141. Berluti, Herrenschuhe.

 

 

Berluti
Drei Künstlergenerationen

Der aus Senigallia stammende Alexandre Berluti erlernt als Jugendlicher das Schreinerhandwerk. Die kunstvoll bearbeiteten Formen zeugen von der Begeisterung, mit der er seinem Beruf nachgeht. Sein handwerkliches Geschick und sein Know-how, das auch seiner Arbeit mit dem Leder zugute kommt, gibt er an seine Kinder weiter. Als Alexandre Berluti die spannenden Geschichten des alten Ilebrando, eines nach Marseille emigrierten und ins heimatliche Dorf zurückgekehrten Stiefelmachers, hört, bekommt er Lust zu reisen und zieht 1887 mit dem Werkzeug im Gepäck in die Ferne. Unterwegs trifft Alexandre eine Truppe von Gauklern, die er einige Jahre lang begleitet. Er fertigt für die Schausteller Schuhe an. 1895 erreicht er Paris und arbeitet dort als Schuhmacher.

Er stellt nur maßgefertigte Schuhe her, eine Tradition, die das Haus Berluti bis heute aufrechterhält. Durch die Weltausstellung des Jahres 1900 wird er einem breiteren Publikum bekannt. Als er in seine Heimat zurückkehrt, eröffnet er eine Werkstatt, die er bis zu seinem Tod leitet und gibt seinem Sohn Torello, der bei ihm in die Lehre geht und großes Interesse für das Handwerk bezeugt, seine Kunst weiter. Gleich einem Bildhauer behaut, schneidet, poliert und gestaltet er. In den Goldenen Zwanziger Jahren lässt er sich in Paris nieder und eröffnet 1928 in der Rue Mont Thabor den Laden Berluti bottiers de grand luxe. Der Stil des Hauses gründet auf drei symbolischen Modellen: ein geschnürter Pumps oder Papstschuh, nahtlos aus einem Stück gefertigt, reine Form, ein Pumps oder Mokassin aus einem Stück gefertigt, genannt Schuh der Renaissanceprinzen und der Schuh im Stil Napoléons III., ein hoher Schuh mit einem Gummiband an der Seite, von dem der Herzog von Windsor eines Tages sagt, er sei „dezent und ganovenhaft zugleich“. Schon damals ist der Berluti-Schuh bemerkenswert und zieht die Aufmerksamkeit der internationalen Kundschaft der umliegenden Luxushotels auf sich, wodurch sich ein Umzug in die Rue Marbeuf Nr. 26 rechtfertigt. Dieser außergewöhnliche Ort ist, den Gewerben der Familie entsprechend, mit Holz und Leder ausgeschmückt und entwickelt sich zum Tempel des eleganten Herrenschuhs. Zu Beginn der 1950er Jahre trifft man dort die unterschiedlichsten Persönlichkeiten: James de Rothschild, Alain de Gunzburg, Sacha Distel, Eddy Constantine, Bernard Blier, Gaston und Claude Gallimard, Charles Vanel, Fernand Gravey, Marcel l’Herbier, Pierre Mondy, Yul Brynner, Marcel Achard, Jules Roy oder André Hunnebelle, so dass er schließlich 1958 den „Jetset“ zu seinen Kunden zählt.

Am Anfang der 1960er Jahre übernimmt Talbino, der Sohn Torellos, die Leitung des angesehenen Hauses. Schon mit vierzehn Jahren erlernt Talbino das Schuhmacherhandwerk, studiert danach allerdings Architektur. Vater und Sohn teilen sich die Aufgaben: Talbino, der intellektuellere und schöpferische, entwirft und Torello realisiert das Modell. Aus dieser Zusammenarbeit geht Anfang der 40er Jahre der geschnürte Mokassin hervor. 1959 gibt er dem Haus dank der Erfindung des luxuriösen Konfektionsschuhs eine völlig neue Richtung. In einem Universum, in dem Maßarbeit mit langen Lieferfristen vorherrscht, stellt die neue Tendenz anspruchsvolle und ungeduldige Kunden zufrieden. Die luxuriösen Konfektionsschuhe sind sofort verfügbar, die Preise niedriger, Kundenkreis und Unternehmen dehnen sich aus. Wie jedoch lassen sich ohne Maß zu nehmen, Schuh und Fuß miteinander in Einklang bringen?

Talbino und seine Cousine Olga lösen das Problem, indem sie fünf morphologische Typen festlegen: der anspruchsvolle, intellektuelle, zarte, masochistische und der unsympathische Fuß. Anhand dieser Porträts kann je nach Fußtypus das entsprechende Modell für den Kunden ausgewählt werden. Zwischen 1960 und 1980 entwickelt sich das Unternehmen stetig.