252. Die Schnürstiefel von Mathilde, Winter 1920. Internationales Schuhmuseum, Romans.

 

 

Die Schuhe von Zoya

Zoya kam als Tochter des russischen Landadels um 1900 auf der Krim zur Welt. Als Kind lernt sie, wie viele Mädchen ihres Alters und ihrer Herkunft, Klavier spielen. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Begabung setzt sie ihre Ausbildung am Konservatorium von Simferopol fort. Während ihr Land tiefgreifende soziologische und künstlerische Veränderungen erleidet, führt sie ihre Studien in St. Petersburg weiter, und obwohl zahlreiche ihrer Landesgenossen wegen der geschichtlichen Ereignisse ins Exil gehen, weigert sich Zoya, das Land zu verlassen. Sie fühlt sich tief mit ihrer Heimat und ihren Freunden, mit denen sie ihre Liebe zur Musik teilt, verbunden. Sie wählt das innere Exil und bringt es als Konzertmusikerin zu glänzenden Erfolgen. Filmemacher werden auf die anziehende, elegante, wunderschöne Frau aufmerksam und drängen sie, Schauspielerin zu werden. Sie schlägt das Angebot jedoch aus. Der unwiderstehliche Ruf der Musik, die Freude, sie zu interpretieren und das geistige, fast übernatürliche Glücksgefühl, das sie ihr und denen, die sie hören, vermittelt, sind stärker. Zoya widmet sich nun ausschließlich ihrer Kunst. Ihr Publikum sind die privilegierten Klassen St. Petersburgs.

Wir sind in den zwanziger Jahren, das Land ist ausgeblutet und kraftlos von den Kriegsjahren und der bolschewistischen Oktoberrevolution des Jahres 1917. Lenin führt die neue Wirtschaftspolitik der NEP ein, die den Privathandel einschließt, denn er glaubt, das Land brauche eine Atempause. Zu dieser Zeit trägt Zoya ganz ungewöhnliche Schuhe von einem Schuhmacher aus St. Petersburg. Die beigefarbenen Pumps aus Ziegenleder mit den aus Bernstein gehauenen Schnallen und Absätzen sind ein wahres Meisterwerk. Sie zeugen von der Kreativität und dem Können der Handwerker der Sowjetunion in dieser schwierigen, kargen Epoche. Zoya wird 1937, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, gefangen genommen. Unerträgliche Zeiten erwarten Zoya, bevor sie im Gulag stirbt. Zoyas seit langem in Frankreich lebende Nichte erhält in den 1960er Jahren bei einer Reise nach Russland von Verwandten, bei denen sie wohnt, ein äußerst kostbares Geschenk: die Schuhe von Zoya. Im Jahr 2000 übergibt die neue Besitzerin das Familienstück dem MIC in Romans, wo sie ausgestellt und aufbewahrt werden. Andächtig gedenken wir beim Anblick dieser Schuhe ihrer Besitzerin.

 

Die Schnürstiefel von Mathilde

Wir schreiben das Jahr 1920. Mathilde ist zwanzig Jahre alt. Eines Tages im Winter fährt sie mit ihrer Cousine mit dem Zug zu ihren Großeltern in die Ferien. Mathilde ist braunhaarig, groß gewachsen und einfach entzückend. An jenem Morgen trägt sie braune Schnürstiefel aus Kalbsleder, die ihre wohlgeformten Beine zur Geltung bringen. Als die zwei Cousinen das Abteil betreten, hat Georges schon am Fenster Platz genommen. Die plötzliche Ankunft Mathildes elektrisiert ihn. In der ersten Sekunde sieht er nur die Schnürstiefel und die Beine des Mädchens, denn der Schaffner, der mit einem Reisenden beschäftigt ist, verdeckt sie. Aber bald schon gibt er den Blick auf Mathilde frei. Georges ist von ihrer Ausstrahlung wie geblendet und kann seinen Blick von ihrer Erscheinung nicht lösen. Mathilde fühlt sich beobachtet, wagt jedoch aufgrund ihrer guten Erziehung nicht, ihren Blick auf den äußerst vornehmen Unbekannten zu richten. Während die Landschaft wie Momente des Glücks vorbeifliegt, plaudern die beiden Cousinen miteinander. Georges hört mit gespitzten Ohren zu und versucht das Gespräch, das ab und zu von dem schrillen Lärm der Lokomotive übertönt wird, so gut wie möglich aufzufangen. Es geht um das Werk Jesus bleibet meine Freude von Johann-Sebastian Bach und Proben in der Kirche. Als Mathilde an ihrem Zielort aussteigt, verfügt Georges über zwei Informationen über die Unbekannte: ihren Vornamen und noch wichtiger den Namen der Stadt, in der das Mädchen bei der sonntäglichen Messe Orgel spielt.

