151. Roger Vivier, „Schockabsatz” 1955.
Roger Vivier
Der große Schuhdesigner
Roger Vivier wird 1907 in Paris geboren. Mit fünfzehn Jahren beginnt er in der Schuhfabrik einer befreundeten Familie zu arbeiten. Dort macht er sich mit den technischen Verfahren und den verschiedenen Arbeitsschritten vertraut. Seine künstlerische Begabung führt ihn in die Ecole des Beaux-Arts in Paris, wo er die Bildhauerkunst erlernt. Zwischen 1926 und 1927 beginnt Roger Vivier im Alter von zwanzig Jahren seine Laufbahn als Modellzeichner für Schuhe. Die Begegnung mit dem Bühnenbildner Paul Seltenhammeur ist dabei ausschlaggebend. Gemeinsam mit jenem entdeckt er Venedig und Berlin sowie die künstlerische und literarische Avantgarde seiner Zeit.
Sowohl Mistinguett als auch Josephine Baker und Marianne Oswald, die Cocteaus Lieder singt, geben ihre Schuhe bei ihm in Auftrag. Sein großes Interesse für die avantgardistischen Tendenzen veranlasst ihn, in seine Schöpfungen die großen Kunstbewegungen seiner Zeit zu integrieren: Art déco in Frankreich, das Bauhaus in Deutschland, die Wiener Werkstätten in Österreich. Die Ausstattung seiner Wohnung zeugt von dieser kulturellen Verschmelzung. Im Jahr 1936 stellt ihn die im Dachgeschoss auf der Place Vendôme Nr. 16 ansässige Firma Laboremus, die französische Filiale einer bedeutenden deutschen Gerberei, als Modellzeichner ein. Roger Viviers Aufgabe ist es, eine typisch pariserische Schuhkollektion zu kreieren, um neue Kunden zu gewinnen und den Lederverkauf zu fördern. Roger Vivier eröffnet 1937 seinen ersten Laden in der Rue royale. Die dort konzipierten Modelle lässt er von seiner eigenen Werkstatt für die zahlreichen französischen und amerikanischen Kunden anfertigen. Er entwirft Modelle für die bekanntesten Schuhhersteller der Welt wie beispielsweise für den Amerikaner Delman, der für Viviers Schöpfungen das Alleinverkaufsrecht in Amerika besitzt. Die Modewelt, insbesondere Elsa Schiaparelli, begeistert sich ebenfalls für seine Kreationen. Da er im Krieg als Soldat eingezogen wird, muss er seinen Laden in der Rue royale schließen. Nach seiner Entlassung im Jahr 1940 setzt er auf Delmans Einladung seine Arbeit in den Vereinigten Staaten fort und schifft sich 1941 auf dem Überseedampfer Exeter nach New York ein. Auf der Überfahrt lernt er Suzanne Rémy, erste Putzmacherin bei Agnès, kennen, die mit ihrer Mutter auswandert. Wegen des Kriegseintritts der Vereinigten Staaten wird Leder rationiert und vorrangig für die Bedürfnisse der Armee verwendet. Der Rohstoffmangel führt Roger Vivier dazu, sich eine zusätzliche Tätigkeit zu suchen. Er arbeitet als Assistent für den Fotografen von Harper’s Bazaar, Georges Hoyningen-Huene. Erneut verkehrt er in der Modewelt und begegnet Carmel Snow. Er freundet sich aber auch mit Fernand Léger an und lernt exilierte europäische Künstler wie Max Ernst, Calder und Chagall kennen.
Gleichzeitig hat er eine Anstellung bei Bergdorf Goodman, und abends kreiert er zusammen mit Suzanne Rémy Hüte. Die ehemalige erste Putzmacherin der berühmten Agnès macht ihn mit der Hutmacherei vertraut. An der Ecke der Madison Avenue und der 64. Straße wird 1942 das Hutgeschäft Suzanne et Roger eröffnet. Innerhalb eines Jahres entwickelt sich das Geschäft zum pariserischsten Treffpunkt von ganz New York. Als er 1947 nach Paris zurückkehrt, lernt er Michel Brodsky, seinen zukünftigen Mitarbeiter, und Christian Dior kennen. Ab 1953 gestaltet er für den angesehenen Modeschöpfer alle maßgefertigten Schuhe für seine Kollektionen. Im gleichen Jahr entwirft er die Schuhe für die Krönungszeremonie Königin Elisabeths II. von England.
Zwei Jahre später haben Christian Dior und Roger Vivier die neuartige Idee, eine Abteilung für Prêt-à-porter Schuhe zu gründen. Zum ersten Mal schließt sich ein Pariser Modeschöpfer mit einem Schuhdesigner zusammen, um eine für ein breites Publikum bestimmte Linie herauszubringen.
