203. Mandarinstiefel aus Seide, Zeichen der Herrschaft des Kangxi (1662–1722). Museum von Gugong, Peking.
Weil China im Bereich der Schuhe eine extreme Eigenart aufzeigt – die Tradition der eingebundenen Füße bei den Frauen – ist hier eine besondere Analyse erforderlich. Man vermutet, dass der Ursprung der Deformation der Füße der Chinesinnen sehr weit zurück liegt. Wahrscheinlich stammt er aus dem adeligen Milieu. Einem chinesischen Historiker zufolge hatte die Kaiserin Ta Ki im Jahr 1100 vor Christus einen Klumpfuß. Sie überredete ihren Gatten, eine Vorschrift zu erlassen, der zufolge die Füße der kleinen Mädchen obligatorisch eingebunden werden mussten, damit sie genau so aussahen wie die ihrer Herrscherin, die zum Vorbild für Schönheit und Eleganz wurde. In der Epoche von Konfuzius (555 bis 479 vor Chistus) lobt man bereits die Schönheit der kleinen Füße, die als ein Beweis vornehmer Abstammung gelten, während große Füße mit niedriger sozialer Herkunft gleichgesetzt werden. Andere Quellen schreiben die Erfindung der eingebundenen Füße der Kurtisane Pan Fei zu, der Favoritin des Kaisers Xiao Bao Kuan (Regierungszeit: 499 bis 501). Das entspricht wohl nicht der Wahrheit, aber man verdankt ihr den Ausdruck „Goldener Lotus“. Und das erklärt sich so: Eines Tages tanzt sie vor ihrem kaiserlichen Liebhaber auf einem Parkett, das mit Intarsien aus goldenen Lotusblüten geschmückt ist und der entzückte Herrscher ruft aus: „Seht nur, bei jedem ihrer Schritte entfaltet sich eine goldene Lotusblüte!“ Seither ist die Lotusblüte eine Metapher für die kleinen Füße der Chinesinnen.
Wiederum einer anderen Überlieferung zufolge geht diese Sitte auf das 10. Jahrhundert in Peking und den Hof Kaiser Li Yus (937 bis 978) zurück. Er schenkt seiner für ihre Tanzkunst berühmten Favoritin Yao Niang einen prachtvollen, mit Perlen geschmückten Lotus. Dann bittet er sie, zunächst ihre Füße mit weißer Seide so zu wickeln, dass die Fußspitzen den Spitzen des Halbmonds ähneln, und dann im Kelch einer Lotusblüte zu tanzen. Die anwesenden Männer betrachten mit Entzücken die anmutige Silhouette, die auf den Fußspitzen umherwirbelt. Dieser Lotustanz und der Ausdruck „goldener Lotus“ gehen aber vielleicht auch auf eine buddhistische Legende zurück: Padmavati, die Tochter eines Brahmanen und einer Hirschkuh, lässt auf ihrem Weg unter ihren Füßen den Lotus erblühen. In einer anderen, auf das 7. Jahrhundert zurückgehenden Version wird berichtet, dass das junge Mädchen – unter Seidenbändern verborgen – die Hufe einer Hirschkuh hat. Die Ausbreitung des Buddhismus in China zu Beginn des 5. Jahrhunderts steht sicher in Zusammenhang mit dem Eindringen dieser indischen Legende. Die Europäer, die vom 13. Jahrhundert an China aufsuchen, äußern sich sehr wenig zur Sitte der eingebundenen Füße. Marco Polo (1254 bis 1324) bemerkt jedoch den besonderen Gang der Frauen und schreibt in seinen Erinnerungen: „… die Mädchen machen so kleine Schritte, dass sie den einen Fuß höchstens einen halben Finger breit vor den andern setzen …“ In den sehr armen Familien tragen die Mädchen die schwere Last des Alltagslebens mit. Man kann sich daher den Luxus, ihnen die Füße einzubinden, gar nicht leisten. Diese Mädchen „mit großen Füßen“, Zeichen ihrer niedrigen Abkunft, werden verachtet und in der Sprache Guang Dong – so viel wie die „va-nu-pieds“ im Französischen – genannt. Nur Mädchen mit eingebundenen Füßen dürfen der Hausherrin in ihren Gemächern dienen. Die anderen werden zu den niedrigen Arbeiten in der Küche bestimmt. Im 13. Jahrhundert, in den letzten Jahren der Song-Dynastie, ist es üblich, aus einem besonderen Schuh zu trinken, dessen Absatz eine kleine Schale enthält. Später, unter der Dynastie Yuan, trinkt man direkt aus dem Schuh. Man schreibt diesen seltsamen Brauch einem gewissen Yang Tieai zu, einem reichen Mann mit zügellosem Lebenswandel, der gern Bankette veranstaltet, bei denen die Gäste aus den Schuhen der anwesenden Prostituierten trinken.
Diese Sitte heißt nach ihrem Urheber „Toast auf den goldenen Lotus“ und hat bis ins 19. Jahrhundert hinein Anhänger. Daher betrachten die Liebhaber des Lotus Yang Tieai als Schutzpatron der „Trinkbrüder vom kleinen Schuh.“