Die Tage vergehen, aber diese Begegnung bleibt in seiner Erinnerung lebendig. Alle seine Gedanken kreisen um Mathilde und ihre schönen Beine mit den Schnürstiefeln und ihre anmutige, zarte Silhouette. Schließlich vertraut Georges das Geheimnis seines Herzens seiner Mutter an. Jene entrüstet sich über eine solch unziemliche Enthüllung. Einige Zeit später beschließt Georges aus einer ihm unbekannten Freude heraus, die fünfhundert Kilometer bis zu Mathilde zu fahren. Als er die Kirche zur Elf-Uhrmesse betritt, ertönt die Orgel in vollem Klang. Die Macht der Musik dringt bis in sein Innerstes und versetzt ihn in erhabenere Sphären. Nach der Messe hält Georges hinter einem Pfeiler neben der kleinen Wendeltreppe aus Holz, die vom Kirchenschiff zur Orgelempore führt, nach Mathilde Ausschau. Plötzlich hört er Mathildes Schritte auf den Stufen. Sein Herz schlägt im Rhythmus der herabsteigenden Schritte.

Endlich erblickt er sie inmitten ihrer Bekannten und Freunde mit den im Zug so bewunderten Stiefeln. Ihre innere Schönheit verzaubert ihn. Sein Herz schlägt immer schneller, als er sich der im Zug verspürten Gefühle erinnert und Zukunftspläne in seinem Kopf auftauchen. Georges hält sich diskret im Hintergrund und fährt auch an den folgenden drei Sonntagen hin. Insgesamt bringt er es auf zweitausend Kilometer in einer Zeit, als die Transportmittel das Reisen nicht leicht machen.

All sein Denken kreist nur um Mathilde, und so sucht er schließlich den Gemeindepfarrer auf, der voll des Lobes über die Organistin ist. In dieser Kirche werden sie einige Monate später vor Gott und den Menschen getraut, um sich in guten und in schlechten Zeiten beizustehen. Die Wirklichkeit beschert ihnen nur gute Zeiten, denn ihre gegenseitige Liebe versiegt nicht.

Unzählige Aufmerksamkeiten verschönern stets den Alltag und tragen dazu bei, dass Schwierigkeiten und Schicksalsschläge überwunden werden. Aus der Verbindung gehen vier Kinder hervor.

Noch an seinem Lebensabend hat Georges die Kraft, Mathilde nach fünfundvierzig Ehejahren zu sagen, welch außergewöhnliche Frau sie ist, dass er sie treu geliebt hat, denn sie ist ihm im Laufe ihrer gemeinsamen Jahre immer die Frau gewesen, die er brauchte. Er erklärt noch einmal, dass er an jenem Wintermorgen 1920 auf den ersten Blick gespürt hatte, dass diese schöne Begegnung sein Leben verändern würde. Auch Mathilde bestätigt, dass jener Unbekannte sie damals unerklärlicherweise verwirrt hatte und sie nur freudig der Zukunft entgegensehen konnte.

Georges, der eine Schwäche für hübsche Beine und schöne Schuhe hatte, schenkte seiner Frau ganz reizende. Die Schnürstiefel jener ersten Begegnung aber werden wie Reliquien sorgfältig in dem braun-beige gestreiften Leinenbeutel im obersten Regal des Kleiderschranks im Schlafzimmer aufbewahrt. Als Mathilde ahnt, dass sie Georges bald in einer besseren, ewig währenden Welt wiedersehen wird, beschließt sie einige Tage vor ihrem Tod, jene Schuhe dem MIC in Romans zu schenken. Gerührt erzählt sie in aller Einfachheit ihre Geschichte. Heute erinnern die Schnürstiefel an diesem Ort an die unsägliche Liebe zwischen einem Mann und einer Frau.