102. Meisterwerk von Yantorny: Halbschuh aus Federn. Internationales Schuhmuseum, Romans.
Schuhmacher von gestern und heute Pierre Yantorny
Der teuerste Stiefelschuster der Welt
Dank der Entdeckung seines Tagebuchs, einiger Fotos sowie persönlichen Unterlagen und Schuhe, die ein Neffe des Künstlers dem MIC (Musée International de la chaussure) in Romans geschenkt hat, konnte der Schleier des Geheimnisses um Pierre Yantorny, „den teuersten Stiefelschuster der Welt“, endlich gelüftet werden. Diese Dokumente ermöglichen es, die Geschichte neu zu schreiben und die Legende seiner indonesischen Abstammung und seiner Funktion als Konservator des Musée de Cluny in Paris zu verwerfen. Pierre Yantorny ist italienischer Abstammung. Geboren am 28. Mai 1874 in Marasso Marcheasato in Kalabrien, besucht er achteinhalb Jahre die Schule und verdient von da an seinen Lebensunterhalt in einer Makkaronifabrik, in der er für zwanzig Centimes pro Tag von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends arbeitet. Dann tritt er in den Dienst eines Privatmannes und versorgt dessen Pferd. Während sich sein Vater in Chicago niederlässt, kommt er mit 12 Jahren nach Neapel, wo er zu einem Schuster in die Lehre geht, der ihm sein Wissen gegen Bezahlung vermittelt.
Sechs Monate später findet er eine Anstellung und kann sich einige Ersparnisse zulegen. Mit dieser kleinen Barschaft unternimmt er auf einem Frachter die Reise nach Genua. Nach einem kurzen Aufenthalt kommt er nach Nizza, wo er seine Kenntnisse des Schusterhandwerks vervollkommnet, aber bereits von Paris träumt. Um seine Reise zu finanzieren und die dazu benötigten zweiundvierzig Francs (6,40 Euro), den Preis einer Eisenbahnfahrkarte, zu sparen, arbeitet er auf Anraten eines Schusters im Schlachthof, wo er Schafe zur Schlachtbank führt. Yantorny erzählt in seinem Tagebuch: „Ich kam also am 13. Juni 1891 nach dreitägiger Reise nach Paris, denn der Zug war kein Schnellzug; um vier Uhr morgens zog ich triumphierend in die Hauptstadt Frankreichs ein. Man hatte mir die Adresse einer Schusterwerkstatt in der Rue Saint Honoré gegeben, wo ich Arbeiter treffen sollte, die mir helfen sollten, eine Arbeit zu finden. Aber ach! Diese Werkstatt existierte bereits seit fünf Jahren nicht mehr.“
Dank der Freundlichkeit eines italienischen Restaurators in der Rue Traversière gelingt es ihm, bei einem Arbeiter unterzukommen, der für die großen Häuser in Paris arbeitet. Der Tag beginnt um vier Uhr morgens und endet abends um zehn. Sehr bald wird er durch seinen Fleiß und sein Talent ein Experte im Zuschneiden und im Gebrauch der Ahle. Aber sein Gönner, der Restaurator, verschwindet, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Um eigenes Werkzeug kaufen zu können, arbeitet er drei Monate als Tellerwäscher in einem Restaurant. Da er keine Arbeit findet, reist er zunächst nach Genua und trifft dann am 17. Januar 1882 mit zwanzig Centimes in der Tasche wieder in Nizza ein. Er verbringt dort den Winter, arbeitet weiter an der Perfektionierung seines handwerklichen Könnens und kehrt nach Paris zurück. Dort lässt er sich 1898 nieder und arbeitet als hochqualifizierter Handwerker – ein Ausdruck, der in seinem Tagebuch häufig wiederkehrt – für die vornehmsten Häuser.