Im Jahr 1954 verdrängt ein mit spitzem, sieben bis acht Zentimeter hohen Absatz versehener Pumps den drapierten Schuh, der aber schon 1956 von der triumphierenden Erfindung des Pfennigabsatzes abgelöst wird. Der Schuh wird nun mit prächtigen Stickereien von Rébé im Stil des 18. Jahrhunderts verziert. Aus der Zusammenarbeit mit Yves Saint Laurent gehen immer neuartigere Formen hervor, so 1959 der Schockabsatz, der, wie sein Name sagt, auf den ersten Blick großes Aufsehen erregt, aber bald mit Begeisterung getragen wird. Der Polichinelle-Absatz und ein bugförmiger Absatz, talon étrave, sind 1960 allgemein beliebt, 1961 setzen sich Schuhe mit breiten Kappen durch. Elisabeth II., die Kaiserin des Iran, die Herzogin von Windsor, Jacqueline Kennedy, Olivia de Havilland, Marlene Dietrich, Elizabeth Taylor, Sophia Loren und viele andere tragen sie.
Im Jahr 1963 eröffnet Roger Vivier zusammen mit Michel Brodsky seinen ersten Laden in der Rue François I. Nr. 24. Der kommaförmige Absatz verleiht seinen prächtigen Pumps eine persönliche Note. Für Yves Saint Laurent kreiert er 1965 Pumps mit goldener Schnalle, breiter Kappe und Blockabsatz, der sich viele tausend Mal verkauft. Die Verwendung synthetischer Materialien, wie durchsichtiges Vinyl, erregt allgemeines Aufsehen. Die Hippiemode inspiriert ihn 1970 zu dem bei Brigitte Bardot und den Anhängern des Minirocks so beliebten, bis über das Knie reichenden Stiefel. Roger Viviers Schuhe werden von zahlreichen Persönlichkeiten getragen: über die Kaiserin von Japan, Fürstin Gracia von Monaco, Claude Pompidou oder Romy Schneider hinaus zählt er beeindruckend viele königliche Hoheiten, Prinzessinnen und Schauspielerinnen zu seiner Kundschaft. Sein weltweites Ansehen als Meister des Schuhdesigns führt Kundinnen aus allen Himmelsrichtungen zu ihm. Eines Tages wird er sogar mit Schuhen für einen Pudel namens Bonbon beauftragt. Er nimmt den ungewöhnlichen Auftrag an und bringt am Tag der Anprobe zwei Schuhe mit. Das Hündchen springt mit seinen beschuhten Vorderpfoten vor den Augen seiner zunächst entzückten Besitzerin im Laden umher. Dann aber schaut sie den Schuhmacher doch fassungslos an und sagt: „Mein Hund hat doch vier Pfoten.“ Zur Freude seiner treuen Kundin macht Roger Vivier sein Versäumnis schnellstens gut.
Roger Viviers Schuhe erinnern an Skulpturen mit klaren Linien und haben kühne Absätze wie den bugförmigen oder die lustigen namens Cancan, Guignol und Polichinelle. Manche, wie Marlene Dietrichs Lieblingsmodell, enden in einer funkelnden Strasskugel. Die verschiedenartigsten und erstaunlichsten Materialien finden Verwendung: goldene Fasanenfedern mit schwarzem Rand, Perlhuhn- und Eisvogelfedern, selbst Pantherfell. Andere Schuhe werden mit Perlen, Strass in leuchtenden Farben, Pailletten oder wunderschönen Stickereien verziert. Sie sind das glänzende Ergebnis Roger Viviers Zusammenarbeit mit dem Sticker François Lesage. Seine Kooperation mit den Pariser Modeschöpfern endet 1972. Dank seiner Verträge mit dem Ausland ist er jedoch mit Unterstützung seines Sohnes Gérard Benoît Vivier ohne Unterlass bis zu seinem Lebensende schöpferisch tätig. Am 1. Oktober 1998, dem Vorabend seines Todes, steht er noch in dem von ihm bewohnten Stadthotel in Toulouse an seinem Arbeitstisch. Die bemerkenswertesten Schuhkollektionen, die von der Begabung und der meisterhaften Arbeit Roger Viviers zeugen, werden in Paris im Musée des Arts de la Mode et du Textile und im Musée Galliera, im MIC in Romans, im Victoria and Albert Museum in London und im Metropolitan Museum of Art in New York aufbewahrt. Noch heute werden diese unvergänglichen Schuhe zu Ehren des großen Schuhdesigners auf der ganzen Welt ausgestellt.