249. Die Stiefelchen der Puppe Rosalie, aus schwarzfarbigem Leder, um 1889, Weihnachtsgeschenk eines Schusters an seine Enkelin. Internationales Schuhmuseum, Romans.

 

 

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Die Schnürstiefel von Theresas Puppe

Im Alter von acht Jahren spielt Theresa wie andere kleine Mädchen mit Puppen. Ihre Puppe trägt ein zu den Porzellanaugen passendes, gerafftes blaues Kleid, aber keine Schuhe, was für die Enkelin eines Stiefelschusters völlig unverständlich ist. Auf dem Heimweg von der Schule schaut Theresa immer bei ihrem Großvater herein. Mit Hilfe einiger Arbeiter fertigt er handgenähte Maßschuhe.

Oft verbringt das Mädchen den schulfreien Donnerstagnachmittag in der nach Leder, Klebstoff und Schuhcreme riechenden Werkstatt. Theresa klettert neugierig zwischen der Werkbank und den Regalen mit Holzleisten und Drahtstiftschachteln herum, während das rhythmische Klopfen der Zange, die das Leder mit Drahtstiften am Leisten befestigt und das Hämmern, durch das sich die Lederfasern zusammenziehen, widerhallt. An einem kalten, düsteren Novembertag 1889 huscht die Kleine wie so oft mit ihrer Puppe im Arm in die Werkstatt.

Die Ankunft des Mädchens bringt Licht und Freude. Um den Ort zu erkunden, legt Theresa ihre Puppe auf einen Hocker. Als der Großvater sieht, dass die Puppe keine Schuhe trägt, vermisst er eilig ihre Füße und nach vollendetem Arbeitstag fertigt der begabte Handwerksmeister heimlich kleine Stiefel für die Puppe. Am Abend des 24. Dezembers wickelt er sie in Seidenpapier und steckt sie, während das Kind schläft, in die Schuhe vor dem Kamin.

Am nächsten Morgen entdeckt Theresa die Schuhe mit den kleinen Stiefeln. Mit vor Freude strahlenden Augen dreht sie sich zu ihrem Großvater und sagt: „Schau Großvater, was mir der Weihnachtsmann gebracht hat. Er macht Schuhe wie du, obwohl du es ihm doch gar nicht beigebracht hast …“ Als Erinnerung an ihren zärtlich geliebten Großvater hebt sie die Stiefelchen sorgfältig auf.

Die Jahre vergehen. Im Alter von fünfundneunzig Jahren beschließt sie kurz vor Weihnachten, sie dem MIC zu schenken. Bei der Übergabe sagt die alte Dame: „Großvater, schau von oben herab. Wie glücklich muss er sein, dass sich seine Stiefelchen zu all den tausenden von Paaren gesellen, die nun alle hier sind und seit über viertausend Jahren von Handwerkern gefertigt werden.“ Das Museum hatte bis dahin von einem so prächtigen Weihnachtsgeschenk nur träumen können.

 

Die Stiefel des Brunnenbauers

Jules übt im Norden des Départements Drôme, in der Dauphiné, den harten und gefährlichen Beruf des Brunnenbauers aus. Im Jahr 1880 haben zahlreiche Wohnungen, vor allem aber Bauernhöfe, als einzige Wasserstelle den Brunnen, die Lebensquelle im weitesten Sinne des Wortes. Um bis auf vierzig oder fünfzig Meter tief in die Erde zu steigen, trägt Jules, der darauf spezialisiert ist, Brunnen mit kleinem Durchmesser auszubohren, Schutzstiefel. Er hat sie selbst entworfen und von einem Handwerker seines Dorfes anfertigen lassen. Die Stiefel sind mit einer dicken Sohle aus Holz und Zink versehen und umschließen Fuß und Bein. Ein jeder wiegt zwei Kilo und siebenhundertfünfundsechzig Gramm.

Sein Enkel erzählt: „Wenn mein Großvater einen Brunnen reinigte, stieg er bis auf den Grund in das eiskalte Wasser hinab. Dicke, von meiner Großmutter gestrickte Wollstrümpfe und jene schweren Stiefel darüber boten ihm Schutz vor der Kälte. Bevor er an das Grundwasser gelangte, musste er die Wand mit einer Eisenhacke bearbeiten. Steinschlag war nie ausgeschlossen.“ Die Stiefel dienten vor allem dazu, Jules’ Füße und Beine in dieser Umgebung zu schützen. Es sind Vorläufer der Arbeitsschuhe, die erst ab 1950 in vielen risikoreichen Berufsbranchen allgemein eingeführt werden. Die Industrialisierung des Arbeitsschuhs geht auf eine Maßnahme des Hygiene- und Sicherheitsausschusses zurück.

Es gibt Schutzschuhe für den Tiefbau, feuerfeste Stiefel für die Feuerwehr, Holzschuhe im Nahrungsmittelsektor und in Krankenhäusern. Aus aseptischen Gründen tragen Chirurgen im Operationssaal zunächst Segeltuchschuhe über den Straßenschuhen und erst später werden Holzschuhe zum Kittel vorgeschrieben.