136. Sarkis Der Balian an seiner Werkbank.
Sarkis Der Balian
Der unvergängliche Schuhmacher
Sarkis Der Balian ist armenischen Ursprungs. Er wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Aïtab Cilicie in Kleinarmenien geboren und interessiert sich schon sehr früh für Schuhe. Als er mit sieben Jahren Waise wird, nimmt ihn ein Schuhmacher seiner Gegend bei sich auf, macht ihn nach und nach mit seinem Handwerk vertraut und gibt ihm die Möglichkeit, gleichzeitig die Schule zu besuchen. Der Junge stellt sich bald als ein begabter, fleißiger Lehrling mit außergewöhnlichem handwerklichen Geschick heraus. Auf Anraten seines Lehrmeisters betreibt er das Handwerk weiter. Aus Liebe zu seiner Arbeit macht das Kind das armenische Sprichwort „Ein Handwerksberuf ist wie ein goldenes Armband“ zu seinem Leitmotiv. Am 7. März 1929 kommt er in Frankreich an, um seine Kunst bei verschiedenen Pariser Schuhmachern auszuüben. Um das Jahr 1934 wird er bei Enzel, einem Schuhmacher der Rue Saint-Honoré, eingestellt und leitet vierzig Arbeiter an. Der berühmte Charles Ritz, der Leiter des Unternehmens, bewundert sein Können. In dieser Zeit fertigt er Schuhe für Marie Curie, die Fliegerin Hélène Boucher, Mistinguett und viele andere.
Parallel zu seiner schöpferischen Arbeit im Unternehmen arbeitet er als freischaffender Modellzeichner, was ihm ermöglicht, sein Talent unter Beweis zu stellen. Er entwirft Modelle für Max Bally, für die Fabriken Unic-Fenestrier in Romans und Fougères sowie für das Haus Besson, eine kleine Pariser Damenschuhmanufaktur. Bei einigen Modellen, die er für die großen Couturiers geschaffen hat, übernimmt er auch die technische Entwicklung.
Unter dem Einfluss seiner Italien-Reise im Jahr 1935 treibt er seinen Hang zur Ästhetik bis zum Äußersten. Seine Pumps, Sandalen, Stiefeletten und seine flachen Schuhe sind beredte Zeugen. Im Zuge der Ereignisse des Jahres 1936 wird das Haus Enzel geschlossen. In der Folge übernimmt er die technische Leitung von Cecil, einem Laden für Damen-, Herren- und Kinderschuhe an der Ecke der Rue de Rivoli und der Rue du Renard. Im Jahr 1939 schlägt er Delmans Angebot aus, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Er hängt an seiner Wahlheimat Frankreich und lässt sich von 1943 bis 1945 in der Rue de la Sourdière in Paris nieder. Der von ihm entworfene und realisierte Rokokodekor seines ersten Ladens ist noch heute zu sehen. Aufgrund seines Erfolges zieht er 1947 in ein geräumigeres Geschäft in der Rue Saint-Honoré Nr. 221. Auch hier kümmert er sich um die Inneneinrichtung und den Dekor. Sein Geschäft ist für anspruchsvolle, auf Eleganz und Komfort bedachte Kundinnen ein wahrer Schmuckkasten. Die Bezeichnung Der Balian-Schuh steht dem Handwerksmeister, Schuhmacher, Designer und Schöpfer, wie er sich selbst nennt, zweifellos zu.
In seinem Streben nach Perfektion realisiert er Meisterwerke wie die Geschichte von Aschenputtel, eine aus über fünfhunderttausend winzigkleinen Lederstückchen bestehende Miniatur. Dieselbe Technik entdecken wir auch auf einem Schuh, auf dem eine Ansicht von Zürich vom Fenster des Rathauses aus dargestellt ist. Die damalige Stadtverwaltung will den Schuh unbedingt erwerben, er lehnt jedoch ab. Er arbeitet über ein Jahr an dem Stück. Für ihn zählt nur das Ergebnis, er scheut keine Mühen und beginnt immer wieder von neuem, bis das Stück seinen Vorstellungen entspricht.
In seiner langjährigen Karriere fertigt er Schuhe für Persönlichkeiten wie die Maler Salvador Dalí oder Dunoyer Segonzac, den Bildhauer Paul Belmondo, die Schauspieler Claude Dauphin, Gaby Morlet, Greta Garbo, Laurent Terzieff, den Boxer Georges Carpentier, die Künstler Henri Salvador, Yehudi Menuhin, die Schriftsteller Jean Anouilh, Aragon und Elsa Triolet oder den Flieger Jean Mermoz.
Ab 1930 hat er weltweites Ansehen und seine Leistungen werden mit zahlreichen Preisen und den höchsten Auszeichnungen auf nationalen und internationalen Ausstellungen gewürdigt. 1955 wird er mit seinem Meisterwerk Floralie, einem außergewöhnlichen Schuh mit hohlem, mit Intarsien verzierten Silberabsatz zum Preisträger der Weltmeisterschaft der Schuhkunst. Die Jury erklärt ihn zum “Michelangelo der Schuhkunst”. Die Stadt Paris verleiht ihm zu diesem Anlass die Vermeilmedaille und den Titel “Meilleur Ouvrier de France” (Bester Handwerker Frankreichs) im Jahr 1958. Dank dieser Auszeichnung erneuert das Erziehungsministerium seinen Beraterauftrag im Berufsschulwesen fünf Mal.
Es ist ihm ein Bedürfnis, sein Wissen an die jüngere Generation weiterzugeben. Er ist in der Lage, gute Arbeit ganz objektiv anzuerkennen und zu bewundern. Mit der Hilfe seiner Frau Astrid führt er seine Aktivität bis 1995 fort. Er stirbt am 29. März 1996. Dennoch sind wir noch immer voller Bewunderung für diesen bedingungslosen Meister der Schuhkunst, dessen Werke im Musée International de la Chaussure (MIC) in Romans ausgestellt sind.