201. Fakirsandale, Indien. Internationales Schuhmuseum, Romans.

 

 

Indien

Um 2500 bis 2000 vor Christus entwickelt sich im Tal des Indus eine bedeutende Kultur. Die Grabungen von Harappâ (Penjab) und Mohnejodaro (Sînd) brachten Siegel aus der Periode von Akkad aus der Zeit des Königs Sargon ans Tageslicht. Durch diese Entdeckung werden lange vor der Buddha-Epoche bestehende Bindungen der indischen Welt zu den Städten der Sumerer offenkundig. Muss man also den Ursprung der Schuhtradition mit hochgebogener Spitze in Indien suchen? Die Frage bleibt offen.

Wie in Mesopotamien, so ist auch in Indien der Schuh mit hochgebogener Spitze ein Privileg des Königs. Schuhe werden zwar in der Literatur des alten Indien häufig erwähnt, aber ihre Darstellung ist in der Ikonografie eher selten, weil der untere Teil der Reliefs mit erzählendem Charakter und der Fuß der Skulpturen und der Wandgemälde oft beschädigt sind. Außerdem spielen sich die dargestellten Szenen im Allgemeinen an Orten ab, an denen es entweder nicht gestattet oder nicht notwendig ist, Schuhe zu tragen. In Indien wie in vielen asiatischen Ländern trägt man in den Tempeln oder in den Privatgemächern des Palastes keine Schuhe.

Valmîki, der legendäre Verfasser des Râmâyana erzählt, dass der König Râma (eine der Inkarnationen von Vischnu in der Mythologie der Hindus) in einen Wald verbannt wurde und sich in seiner Regierungsstadt durch goldverzierte Schuhe repräsentieren lässt. Diese regieren während seiner Abwesenheit drei Jahre lang an seiner Stelle. Alle von seinem regierenden Bruder beschlossenen Erlasse werden vor diesen Schuhen verkündet. Ein buddhistisches Märchen greift dasselbe Thema auf und fügt noch eine genaue Erklärung hinzu: Wenn die beschlossenen Erlasse gerecht sind, bleiben die Schuhe regungslos, sie richten sich aber auf, um gegen Erlasse zu protestieren, die nicht dem Gesetz entsprechen.

Wenn der König mit seinem Gefolge die Hauptstadt verlässt, geht eine Dienerin voraus und trägt die königlichen Sandalen, das herrschaftliche Emblem, in der Hand, wie es die buddhistische Ikonografie, besonders die Stoûpa von Sânchi etwa zu Beginn der christlichen Ära, belegt.

In der indischen Tradition werden die Schuhe je nach Epoche und Region aus verschiedenen Materialien hergestellt. Die Korbflechter stellen Sandalen aus Schilfrohr, aus Blättern der Dattelpalme oder des Lotus her. In Nordindien dagegen sind die Stiefel und die Sandalen der Könige, der edlen Krieger und der Reitknechte aus Leder, es handelt sich dabei um gegerbte Häute von Büffeln, Kühen, Ochsen, Schafen oder Widdern. Die Stiefel sind mit Baumwolle gefüttert, manchmal geschlitzt und von verschiedener Farbe. Manchmal sind sie spitz, als Schmuck dienen Widderhörner, Skorpionschwänze oder aneinander genähte Pfauenfedern. Um zu vermeiden, dass die buddhistischen Mönche sich zu Extravaganzen verleiten lassen, verkünden die Texte Buddhas, dass ihnen das Tragen von Schuhen untersagt ist. Nur Sandalen mit einfacher Sohle sind ihnen erlaubt oder gebrauchte Sandalen, die man ihnen als Almosen gibt. Die literarischen Beschreibungen klären uns über die verschiedenen Farben der Sandalen auf: blau, gelb, rot, braun, schwarz, orange, gelblich oder bunt.

Die Inder gehen oft mit nackten Füßen. Die lange handwerkliche Tradition der Hindus wird von Generation zu Generation weitergegeben und setzt sich gegen alle Neuerungen durch.

Männer, Frauen, Kinder tragen eine Art Lederpantoffel mit hochgebogener Spitze, die die Ferse freilassen. Oft sind sie dem Geschmack der Hindus entsprechend reich verziert und ausgestopft. Das Vordringen des Islam in Indien zeigt sich sogar im Schuhwerk: Manche Ornamente lassen Anleihen aus der Türkei und Persien erkennen.