161. Robert Clergerie, Pantoffeln, Frühjahr-Sommer 1998. Internationales Schuhmuseum, Romans.

 

 

Die Industrialisierung: Romans – eine Stadt der Schuhe
Joseph Fenestrier und Robert Clergerie

Im Mittelalter waren die Gerber von Romans bereits sehr wohlhabend. Um 1850 hat François Barthélemy Guillaume die Idee, die Produktion der Gerbereien der Stadt zu nutzen und gründet hier die erste Schuhmanufaktur auf hölzernen Leisten. Von dieser Zeit an erlangen die Schuhe von Romans ein gewisses Renommee, wobei der schon 1864 eröffnete Bahnhof auch den Versand an weit entfernte Orte ermöglicht. Parallel dazu siedeln sich Zuliefererindustrien an, die einen raschen Aufschwung nehmen; hierzu zählen vor allem Unternehmen, die das Leistenschneiden ausüben. Die etwa 1890 beginnende industrielle Revolution beschleunigt sich mit dem Einsatz der elektrischen Energie als motorischer Antriebskraft und fördert die schnelle Ausbreitung der Mechanisierung mit der Folge einer grundlegenden Änderung des früheren Zuschnitts dieser Industrie. Romans verfügt dabei über ein bedeutendes Reservoir an guten, alle Phasen der manuellen Herstellung beherrschenden Fachkräften, die naturgemäß das Aufkommen dieser technischen Modernisierung mit Misstrauen beobachten und befürchten, dass diese Veränderung einer großen Anzahl Facharbeiter die Arbeitsplätze nehmen wird.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts übernehmen Städte wie Limoges oder Fougères, die großen Zentren der Schuhfabrikation, die Methoden der maschinellen Schuhfabrikation und produzieren dabei zu günstigeren Kosten und mit einer geringeren Zahl an Arbeitskräften. Romans leidet zwar unter dieser auswärtigen Konkurrenz, kann sich aber durch die Qualität seiner Produktion halten.

Nach zahlreichen und intensiven Modernisierungmaßnahmen sind in Romans um 1900 alle fünfunddreißig Fabriken mit Maschinen für die Endbearbeitung ausgerüstet und produzieren mit dreitausend Arbeitern monatlich 100.000 Paar Schuhe. Von diesen dreitausend Arbeitern produziert aber nur ein Drittel in der Fabrik, die andern nehmen ihre Arbeit mit nach Hause. In dieser Periode unterscheidet man drei Arten von Beschäftigung: die Gruppe der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Vorbereitung, zu der das Ausschneiden von Oberleder und Sohlen, das Nähen der Schäfte, Herstellen von Knopfleisten und Anbringen von Ösen und Knöpfen gehören, die Gruppe der bei der Herstellung beteiligten Arbeiter, die mit dem Zusammenfügen von Schuhteilen und der Endbearbeitung betraut sind und schließlich die Beschäftigten, die mit der Verzierung der Schuhe, der Vorbereitung der Verpackung in Schachteln, der Prüfung der Biegsamkeit und dem Versand befasst sind.

Der Durchschnittsverdienst dieser Kategorie von Arbeitern beträgt ungefähr drei Francs (fünfzig Cents) pro Tag für die Männer und zwei Francs (dreißig Cents) für die Frauen. Aber eine sehr geschickte Näherin, die in der Fabrik im Akkord arbeitet, verdient dreißig Francs (vier Euro sechzig) pro Woche, während eine andere, die zwar mehr arbeitet, jedoch nicht so geschickt ist, über zehn Francs (ein Euro fünfzig) nicht hinauskommt. Die Heimarbeiterinnen erledigen neben der Arbeit noch ihren Haushalt. Ihr Arbeitstag ist daher nicht so lang wie der einer Arbeiterin in der Fabrik. Der Erste Weltkrieg stellt neue Anforderungen an die Industrie der Stadt, da er den Bedürfnissen des Militärs entsprechend eine Erhöhung der Produktion verlangt. Die Männer, die an die Front gehen, werden durch weibliche Arbeitskräfte ersetzt, die ihre Einsatzfähigkeit und ihre manuelle Geschicklichkeit unter Beweis stellen.

Auf Initiative mutiger und qualifizierter Arbeiter, die manchmal mit einem Handelsvertreter zusammenarbeiten, entstehen viele kleine Betriebe, in denen ersterer die Werkstatt betreibt, der zweite übernimmt den Verkauf. Bis 1920 behalten viele Familienbetriebe eine mehr handwerkliche als industrielle Arbeitsweise bei. Die Fabrikanten von Romans verteidigen jedoch immer noch ihren Status als Hersteller von Qualitätsprodukten. Firmen wie Sirius, Bady, Will’s, Barnasson und andere haben einen soliden Ruf und verleihen ihren Schuhen das Image einer Markenware. Die erste wirklich moderne Fabrik in Romans ist allerdings das Werk eines Metzgers, der sich zu Höherem berufen fühlt.

Joseph Fenestrier kauft 1895 als 21-Jähriger in der Nähe des Bahnhofs eine kleine Fabrik für Überschuhe. Er ist Neuling in der Branche und schließt sich deswegen mit dem Fabrikanten M. Pevillat zusammen. Das Unternehmen ist zunächst ein reiner Handwerksbetrieb und produziert in einer schlechten Wirtschaftslage achtzig Paar Schuhe pro Tag. Zwischen 1890 und 1901 erlebt die Schuhindustrie einen so starken Rückgang, dass in dieser Periode mehrere Fabriken ihre Tore schließen. Doch wird zu gleicher Zeit aufgrund der Enge der Werkräume der Bau einer neuen Fabrik mit großen zukünftigen Erweiterungsmöglichkeiten am Boulevard Gambetta beschlossen.