profil von Schuhen aus der Epoche der dicken Sohlen.

Eine der Kuriositäten dieser Kollektion: 99 Paar Stadtstiefel. Diese Stiefel sind aus Ziegenleder, reichen bis zum Knie hinauf, haben einen hohen Louis XV-Absatz und sind auf der Außenseite durch eine Knopfleiste geschlossen, die am Bein anliegt. Einige Modelle sind Schnürstiefel.

Diese große Einheit der Formen ist durch eine große Verschiedenheit der Farben ausgeglichen; sie erlaubt einige Varianten in der Knöpfung, die auf jeder Seite doppelt oder auf der Hinterseite angebracht sein kann. Die Knöpfe, immer 24 Stück, sind aus Perlmutt, aus Gagat oder aus Strass. Die größte Originalität besteht jedoch in etwa 20 Modellen, die zum Laufen ungeeignet sind und Objekten des Fußfetischismus nahekommen: Sandalen, Lackschuhe oder „Bettstiefel“ in extravagantesten Formen. Sie haben immer sehr hohe Absätze, die eine Höhe von bis zu 26 Zentimetern erreichen können, obwohl der Zehenballen mit einer Sohle in Form eines sich zur Grundfläche hin verjüngenden Überschuhs ausgestattet ist. Bei einigen Modellen gehen der Vorderschuh und der Absatz ineinander über. Die Krümmung ist ausgesprochen betont. Die Farbtöne des Oberleders, durchweg Ziegenleder, sind auf Schwarz, Rot, Gold und Silber beschränkt. Die Absätze sind manchmal mit Strass übersät, die Stiefelschäfte sind sehr ausgeschnitten.

Zu den außergewöhnlichsten Stücken gehört ein Paar schenkellange Stiefel aus rosafarbenem Handschuhleder, die auf einem Überschuh aufsitzen, der seitlich mit Spiralen aus Goldbronze versehen ist. Daneben gibt es in der Kollektion ein Paar schwarze und vergoldete schenkellange Stiefel mit doppeltem Absatz, die die Füße wie Handschuhe umschließen, deren Finger mit einer Art Nägel aus Strass besetzt sind. Insgesamt setzt sich diese Kollektion aus „verrückten“ und „vernünftigen“ Schuhen zusammen.