In London, wo er zwei Jahre verbringt, entdeckt er neue Aspekte der Schuhherstellung. Er lernt dort das Handwerk der Herstellung von Stiefelleisten, das er ebenso wie das des Leistenmachers als unerlässliche Ergänzung des Stiefelschuster-Handwerks betrachtet. Außerdem hat er in London Gelegenheit, Englisch zu lernen, ein wichtiger Pluspunkt im Umgang mit seiner zukünftigen amerikanischen Kundschaft. Zur Weltausstellung ist er wieder in Paris. Er gibt vorübergehend sein Schusterhandwerk auf, um das des Leistenmachers zu erlernen. In seinem kleinen Zimmer in der Rue Saint Dominique betreibt er eigene Studien. Er notiert in seinem Tagebuch: „Dort begann ich ganz allein meine Studien als Leistenmacher, ich arbeitete viele Stunden, vergaß manchmal das Essen. Meine Untersuchungen dienten mir als Nahrung, denn ich sah, dass ich auf meinem Forschungsgebiet Fortschritte machte.“
Vier Jahre später mietet er für den Betrag von dreiundzwanzig Euro eine alte Bäckerei in der Rue Faubourg Saint Honoré Nr. 109 und lässt sich dort als Leistenmacher für die Schuster nieder. Die Herstellung von vier verschiedenen Modellen, „… die das Auge durch ihre Konturen ansprechen“, wie er sich ausdrückt, verschafft ihm sehr viel Arbeit. Aber er spielt mit dem Gedanken, eine elegantere Kundschaft zu erreichen. „… die Leute, für die ich Schuhe machte, sollten diese passend zu ihrer Garderobe wählen, natürlich verlangte es große Anstrengungen, eine solche Kundschaft zu erreichen.“ Einige Jahre später lässt er sich in der oberen Etage der Rue Vendôme Nr. 26 nieder, wo sich heute der Juwelier Boucheron befindet. Da er keinen Geldgeber findet und von der gesamten Schusterinnung kritisiert wird, erklärt er: „… besser handeln als reden und der Nachwelt das Urteil überlassen.“
Um Kundschaft anzuziehen, bringt er im Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift an: „Beim teuersten Stiefelschuster der Welt“. Als Meister seines Fachs wendet er sich an sehr begüterte Kunden, die über die nötige Zeit und Geschmack verfügen, vor allem aber an solche Kunden, die eine Anzahlung von dreitausend Francs (457 Euro) können und bis zur Lieferung eines vollkommenen Schuhs sechs bis acht Anproben über sich ergehen lassen.
In seinem Tagebuch betont er, welche besondere Kunst es erfordert, bei der Anprobe der Stiefel die Übereinstimmung von Form, Fuß und Schuh zu überprüfen. Eine Nachlässigkeit des Stiefelschusters kann eingewachsene Nägel, Hornhaut, Hühneraugen und sogar einen großen Zeh vom Umfang einer Kartoffel zur Folge haben. Was ihn zu dem Schluss veranlasst: „Wenn sich ein Kunde beim Schuster alle diese Übel eingehandelt hat, behält er sie sein ganzes Leben lang, selbst Ärzte und Chirurgen können ihn nicht davon befreien. Daher dürfen diejenigen, die auf ihr Wohl und ihre Gesundheit bedacht sind, ihre Füße nicht irgendeinem beliebigen Schuster anvertrauen.“
Humorvoll erklärt Yantorny das Verhalten von Menschen, die schlechte Schuhe tragen und die sich daraus ergebenden Folgen: „Wenn Ihr wasserdurchlässige Schuhe tragt, werdet Ihr Schnupfen und andere Krankheiten bekommen.“ Wodurch sich ein Wissenschaftler wie Pasteur in der folgenden Auffassung bestätigt sieht: „Wenn Ihr ein wichtiges Anliegen verfolgt und Euch die Füße weh tun, werdet Ihr schlechte Laune haben und Eure Angelegenheit nicht adäquat vertreten.“ Und Yantorny fügt hinzu: „Wenn Ihr ins Theater geht, um ein Stück zu sehen, das Ihr besonders schätzt und Ihr tragt Schuhe, die Euch weh tun, werdet Ihr kein Vergnügen haben.“
Oder an anderer Stelle: „Wenn Ihr zu einem Dinner geht, werdet Ihr es nicht genießen, wenn Euch die Füße schmerzen, auch wenn die Speisen exquisit sind und die Gesellschaft angenehm ist.“ Daher sein Beharren auf der Qualität der dem Fuß nachgebildeten Form, von der das Gleichgewicht des den Fuß eng umschließenden Schuhs abhängt.
Sein mit technischen Ratschlägen gespicktes Tagebuch informiert uns über seine Meisterschaft in der Kunst der Schuhherstellung. Vom Maßnehmen, der Erstellung der Form über die Vorbereitung des Leders, das Zuschneiden, das Zusammennähen, die Montage oder die Herstellung der Absätze im Stil Ludwigs XV., die Leichtigkeit und Festigkeit des Schuhs, die Leisten, die Reproduktion der Form, die er das „Korsett des Schuhs“ nennt, nicht zu vergessen.