109. Das Perugia 1942 gewährte Patent. Internationales Schuhmuseum, Romans.
André Perugia, einer der berühmtesten Schuhmacher des 20. Jahrhunderts, wird 1893 in der Toskana geboren. Sein Vater ist Flickschuster und wandert, um der Armut zu entkommen, mit seiner Familie nach Nizza aus, wo er sich als Schuster niederlässt. André beginnt seine Lehrzeit in der Werkstatt seines Vaters und setzt mit sechzehn Jahren seine Ausbildung bei einem Schuhmacher in Nizza fort. Er merkt jedoch bald, dass er bei seinem neuen Lehrmeister nichts mehr lernen kann und beschließt, den Laden seines Vaters zu übernehmen.
Angesichts seiner schöpferischen Begabung wird er sich der Grenzen des Schusterhandwerks bewusst. Die Frau des Direktors des Negresco-Hotels interessiert sich für seine Modelle und überlässt ihm ein Schaufenster, in dem er seine Schuhe für die Kundschaft ausstellen kann. Dort entdeckt sie Paul Poiret bei einem Aufenthalt in Nizza. Er will seine Kollektionen hinduistischen Prinzessinnen und anderen wohlhabenden Kunden vorstellen, die an der Riviera ihre Ferien verbringen und ist auf der Suche nach bunten Accessoires, um seiner Modenschau noch mehr Glanz zu verleihen. Nur André Perugia ist bereit, kurzfristig die vom Modeschöpfer gewünschten Modelle anzufertigen.
Nach der erfolgreichen Vorführung schlägt Poiret Perugia vor, sich in Paris niederzulassen. Dieses Projekt lässt sich allerdings aufgrund des Krieges erst 1920 realisieren. Poiret macht Perugia anlässlich seiner Modeschauen bei seiner eleganten Klientel bekannt. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten und Perugia kehrt mit zahlreichen Aufträgen nach Nizza zurück. In seinem kleinen Familiengeschäft träumt er jedoch davon, für die vornehme Pariser Gesellschaft Schuhe anzufertigen. Ein Jahr später wird sein Traum Wirklichkeit und er eröffnet eine Boutique im Faubourg Saint Honoré Nr. 11. Im Schaufenster präsentiert er neben den Schuhen berühmter Kunden auch extravagante Modelle, die die Aufmerksamkeit der Presse auf sich ziehen. Es ist Poiret ein Leichtes, dem begabten jungen Mann beim Aufstieg zu helfen. Der Schuhmacher kreiert für den Modeschöpfer zahlreiche Modelle wie „Arlequinade“ und „Folie“, die Namen der Parfums des Modeschöpfers. Bei Perugia, dem viel gepriesenen Schuhmacher, gehen Aristokraten, Bühnen- und Kinostars, Königinnen, Prinzessinnen sowie reiche Kundinnen wie Mistinguett, der Schwarm des Pariser Varietés und Josephine Baker, die exotische Tänzerin der Goldenen Zwanziger, ein und aus. Er fertigt ausschließlich Schuhe für Damen, Herrenmodelle realisiert er nur ausnahmsweise wie zum Beispiel für seinen Freund Maurice Chevalier. Perugia überquert 1927 den Atlantik, um reiche amerikanische Kunden zu erobern. Der Erfolg lässt nicht auf sich warten, „Monsieur Perugia“ wird zu „Mister Perugia“. In der Rue de la Paix Nr. 4 kreiert er 1933 die Marke Padova, die von Saks Fifth Avenue verkauft wird.
Mit Rayne dehnt er seinen Verkauf auch nach England aus. Im Jahr 1936 beehrt ihn Königin Elisabeth von England anlässlich eines Besuchs in Paris mit einer Bestellung. Er zieht 1937 endgültig in die Rue de la Paix Nr. 2 und bleibt dort bis zum Ende seiner Karriere. Perugias Werk ist gewaltig. Will man sein Werk verstehen, so muss man sich den technischen Aspekten, den Inspirationsthemen und seiner Zusammenarbeit mit den Modeschöpfern zuwenden. Die Arbeit eines Schuhmachers ist mit der der Haute Couture vergleichbar. Der Schuhmacher fertigt den Fußabdruck entweder in Gips oder als Zeichnung an und misst den Fuß. Die Schuhform wird durch das Absatzmodell und seine Höhe bestimmt. Anhand dieser Elemente wird eine erste schmucklose Rohform realisiert, die nur zur Anprobe dient und die an der Spitze, an der Seite und an der Ferse mit Öffnungen versehen wird. Wenn sich dieser erste Entwurf dem Fuß der Kundin perfekt anpasst, wird der Schuh angefertigt. Perugias Aufträge werden zum Teil in seiner Fabrik und zum Teil in Heimarbeit ausgeführt.