166. Pumps von Seducta, 1954. Internationales Schuhmuseum, Romans.
Charles Jourdan
Von der Werkstatt auf der Macel-Anhöhe in Romans zum Empire State Building in New York
Charles Jourdan gebührt zweifellos Anerkennung. Seine ungewöhnliche Laufbahn beginnt 1917 im Alter von 34 Jahren. Als Schnittmeister bei der Firma Grenier verfügt er noch nicht über das notwendige Kapital, um sich selbständig zu machen. Nach vollendetem Arbeitstag zieht sich Charles Jourdan in seine winzige Werkstatt auf der Macel-Anhöhe zurück und fertigt Damenschuhe an. Seine Frau Augusta und zwei Kollegen gehen ihm dabei zur Hand. Diese nächtlichen Kreationen verdienen schon damals das Jourdan-Qualitätszeichen. Der Krieg ist 1918 beendet und Charles Jourdan hat eine so beachtliche Kundschaft, dass er seine Anstellung aufgeben und sich in einer geräumigeren Werkstatt mit 10 Arbeitern selbständig machen kann. Der Fleiß des Handwerkers wird mit zahlreichen Aufträgen belohnt, die es ihm 1921 ermöglichen, seine Werkstatt auf den Boulevard Voltaire zu verlegen und dreißig Arbeiter einzustellen. Im Jahr 1928 macht die Enge des Betriebes den Bau neuer Gebäude erforderlich. In den dreißiger Jahren dehnt Charles Jourdan mit Hilfe ständiger Handelsreisender den Verkauf seiner Produkte auf ganz Frankreich aus. Gleichzeitig bringt er seine neue Marke Séducta auf den Markt. Sie wird durch eine in der Zeitschrift L’Illustration veröffentlichte Werbekampagne in ganz Frankreich vorgestellt.
Die Bezeichnung Séducta ist eine Erfindung Charles Jourdans und leitet sich von dem französischen Wort „séduction“ (Verführung) her. Ihr Symbol ist ein einem Reh ähnliches Tier mit Damwildfell und Hirschgeweih. Dieses im Sprung begriffene Tier ist unter den Sohlen und auf den Schuhkartons abgebildet. Es steht als Allegorie für die Anmut und Leichtfüßigkeit des elegante Schuhe tragenden Fußes. Dieser Metapher begegnen wir in der Bibel im zweiten Buch Samuels, wo sich David in einem Danksagungspsalm an Gott wendet:
„… Gott stärkt mich mit Kraft und weist mir den rechten Weg. Er macht meine Füße gleich den Hirschen und stellt mich auf meine Höhen …“
In einer buddhistischen Legende aus dem 7. Jahrhundert finden wir dieses Symbol des weiblichen Fußes in Gestalt Padmavatis, Tochter eines Brahmanen und eines Rehs, die mit in Seidenbändern verborgenen Rehhufen geboren wird. Die Parallele mit dem biblischen und buddhistischen Text zeigt, mit wie viel Raffinesse das Haus Jourdan den Fuß mit entzückenden Pumps, dem symbolischen Accessoire weiblichen Reizes, schmückt. Es ist beachtenswert, dass schon in der Antike und im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Schönheit und Anmut des Fußes mit dem eines Rehs verglichen wird. Nach dem New Yorker Börsenkrach in den 1930er Jahren verdüstert sich der Horizont. Die Pariser Haute Couture ist direkt von der weltweiten Wirtschaftskrise betroffen. Auch Charles Jourdan bleibt davon nicht verschont; dennoch kreiert er die Marken Feminaflor und Qualité garantie. Dreihundert Arbeiter stellen täglich vierhundert Paar Schuhe her. Der Zweite Weltkrieg bricht aus. Ledermangel zwingt Charles Jourdan und die anderen Hersteller, Ersatzmaterialien wie Filz, Raphiabast, Kautschuk, Holz und Pappe zu verwenden. Im Jahr 1948 verlassen täglich 900 Paar Schuhe die Fabrik. Nach 1945 erweitert Charles Jourdan mit Unterstützung seiner drei Söhne René, Charles und Roland die Firma, die nun 1200 Arbeiter zählt. Roland erobert 1950 den amerikanischen Markt und eröffnet ein Verkaufsbüro im Empire State Building in New York.
Charles Jourdan eröffnet 1957 seine erste Pariser Boutique auf dem Boulevard de la Madeleine. Der Erfolg ist so unmittelbar, dass die Verkäufer an die Schlange stehenden Kunden Nummern austeilen. Dieser außergewöhnliche Erfolg ist der Beginn der weltweiten Charles Jourdan-Ladenkette. Seine Laufbahn wird durch den Abschluss eines Lizenzvertrags mit Christian Dior gekrönt. In den 60er Jahren baut die Marke mit der Eröffnung von Boutiquen in London, München, New York, Los Angeles, Miami und Tokio ihre internationale Marktpräsenz aus. Charles Jourdan inszeniert mit den Fotos von Guy Bourdin eine Reihe von Werbekampagnen, die die Kunst zu kommunizieren tief greifend verändern. Der Schuh ist nicht mehr der Gegenstand, sondern er wird in einer entfremdenden, ja sogar surrealistischen Situation in Szene gesetzt. Roland Jourdan wird 1971 zum Präsidenten der Gruppe ernannt, während seine Brüder ihre Anteile verkaufen. Karl Lagerfeld betraut ihn im Jahr 1980 mit der Anfertigung seiner Schuhe. Im gleichen Jahr wird die Marke Séducta wieder auf den Markt gebracht. Nach Roland Jourdans Ausstieg im Jahr 1981 übernimmt die Schweizer Gruppe Frantz Wasmer das Schmuckstück. In den 90er Jahren wird die Herren- und Damenkollektion Charles Jourdan Bis eingeführt und es kommt zu einer Zusammenarbeit mit den Designern Michel Perry und Claude Montana. Sei es mit Emile Mercier oder dem heutigen Generaldirektor Hervé Racine, Charles Jourdans Stern leuchtet weiterhin in Paris und auf der ganzen Welt. Seine weltweite Ausstrahlung beruht auf Produktionsstrukturen mit außergewöhnlichem Know-how, die effizient den Bedürfnissen des Marktes nachkommen, auf einer Kommunikationspolitik, die mit den Tendenzen der Designerbüros übereinstimmt und auf einem Vertriebsnetz von siebzig Charles Jourdan-Boutiquen und über tausend treuen Einzelhändlern. Vor allem aber bietet die Firma ihrer Kundschaft ständig neue Kreationen, die ganz ihrem Gründer Charles Jourdan entsprechen.