225. Stiefel der Ninon Vallin, getragen in Mârouf, der Flickschuster von Kairo. Braunes Wildleder, Applikationen von türkisem Ziegenleder, orientalisch eingerollte Spitze. Um 1917. Internationales Schuhmuseum, Romans.
Die Stiefel der Sängerin Ninon Vallin
Es war einmal eine Stimme und es war einmal: Mârouf, der Flickschuster von Kairo
Eugénie Vallin wird 1886 in Montalieu, einem Dorf in der Dauphiné, geboren und singt schon als Kind. Sehr bald wird die Begabung des Mädchens im Gesangschor der Pfarrkirche von Grand-Serre, einer Gemeinde im Departement Drôme, wo ihr Vater 1906 gerade ein Notariat erworben hat, erkannt. Das Musikkonservatorium in Lyon verleiht Ninon Vallin 1910 vier Preise. Dank des außergewöhnlichen Stimmumfangs erreicht die Sopranistin weltweites Ansehen. Ihre Auftritte auf den prestigereichsten Bühnen der Welt sind von glanzvollen und triumphalen Erfolgen gekrönt. In der Sammlung des MIC in Romans finden wir ein Paar Stiefel im orientalischen Stil, die die berühmte Sängerin 1917 in der Scala in Mailand in Henri Rabauds Oper Mârouf, le Savetier du Caire (Mârouf, der Flickschuster von Kairo) trug; sie spielte darin die Rolle der Prinzessin Saamcheddine. Die Oper in fünf Akten wird am 15. Mai 1914 an der Opéra Comique in Paris erstaufgeführt und beruht auf einem Märchen aus Tausendundeine Nacht und versetzt uns nach Kairo, Khaïtan und in die Wüste. Es geht um die Abenteuer eines Flickschusters in der Hauptstadt Ägyptens. Der eher träge Mârouf ist unglücklich verheiratet. Seine Frau Fatimah ist hässlich, hat einen schlechten Charakter und schlägt ihn. Mârouf beschließt, zu verschwinden. Er überlebt einen Schiffbruch, wird von seinem Freund Ali am Ufer gefunden und mit in die Großstadt Khaïtan genommen, die der Legende nach irgendwo zwischen China und Marokko liegt. Der einfache Flickschuster gibt sich für den reichsten Händler der Welt aus, der auf seine beladene Karawane wartet. Der Sultan persönlich lädt ihn trotz des Verdachts, Wesirs zu sein, in den Palast ein und gibt ihm seine Tochter, die Prinzessin Saamcheddine, zur Frau. Mârouf lebt im Luxus, vergeudet das Vermögen seines Schwiegervaters und gesteht schließlich seiner Frau den Betrug. Die beiden beschließen, zu fliehen. Sie finden bei einem armen Bauern in einer Oase Zuflucht. Als Dank für seine Gastfreundschaft hilft Mârouf ihm, sein Feld zu pflügen. Er stößt mit dem Pflug an den Eisenring einer Falltür, die in einen unterirdischen Raum führt. Der Ring hat außerdem magische Kräfte. Als die Prinzessin daran reibt, verwandelt er den Bauern in einen Geist, der dem jungen Paar stets zu Diensten ist und ihnen einen sagenumwobenen Schatz zeigt. Der Sultan und die Wachsoldaten holen aber die Flüchtigen ein, man hört von weitem das Geräusch einer Karawane, Mârouf und die Prinzessin triumphieren, der skeptische Wesir wird zu hundert Stockschlägen verurteilt. Obwohl Ninon Vallin in allen Hauptstädten der Welt gefeiert wird, sind ihr die Launen einer Diva fremd. Bei ihren regelmäßigen Besuchen in ihrer Heimat nimmt sie in aller Bescheidenheit an den Dorffesten teil. Die Königin des Gesangs stirbt am 22. November 1961, dem Namenstag der Heiligen Cäcilia, der Schutzpatronin der Musiker, in Millery.
Die Schuhe von Maurice Chevalier
Die Symphonie der Holzsohlen
Zwar gehört der berühmte Strohhut fest zu Maurice Chevalier und seinem Refrain „avec mon canotier“ (mit meinem Strohhut), seine Schuhe jedoch finden viel weniger Beachtung. Dennoch lassen seine Erben über den Fotografen Jacques-Henri Lartigue dem MIC in Romans 1984 ein Paar zukommen. Der Künstler trug die marineblauen Wildlederderby der Marke Bally Schweiz bei seinem letzten Auftritt.
Auf einem Foto, auf dem Maurice Chevalier im Théâtre des Champs Elysées am 1. Oktober 1968 Abschied von der Bühne nimmt, trägt er diese Schuhe. Der 1888 in Paris geborene Filmschauspieler, Varietésänger, Partner der Mistinguett in den Folies Bergère feiert glanzvolle Erfolge im Casino de Paris. Der Meister von Bühne und Varieté interpretiert zahlreiche Erfolgsschlager wie beispielsweise 1945 La symphonie des semelles en bois (Die Symphonie der Holzsohlen):
„J’aime le tap tap des semelles en bois
ça me rend gai ça me rend tout je ne sais quoi
lorsque j’entends ce rythme si bon
dans mon cœur vient comme une chanson
tap tap disent le matin
les petits souliers de sapins
tap tap tap faut te réveiller, te lever, travailler
en marchant des midinettes semblent faire des claquettes
et tout le jour on entend ce bruit éloquent
quel charmant vacarme font ces milliers de petits souliers
les femmes ont du charme à présent
jusqu’au bout des pieds
j’aime le tam tam des semelles en bois
ça me rend gai ça me rend je ne sais quoi
lorsque j’entends ce rythme si bon
dans mon cœur vient comme une chanson
tap tap tap c’est le refrain
de la rue pleine d’entrain
tap tap tap la symphonie
des beaux jours moins vernis
ça claque ça vibre et ça sonne plus gaiement qu’un klaxon
c’est le rythme parigot du sourire en sabot
il chante la vie il est nerveux il est rigolo
c’est de l’euphorie que sa musique vous met dans la peau
j’aime le tap tap des semelles en bois
ça me rend gai ça me rend tout je ne sais quoi
lorsque j’entends ce rythme si bon
dans mon cœur vient une chanson
c’est bon ah ! que c’est bon
mais que c’est bon ah !”
Durch die Wahl der Worte hallt das Klappern der Holzsohlen, die so charakteristisch für die Zeit des zweiten Weltkriegs waren, wider. Maurice Chevalier würdigt mit seinem rhythmischen, gleichzeitig lustigen und verspielten Lied den Einfallsreichtum der Schuhhersteller, die damals aufgrund des Ledermangels Ersatzmaterialien verwendeten und dennoch eine den Umständen entsprechende Mode einführten.